34.4 Der lustige Schwanda – heißt nicht nur so, sondern ist es auch

Heute gibt es ein ange-schwank-tes Märchen mit Teufelsmotiv, was ja nicht so selten ist. Lest selbst…

Der lustige Schwanda

Schwanda, der Dudelsackpfeifer, war ein lustiger Geselle und wie jeder ordentliche Musikant immer durstig, dabei ein großer Liebhaber des Kartenspiels, besonders des sogenannten Straschak.* Hatte er den Zuhörern nach ihrem Gefallen vorgedudelt, machte er sich gern einen guten Tag, und sprach gewöhnlich solange dem Kruge zu, und setzte im Spiel, bis ihm alles, was er verdient hatte, wieder aus der Tasche flog, und er so leer wegging, als er gekommen war. Dabei ergötzte er auch ohne Dudelsack die Gesellschaft mit seinen Späßen und witzigen Einfällen, so dass kaum jemand die Schenke verließ, solange Schwanda dort war, und noch heutzutag pflegt man im Böhmischen statt: „Das ist ein Jux,“ zu sagen: „Das ist eine Schwande.“

Es geschah eines Tages, dass Schwanda, nachdem er in Mokran am Kirchenweihfest von Mittag bis Mitternacht auf dem Dudelsack gepfiffen und manchen Silbergroschen erworben, den Dudelsack weglegte, trotz allem Drängen und Zureden des jungen Volks, das ihn bat, bis zum Morgen auszuhalten, und ihm reichen Lohn dafür verhieß. Schwanda verdross es schon, nur fremder Fröhlichkeit zu dienen; er wollte auch sein Vergnügen haben. Er setzte sich daher unter die Nachbarn und begann auf eigne Rechnung zu trinken, und die Gesellschaft mit manchem Schnack und manch scherzhaftem Wort zum Lachen zu reizen. Endlich bekam er Lust, Karten zu spielen, und forderte die Nachbarn zum Straschak auf; doch fand sich wider Erwarten niemand, der mit ihm gespielt hätte. Schwanda war nicht gewohnt, aus dem Wirtshaus zu geh’n, solang er noch einen nicht vertanen Groschen in der Tasche hatte, und heut’ hatte er sich hübsch viel Geld verdient, war also ungewöhnlich spiellustig. Dazu hatte er ein wenig zu tief in den Krug geguckt, und in seinem obern Stockwerk war es sichtbar nicht richtig. Er gab keine Ruh’, er wollte spielen, und als er sah, dass ihm die Nachbarn durchaus nicht willfahrten, erhob er sich ärgerlich, bezahlte seine Schuld und verließ die Schenke. „In Dražic,“ sprach er unterwegs zu sich, indem er mit unsicherem Fuß dahinschritt, „dort ist Wallfahrt, und der Schulmeister und der Richter sind gern lustig und verachten ein Spielchen nicht. Ja, in Dražic will ich festsitzen, juchuchu!“ Und dabei sprang er in die Höh’ und schnalzte mit dem Daumen, dass er noch zehn Schritte forttaumelte, eh er seinen Leib, da der Kopf allerdings etwas schwer war, in’s Gleichgewicht brachte.

Die Nacht war hell, der Mond glänzte wie ein Fischauge. Da kam Schwanda an einen Scheideweg, und erschrak und blieb steh’n, als er zufällig die Augen erhob. Eine Schaar Geier und Raben flog in die Luft, und vor ihm stand ein kleines Gebäude aus vier Säulen, oben mit Querbalken, und von jedem Querbalken hing ein halbverwester Leichnam herunter. Schwanda merkte, er sei unter einem Galgen, wie deren damals eine Menge auf Feldern und Straßen aufgerichtet war, den häufigen Räuberhorden zum Schrecken. Da zeigte sich plötzlich ein Herr, nicht hochgewachsen, mit bleichen Wangen, in schwarzem Gewand, und fragte ihn, herantretend mit leiser Stimme: „Wohin so spät, Freund Dudelsackpfeifer?“ „Nach Dražic, schwarzer Herr!“ „Willst Du Dir mit Deinem Dudelsack nicht etwas verdienen?“ „Ei was, ich bin des Dudelns schon satt. Hab mir einige Silbergroschen erpfiffen und will jetzt fröhlich sein.“

