34.7 Käthe und der Teufel

Zum Abschluss nochmal die Highlights – Dudelsack und Teufel – in einem angemessen reizenden Zaubermärchen. Aber lest selbst…

Käthe und der Teufel

In einem Dorfe war eine Bäuerin, Namens Käthe. Sie besaß eine Hütte, einen Garten und dazu noch einiges Geld; aber hätte sie ganz in Gold gesteckt, würde sie doch kein Bursche gemocht haben, selbst der ärmste nicht, weil sie schlimm war wie der Teufel, und ein böses Maul hatte. Sie lebte mit einer alten Mutter, und brauchte manchmal Hilfe; aber hätte wen ein Kreuzer retten können, und sie Dukaten gezahlt, wär’ ihr dennoch niemand beigesprungen, weil sie jeder Kleinigkeit wegen gleich zankte und kniff, dass es zehn Meilen weit zu hören war. Zu allem dem war sie garstig, und so blieb sie sitzen, bis sie allmählich vierzig zählte.

Wie’s meistenteils in Dörfern zu sein pflegt, dass jeden Sonntag nachmittags Musik aufspielt, so war’s auch hier; wenn sich beim Richter oder in der Schenke der Dudelsack hören ließ, war die Stube gleich von Burschen voll, in der Hausflur und vor dem Hause standen Mädchen, an den Fenstern Kinder. Aber die erste von allen war Käthe. Die Burschen winkten den Mädchen, und die traten dann ins Rad: Käthen war solch Glück ihr Lebtag nie widerfahren, obwohl sie den Dudelsackpfeifer vielleicht selbst bezahlt hätte, aber trotz dem ließ sie keinen einzigen Sonntag aus. Eines Tages ging sie wieder, und dachte unterwegs bei sich: „Bin schon so alt, und hab’ noch nie mit einem Burschen getanzt; ist das nicht zum Ärgern? Fürwahr, heut’ möcht ich meinethalben mit dem Teufel tanzen.“

Grimmig kam sie in die Schenke, setzte sich zum Ofen und schaute, wie die Bursche die Mädchen zum Tanze wählten. Auf einmal trat ein Herr im Jägergewand in die Stube, setzte sich unweit von Käthen zum Tisch und ließ sich einschenken. Die Aufwärterin brachte Bier, und der Herr nahm’s und trug Käthen zu trinken hin. Käthe wunderte sich ein Weilchen, dass ihr der Herr solche Ehre erweise; ein Weilchen sträubte sie sich, doch endlich trank sie und zwar gern. Der Herr stellte den Krug hin, zog aus der Tasche einen Dukaten, warf ihn dem Dudelsackpfeifer zu, und rief: „Ein Solo!“ Die Bursche treten auseinander, und der Herr nimmt sich Käthen zum Tanze.

„Ei, zum Kuckuck, wer ist das doch?“ fragten die Alten und steckten die Köpfe zusammen; die Burschen verzogen den Mund und die Mädchen verkrochen sich, eins hinter dem andern, und nahmen die Schürze vor’s Gesicht, dass Käthe nicht sehe, wie sie sie auslachen. Aber Käthe sah niemanden, sie war froh, dass sie tanzte, und hätte sie die ganze Welt ausgelacht, so würde sie sich nichts daraus gemacht haben. Den ganzen Nachmittag, den ganzen Abend tanzte der Herr nur mit Käthen, kaufte ihr Pfefferkuchen und Rosoglio,* und als die Zeit zum Nachhausegehen kam, begleitete er sie durch’s Dorf.

„Könnt ich doch mit Euch bis zu meinem Ende tanzen, wie heut!“ sagte Käthe, als sie sich trennen sollte. „Das kann sein, komm’ mit mir!“ „Wo wohnt Ihr denn?“ „Häng’ Dich mir um den Hals, ich will Dir’s sagen.“

Käthe tat’s, allein in dem Augenblicke verwandelte sich der Herr in den Teufel, und flog mit ihr gerad zur Hölle. Beim Tor hielt er an und pochte, die Kameraden kamen, öffneten, und als sie sahen, dass er ganz in Schweiß sei, wollten sie ihm Erleichterung schaffen und Käthen herunterheben. Die aber hielt fest wie eine Zange, und ließ sich auf keine Weise losreißen: der Teufel mochte wollen oder nicht, er musste sich mit Käthen um den Hals zu Lucifer verfügen.

