32.8 Sindbad der Seefahrer – 274. bis 276. Nacht oder die siebente Reise

Wir sind angekommen bei Sindbads siebter und damit letzter Reise, die ihn führt zu… Tja, lest am besten selbst…

Geschichte Sindbad des Seefahrers
(Ein Märchen aus Tausend und einer Nacht)

– Siebente und letzte Reise Sindbads –

(Rest der) Zweihundert und vierundsiebzigsten Nacht

Als ich von meiner sechsten Reise zurückkehrte, gab ich jeden Gedanken auf, mich fernerhin vom Hause zu entfernen. In einem Alter, in dem der Körper Ruhe verlangt, hatte ich mir überdies vorgenommen, den Gefahren auszuweichen, denen ich früher nur zu häufig entgegen gegangen war. Mein einziger Wunsch war, den Rest meiner Tage ruhig verleben zu können. Als ich eines Tags eine Anzahl Freunde bewirtete, benachrichtigte mich einer meiner Diener, dass ein Offizier des Khalifen mich zu sprechen wünsche. Ich trat von der Tafel ab, ging ihm entgegen und er sprach zu mir: „Der Khalif hat mir aufgetragen, dir zu sagen, dass er dich sprechen will.“ Ich folgte dem Palastdiener, der mich dem Prinzen vorstellte, zu dessen Füßen ich mich warf. „Sindbad,“ sprach er, „ich brauche dich nötig; du musst mir einen Gefallen erzeigen und meine Antwort und Geschenke dem Könige von Serendib bringen. Es ist billig, daß ich ihm die Artigkeit erwidere, die er mir erwiesen hat.“

Der Wunsch des Khalifen war mir Befehl. Ich rüstete mich daher abermals zu einer Reise, ging von Bagdad nach Bassora und fand dort ein großes Schiff, das zum Auslaufen bereit war und auf dem ich mich einschiffte. –

Schehersad hielt inne, um die folgende Nacht fortzusetzen:

Zweihundert und fünfundsiebzigste Nacht

Sindbad erzählte weiter: Als wir eine Strecke weit gefahren waren, erhob sich ein starker Sturm, der das Schiff in die größte Gefahr brachte. Wir alle beteten zu Gott dem Allmächtigen; der Schiffskapitän aber stieg auf den Mastbaum und sah sich nach allen Winden um; darauf schrie er zu den Leuten, die auf dem Schiffe waren, schlug sich am Kopf und in’s Gesicht, warf seinen Turban ab und raufte sich mit folgenden Worten seinen Bart aus: „Fleht Gott um Rettung an! Weint um euer Leben und sagt einander Lebewohl!“ Wir fragten ihn, ob die Gefahr wirklich so groß sei? Er antwortete: „Wir sind von unserm Wege abgekommen und der Wind wird uns bald an’s äußerste Ende der Welt gebracht haben.“ Er stieg dann vom Mastkorb herunter, öffnete eine Kiste und nahm einen blauen baumwollenen Beutel mit Erde gefüllt heraus. Darauf schöpfte er etwas Wasser, mischte die Erde unter dasselbe und tunkte hinein, um davon zu kosten; darauf brachte er ein Buch herbei, las darin und brach in Jammer aus, indem er sprach: „Wisset! Dieses Buch sagt etwas Wunderbares, das darauf deutet, dass, wer auf dieses Meer gerate, untergehe. Es heißt das Meer des königlichen Landes. Hier ist das Grab des Propheten Salomon, Sohn Davids, Friede sei mit ihm! Kein Schiff, das auf dieses Meer kommt, bleibt unbeschädigt.“