„Was Silbergroschen! Wir wollen Dich mit Gold bezahlen!“ sagte der schwarze Herr, und indem er eine Handvoll blinkender Dukaten hervorlangte, hielt er sie Schwanda vor die Augen hin. Der Dudelsackpfeifer war ganz überrascht; der Straschack war freilich eine große Lockspeise, allein das blinkende Metall hatte größere Macht über ihn und als ihn der schwarze Herr bei der Hand fasste, folgte er wie berückt. Schwanda drehte es sich im Kopfe, und er wusste gar nicht, wo, wohin und wie lange ihn der Unbekannte führte; nur daran erinnerte er sich, dass er ihn öfters ermahnte, wenn ihm etwas angeboten würde, Geld oder zu trinken, so sollt’ er nicht mit anderen Worten danken als: „Viel Glück, Bruder!“ –

Auf einmal befand er sich in einer hellerleuchteten Stube, wo drei Herren beisammen saßen, die auf ähnliche Art gekleidet waren, wie sein Führer, und die große Haufen Goldes vor sich hatten, Straschak spielten, und tüchtig setzten. Dabei ging eine Kanne Wein in die Runde, woraus die Spieler einander zutranken.

„Brüder, ich bring Euch Schwager Schwanda,“ sprach eintretend der Führer des Dudelsackpfeifers, „der im ganzen Lande so bekannt ist, und den zu hören wir schon lang’ begierig waren. Ich hoff’ Euch einen Gefallen zu erweisen; wir wollen ja heut lustig sein, wie sich’s gehört, und die Musik wird uns auf’s beste stimmen!“ „Wohl getan!“ rief einer der Spieler, und indem er sich zu Schwanda kehrte, sprach er: „Setz Dich, Dudler, und trink zu!“ und reichte ihm die Kanne mit Wein. Schwanda nahm die Kanne, trank, stellte sie wieder auf den Tisch und sagte, indem er die Mütze abzog: „Viel Glück, Bruder!“ so wie ihn sein Führer gelehrt. „Und jetzt pfeif eins!“ rief ein anderer der Spieler, und Schwanda setzte sich abseits auf eine Bank und blies seinen Dudelsack auf, während sich sein Führer zu den Spielern gesellte, einen mit Dukaten vollgepfropften Beutel aus der Tasche zog und ihn vor sich auf dem Tische ausleerte.

Da fing Schwanda’s Dudelsack an zu pfeifen, und wunderbar war die Wirkung, welche die Musik auf die vier schwarzen Herren ausübte. Als ob sie gedoppeltes Leben durchströmte, gerieten sie auf einmal in lärmende Fröhlichkeit. Sie setzten rascher, die Dukaten flogen, und die Spieler jauchzten und rückten auf den Stühlen umher; ihr ganzer Leib bewegte sich, und es schien als ob jede ihrer Adern frohlockte. Die Kanne ging in die Runde, und auch Schwanda unterließ nicht, ihr häufig zuzusprechen. Das Wundersamste war jedoch, dass die Kanne niemals leer wurde und niemand einschenkte. So oft Schwanda ein Stück beendigt hatte, erscholl ihm lautes Lob, und in seine Mütze regnete Gold, wofür er mit oft wiederholtem: „Viel Glück, Bruder!“ nach Gebühr dankte. So währte es viele Stunden, bis Schwanda endlich einen Hüpfer zu dudeln begann, der den schwarzen Herren so in die Füße fuhr, dass sie vom Straschak ließen, sich plötzlich erhoben und sich mit wilden Sprüngen in der Stube herumtrieben, was sonderbar zu ihrem gesetzten Äußern und den hohlen Gesichtern stand.

