34.1 Zitek, der Hexenmeister – eröffnet eine Woche tschechischer Märchen

Um die weihnachtliche Nostalgie noch ins nächste Jahr zu retten, gibt es diese Woche tschechische Märchen. Angeregt durch die wunderschönen Märchenfilme aus diesem Land, wobei es da natürlich die Tschechoslowakei war.

Den Anfang macht heute ein Märchen um einen schlitzohrigen Hofnarren und Zauberer und um einen historischen König. Lest selbst…

Zitek, der Hexenmeister

König Wenzel IV. war ein fröhlicher Herr und ein Liebhaber von Scherzen und Späßen. Er hielt an seinem Hofe auch einen gewissen Zitek, ein über die Maßen gescheites und gewandtes Männlein, dem es oblag, den König in seinen vielen Leiden, die ihm die widerspenstigen böhmischen Herren verursachten, mit seinem Witz zu erheitern; kurz, er war des Königs vielgeliebter Hofnarr. Aber Zitek verstand mehr, als Brot zu essen und Späße zu machen; er war in die geheime Kunst eingeweiht, und es ging von ihm das allgemeine Gerücht, dass er mit den Geistern verkehre. Daher fürchteten sich alle Hofleute des Königs vor ihm, und sahen ihm Manches nach, was sich ein Anderer nicht hätte erlauben dürfen. Der König aber empfand seine Lust an ihm, und hielt ihn selbst dazu an, Dem oder jenem, den er seines Vorwitzes oder eines andern leichten Vergehens wegen strafen wollte, etwas anzutun, was ihn dem Gelächter der Übrigen preisgab. Doch auch ohne Antrieb des Königs führte er oft verschiedene Späße mit den Hofleuten aus und den Gästen, die der König gern zu sich lud, da er lustige Gesellschaft liebte.

Gewöhnlich aß Zitek mit den Edelknaben und Kammerjunkern des Königs und nur auf besondere Einladung an der königlichen Tafel. Das war jedoch ein hungriges Völklein, diese Edelknaben und Junker, lebensmutige Leute mit gesunden Mägen, so dass es nicht geheuer war, mit ihnen an einem Tische zu sitzen. Und Zitek hatte auch seine Lieblingsspeisen, denen er gern zusprach, weshalb es nicht zu verwundern war, dass bei Tische eine ungewöhnliche Tätigkeit der Kinnbacken und Zähne herrschte, und wer nicht dazutat, in Gefahr kam, hungrig vom Tische aufzustehen. Zitek aber liebte über alles die Bequemlichkeit; er war ein wahrer Wohlschmecker, der guten Bissen gern mit einer Art Andacht aß, damit ihn ihr Wohlgeschmack länger vergnüge. Darum verdross ihn oft die Gier der jungen Leute, und er beschloss, sie bei einer schicklichen Gelegenheit zu strafen.

Da traf sich’s einst, dass ein wunderschöner gesulzter Hecht aufgetragen wurde, wobei unserm Zitek, dessen Leibgericht das war, das Herz im Leibe hüpfte, und der Mund wässerte. Kam die Schüssel in die Hände der esslustigen Herrlein, so war’s um sein Vergnügen geschehen. Die Schüssel ging in die Runde. Zuerst wollte der Stallmeister des Königs nehmen; doch siehe, statt mit der Hand, aus der ihm die Gabel entfiel, greift er mit einem Pferdefuße zu, worüber er nicht wenig erschrak und bleich wie die Wand wurde, während die übrigen Tischgenossen, die errieten, dass es eins von den Stücken Ziteks sei, ungeheuer über ihn lachten. Zitek fasst die Schlüssel, und reicht sie nach der Reihe seinem Nachbar, aber auch dem, als er zugreifen will, verwandelte sich die Hand in einen Huf. Da hörte das Lachen auf denn der Gesellschaft bemächtigte sich die Ahnung, es sei nicht bloß auf den Stallmeister abgesehen. Zitek reicht weiter; aber wer in die Schüssel langen wollte, hatte einen Huf statt der Hand. So ging er am ganzen Tisch herum und des Hechts wurde nicht weniger; worauf er sich bequem auf seinen Platz setzte, die Schüssel vor sich hinstellte, und sich an die Arbeit machte, ohne eher nachzulassen, als bis von dem lieben Hecht kein Bissen übrig war. Hierauf erhob er sich, wünschte den Tischgenossen ein: „Wohl bekomm’s“ und verließ den Saal. In diesem Augenblicke hatte jeder wieder seine Hand. – Als der König von dem Stückchen hörte, konnte er sich des Lachens nicht enthalten. Das junge Volk hätte sich an Zitek gern gerächt; weil es sich jedoch vor ihm fürchtete, getraute es sich nicht an ihn, denn es wusste, dass er jede Kränkung ahnde.

