32.6 Sindbad der Seefahrer – 268. bis 271. Nacht oder die fünfte Reise

Auf seiner heutigen Reise begegnet Sindbad nochmal dem Vogel Roch samt Frau und Kind (letzterem nur kurz) und einem rüstigen alten Herren. Aber lest selbst…

Geschichte Sindbad des Seefahrers
(Ein Märchen aus Tausend und einer Nacht)

– Fünfte Reise Sindbads –

(Rest der) Zweihundert und achtundsechzigsten Nacht

Die Genüsse übten noch nicht solche Gewalt auf mich aus, dass ich nicht schnell die ausgestandenen Leiden und Strapazen vergessen hätte. Noch immer reizte mich der Trieb, fremde Länder zu sehen; ich kaufte daher Waren, ließ sie einpacken, auf Wägen laden und reiste damit in einen Seehafen ab. Um nicht von einem Schiffskapitän abhängig zu sein und um selbst über ein Schiff befehlen zu können, ließ ich eines nach meiner Angabe bauen und ausrüsten. Als es vollendet war, wurde es beladen; ich schiffte mich darauf ein und nahm, da noch Raum darin war, Handelsleute verschiedener Nationen mit ihren Waren auf.

Mit gutem Winde stachen wir in die See und waren bald weit vom Lande. Nach einer langen Reise war der erste feste Punkt, dem wir uns näherten, eine verlassene Insel, wo wir ein Ei des Vogels Roch von gleicher Größe, wie ich es auf meiner frühern Reise gesehen hatte, fanden. Das Junge war gerade im Begriff herauszuschlüpfen und sein Schnabel war schon sichtbar.

Schehersad hielt inne und fuhr die folgende Nacht weiter:

Zweihundert und neunundsechzigste Nacht

Sindbad, der Seemann, erzählte die Abenteuer seiner fünften Reise weiter, wie folgt: Die Handelsleute, die sich mit mir eingeschifft hatten und auch mit mir an’s Land gestiegen waren, schlugen mit Äxten auf das Ei los und brachten darin eine Öffnung an, aus der sie das Junge des Vogels Roch in Stücken herausnahmen. Sie brieten es hierauf, trotz meiner Warnung, das Ei nicht anzurühren. Kaum hatten sie ihre Mahlzeit geendigt, als nicht weit über uns zwei große Gegenstände wie dicke Wolken sichtbar wurden. Der Schiffskapitän, den ich angestellt hatte, wusste schon aus Erfahrung, was sie bedeuteten; er rief uns daher zu, dass es Vater und Mutter des kleinen Roch seien, und forderte uns auf, uns so schnell als möglich einzuschiffen, um dem uns drohenden Unglück so viel als möglich auszuweichen. Wir befolgten eilig seinen Rat und segelten ab.

Die zwei Vögel kamen indessen dem Orte, wo das Ei gelegen, immer näher und schrien furchtbar, als sie sahen, in welchem Zustande ihr Ei und dass ihr Junges nicht mehr darin war. Um sich zu rächen, flogen sie schnell wieder dahin zurück, woher sie gekommen waren, während wir alle unsere Kräfte anstrengten, um uns zu entfernen und dem auszuweichen, was uns drohte. Der Vogel kam bald mit seinem Weibchen zurück und wir bemerkten, dass jeder zwischen seinen Krallen ein Felsenstück von ungeheurer Größe hielt. Als sie gerade über unserm Schiffe waren, hielten sie sich einige Augenblicke in gleicher Entfernung über uns in der Luft. Der eine Vogel ließ hierauf das Felsenstück, das er hielt, über uns herabfallen; der Steuermann konnte jedoch noch schnell genug dem Schiffe eine andere Wendung geben, wodurch es in’s Meer fiel und dasselbe bis auf den Grund aufwühlte. Der andere ließ zu unserm Unglück die Felsenmasse so mitten auf unser Schiff fallen, dass es zerschmettert ward und in tausend Stücke barst. Die Matrosen und Reisenden wurden entweder vom Schlage getroffen oder ertranken; ich selbst kam unter Wasser, glücklicherweise jedoch wieder auf die Oberfläche und konnte mich an einem Stücke der Schiffstrümmer halten. Indem ich mich so abwechselnd mit der Hand hielt, ohne das Stück Holz, auf dem ich mich befand, fahren zu lassen, wurde ich endlich mit günstigem Winde und guter Strömung gegen eine Insel getrieben, deren Ufer sehr steil waren. Ich überwand jedoch diese Schwierigkeit und rettete mich an’s Land.

