34.3 Der Lange, der Breite und der Scharfäugige

Nach dem historisch spannenden, aber sprachlich nicht zu mitreißenden Zitek und dem gestrigen Tiermärchen gibt es heute ein Zaubermärchen, das genauso schön ist, wie man es sich von einem tschechischen Märchen erwartet. Aber lest selbst…

Der Lange, der Breite und der Scharfäugige

Es war ein König, und er war schon alt, und hatte nur einen einzigen Sohn. Einst berief er den Sohn vor sich und sprach zu ihm: „Mein lieber Sohn, Du weißt wohl, dass reifes Obst abfällt, um anderem Platz zu machen. Mein Haupt reift auch allmählich, und vielleicht wird es die Sonne bald nicht mehr bescheinen; aber eh’ ich sterbe, möcht’ ich doch noch gern meine künftige Tochter, Deine Gemahlin, kennenlernen. Nimm Dir ein Weib, mein Sohn!“ Und der Königssohn sprach: „Gern, o Vater, möcht’ ich Deinen Willen vollziehen; doch ich habe keine Braut, ich kenne keine.“ Da griff der alte König in die Tasche, zog einen goldenen Schlüssel heraus, und gab ihn dem Sohne: „Geh’ in den Turm hinauf, in’s oberste Stockwerk, blick’ dort um Dich, und sag’ mir welche Braut Du am liebsten hättest.“

Der Königssohn säumte nicht, und ging. Noch nie in seinem Leben war er dort oben gewesen, und hatte auch nie gehört, was es dort gebe. Als er hinauf kam bis in das letzte Stockwerk, sah er an der Decke eine kleine eiserne Tür gleich einem Deckel, und sie war verschlossen; die öffnete er mit dem goldenen Schlüssel, hob sie in die Höhe, und trat über sie empor. Da war ein großes, rundes Gemach, die Decke blau wie der Himmel in heitrer Nacht, silberne Sterne glänzten an ihr; der Fußboden war mit einem grünen Seidenteppich überzogen, und rings in der Mauer waren zwölf hohe Fenster in goldenen Rahmen, und in jedem Fenster auf kristallenem Glas war eine Jungfrau mit Regenbogenfarben abgebildet, mit einer Königskrone auf dem Haupt, in jedem Fenster eine andere in anderem Gewand, aber jede schöner als die andere, so dass der Königssohn ganz geblendet war. Und während er sie so voll Verwunderung betrachtete, ohne zu wissen, welche er wählen solle, da begannen sich die Jungfrauen zu bewegen, als ob sie lebendig wären, und blickten nach ihm, und lächelten ihn an, als ob sie sprechen wollten.

Da bemerkte der Königssohn, dass eins der Fenster mit einem weißen Vorhang verhüllt sei, und er zog den Vorhang weg, um zu sehen, was es dahinter gebe. Da war eine Jungfrau in weißem Gewand, mit einem Silbergürtel gegürtet, mit einer Perlenkrone auf dem Haupt; sie war die schönste von allen, aber traurig und bleich, als ob sie aus dem Grabe gestiegen wäre. Der Königssohn stand lange vor dem Bilde wie im Traum, und während er sie so betrachtete, ward ihm weh um’s Herz und er sprach: „Die will ich und keine andere!“ Und sobald er das Wort gesprochen, neigte die Jungfrau das Haupt, ward rot wie eine Rose, und in dem Augenblicke verschwanden die Bilder alle.

Als er wieder hinunter kam, und dem Vater sagte, was er gesehen und welche Jungfrau er sich gewählt, betrübte sich der alte König, bedachte sich und sprach: „Du hast übel getan, mein Sohn, dass Du enthüllt hast, was verdeckt war, und hast Dich mit Deinem Worte in große Gefahr begeben. Diese Jungfrau ist in der Gewalt eines bösen Zauberers, in eisernem Schlosse gefangen; wer es bisher noch versucht hat, sie von dort zu befreien, ist nie mehr wiedergekehrt. Allein was geschehen, lässt sich nicht ungeschehen machen; gegebenes Wort ist Gesetz. Geh’, versuch’ Dein Glück, und kehr’ wohlbehalten heim!“

