34.2 König Iltis – ein tschechisches Tiermärchen

Ihr wisst ja, kein Land im Märchensammler ohne wenigstens 1-2 Tiermärchen oder Fabeln aus seiner Tradition. Das heutige Märchen ist von der Länge her eher ein Tiermärchen, inhaltlich aber eher eine Fabel beziehungsweise fast schon eine Parabel, die auch für die heutige Zeit zu denken gibt – ganz ohne Monarchie. Aber lest selbst…

König Iltis

Einst wurden die Frösche mit ihrer alten Verfassung unzufrieden; sie quakten und quakten so lange, bis sie endlich unter Quaken den langbeinigen Storch zu ihrem König wählten. Als dies die Hühner und Hennen sahen, wollten sie hinter den Fröschen nicht zurückbleiben; sie meinten, es wäre gut, wenn sie auch ihren König hätten. Sie hielten daher einen allgemeinen Landtag und begannen sich zu beraten. Alle waren bisher eines Sinnes gewesen. Als es aber dazu kam, wer König sein solle, begannen sie zu zanken und zu hadern; denn niemand wollte dulden, dass der andere über ihn herrsche, sondern jeder hätte selbst gern über die andern geherrscht. Es stellten sich die Hähne zum Kampfe, und hackten mit den Schnäbeln auf einander los, dass die Federn von einander stoben und ihre Kämme bluteten.

Endlich riet ihnen ein alter weiser Hahn, es wäre das Beste, wenn sie den König Iltis zu ihrem König nähmen; der sei ein gewaltiger Herr mit starken Zähnen, den jeder fürchten, und der gewiss Ruhe und Ordnung herstellen werde. Der Rat gefiel den Hähnen, und sie sandten sogleich an den Iltis, um mit ihm einen Vertrag zu schließen. Als der Iltis ihr Begehren vernommen, zeigte er sich sehr freundlich und bereitwillig; er versprach ihnen auch, sie vor dem Hühnergeier, der ihre Kinder forttrage, vor dem Marder, der ihre Eier austrinke, und vor dem Spatzen, der ihnen die Körner vor der Nase wegstehle, zu schützen, und verhieß ihnen, die schönen, großen Hähne zu seinen Kammerherren zu machen, und zu andern Würden zu erheben. Allen gefiel, was er versprach, den Hennen und den Hähnen, und so setzten sie den Iltis feierlich auf den Thron, und waren froh, dass sie einen so mächtigen und gütigen König hätten.

Es währte nicht lange, so gelüstete den Iltis nach einem Huhn. Um die Gemüter nicht gleich durch offenbare Gewalt zu erbittern, beschloss er, unter irgend einem tauglichen Vorwande ein Huhn tot zu beißen, und dessen Blut auszusaugen. Er ließ daher einen schönen fetten Hahn vor sich rufen, und fragte ihn, ob er was rieche. Der Hahn war eine gute ehrliche Haut, und sagte aufrichtig: „Verzeiht, Herr König, ich riech’ etwas, das entsetzlich stinkt.“ Es war dies der Gestank, den die Iltisse gewöhnlich verbreiteten. „Du unverschämter Wicht,“ fuhr der Iltis auf, „das wagst Du Deinem König ins Gesicht zu sagen?“ Und schnapps! biss er ihm den Kopf ab, und sog ihm das Blut aus.

Dann ließ er einen zweiten Hahn rufen, und fragte ihn gleichfalls, ob er was rieche. Der Hahn, der seines Kameraden Leib ohne Kopf daliegen und des Iltis Maul von Blut triefen sah, merkte, dass es übel mit ihm stehe. Er begann vor Angst am ganzen Leibe zu zittern, und vermochte kein Wort über die Lippen zu bringen. „Warum zitterst Du?“ fragte ihn der Iltis streng. „Mir scheint, Du hast kein gutes Gewissen. Sprich, was riechst Du?“ Der Hahn raffte alle seine Kraft zusammen, verneigte sich tief, und sagte mit feiner, süßer Stimme: „Herr König, ich riech’ etwas, das wunderlich duftet.“ – „Tückischer Verräter,“ rief der Iltis zornig, „Du willst Deine Erbärmlichkeit mit Schmeicheleien beschönigen“und schnapps! biss er ihm den Kopf ab, und sog ihm das Blut aus.

Der Iltis hatte zwar schon zur Genüge, allein das Spiel mit den Hähnen machte ihm Vergnügen; drum ließ er noch einen dritten Hahn vor sich rufen, und fragte ihn ebenfalls, was er rieche. Der aber war pfiffig; er sah zwar die zwei Leichname ohne Kopf und bemerkte Blut an des Iltis Barte, doch tat er nichts dergleichen. Er verneigte sich einige Mal nach Gebühr und erwiderte dem Iltis vorsichtig: „Verzeiht, Herr König, das Wetter ist schlecht, ich hab‘ einen furchtbaren Schnupfen.“ Der Iltis, der sah, wie klug sich der Hahn aus der Schlinge ziehe, und dem gerade nichts anderes einfiel, was er gegen ihn vorbringen könnte, lächelte huldreich, und entließ ihn in Gnaden.

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Jenseits von der ‚Moral der Geschichte‘, dass es nämlich schön blöd ist, sich einen als Herrscher auszupicken, der gar nicht die eigenen Wünsche und Bedürfnisse teilt und einen lieber auffrisst, muss ich doch feststellen – Iltisse sind echt so niedlich. Auch wenn sie ja echt arg stinken. Ähem.

P.S.: Ich hoffe, ihr seid im neuen Jahr wohlbehalten und fröhlich angekommen. 🙂

 
Textquelle: Westslawischer Märchenschatz. Ein Charakterbild der Böhmen, Mährer und Slowaken in ihren Märchen, Sagen, Geschichten, Volksgesängen und Spruchwörtern. Deutsch bearbeitet von Joseph Wenzig. Mit Musikbeilagen. Leipzig: Lorck 1857, S. 203-205.
Bildquelle: Illustration aus einem Sachbuch von Richard Lydekker (1849-1915) – nicht nur im Märchen fressen Iltisse offenbar gerne Hähne

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