Ich setzte mich auf’s Gras nieder, um ein wenig auszuruhen; trübe Gedanken stiegen wieder in mir auf, als ich mich abermals in eine bedenkliche Lage versetzt sah. Ich sagte zu mir: Wärest du zu Hause bei den lieben Deinigen im Glücke und der Freude geblieben, statt als Abenteurer abermals dein Glück zu versuchen! Da mir der Allmächtige schon so oft sichtbar beigestanden war, so fasste ich wieder Mut, stand auf und ging am Ufer herum, um zu sehen, wo ich mich befand. Es schien mir, dass die ganze Gegend ein Garten sei; überall sah ich Bäume, die einen mit grünen Früchten beladen, die andern mit Blüten, und Bäche von süßem und klarem Wasser, die sich reizend dahin schlängelten. Ich aß von diesen Früchten, fand sie ausgezeichnet und trank das Wasser, das gleichfalls gut war. Als die Nacht kam, legte ich mich auf’s Gras an einem ziemlich bequemen Ort; ich konnte jedoch nicht lange schlafen, denn mich verfolgte die Angst, allein an einem so verlassenen Orte zu sein. Ich ging abermals mit dem Vorsatze um, mir das Leben zu nehmen; als aber der Tag mit seinem Lichte kam, so war meine Verzweiflung schnell gemildert. Ich stand auf und ging, nicht ohne Furcht, unter den Bäumen herum.

Als ich ein wenig auf der Insel vordrang, bemerkte ich einen Greis, der mir ganz erschöpft schien und am Ufer eines Büchleins saß. Mein erster Gedanke war, dass er gleich mir Schiffbruch gelitten haben müsse. Ich näherte mich ihm und grüßte ihn, was er mir bloß mit einem leichten Nicken des Kopfes erwiderte. Alsdann fragte ich, was er da tue, worauf er mir statt einer Antwort durch Zeichen zu verstehen gab, dass ich ihn auf meinen Schultern über das Bächlein tragen solle, indem er zugleich andeutete, dass er jenseits Blumen pflücken wolle.

Anfangs schien es mir, dass sein Zustand wirklich diese Hilfe nötig mache; ich nahm ihn daher auf meinen Rücken und trug ihn durch das Bächlein. Als wir jenseits ankamen, neigte ich mich, damit er bequem absteigen könne, und sprach zu ihm: „Steiget herab.“ Statt dies zu tun (es macht mich noch heute lachen), schlug der Greis, der mir so schwach geschienen hatte, sanft seine beiden Beine, deren Haut der einer Kuh glich, um meinen Nacken und setzte sich so fest auf meine Schultern, indem er meine Kehle fest umspannte, als wolle er mich erdrosseln. Die Todesangst befiel mich und ich fiel ohnmächtig nieder. –

Schehersad schwieg bei diesen Worten und setzte die Erzählung die folgende Nacht fort.

Zweihundert und siebzigste Nacht

Sindbad fuhr fort: Der lästige Greis kümmerte sich wenig um meine Ohnmacht und blieb dennoch an meinem Halse hängen; er machte mir bloß etwas wenig Luft, um mich wieder zu mir selbst kommen zu lassen. Als ich wieder zu atmen anfing, drückte er mir einen seiner Füße stark gegen den Unterleib und stieß mich mit dem andern heftig an die Seite, so dass ich mich aufzustehen beeilte. Als ich wieder aufrecht stand, ließ er mich unter die Bäume gehen und zwang mich, deren Früchte zu pflücken und zu essen, so viel mir nur möglich war; weder Tag noch Nacht verließ er seinen Sitz, und wenn ich mich ausruhen wollte, so legte er sich mit mir zur Erde nieder, stets die Beine um meinen Nacken geschlagen. Jeden Morgen stieß er mich heftig an, um mich aufzuwecken; darauf ging es mit mir vorwärts, indem er die Schenkel stark gegen mich drückte. Stellt euch, meine Freunde! die Pein vor, die ich in einer solchen Lage empfinden musste, ohne alle Hoffnung, sie verändern zu können.

Eines Tags fand ich auf meinem Wege mehrere trockne Kürbisse, die von einem Baume, auf dem sie wuchsen, gefallen waren; ich nahm einen der größten, höhlte ihn schön aus und drückte den Saft mehrerer Traubenbeeren, die auf der Insel sehr heimisch waren, hinein. Als ich den Kürbis angefüllt hatte, legte ich ihn an einen Ort, wohin ich einige Tage darauf den Greis geschickt zu führen wusste. Dort nahm ich den Kürbis, trank daraus und fand einen ganz ausgezeichneten Wein, der mich auf einige Zeit alle meine Leiden vergessen machte und mir wieder Kraft gab. Ich wurde dadurch so erheitert, dass ich im Gehen Sprünge machte und zu singen anfing.