Der Königssohn nahm Abschied von dem Vater, setzte sich auf’s Ross, und ritt fort, um die Braut zu holen. Und er gelangte in einen großen Wald, und ritt in einem fort durch den Wald, bis er endlich den Weg verlor. Und als er so im Dickicht und zwischen Felsen und Sümpfen mit seinem Ross umherirrte, ohne zu wissen, wohin, hörte er jemanden hinter sich rufen: „He da, wartet!“ Der Königssohn sah sich um, und erblickte einen hochgewachsenen Menschen, der ihm nacheilte. „Wartet und nehmt mich mit Euch, und nehmt Ihr mich in Eure Dienste, werdet Ihr’s nicht bereu’n!“ „Wer bist denn Du?“ sprach der Königssohn, „und was kannst Du?“ „Ich heiße der Lange und kann mich ausstrecken. Seht Ihr dort auf der hohen Tanne das Vogelnest? Ich lang’ Euch das Nest herunter, ohne dass ich hinaufzuklettern brauche.“ Und er begann sich auszustrecken, sein Leib wuchs mit Schnelligkeit, bis er so hoch war, als die Tanne; dann langte er nach dem Neste, und augenblicklich schrumpfte er wieder ein, und reichte es dem Königssohn. „Du verstehst Deine Sache gut, allein was helfen mir Vogelnester, wenn Du mich aus dem Walde nicht hinausführen kannst!“ „Hm, das ist leicht!“ sprach der Lange und begann sich wieder auszustrecken, bis er dreimal so hoch war, als die höchste Föhre im Walde; er blickte ringsum und sagte: „Auf jener Seite dort ist der nächste Weg aus dem Walde.“ Dann schrumpfte er wieder ein, nahm das Pferd beim Zaume und ging voran, und ehe sich’s der Königssohn versah, hatten sie den Wald hinter sich. Vor ihnen war eine weite Ebene, und hinter der Ebene hohe graue Felsen, wie Mauern einer großen Stadt, und waldbewachsene Berge.

„Dort, Herr, geht mein Kamerad,“ sprach der Lange, und zeigte seitwärts auf die Ebene, „den solltet Ihr gleichfalls zu Euch nehmen; er würde uns wahrlich treffliche Dienste leisten.“ „Schrei’ nach ihm und ruf’ ihn, dass ich sehe, was an ihm ist.“ „Es ist etwas weit, Herr,“ sprach der Lange, „kaum würd’ er mich hören, und lange würd’ es dauern, eh er käme, weil er viel zu tragen hat. Ich will ihn lieber holen.“ Da streckte sich der Lange wieder in die Höhe, dass sein Kopf bis in die Wolken reichte, machte zwei, drei Schritte, fasste den Kameraden beim Arm, und stellte ihn vor den Königssohn. Es war ein muskulöser Kerl, und hatte einen viereimerdicken Bauch.

„Wer bist denn Du?“ fragte ihn der Königssohn, „und was kannst Du?“ „Ich, Herr, heiße der Breite, und kann mich ausdehnen.“ „Zeig‘ mir das!“ „Herr, reitet geschwind fort, geschwind in den Wald!“ rief der Breite und begann sich aufzublähen. Der Königssohn wusste nicht, warum er davonreiten solle; allein da er sah, dass der Lange mit Hast zum Walde laufe, spornte er sein Ross, und eilte ihm nach. Und es war hohe Zeit davonzureiten, sonst hätte der Breite ihn und sein Ross erdrückt, so schnell wuchs sein Bauch nach allen Seiten; es war auf einmal alles voll von ihm, als ob sich ein Berg herangewälzt. Dann hörte der Breite auf, sich aufzublähen, blies die Luft aus sich heraus, dass sich die Wälder bewegten, und wurde wieder so, wie er gewesen. „Du hast mich durchgehetzt!“ sprach der Königssohn, „aber so einen Kerl find’ ich nicht alle Tage, komm mit mir!“

Sie zogen nun weiter. Als sie den Felsen nahe kamen, begegneten sie einem, der die Augen mit einem Tuch verbunden hatte. „Herr, das ist unser dritter Kamerad,“ sagte der Lange, „den solltet Ihr auch in Eure Dienste nehmen; er würde wahrlich sein Brot nicht umsonst essen.“ „Wer bist denn Du?“ fragte ihn der Königssohn, „und warum hast Du die Augen verbunden? Du siehst ja nicht den Weg.“ „Hoi, Herr, umgekehrt; gerade weil ich zu scharf sehe, muss ich mir die Augen verbinden. Ich sehe mit verbundenen Augen, wie ein Anderer mit unverbundenen, und wenn ich das Tuch wegnehme, so blick’ ich überall durch und durch, und seh’ ich auf etwas scharf hin, so fängt es Feuer, und was nicht brennen kann, zerspringt in Stücke. Drum heiß’ ich der Scharfäugige.“ Dann kehrte er sich zu dem gegenüberstehenden Felsen, nahm das Tuch ab, und heftete die feurigen Augen auf ihn; und der Felsen begann zu prasseln, und die Stücke flogen nach allen Seiten, und in einer kleinen Weile war von dem Felsen nichts übrig als Sand. In dem Sande glänzte etwas wie Feuer. Der Scharfäugige ging und brachte es dem Königssohn. Es war gediegenes Gold.