Wir waren sehr erstaunt über die Worte des Kapitäns. Kaum kamen wir jedoch wieder zu uns selbst, so krachte das Schiff von einem heftigen Windstoß, von dem es getroffen worden war. Zugleich schwammen zwei ungeheure Fische, groß wie Berge, auf uns zu und folgten dem Laufe unsers Schiffs. Kurz darauf hob ein starker Sturmwind das Schiff in die Höhe und schmetterte es im Herunterfallen gegen den Kopf eines Fisches, so daß wir alle in’s Meer sanken. Aber der erhabene Gott ließ uns ein großes Brett ergreifen, woran wir uns klammerten. Wind und Welle warfen uns damit an das Ufer einer Insel. Todeskrank von Hunger, Kälte, Durst, Müdigkeit und Wachen kamen wir daselbst an. Ich machte mir Vorwürfe über das, was ich getan, und sagte zu mir: Alle deine Erfahrungen waren unnütz, stets rennst du von Neuem in dein Unglück. Der einzige Trost war mir, dass ich diesmal dem Befehle des großmächtigen Khalifen, den der Allmächtige segnen möge, gefolgt war. Ich weinte, hatte ein betrübtes Herz und ging mit zerknirschtem Gemüte am Meeresufer umher, indem ich mir die Verse des Dichters in’s Gedächtnis zurück rief: „Wenn du im Unglück bist, so vertraue Gott und er wird dir helfen. Habe Geduld; was dunkel war, wird hell werden, und der den Knoten geknüpft hat, wird ihn vielleicht auch wieder lösen.“

So irrte ich lange am Meeresufer umher, aß von den Pflanzen der Erde und trank das Wasser der Quellen. Als ich so längere Zeit in Jammer und vielfacher Not gelebt hatte, fiel es mir ein, wieder einen kleinen Nachen zu bauen und darauf das Meer zu befahren. Ich wollte auf eine oder die andere Weise meiner peinlichen Lage eine Ende machen, mich retten oder sterben. Ich sammelte mir dann Holz und Bretter von den gestrandeten Schiffen, zerriss mein Kleid und flocht einen Strick daraus, womit ich die Bretter und das Holz fest zusammenband, dann ließ ich den Nachen in’s Meer und ruderte denselben drei Tage lang, ohne zu essen oder zu trinken.

Am vierten Tage kam ich an einen hohen Berg, von dem herab Wasser in die Erde floss. Ich hielt hier an und sagte zu mir: Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Gott, dem Erhabenen! Wärest du doch zu Hause geblieben und hättest Datteln und andere Leckerbissen gegessen. Hier jedoch musst du umkommen! Unvermerkt geriet ich in den Strom, der unter der Erde durchfloss. Ich legte mich in den Nachen; doch war dessen Raum so eng, dass ich oft Seiten und Rücken an den Bergwänden aufstieß. Nach einiger Zeit kam ich mit Gottes Hilfe wieder unter dem Berge hervor in ein weites Tal, in das hinab sich das Wasser mit einem donnerähnlichen Geräusch ergoss. Ich hielt mich mit der Hand an dem Nachen fest, mit dem die Wellen rechts und links spielten. Ich fürchtete mich sehr, in’s Wasser zu fallen, und vergaß darüber Essen und Trinken; indessen schwamm der Nachen, von der Strömung pfeilschnell getrieben, bis mich die Bestimmung nach einer volkreichen Stadt von großem Umfang brachte. Da ich außer Stand war, den Nachen anzuhalten, so warfen mir die Leute der Stadt, als sie mich sahen, Stricke zu, die ich jedoch nicht fassen konnte, bis sie zuletzt ein großes Netz über den ganzen Nachen zogen und mich damit an’s Land brachten. Ich war nackt und abgehärmt wie ein Toter, vor Hunger und Durst, Wachen und Anstrengung.

Da kam ein Mann auf mich zu, warf ein hübsches Kleid um mich und nahm mich mit sich nach Hause, wo er mich in ein Bad führte. Alle seine Leute bewillkommneten mich freudig, hießen mich sitzen und brachten mir zu essen. Ich aß, bis ich satt war, denn ich war sehr hungrig. Dann brachten mir Knaben und Sklavinnen warmes Wasser, womit ich mir die Hände wusch. Hierauf dankte ich dem großen Gott, der mich gerettet. Auch wurde mir ein besonderer Ort an der Seite des Hauses angewiesen, woselbst ich von Sklaven und Sklavinnen bedient wurde. So blieb ich drei Tage lang, am vierten Tage kam der Alte und sagte: „Herr, du bist uns willkommen, und das Jahr ist durch deine glückliche Ankunft gesegnet. Meine Antwort war: „Gott erhalte dich und belohne dich für das, was du an mir tust!“ Er jedoch sagte zu mir: „Wisse, mein Herr! Während du hier als Gast weiltest, habe ich durch meine Diener deine Waren an’s Land bringen und inzwischen trocknen lassen. Willst du nun mit mir auf den Markt gehen und sehen, wie sie verkauft werden?“ Ich wusste nicht, was ich dazu sagen sollte, da ich keine Waren mitgebracht hatte. Ich sagte ihm dann: „Mein Vater! Du weißt das besser.“ Er versetzte: „Das ist deine Sache, lass uns gehen!“ Ich gehorchte. –