„Wen bringst Du da?“ fragte dieser. Und da erzählte der Teufel, wie er auf Erden gewandelt, und von Käthens Wehklage gehört, dass sie keinen Tänzer bekommen könne, und wie er, um sie zu trösten, mit ihr ein Tänzchen versucht, und ihr auf ein Weilchen auch die Hölle habe zeigen wollen. „Ich hab’ nicht gewusst,“ schloss er, „dass sie mich nicht wird loslassen wollen.“ „Weil Du ein Dummkopf bist, und Dir nicht merkst, was ich sage,“ bellte der alte Lucifer ihn an. „Bevor Du mit jemandem etwas anfängst, sollst Du seine Gesinnung prüfen. Hättest Du dran gedacht, als Du Käthen begleitetest, würdest Du sie nicht mit Dir genommen haben. Jetzt pack Dich und sieh, wie Du sie loswirst.“

Voll Verdruss trabte der Teufel mit Frau Käthen auf die Erde zurück. Er versprach ihr goldene Berge, wenn sie ihn freiließe; er verfluchte sie, alles umsonst. Abgemüdet, in Wut gebracht, kam er mit seiner Last auf einer Wiese an, wo ein junge Schäfer in einem ungeheuren Pelz die Schafe hütete. Der Teufel verwandelte sich in einen gewöhnlichen Menschen, und drum erkannte ihn der Schäfer nicht. „Freund, wen tragt Ihr denn da?“ fragte ihn gutmütig der Schäfer. „Ach Freund, ich atme kaum. Stellt Euch vor, ich gehe ganz ruhig meines Weges, ohne an etwas zu denken, da hockt sich das Weib mir auf den Hals, und will mich um keinen Preis loslassen. Ich hab sie bis in’s nächste Dorf tragen wollen, um mich dort frei zu machen; aber ich bin’s nicht im Stande, die Knie schlottern mir.“ „Nu, wartet, ich will Euch helfen, aber nicht auf lang, weil ich wieder weiden muss; die Hälfte Wegs etwa will ich sie tragen.“ „Ei, da werd ich froh sein.“ „Hörst Du, häng Dich um mich!“ schrie der Schäfer Käthen zu.

Kaum hörte es Käthe, ließ sie den Teufel, und hing sich um den bepelzten Schäfer. Der hatte nun was zu tragen, Käthen und den ungeheuer großen Pelz, den er des Morgens vom Schaffer geliehen. Auch bekam er’s bald genug, und sann, wie er sich Käthens entledigen könnte. Er kam zu einem Teich, und da fiel ihm ein, ob er sie nicht hinein werfen könnte. Aber wie? Könnt er den Pelz nicht mit ihr ausziehen? Er war ihm ziemlich weit, und so versuchte er allmählich, ob’s ginge. Und sieh, er zieht eine Hand heraus, Käthe merkt nichts; er zieht die andere heraus, Käthe merkt noch nichts; er macht die erste Schnur vom Knopfloch los, dann die zweite, dann die dritte, und plumps! liegt Käthe im Teich samt dem Pelz. Der Teufel war dem Schäfer nicht nachgegangen, er saß auf der Erde, hütete die Schafe, und guckte, wie bald der Schäfer mit Käthen kommen würde. Er durfte nicht lange warten. Den nassen Pelz auf der Schulter, eilte der Schäfer zur Wiese, da er dachte, der Fremde werde vielleicht schon beim Dorfe sein, und die Schafe würden allein weiden. Als sie sich erblickten, sah einer den andern an, der Teufel, dass der Schäfer ohne Käthen komme, und der Schäfer, dass der Herr noch immer da sitze. Nachdem sie sich verständigt, sprach der Teufel zum Schäfer: „Hab Dank. Du hast mir einen großen Dienst erwiesen, denn ich hätte mich vielleicht mit Käthen bis zum jüngsten Tage schleppen müssen. Nie will ich Dir’s vergessen, und Dir’s einst reichlich lohnen. Damit Du aber wissest, wem Du aus der Klemme geholfen, so sag ich Dir, dass ich der Teufel bin.“ Er sprach’s und verschwand. Der Schäfer blieb eine Weile wie vom Schlag gerührt stehen, dann sagte er zu sich selbst: „Sind alle so dumm als der, so ist’s gut!“