„Hoho, Du bist ein unbezahlbarer Kerl!“ sprach der Königssohn; „ein Tor, der sich Deiner nicht bedienen wollte! Aber, wenn Du ein so gutes Auge hast, sieh doch, und sag’ mir, wie weit wir noch zu dem eisernen Schlosse haben, und was jetzt dort vorgeht?“ „Wenn Ihr allein rittet, Herr,“ antwortete der Scharfäugige, „so würdet Ihr vielleicht in einem Jahre nicht hinkommen; aber mit uns seid Ihr heute noch dort – eben bereiten sie für uns das Nachtmahl.“ „Und was macht dort meine Braut?“

„Hinter eisernem Gitter
Des Zaub’rers Macht
In hohem Turme
Sie streng bewacht.“

Und der Königssohn sprach: „Wer mein Freund ist, der helfe mir sie befreien!“ Und sie versprachen ihm alle, dass sie ihm helfen würden. So führten sie ihn zwischen den Felsen durch den Durchbruch, den der Scharfäugige mit seinen Augen gemacht, und durch die Felsen über hohe Berge und durch dichte Wälder weiter und weiter, und wo ein Hindernis im Wege war, da räumten es die drei Gesellen sogleich bei Seite. Und als die Sonne sich zum Untergang neigte, begannen die Berge niedriger, die Wälder dünner zu werden, und die Felsen sich zwischen Heidekraut zu verbergen; und als der Sonnenuntergang nahe war, sah der Königssohn nicht weit vor sich das eiserne Schloss; und als die Sonne unterging, ritt er über die eiserne Brücke zum Tor hinein, und nachdem die Sonne untergegangen, hob sich die eiserne Brücke von selbst empor, die Tore schlossen sich plötzlich, und der Königssohn und seine Gesellen waren in dem eisernen Schlosse gefangen.

Als sie im Schlosshof sich umgesehen, gab der Königssohn sein Ross in den Stall – alles war schon für sie eingerichtet – und dann gingen sie in das Schloss. Im Hof, im Stall, im Schlosssaale und in den Gemächern sahen sie in der Dämmerung viel reichgekleidete Leute, Herren und Diener; aber niemand von ihnen rührte sich alle waren versteinert. Sie gingen durch mehrere Gemächer, und kamen in das Speisezimmer. Das war hell erleuchtet, in der Mitte ein Tisch, auf ihm der guten Gerichte und Getränke in Fülle, und gedeckt war für vier Personen. Sie warteten und warteten, dachten, es werde jemand kommen; allein, als lange niemand kam, setzten sie sich und aßen und tranken, so viel ihnen schmeckte.

Als sie sich sattgegessen, begannen sie sich umzusehen, wo sie schlafen würden. Da flog plötzlich die Türe auf und in das Zimmer trat der Zauberer, ein gebückter Greis in langem, schwarzem Gewand, das Haupt kahl, den grauen Bart bis an’s Knie, anstatt des Gürtels drei eiserne Reife um den Leib. An der Hand führte er eine schöne, wunderschöne Jungfrau, die weiß angezogen war; um den Leib hatte sie einen Silbergürtel und eine Perlenkrone auf dem Haupte, aber sie war bleich und traurig, als wäre sie aus dem Grab gestiegen. Der Königssohn erkannte sie sogleich, sprang auf, und ging ihr entgegen; doch eh er noch ein Wort sprechen konnte, hub der Zauberer zu ihm an: „Ich weiß, warum Du gekommen; diese Königstochter willst Du von hier fortführen. Wohl denn, es sei, Du darfst sie Dir nehmen, wenn Du sie durch drei Nächte so zu hüten weißt, dass sie Dir nicht entschlüpft. Entschlüpft sie Dir, so wirst Du samt Deinen drei Dienern zu Stein, wie alle, die früher kamen als Du.“ Dann wies er der Königstochter einen Platz, dass sie sich setze, und entfernte sich.