Schwanda hörte auf zu musizieren, der Dudelsack quiekte zum Schlusse und die Tänzer machten zuletzt noch einige Purzelbäume. Da trat einer von ihnen zum Tische, und indem er des Dudelsackpfeifers Mütze nahm, schüttete er alles Gold, was da war, in sie und sprach, sie Schwanda reichend: „Da hast Du weil Du uns so köstlich erheitert!“ Schwanda traute seinen Augen kaum; geblendet von dem Anblick solchen Reichtums, wußt’ er vor Freude nicht, was anzufangen; er vergaß in seiner Verwirrung, wie er sich zu bedanken habe, und rief: „Vergelt’ Euch’s Gott tausendmal!“ Noch hatte er nicht ausgeredet, so bedeckte ein Nebel seine Augen, und alles, Stube, Karten und Herren, war verschwunden. –

Am folgenden Morgen fuhr ein Bauer Mist auf das Feld, und als er zu dem Scheidewege kam, wo der erwähnte Galgen stand, hörte er von ferne Töne. Er horchte, und je näher er kam, um so gewisser ward er, das seien Dudelsacktöne; er horchte weiter, zweifelte wieder, bis er endlich das Stück erkannte und rief: „Ei das ist Schwanda!“ Als er unter den Galgen selbst kam, vernahm er, dass die Töne aus der Höhe schallten; er blickte empor, und sieh! auf einem Eck des Galgens saß Schwanda und pfiff eifrig auf dem Dudelsack, während der Morgenwind die Leichen der Gehängten hin und her bewegte.

„Ei, zum Kuckuck, Schwager Schwanda,“ rief der Bauer, „was macht Ihr da oben?“ Schwanda fuhr zusammen, ließ den Dudelsack fallen, rieb sich die Augen, und indem er um sich schaute, gewahrte er mit Entsetzen, wo er sich befand. Nicht ohne Mühe half ihm der Bauer herab und Schwanda, der indes nüchtern geworden, erzählte ihm, was ihm begegnet. Er erinnerte sich an die Dukaten, durchsuchte die Mütze, kehrte die Taschen um, fand aber keinen Heller.

Der Bauer bekreuzte sich und sprach: „Euch hat der liebe Gott gestraft, und hat böse Geister über Euch gesandt, weil Ihr so gierig nach den Karten wart!“ „Ihr habt Recht,“ erwiderte Schwanda, an allen Gliedern zitternd, „ich entsag für immer dem Kartenspiel.“

Er hielt Wort, und zum Dank, dass er ohne Schaden so großer Gefahr entronnen, hing er den Dudelsack, auf dem er den Teufeln zum Tanz gespielt, in seiner Geburtsstadt Strakonic als Opfergeschenk in der Kirche auf, wo er zum Andenken bis auf unsere Zeit blieb und Veranlassung gab, dass der Strakonicer Dudelsack sprichwörtlich wurde. An einem Tag im Jahre, wo Schwanda auf dem Galgen den Teufel aufgespielt, soll er von selbst gebrummt haben.

* Ein Kartenspiel, wo einer den andern schreckt, und so um den Gewinn zu bringen sucht. Straschak kommt von strasiti schrecken.

*******

Also erstens ein echt nettes Märchen und zweitens gleich kulturell was gelernt. Denn weder hatte ich vorher was von diesem Kartenspiel gehört noch davon, dass es in Tschechien auch Dudelsäcke hat. Ich kannte bislang nur die schottischen von den Herren in den eigentlich-doch-keinen-Röcken mit dem flotten Muster. 🙂

 
Textquelle: Westslawischer Märchenschatz. Ein Charakterbild der Böhmen, Mährer und Slowaken in ihren Märchen, Sagen, Geschichten, Volksgesängen und Spruchwörtern. Deutsch bearbeitet von Joseph Wenzig. Mit Musikbeilagen. Leipzig: Lorck 1857, S. 15-20.
Bildquelle: Ein tschechischer Dudelsack, genannt Böhmischer Bock

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