Das Land, wo unser Schäfer sich aufhielt, beherrschte ein junger Fürst. Reichtum besaß er in Fülle; da er Herr über alles war, genoss er alles im vollen Maß. Tag für Tag vergnügte er sich nach Herzenslust auf jede mögliche Art, und wenn die Nacht kam, schallte aus den fürstlichen Gemächern der Gesang ausgelassener Zechbrüder. Das Land verwalteten zwei Stellvertreter, die um kein Haar besser waren als ihr Herr. Was nicht der Fürst vertat, behielten die zwei, und so erging’s den armen Untertanen übel. Einst als der Fürst nicht mehr wusste, was er aussinnen solle, rief er seinen Sterngucker, und befahl ihm, er solle ihm und seinen zwei Stellvertretern die Zukunft vorhersagen. Der Sterngucker gehorchte und forschte in den Sternen, welch ein Ende die drei nehmen würden.

„Verzeih o Fürst,“ sprach er, als er fertig geworden, „Deinem und Deiner Stellvertreter Leben droht solche Gefahr, dass ich mir’s nicht zu sagen getraue.“ „Sag’s nur heraus, sei’s, was es sei! Du aber bleibst, und erfüllt sich Dein Wort nicht so kostet es Dich den Kopf.“ „Gern unterwerf ich mich Deinem Befehl. So höre denn: Bevor der Mond voll wird, kommt zu beiden Stellvertretern der Teufel, und im Vollmond holt er auch Dich, o Fürst, und trägt Euch alle drei lebendig in die Hölle.“

„Ins Gefängnis mit dem lügnerischen Wicht!“ gebot der Fürst, und die Diener taten nach seinem Befehl. Im Herzen jedoch war dem Fürsten nicht so zu Mut, wie er sich stellte; die Worte des Sternguckers hatten Eindruck auf ihn gemacht. Zum ersten Mal rührte sich das Gewissen in ihm. Die zwei Stellvertreter fuhr man halbtot nach Hause: Keiner von ihnen nahm einen Bissen in den Mund, endlich rafften sie all ihre Habe zusammen, setzten sich auf, machten sich auf ihre Schlösser davon, und ließen diese von allen Seiten verrammeln, dass ihnen der Teufel nicht beikommen konnte. Der Fürst kehrte auf den rechten Pfad zurück, lebte still und eingezogen, und begann das Land selbst zu verwalten, in der Hoffnung, sein Schicksal vielleicht doch von sich abzuwenden.

Von diesen Dingen hatte der Schäfer keine Ahnung; er weidete täglich seine Herde und kümmerte sich nicht um das, was in der Welt vorging. Da stand eines Tages plötzlich der Teufel vor ihm und sprach: „Ich bin gekommen, Schäfer, um Dir den Dienst zu vergelten, den Du mir erwiesen. Ich soll die gewesenen Stellvertreter Eures Fürsten in die Hölle schaffen, weil sie ihm schlimm geraten und die Armen bestohlen haben. Bis der und der Tag erscheint, geh in das erste Schloss, wo viel Volk versammelt sein wird. Sobald im Schlosse Geschrei entsteht, die Diener die Tore öffnen, und ich den Herrn fortschleppe, tritt zu mir und sag: ‚Entweiche, sonst wird’s Dir schlimm ergehn!‘ Ich will Dir gehorchen und wandern. Du aber lass Dir von dem Herrn zwei Säcke Goldes geben, und will er nicht, so droh ihm, dass Du mich rufen werdest. Hierauf geh in das zweite Schloss, und tu wieder so, und begehr die gleiche Zahlung. Mit dem Gelde aber wirtschafte, und verwend es nur zum Guten. Bis Vollmond ist, muss ich den Fürsten selbst holen; doch den befreien zu wollen, rat ich Dir nicht, sonst müsstest Du mit Deiner eignen Haut büßen.“ So sprach er und entfernte sich.

Der Schäfer merkte sich jedes Wort. Als das Viertel um war kündigte er seinen Dienst, und ging zu dem Schlosse, wo der eine der zwei Stellvertreter wohnte. Er kam gerade recht, Haufen von Leuten standen da und schauten, bis der Teufel den Herrn fortschleppen würde. Da erhob sich im Schloss ein verzweifeltes Geschrei, die Tore öffnen sich, und der Teufel schleppte den Herrn, der schon totenbleich und eine halbe Leiche war. Der Schäfer trat hervor, fasste den Herrn bei der Hand und stieß den Teufel mit den Worten weg: „Pack Dich, sonst wird’s Dir schlimm ergehn“ Und auf der Stelle verschwand der Teufel, und der hocherfreute Herr küsste dem Schäfer beide Hände, und fragte ihn, was er zum Lohne begehre. Als der Schäfer sagte: Zwei Säcke Goldes! befahl der Herr, sie ihm sogleich zu geben.