Der Königssohn konnte von der Jungfrau die Augen gar nicht abwenden, so schön war sie. Er begann zu ihr zu sprechen, und fragte sie verschiedenes; allein sie antwortete nicht, lächelte nicht und sah auf niemanden, als ob sie von Marmor wäre. Er setzte sich neben sie, und gedachte die ganze Nacht nicht zu schlafen, damit sie nicht entschlüpfe; und zu größerer Sicherheit streckte sich der Lange wie ein Riemen aus, und wand sich um das ganze Zimmer an der Wand herum; der Breite setzte sich zwischen die Tür, blähte sich auf und verstopfte sie so, dass nicht einmal ein Mäuslein hätte durchkriechen können, und der Scharfäugige stellte sich zur Säule mitten im Zimmer auf die Wacht. Doch in einer Weile begannen alle zu schlummern, schliefen ein und schliefen die ganze Nacht, als ob man sie in’s Wasser geworfen hätte.

Als es morgens zu dämmern anfing, erwachte der Königssohn zuerst; doch ihm war, als ob ihm jemand ein Messer in’s Herz stieße – die Königstochter war verschwunden. Und alsbald weckte er die Diener, und fragte, was zu tun sei. „Seid unbesorgt, Herr,“ sprach der Scharfäugige und blickte zum Fenster hinaus, „schon seh’ ich sie! Hundert Meilen von hier ist ein Wald und mitten des Waldes eine alte Eiche, und auf der Eiche oben eine Eichel – und die Eichel ist sie. Der Lange soll mich auf die Schulter nehmen, und wir bekommen sie.“ Und der Lange lud ihn sich auf, streckte sich aus und ging – ein Schritt zehn Meilen – und der Scharfäugige zeigte den Weg. Und es verstrich nicht so viel Zeit, als jemand braucht, um herumzukommen um eine Hütte, und schon waren sie wieder da, und der Lange reichte dem Königssohn die Eichel und sprach: „Herr, lasst sie auf den Boden fallen!“ Der Königssohn tat’s, und in demselben Augenblicke stand die schöne Königstochter neben ihm.

Und als sich die Sonne hinter den Bergen zu zeigen anfing, flog die Tür krachend auf, und der Zauberer trat in’s Zimmer, und lachte tückisch; doch als er die Königstochter erblickte, sah er finster, brummte – und krach! sprang ein eiserner Reif an seinem Leib entzwei und fiel ab. Dann nahm er die Jungfrau bei der Hand, und führte sie hinweg.

Den ganzen Tag über hatte der Königssohn nichts zu tun; er ging im Schloss umher und um das Schloss herum, und sah, was es da besonderes gebe. Überall war’s, als ob das Leben in einem Augenblick erstorben wäre. In einem Saale sah er einen Königssohn, der mit beiden Händen ein Schwert geschwungen hielt, als wollt’ er wen entzwei hauen; doch er hatte den Hieb nicht zu Ende geführt, er war versteinert. In einem Zimmer war ein versteinerter Ritter, als ob er ängstlich von jemandem flöhe, an der Schwelle anstieße und fallen wollte; doch war er noch nicht ganz zu Boden gefallen. An einem Kamin saß ein Diener, und hielt in der einen Hand ein Stück Braten vom Nachtmahl, mit der andern wollt’ er’s in den Mund stecken, bracht’ es aber nicht so weit: als er’s schon beim Munde hatte, ward er versteinert. Und noch viel andre Versteinerte sah er da, jeden so und in der Stellung, in welcher er war, als der Zauberer sprach: „Werde zu Stein!“ Auch gewahrte er da viel versteinerte, schöne Pferde, und im Schlosse und um das Schloss herum war alles wüst und tot. Bäume gab’s, doch ohne Blätter; Wiesen gab’s, doch ohne Gras; ein Fluss war da, allein er floss nicht; nirgend war ein Vöglein, das gesungen hätte, nirgend ein Blümlein, das geblüht hätte, noch ein Fischlein, das im Wasser wär’ geschwommen.

