34.6 Wer hat die Tauben gegessen?

Keine Panik. Es klingt zwar so, aber heute gibt es nicht noch ein Tiermärchen, sondern einen Ehestreit und seine Lösung. Lest selbst…

Wer hat die Tauben gegessen?

Ein Schusterweib briet zwei junge Tauben, eine für sich und eine für ihren Mann, briet sie fein goldgelb, stellte sie auf den Ofen, und ging hinaus. Der Schuster schusterte indes. Zeitweilig erhob er seinen Nase, und sog den lieblichen Duft in sich, der sich rings im Zimmer verbreitete. Endlich übte der Duft eine solche Gewalt auf ihn, dass er sich nicht länger auf seinem Stuhle halten konnte. Kaum hatte sein Weib den Fuß vor die Türe gesetzt, so war er von seinem Stuhle auf, und bei der Pfanne. Bevor er jedoch nach einem Täublein griff, lauschte er, ob sein Weib nicht in der Nähe sei, und dies aus dem Grunde, weil er sich vor seinem Weibe fürchtete. Er leugnete es zwar, doch war es so. Draußen war alles still, und der Schuster zog in aller Geschwindigkeit ein Täublein aus der Pfanne, und verspeiste es. Der Naschhafte hat genug am Lecken, der Hungrige am Sattessen, ist ein altes Sprichwort. Aber der Schuster war naschhaft und hungrig zugleich, darum begnügte er sich nicht mit einem Täublein, sondern machte sich ohne weiteres Bedenken auch über das zweite her, und aß es auf.

Hierauf setzte er sich auf seinen Dreifuß und schusterte fort. Sein Weib kam in die Stube, und weil es eben Mittag war, stellte es die Teller auf den Tisch, und trug das Essen auf. Alles ging in der Ordnung; als es jedoch zum Braten kam, entstand ein Sturm. „Wer hat die Tauben gegessen?“ hallte der erste Donnerschlag.

„Mich frag’ nicht, ich nicht, hab’ ja gar nicht gewusst, dass Du welche brätst,“ ertönte es zur Antwort, und so ging’s in einem fort, Frage auf Frage, Antwort auf Antwort. Der Schuster bekannte nichts, bis er zuletzt sagte, sein Weib müsse die Tauben selbst gegessen haben.

„Nun gut, lassen wir das Streiten! Aber von jetzt an reden wir keiner mit dem andern. Wer zuerst den Mund auftut, der ist schuldig, der hat die Tauben gegessen!“ So entschied des Schusters Weib, und bei dem Ausspruche musst’ es bleiben.

Von dem Augenblicke an war’s in des Schusters Hause still. Es verdross beide genug; das Weib des Schusters konnte nicht zanken und klatschen, dem Schuster war schwer um’s Herz, dass er nicht antworten und singen konnte, und lieber hätte er sein Weib zanken hören, als dass er diese Todesstille ertragen musste. Doch zu reden anfangen wollte trotzdem keiner von beiden. Schon war’s der dritte Tag, seit sie zum letzten Male mit einander geredet, als ein Wagen bei ihrem Häuschen hielt, der Bediente herabsprang, und nach dem Wege zur Stadt fragte. Bereits hatte des Schusters Weib den Mund geöffnet, um zu antworten, aber plötzlich setzte es sich wieder, und zeigte nur mit der Hand, nach welcher Seite sie fahren sollten, und der Schuster tat dasselbe.

Als der Bediente zurückkam, berichtete er seinem Herrn, in dem Häuschen seien zwei Stumme. Zugleich lief des Schusters Weib, das etwas ausgesonnen, aus dem Häuschen, und kroch zu dem Herrn in den Wagen, indem es ihm zu verstehen gab, dass es ihm den Weg zeigen wolle. Der Herr machte Platz, der Kutscher schnalzte, und sie fuhren fort.

Da schrie der Schuster aus dem Fenster: „Weib, mein liebes Weib, fahr’ mir nicht weg, und verzeih mir! Die Tauben hab‘ ich gegessen.“

Das Weib brach in ein Gelächter aus, und erzählte nun dem Herrn die ganze Geschichte. Der Herr lachte herzlich, und gab dem Schustersweib einen Dukaten, damit es andere Tauben zum Braten kaufe. Von diesen jedoch bekam der naschhafte Herr Ehegemahl nicht den kleinsten Bissen.

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Was ich hier wirklich reizend finde, ist, dass keiner der beiden – weder Ehefrau noch Ehemann – ungeschoren davon gekommen – sie motzt, er frisst. Und vor allem können am Ende alle Lachen. Nicht die schlechteste Lösung oder?

 
Textquelle: Westslawischer Märchenschatz. Ein Charakterbild der Böhmen, Mährer und Slowaken in ihren Märchen, Sagen, Geschichten, Volksgesängen und Spruchwörtern. Deutsch bearbeitet von Joseph Wenzig. Mit Musikbeilagen. Leipzig: Lorck 1857, S. 128-130.
Bildquelle: Gemälde einer Schusterwerkstatt aus dem 19. Jahrhundert

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