Zufrieden ging der Schäfer zu dem zweiten Schlosse, und war dort so glücklich als im ersten. Es ist begreiflich, dass der Fürst von dem Schäfer bald erfuhr; denn er fragte in einem fort, wie’s mit den Stellvertretern stehe. Als er alles vernommen, schickte er nach dem Schäfer einen Wagen mit Pferden, und als er gefahren kam, bat er ihn dringend, er möchte sich auch über ihn erbarmen, und ihn aus des Teufels Klauen retten.

„Mein Herr und Gebieter,“ antwortete der Schäfer, „Euch kann ich’s nicht versprechen, es geht um meine eigne Haut. Ihr seid ein großer Sünder; aber wenn Ihr Euch bessern wolltet, rechtschaffen, mild und weise regieren, wie’s einem Fürsten geziemt, so versucht ich’s und sollt ich statt Euer in die Hölle müssen.“ Der Fürst versprach ernstliche Besserung, und der Schäfer ging mit der Zusage, sich am bestimmten Tage einzufinden.

Mit Furcht und Angst erwartete alles den Vollmond. Wie’s die Leute dem Fürsten anfangs gegönnt hatten, so bemitleideten sie ihn jetzt; denn von dem Augenblicke an, wo er anders ward, konnten sie sich keinen bessern Fürsten wünschen. Die Tage verstreichen, ob sie der Mensch in Freuden oder in Leiden zählt! Eh der Fürst sich dessen versah, war der Tag vor der Türe, wo er sich von allem trennen sollte, was ihm lieb war. Schwarz angekleidet, wie zum Grabesgange, saß der Fürst, und erwartete den Schäfer oder den Teufel.

Auf einmal öffnete sich die Pforte, und der Teufel stand vor ihm. „Mach Dich bereit, die Stunde ist abgelaufen, ich komm um Dich!“ Ohne ein Wort zu sprechen, erhob sich der Fürst, und schritt hinter dem Teufel auf den Hof, wo es von Leuten wimmelte. Da drängte sich der Schäfer ganz erhitzt durch die Haufen, und gerad auf den Teufel zu und schrie: „Lauf schnell, lauf schnell, sonst wird’s Dir schlimm ergehn!“ „Wie kannst Du Dich erdreisten, mich aufzuhalten? Weißt Du nicht, was ich Dir gesagt?“ raunte der Teufel dem Schäfer zu.

»Du Narr, mir handelt sich’s nicht um den Fürsten, sondern um Dich! Käthe lebt, und fragt nach Dir.“ Sobald der Teufel von Käthen hörte, war er gleich fort, wie weggeblasen, und ließ den Fürsten in Ruh. Der Schäfer lachte ihn im Stillen aus und war froh, dass er den Fürsten durch diese List befreit hatte. Dafür machte ihn der Fürst zu seinem ersten Hofkavalier und liebte ihn, wie seinen eignen Bruder. Und er tat wohl daran; denn der Schäfer war sein treuer Rathgeber und redlicher Diener. Von den vier Säcken Goldes behielt er keinen Pfennig für sich; er half damit jenen, von denen es die Stellvertreter erpresst hatten.

* Ein Rosoglio ist ein italienischer Likör aus Rosen- oder Orangenblüten oder ähnlichem.

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Es dürften wohl einmal mehr zwei zusammengelegte Märchen sein, aber prima verbunden durch den wirklich depperten Teufel und den klugen Schäfer.

 
Textquelle: Westslawischer Märchenschatz. Ein Charakterbild der Böhmen, Mährer und Slowaken in ihren Märchen, Sagen, Geschichten, Volksgesängen und Spruchwörtern. Deutsch bearbeitet von Joseph Wenzig. Mit Musikbeilagen. Leipzig: Lorck 1857, S. 165-174.
Bildquelle: Darstellung eines Teufels und seiner ‚Opfer‘ in einen tschechischen Manuskript aus dem Mittelalter

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