Früh, zu Mittag und des abends fand der Königssohn mit seinen Gesellen im Schloss ein gutes und reiches Mahl: die Speisen trugen von selbst sich auf, und der Wein schenkte von selbst sich ein. Als das Nachtmahl vorüber war, öffnete sich die Tür wieder und der Zauberer führte die Königstochter herbei, damit sie der Königssohn hüte. Aber obwohl alle entschlossen waren, sich mit aller Macht des Schlafes zu erwehren, so half es ihnen doch nichts, sie schliefen wieder ein. Und als früh in der Dämmerung der Königssohn erwachte und sah, dass die Königstochter verschwunden sei, sprang er empor, und rüttelte den Scharfäugigen an den Schultern: „Hei, steh auf, Du Scharfaug’! Weißt Du, wo die Königstochter ist?“ Der rieb sich die Augen, schaute und sagte: „Da seh’ ich sie! Zweihundert Meilen von hier ist ein Berg, und in dem Berg ein Felsen, und in dem Felsen ein Edelstein, und der Edelstein ist sie. Wenn mich der Lange hinträgt, bekommen wir sie.“

Der Lange nahm ihn sogleich auf die Schulter, streckte sich aus und ging – ein Schritt zwanzig Meilen. Der Scharfäugige heftete hierauf seine feurigen Blicke auf den Berg, und der Berg zerstob, und der Felsen in ihm zersprang in tausend Stücke, und zwischen ihnen erglänzte der Edelstein. Den nahmen sie und brachten ihn dem Königssohn, und sobald er ihn auf die Erde fallen ließ, stand die Königstochter wieder da. Und als dann der Zauberer kam und sie da sah, funkelten seine Augen vor Galle – und krach! sprang wieder ein eiserner Reif an seinem Leib entzwei, und fiel ab. Er brummte und führte die Königstochter aus dem Zimmer.

An diesem Tage war wieder alles, wie am vorigen. Nach dem Nachtmahl führte der Zauberer die Königstochter wieder herbei, blickte dem Königssohn scharf in’s Auge, und warf höhnisch die Worte hin: „Es soll sich zeigen, wer mehr vermag: ob Du siegst oder ich!“ Und hiermit entfernte er sich. Es gaben sich diesmal alle noch größere Mühe, um sich des Schlafes zu erwehren; sie wollten sich nicht einmal setzen, wollten die ganze Nacht hindurch gehen; aber alles umsonst, es war ihnen angetan: einer nach dem andern schlief gehend ein, und die Königstochter entschlüpfte ihnen dennoch.

Des Morgens erwachte der Königssohn wieder zuerst, und als er die Königstochter nicht gewahrte, weckte er den Scharfäugigen: „Hei, steh’ auf, Du Scharfaug’! Sieh, wo die Königstochter ist!“ Der Scharfäugige sah lange hinaus: „Hoho, Herr!“ sagte er, „sie ist weit, gar weit! Dreihundert Meilen von hier ist das schwarze Meer, und mitten im Meer auf dem Boden liegt eine Muschel, und in der Muschel ein goldner Ring – und dieser Ring ist sie. Allein sorgt nicht, wir bekommen sie doch! Heut aber muss der Lange auch den Breiten mit sich nehmen, wir werden ihn brauchen!“ Der Lange nahm auf eine Schulter den Scharfäugigen, auf die andere den Breiten, streckte sich aus und ging – ein Schritt dreißig Meilen. Und als sie zu dem schwarzen Meere kamen, zeigte ihm der Scharfäugige, wohin er nach der Muschel in’s Wasser langen solle. Der Lange streckte die Hand aus, so viel er vermochte, allein bis zum Boden konnte er doch nicht reichen. „Wartet, Kameraden, wartet ein wenig, will Euch schon helfen!“ sprach der Breite, und blähte sich auf, so viel es sein Bauch zuließ; dann legte er sich ans Ufer und trank. In einer kleinen Weile fiel das Wasser so, dass der Lange leicht zum Boden reichte, und die Muschel aus dem Meere holte. Er nahm den Ring heraus, lud die Kameraden auf die Schultern und eilte zurück. Allein auf dem Wege ward es ihm doch zu schwer, mit dem Breiten zu laufen, weil dieser noch das halbe Meer im Bauche hatte; er schüttelte ihn also in einem Tale von der Schulter ab. Das plumpste, als ob ein Sack von einem Turme fiele, und augenblicklich stand das ganze Tal unter Wasser und glich einem großen See; der Breite selbst kroch kaum aus ihm heraus.