Wie sich Zitek zu rächen pflegte, zeigt folgendes Beispiel. Einst führte er zur Kurzweile vor dem königlichen Hofe in Gegenwart einer zahllosen Menge von Zuschauern verschiedene Stückchen auf. Bald nahm er diese, bald jene, bald eine furchtbare, bald eine lächerliche Gestalt an, fuhr in einer Nussschale, die zwei Käfer zogen, und produzierte mehr dergleichen Dinge. Endlich spannte er einen Hahn an einen dicken und langen Balken, der vor dem königlichen Palaste lag, und den kaum zehn starke Kerle in die Höhe gehoben hätten, und siehe: der Hahn warf den Kopf leicht empor, schritt aus und zog den Balken wie Nichts. Da war die Verwunderung allgemein, als sich auf einmal unter den Zuschauern eine weibliche Stimme meldet, die ruft: „Ei was, der Hahn soll einen Balken zieh’n? Seht Ihr denn nicht, dass es nur ein Strohhalm ist?“ – Die Zuschauer sehen sich nach der Person um, die spricht, und es steht ein Mägdlein da, mit einem Korb voll Heu auf dem Rücken, das die Arme in die Seiten stemmt, und sie laut auslacht, dass sie sich von dem Gaukler so verblenden ließen.

Es verhielt sich in der Tat so, denn die Hauptkunst Ziteks bestand in der Täuschung der Sinne, und das, was allen ein schwerer Balken schien, war wirklich nur ein Strohhalm, der sich bloß dem Mägdlein in seiner Wesenheit darstellte, weil es im Korbe zwischen dem Gras ein vierblättriges Kleeblatt hatte, das, wie jedermann weiß, eine besondere Zaubermacht besitzt. Das verdross Zitek, und er nahm sich vor, das Mägdlein für seine Keckheit zu bestrafen. „Nimm dich in Acht, Mägdlein,“ sprach er, „dass dir heut nichts Widerwärtiges begegne.“ Es war nach dem Gaukelspiel. Die Zuschauer gingen auseinander, und auch das Mägdlein begab sich mit seinem Gras nach Hause. Da scheint es ihm auf einmal, als schreite es im Wasser, und das wachse ihm bis an die Knöchel, ja höher bis an die Knie, so dass es das Röcklein schürzen musste und laut schrie, zum Ergötzen aller derer, die eben Augenzeugen waren. Es war kein Wasser, sondern eine ähnliche Täuschung der Sinne, wie mit dem Balken, und das Mägdlein schritt eigentlich trockenen Fußes über den Platz.

Einst saß der König mit seinen Zechgesellen zusammen, unter denen sich auch Zitek befand. Ungewöhnlich aufgeheitert forderte er Zitek auf, irgend eine Kurzweile zu veranstalten. Zitek versprach’s, ohne jedoch scheinbar eine Vorbereitung zu treffen, und das frohe Gespräch ging weiter. Plötzlich erhebt sich außen ein furchtbarer Lärm, und aus dem Gewirr verschiedener Stimmen lassen sich die Worte hören: „Es brennt, schlagt zu, schont nicht!“ Da springen die Zecher auf und stürzen zu den Fenstern, um zu sehen, was es gebe; nur der König, der seinen Hofnarren und dessen Stückchen kannte, bleibt sitzen in Erwartung der kommenden Dinge. Als die Gäste des Königs die Köpfe zu den Fenstern hinaussteckten, ward es still, in dem Hofe war keine lebende Seele zu schauen. Alles war ruhig wie früher. Sie wollten nun die Köpfe zurückziehen, doch wehe, jedem waren zwei ungeheuere Hirschhörner angewachsen, die den Rückzug wehrten. Als der König dies sah, brach er in ein lautes Gelächter aus, und ergötzte sich eine geraume Zeit an den sonderbaren Gebärden der in der Falle gefangenen Gäste, die sich trotz aller Mühe umsonst anstrengten, aus der unangenehmen Lage zu entkommen, bis der König, nachdem er sich satt gelacht, Zitek ein Zeichen gab, damit er sie aus ihrer Haft befreie.

Allein Zitek war kein bloßer Hofnarr des Königs, er erwies ihm manchmal durch seine Kunst gewichtige Dienste, wofür der König erkenntlich war und ihn in Ehren hielt. Zum Zeugnis dient Folgendes:

Vor Jahren hatte der König einigen böhmischen Herren Krongüter verpfändet, und jetzt, als er sie zurückforderte, und sie auslösen wollte, weigerten sie sich, sie zurückzuerstatten, worüber der König sich sehr erboste; doch sie beachteten den Zorn des Königs nicht, und behielten die Güter, ja sie wagten der königlichen Macht zu trotzen. In dieser Verlegenheit riet Zitek dem König, und dieser befolgte seinen Rat. Der König tat lange Zeit keine Erwähnung von der Auslösung der verpfändeten Güter, so dass es endlich schien, als hatte er die Sache vergessen, oder sie bei Seite gesetzt, und die Besitzer der Güter, die früher dem König ausgewichen, besuchten den Hof wieder wie sonst. Eines Tages lud sie der König zu einem freundschaftlichen Mahl, und sie, nichts ahnend, folgten der Einladung. Es wurde lustig getafelt, und Zitek saß mitten unter des Königs Gästen. Als aber alles in der besten Laune ist, da öffnen sich plötzlich auf ein Zeichen des Königs die Türflügel, und herein tritt im Scharlachkleid mit einem langen Schwert in der Hand, wie zum Richtgeschäft bereit, des Königs furchtbarer Schwager. Die Gäste erschreckten; sie beginnen aus vollem Halse: „Verrat!“zu schreien, und wollen sich von den Stühlen erheben und ihre Schwerter zücken. Wie wächst jedoch ihr Schrecken, als sich keiner zu rühren im Stande ist, und die Schwerter nicht aus den Scheiden mögen! Zitek hat sie alle festgebannt. Es stelle sich jeder vor, wie den Armen zu Mute gewesen sein musste, als sie sich hin und her wanden, an den Griffen der Schwerter zogen, und alles umsonst! Sie sahen den gewissen Tod vor sich. Da winkte der König seinem Schreiber, und der legte jedem der angefrornen Herren eine Schrift vor, worin die Summe für das verpfändete Gut quittiert war. „Unterschreib’, Herr Jan, und stell’ mir mein Schloss zurück!“ sprach der der König zu dem, und zu andern: „Unterschreib’, Herr Benesch, und Herr Plichta, du! Und daraus zieht die Lehre, dass man sich fremdes Gut nicht zueignen soll. Bevor Ihr nicht unterschreibt, rührt Ihr Euch nicht von der Stelle, und die Verstockten wird mein Schwager bedienen!“ – Was blieb den Herren übrig, als zu unterschreiben? Worauf sie von dem König in Frieden entlassen wurden. So gelangte der König auf leichte Art zu seinen Gütern; seit der Zeit aber feindeten ihn die Herren an, taten ihm alles zum Trotze, und nahmen ihn sogar zweimal gefangen, und setzten ihn fest.

Eines Tages ging Zitek über Feld, und kam zu einer abgemähten Wiese, die dem reichen Bäcker Mikesch gehörte, der als ein Geizhals verschrien war, und auf der das Heu in Schobern aufgehäuft lag. Da fiel es Zitek bei, einen Scherz zu machen, und er verwandelte alle Schober, deren dreißig waren, in Schweine, die er durch das nahe Städtchen an Mikeschens Haus vorbeitrieb. Mikesch stand im Haustor, und als er die beleibten Schweine vorbeitreiben sah, fragte er, ob sie zu verkaufen seien. Zitek wurde mit ihm bald einig, und Mikesch, in der Meinung, er habe wohlfeil gekauft, zahlte bereitwillig die verabredetet Summe. Beim Scheiden erteilte ihm Zitek die Warnung, er solle die Schweine nicht schwemmen, und auf sein Heu Acht haben. Mikesch aber beachtete das nicht, und trieb die Schweine noch an demselben Tage in den Bach, der bei dem Städtchen vorbeifloss. Doch wehe! Sobald die Schweine das Wasser berührten, verwandelten sie sich wieder in das, was sie früher gewesen, und in dem Bache schwamm Mikeschens Heu. Man kann sich leicht die Wut des alten Geizhalses vorstellen, der sich so um sein Geld betrogen sah, besonders als ihm gemeldet war, sein Heu sei von der Wiese verschwunden. Es war jetzt seine Sorge, wie er wieder zu seinem Gelde gelangen könnte; darum fragte er in dem ganzen Städtchen nach, wo jemand den Schweinetreiber gesehen hätte. Man wies ihn in die Schenke, wo er Zitek auch fand, der auf einer Bank lag und schlief. Mikesch wollte ihn wecken und packte ihn beim Fuße; allein wie groß war sein Entsetzen, als ihm der Fuß in der Hand blieb, der vollends ausgerenkt war. Zitek erwachte nun, erhob ein fürchterliches Geschrei, und schickte nach dem Richter, der Mikesch verhörte und zu einer ansehnlichen Geldstrafe verurteilte. Zitek aber setzte sich hierauf den Fuß wieder an, und ging wohlbehalten seines Weges. Mikesch trug nur Spott davon, und von der Zeit an heißt es von jemandem, der bei einem Kauf übel wegkommt: „Es ist ihm ergangen wie Mikesch mit den Schweinen.“

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Was sich hier schon andeutet, dass der König nämlich den schadenfrohen Humor Ziteks teilte, deutet schon auf die eigentliche Geschichte. Denn eigentlich war es wohl so, dass Wenzel IV. leicht tyrannisch wurde und dann von allen Seiten gestänkert wurde. Half wohl auch nicht, dass der König sich – pfui! – mit unstandesgemäßen, nämlich bürgerlichen Ratgebern umgab. Also zum Beispiel so einem Zitek. Da merkt man doch wieder – ist eben doch ein Funken Wahrheit in manchen Märchen, wenn auch aus spezieller Perspektive.

 
Textquelle: Westslawischer Märchenschatz. Ein Charakterbild der Böhmen, Mährer und Slowaken in ihren Märchen, Sagen, Geschichten, Volksgesängen und Spruchwörtern. Deutsch bearbeitet von Joseph Wenzig. Mit Musikbeilagen. Leipzig: Lorck 1857, S. 159-164.
Bildquelle: Twelfth-night (The King Drinks) von David Teniers, dem Jüngeren (1610-1690)

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