Als der Greis die Wirkung merkte, die das Getränk auf mich gemacht hatte, und ich sein Gewicht weniger zu empfinden schien, gab er mir zu verstehen, dass er auch davon trinken wolle; ich reichte ihm daher den Kürbis hin, den er ergriff und, da ihm das Getränke sehr mundete, bis auf den letzten Tropfen leerte. Es war genug darin enthalten, um ihn zu berauschen; diese Wirkung blieb auch nicht aus und er fing bald an zu singen und auf meinen Schultern sich vor Lust zu schütteln. Die Stöße, die er mir gab, erschütterten jedoch seinen Magen so, dass er sich erbrechen musste. Nach und nach gaben auch seine Schenkel nach, was ich schnell zu benützen entschlossen war. Blitzschnell warf ich ihn zur Erde, wo er, ohne sich zu rühren, liegen blieb und ich ihn mit einem großen Steine totschlug.

Groß war meine Freude, als ich auf diese Weise von dem schändlichen Alten befreit war. Ich ging schnell auf die Meeresküste zu, wo ich Schiffsleute fand, die so eben an’s Land gekommen waren, um Wasser einzunehmen und Erfrischungen zu suchen. Sie waren sehr erstaunt, mich zu sehen, und noch mehr, als sie meine Geschichte hörten. Sie sprachen: „Wünsche dir Glück, den Händen des Greises entronnen zu sein, der noch alle diejenigen, die in seine Hände fielen, erdrosselt hat. Er hat noch niemals diejenigen, deren er sich bemächtigt hatte, frei gegeben, ohne sie vorher erstickt zu haben, und diese Insel wird allgemein gemieden, weil sie durch so viele seiner Mordtaten bezeichnet ist. Die Matrosen und Handelsleute, die zufällig sich derselben nähern, wagen es nie, in kleiner Anzahl und unbewaffnet zu landen, da sie sonst bald einen der Ihrigen in seinen Händen sehen würden.“ Mit allgemeinem Beifall wurde die Nachricht aufgenommen, dass der Schändliche tot sei.

Sie nahmen mich darauf auf das Schiff mit und der Kapitän machte sich ein Vergnügen daraus, mich aufzunehmen, als er meine Geschichte gehört hatte. Der Wind blies in die Segel, und nach einer Reise von wenigen Tagen landeten wir im Hafen einer großen Stadt, deren Häuser mit schönen Steinen erbaut waren.

Einer der Handelsleute, die auf dem Schiffe waren, hatte mir viele Freundschaft bewiesen, veranlasste mich, ihn zu begleiten und führte mich in eine große Wohnung, die für fremde Reisende zum Aufenthaltsort angewiesen war. Er gab mir einen großen Sack, empfahl darauf einigen Bewohnern der Stadt, mich zum Einsammeln von Kokosnüssen mitzunehmen. „Gehe hin,“ hieß er mich, „und tue, was du sie tun siehst, und entferne dich nicht von ihnen, sonst wäre dein Leben in Gefahr.“ Zu den Leuten aber sagte er: „Dieser Mann ist arm und fremd, er war Handelsmann, als das Schiff, worauf er sich befand, unterging; nun ist er von allem entblößt und kennt kein Handwerk; lehrt ihn euer Tun, vielleicht kann er etwas gewinnen und damit in sein Land zurückkehren.“ Als er mich so empfohlen hatte, bewillkommneten sie mich und sagten: „Bei unserm Haupte und unsern Augen! dein Freund soll uns willkommen sein.“ Ich erhielt noch Lebensmittel für den ganzen Tag und ging mit den Leuten von dannen.

Wir kamen zuerst in einen großen Wald, worin sich sehr hohe und ganz gerade Bäume befanden, deren Stämme so glatt waren, dass es unmöglich war, daran hinauf zu klettern, um die Frucht zu erreichen. Es waren lauter Kokosnussbäume, deren Früchte wir abschlagen und damit unsere Säcke anfüllen wollten. Beim Betreten des Waldes sahen wir eine bedeutende Anzahl kleine und große Affen, die die Flucht ergriffen, sobald sie uns bemerkten, und mit erstaunlicher Gewandtheit die Gipfel der Bäume erstiegen. –

Schehersad wollte fortfahren, aber der Tag brach an und hinderte sie. Die darauf folgende Nacht fuhr sie fort:

Zweihundert und einundsiebzigste Nacht

Die Handelsleute, mit denen ich war, erzählte Sindbad weiter, griffen Steine auf und warfen die Affen auf den Bäumen mit aller Gewalt. Ich folgte ihrem Beispiel und sah bald, dass die Affen unsere Absicht errieten; denn sie brachen die Nüsse eilig von den Bäumen und warfen sie uns zu mit Grimassen, die von Zorn und Erbitterung zeugten. Wir sammelten sie und begnügten uns dann bloß noch von Zeit zu Zeit Steine aufzuheben, mit denen wir den Affen drohten. Durch diese List füllten wir unsere Säcke mit Nüssen an, die wir außerdem uns unmöglich hätten verschaffen können.