Schehersad schloss die Erzählung, um in der folgenden Nacht fortzufahren:

Zweihundert und sechsundsiebzigste Nacht

Sindbad erzählte weiter: Auf dem Markt grüßten und bewillkommneten mich alle anwesende Handelsleute und wünschten mir Glück zu meiner Rettung. Zugleich fand ich, dass unter den Waren, wovon der Alte gesprochen hatte, die Balken und die Bretter verstanden waren, die mir hierher geholfen hatten. Die Handelsleute boten stark darauf, ja einer von ihnen bis auf zehntausend Dinar. Mein Freund sagte mir sogar, wenn du willst, so gebe ich dir hundert Dinar mehr. Ich antwortete: „Herr! Deine Wohltaten sind so groß, dass ich ohnehin des Dankes nicht genug weiß.“ Als ich nach Hause mit ihm ging, sandte er mir sogleich die zehntausend einhundert Dinar.

Nach Verlauf einiger Zeit, während welcher er stets auf’s gastfreundlichste gegen mich bandelte und mich nicht ziehen lassen wollte, nahte er sich eines Tags mir mit den Worten: „Ich will dir einen Vorschlag machen, willst du ihn annehmen?“ „Lass hören,“ war meine Antwort. „Wisse,“ fuhr er fort, „ich bin ein alter Mann, habe keinen Sohn, wohl aber eine junge liebenswürdige Tochter von schönem Gesichte und hübschem Wuchse. Ich wünsche, daß du sie heiratest, bei mir bleibest und mein Sohn werdest; ich übergebe dir mein ganzes Vermögen.“ Ich schwieg; denn so viel Güte beschämte mich. Er aber fuhr fort: „Tue, wie du willst, ich werde für dich sorgen, auch wenn du meine Tochter nicht heiratest, und dich zu einer Rückreise in dein Vaterland ausstatten. Unser Land,“ fügte er hinzu, „ist die Grenze des bewohnten Landes, hinter uns beginnt der vierte Weltteil, der unbewohnt ist.“ Auf alles dies konnte ich bloß erwidern: „Tue, Herr, mit deinem Knechte, wie du willst.“ Er ließ hierauf den Kadhi und Zeugen rufen und verheiratete mich mit seiner Tochter, indem er ein großes Fest veranstaltete und mich ihr zuführte. Ich fand sie, wie er gesagt hatte, wunderschön, liebenswürdig und schlank gewachsen wie eine Gazelle. Sie hatte einen reichen Schmuck an Ketten, Juwelen und goldenen Ringen; die waren wohl tausend Dinar wert. Den Wert ihrer Kleider aber konnte niemand schätzen. Ich lebte eine Zeitlang mit ihr; ihr Vater hatte mich zum Herrn aller seiner Güter gemacht und ich war wie ein Eingeborner der Stadt.

Während ich alle Ursache hatte, mit meinem Schicksale zufrieden zu sein, änderte sich mit einem Male alles. Ich entdeckte nämlich, wie bei jedem Neumonde den Leuten Flügel wuchsen und ihre ganze Gestalt sich veränderte und die der Vögel annahm; sie flogen gen Himmel und nur die Kinder blieben zu Hause. Als nun wieder einmal Neumond war und die Leute ihre Gestalt veränderten, hing ich mich an einen fest und sagte: „Bei Gott, du musst mich mitnehmen.“ Er drehte sich herum und sagte mir: „Dies ist unmöglich.““ Mit vieler Mühe brachte ich es endlich dahin, dass er mich auf den Rücken nahm, mit mir so hoch in die Luft flog, dass ich hören konnte, wie die Engel Gott preisen. Alles, was ich sagen konnte, war: „Gelobt und gepriesen sei Gott!“ Aber kaum hatte ich diese Worte gesagt, da fiel ein starkes Feuer vom Himmel auf sie, das sie fast verbrannte, sie entflohen sämtlich und derjenige, der mich trug, warf mich auf den Gipfel eines hohen Berges. Sie waren Alle ganz mutlos, schalten auf mich, gingen fort und ließen mich allein. Ich bereute, was ich mir selbst getan, und sagte: „Es gibt keinen Schutz und keine Macht, außer bei Gott, dem Erhabenen! So oft mir Gott gnädig ist und mich aus einer schlimmen Lage befreit, stürze ich mich in eine andere; ich machte mir Vorwürfe, etwas unternommen zu haben, das über meine Kräfte war. Ich ging an den Seiten des Bergs herum, ohne zu wissen, wohin?“