Inzwischen war im Schloss dem Königssohne arg zu Mute. Das Morgenrot begann sich hinter den Bergen zu zeigen, und die Diener waren noch nicht zurück, und je flammender das Licht emporstieg, je größer wurde seine Bangigkeit; Todesschweiß bedeckte seine Stirn. Bald darauf erschien die Sonne im Osten wie ein dünner Feuerstreif – und da sprang die Tür plötzlich donnernd auf, und auf der Schwelle stand der Zauberer und sah rings im Zimmer umher, und als er die Königstochter nicht gewahrte, kicherte er abscheulich und trat in’s Zimmer. Doch in dem Augenblicke zersplitterte das Fenster in Stücke, und der goldene Ring fiel auf den Boden, und die Königstochter stand wieder da.

Der Scharfäugige nämlich hatte gesehen, was im Schlosse vorging, und in welcher Gefahr sein Herr sich befand, und sagte es dem Langen; der Lange machte einen Schritt, und warf den Ring durchs Fenster in das Zimmer. Der Zauberer brüllte vor Zorn, dass das Schloss erbebte, und krach! da borst sein dritter eiserner Reif und fiel ab, und der Zauberer ward ein Rabe und flog durch das zerbrochene Fenster davon.

Und da redete die schöne Jungfrau sogleich und dankte dem Königssohn, dass er sie befreit habe, und ward rot wie eine Rose. Und im Schlosse und rund um das Schloss umher belebte sich alles: Der, welcher im Saale das Schwert geschwungen hielt, hieb damit durch die Luft, dass es pfiff, und steckte es dann in die Scheide; der, welcher an der Schwelle angestoßen, fiel auf den Boden, stand aber gleich wieder auf, und fasste sich an der Nase, um zu fühlen, ob sie noch ganz sei; der, welcher am Kamin saß, steckte das Stück Braten in den Mund und aß weiter; und so tat ein jeder jedes zur Genüge ab, was er begonnen und wo er aufgehört. In den Ställen stampften und wieherten die Pferde lustig; die Bäume um das Schloss grünten wie das Immergrün, auf den Wiesen war alles voll von bunten Blumen, hoch in der Luft trillerten Lerchen und in dem schnellen Flusse schwammen Scharen kleiner Fische. Alles Leben. Alles Fröhlichkeit!

Inzwischen kamen in dem Zimmer, wo sich der Königssohn befand, viele Herren zusammen, und alle dankten ihm für ihre Befreiung. Er aber sprach: „Nicht mir habt Ihr zu danken; wären meine treuen Diener nicht gewesen, der Lange, der Breite und der Scharfäugige, so wär’ ich jetzt gleichfalls das, was Ihr gewesen.“ Und gleich darauf machte er sich auf den Heimweg zu seinem Vater, dem alten König, mit seiner Braut und seinen Dienern, dem Langen und dem Scharfäugigen, und alle die Herren begleiteten ihn. Unterwegs begegneten sie dem Breiten und nahmen ihn gleichfalls mit.

Der alte König weinte vor Freude, dass sein Sohn so glücklich gewesen; er dachte schon, dass er nicht mehr wiederkehre. Bald darauf war fröhliche Hochzeit; sie währte drei Wochen, und alle Herren, die der Königssohn befreit hatte, waren geladen. Als die Hochzeit vorüber war, zeigten der Lange, der Breite und der Scharfäugige dem jungen König an, dass sie wieder in die Welt wollten, Arbeit zu suchen. Der junge König redete ihnen zu, sie möchten bei ihm bleiben. „Ich will Euch Alles bis zu Eurem Tode geben, was Ihr bedürft; Ihr braucht nichts zu arbeiten.“ Aber ihnen gefiel solch faules Leben nicht; sie nahmen Urlaub von ihm und gingen, und bis auf den heutigen Tag tummeln sie sich wo in der Welt herum.

*******

Das Motiv mit den ‚Superhelden‘-Helfern bei den Zaubermärchen-typischen drei Aufgaben kennt man natürlich auch aus anderen Märchentraditionen, aber nicht oft sprachlich so schön erzählt und mit einem Königssohn, der den Ruhm auch brav an sie abtritt.

 
Textquelle: Westslawischer Märchenschatz. Ein Charakterbild der Böhmen, Mährer und Slowaken in ihren Märchen, Sagen, Geschichten, Volksgesängen und Spruchwörtern. Deutsch bearbeitet von Joseph Wenzig. Mit Musikbeilagen. Leipzig: Lorck 1857, S. 130-141.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s