Als wir unsere Säcke gefüllt hatten, kehrten wir in die Stadt zurück, wo der Handelsmann, der mich in den Wald gesandt hatte, mir den Wert der Nüsse bezahlte, die ich mitbrachte. „Fahre jeden Tag fort,“ waren seine Worte, „zu sammeln, und du wirst dir Geld erwerben, womit du in dein Vaterland zurückkehren kannst.“ Ich dankte ihm für den guten Rat, den er mir gab, und sammelte nach und nach und ohne große Mühe, so dass ich mir binnen kurzem eine bedeutende Summe erworben hatte.

Das Schiff, worauf ich angekommen war, war von Handelsleuten mit Kokosnüssen befrachtet gewesen, die sie gekauft hatten. Ich erwartete ein zweites, das auch bald im Hafen ankam, um gleichfalls eine Ladung einzunehmen. Ich ließ alle Kokosnüsse, die mir gehörten, darauf bringen und nahm, als dies geschehen war, von dem Handelsmanne Abschied, der mir so viele Gefälligkeiten erzeigt hatte. Leider konnte sich dieser edle Mann nicht mit mir einschiffen, da seine Geschäfte noch nicht beendigt waren.

Wir gingen unter Segel und nahmen unsere Richtung nach der Insel, wo der Pfeffer in Menge wächst. Von da kamen wir nach der Insel Comar, die die schönsten Aloebäume trägt und deren Bewohner es sich zum strengsten Gesetz gemacht haben, keinen Wein zu trinken und keine unsittlichen Häuser zu dulden. Ich tauschte auf diesen beiden Inseln meine Kokosnüsse gegen Pfeffer und Aloeholz aus und begab mich mit andern Handelsleuten auf das Perlensammeln, indem ich mir eigene Taucher hielt, die mir eine ziemliche Anzahl große und sehr schöne Perlen brachten. Freudig begab ich mich damit auf ein Schiff, das so eben glücklich von Bassora angekommen war; von da ging es nach Bagdad, woselbst ich den mitgebrachten Vorrat von Pfeffer, Aloeholz und Perlen verkaufte und mir vieles Geld erwarb. Den zehnten Teil meines Gewinns gab ich den Armen, gerade wie auf meiner Rückkehr von den übrigen Reisen, und suchte mich in allen möglichen Zerstreuungen von den ausgestandenen Mühseligkeiten zu erholen. –

Sindbad hieß hierauf dem Lastträger hundert Zechinen geben, worauf sich derselbe mit den andern Gästen zurückzog. Tags darauf fand sich dieselbe Gesellschaft bei dem reichen Sindbad zusammen, der sie, wie den vorhergehenden Tag, speisen ließ, sich Gehör erbat und die Abenteuer seiner sechsten Reise, wie folgt, erzählte: –

*******

Also liegt es nur an mir oder ist Sindbad nicht wirklich ein Sympathieträger? Jedes Schiff, was mit ihm von zu hause aufbricht, säuft ab. Und warum hatte der den Alten totschlagen müssen? Ich meine, er hätte ihn ja nur nicht wieder tragen brauchen – wie auch sonst keiner, wenn alle Bescheid wissen? Mann, Mann… Und hat der Opa ein Nickerchen gehalten, wenn Sindbad mit dem Kürbis?

Spannend allerdings, dass Sindbad als Reittier des alten Herrn splitternackt ist, während der erst nur halbnackt ist, bevor er auch nackt ist. Denn im Text steht davon ja nix. Und zumindest im europäischen Mittelalter bis in die Frühe Neuzeit galt Nacktheit als Zeichen der Unizivilisiertheit. Wenn also in deutschen Illustrationen der Held Sindbad so nackig wie der im Text als unizivilisierter… Hmm.

 
Textquelle: Tausend und eine Nacht. Arabische Erzählungen. Zum Erstenmale aus dem arabischen Urtext treu übersetzt von Dr. Gustav Weil. Mit 2000 Bildern und Vignetten von F. Groß. Zweiter Band. Pforzheim: Dennig, Finck & Co. 1839, S. 94-102.
Bildquelle: Originalillustrationen des Bandes

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