Da begegneten mir zwei Jünglinge; jeder von ihnen hatte einen goldenen Stock in der Hand; ich ging auf sie zu, grüßte sie und sie bewillkommneten mich. Dann sagte ich ihnen: „Ich beschwöre euch bei Gott, wer seid ihr?“ Sie antworteten: „Wir sind Einsiedler, die auf diesem Berge wohnen und Gott anbeten; sie gaben mir auch einen Stock, wie sie einen hatten, gingen ihres Weges und ließen mich allein. Da kam auf einmal eine große Schlange aus dem Berge hervor und trug im Rachen einen Mann, der nur noch mit dem Kopfe heraussah. Der Mann schrie: „Wer von dieser Schlange mich befreit, den wird Gott vor jedem Unheil bewahren.“ Ich schlug die Schlange mit dem goldenen Stocke, den mir die Jünglinge gegeben hatten, und sie spie den Mann aus; ich schlug sie dann noch einmal und sie entfloh. Da kam der Mann und sagte mir: „Weil du mich so tapfer gerettet hast, so will ich dein Gefährte werden und dir beistehen.“ Ich hieß ihn willkommen und ging eine Weile mit ihm auf dem Berge umher.

Da nahte sich uns eine Menge Menschen, und siehe da, der Mann, der mich auf dem Nacken getragen hatte, war unter ihnen. Ich grüßte ihn und sagte: „Ist es so, dass Brüder gegen einander verfahren?“ Der Mann antwortete: „Freund! Du hättest uns beinahe in’s Verderben gestürzt, dadurch, dass du den Namen Gottes erwähntest.“ Endlich gelang es mir wieder, ihn zu bewegen, mich auf seinen Rücken zu nehmen, jedoch musste ich die Bedingung eingehen, den Namen Gottes nicht mehr auszusprechen. Ich gab hierauf den goldenen Stock dem Mann, den ich von der Schlange befreit hatte, und nahm Abschied von ihm. Ich kam kurz darauf auf dem Rücken meines neuen Landsmanns zu Hause an, wo ich alles wohl traf und wo sich jedermann meiner glücklichen Rückkehr freute.

Meine Frau äußerte den Wunsch, in meine Heimat zu ziehen, dem ich auch gerne willfahrte. Bald darauf traf ich zu Schiffe in Bassora ein, wobei uns der Segen Gottes durch eine äußerst glückliche Fahrt sichtbar unterstützte. In Bassora hielt ich mich nicht lange auf, sondern ging schnell nach Bagdad, der Friedensstadt. Gelobt sei Gott! der mich von meiner letzten Reise bei meinen Freunden, worunter auch du, Sindbad der Lastträger, gehörst, eingehen ließ. Harun arraschid, der Großmächtige, hatte von meiner Ankunft und meinem Schicksal gehört und ließ mir bedeuten, dass er daran Antheil nehme. Das ist der Schluss der Erzählung Sindbads.

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Also entweder müsste ich mich jetzt besser auskennen im Islam, oder Herr Weil hat hier ein bisserl rumgefuscht. Denn Engelbeschreibungen (auch im Bild), aber dann nicht der Name Gottes? Hä? Hilfe?

 
Textquelle: Tausend und eine Nacht. Arabische Erzählungen. Zum Erstenmale aus dem arabischen Urtext treu übersetzt von Dr. Gustav Weil. Mit 2000 Bildern und Vignetten von F. Groß. Zweiter Band. Pforzheim: Dennig, Finck & Co. 1839, S. 113-120.
Bildquelle: Originalillustrationen des Bandes

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