32.5 Sindbad der Seefahrer – 264. bis 268. Nacht oder die vierte Reise

Auf seiner vierten Reise begegnet Sindbad Menschenfressern und Menschenopferern und opfert dann selber ein bißchen. Aber lest selbst…

Geschichte Sindbad des Seefahrers
(Ein Märchen aus Tausend und einer Nacht)

– Vierte Reise Sindbads –

(Rest der) Zweihundert und vierundsechszigste Nacht

Das Vergnügen und die Genüsse, die ich im Stande war, mir zu verschaffen, konnten keinen solchen Reiz für mich haben, dass ich nicht den Wunsch hatte, ferner zu reisen. Ich ließ mich nochmals zum Handel verleiten; auch stachelte mich die Begierde, neue Dinge zu sehen. Meine Geschäfte waren bald in Ordnung und ich reiste mit einer Masse Waren ab, die ich in den Ländern, wohin die Reise gehen sollte, abzusetzen hoffen konnte. Vorerst bereiste ich mehrere Gegenden Persiens und kam an einem Seehafen an, wo ich mich einschiffte.

Wir gingen unter Segel und hatten schon mehrere Häfen des festen Landes und der östlichen Inseln berührt, als wir eines Tags bei einer bisher außerordentlich günstigen Fahrt von einem Windstoße getroffen wurden, der den Kapitän zwang, die Segel einzuziehen und die nötigen Befehle zu geben, damit die Gefahr vermieden würde, von der wir bedroht waren. Alle unsere Bemühungen waren jedoch überflüssig; — der Sturm war übermächtig, zerriss unsere Segel in tausend Stücke, warf das Schiff, das nicht mehr gesteuert werden konnte, gegen eine Klippe und zerschmetterte es dergestalt, dass eine große Anzahl Handelsleute und Matrosen ertrank und die Ladung zu Grunde ging.

Schehersad schloß für heute und fuhr die folgende Nacht also fort.

Zweihundert und fünfundsechzigste Nacht

Sindbad erzählte weiter: Ich und einige andere Handelsleute hatten das Glück, uns an einem Brette festhalten zu können, und wurden durch die Strömung gegen eine Insel getrieben, die nicht fern von uns lag. Wir fanden daselbst Früchte und eine Quelle, die uns unsere Kräfte stärken halfen. Die Nacht über ruhten wir daselbst an dem Orte aus, wohin uns das Meer geworfen hatte, ohne uns entschließen zu können, was wir nunmehr tun sollten, so hatte uns das Gefühl der schlimmen Lage, in der wir uns befanden, betäubt.

Den darauf folgenden Tag entfernten wir uns mit dem ersten Strahl der Sonne vom Ufer, drangen auf der Insel vor und bemerkten Wohnungen, denen wir uns näherten. Sogleich kamen Schwarze in großer Zahl aus den Hütten uns entgegen. Sie umgaben und ergriffen uns, verteilten uns unter sich, worauf sie uns dann in ihre Häuser führten. Wir wurden, fünf meiner Begleiter und ich, an einen Ort geführt; man hieß uns niedersitzen und trug uns ein gewisses Kraut auf, indem man uns zu verstehen gab, dass wir davon essen sollten. Meine Kameraden, an denen der Hunger gezehrt hatte, aßen davon, ohne zu bemerken, dass diejenigen, die die Speisen auftrugen, dieselben nicht berührten. Ich ahnte eine Schändlichkeit und wollte daher durchaus nicht einmal davon kosten; dies war mein Glück, denn kurz darauf bemerkte ich, dass meine Kameraden den Verstand verloren hatten und dass sie, wenn sie mit mir sprachen, nicht wussten, was sie redeten. Man reichte uns darauf Reis, der mit Kokosnussöl zubereitet war; meine Kameraden, die schon von Sinnen waren, aßen auch hiervon. Ich aß gleichfalls davon, aber sehr wenig. Die Schwarzen hatten uns jenes Kraut zuerst zum Essen auftragen lassen, um unsern Verstand zu verwirren und uns das traurige Bewusstsein unsrer Lage zu nehmen; den Reis gaben sie uns, um uns fett zu machen. Da sie Menschenfresser waren, war es ihre Absicht, uns zu verzehren, wenn wir fett geworden sein würden. Dies geschah meinen Kameraden, die das ihnen bevorstehende Schicksal nicht ahnten, weil sie ihren Verstand verloren hatten. Da ich den meinigen noch besaß, so könnet ihr euch wohl denken, meine Freunde! dass ich, statt fett zu werden, nur noch magerer ward. Die Todesfurcht, die mich unaufhörlich ängstigte, machte alle Nahrung, die ich zu mir nahm, zu Gift. Ich zehrte sichtbar ab, und dies war mein Glück; denn die Schwarzen bemerkten meinen krankhaften Zustand und ließen mich leben, nachdem sie meine Kameraden ermordet und verzehrt hatten. So wurde ich auf später aufgespart.

Man ließ mich schließlich frei und ungehindert tun, was ich wollte. Auf diese Weise konnte ich mich eines Tags von den Wohnungen der Schwarzen entfernen und mich retten. Ein Greis bemerkte mich, ahnte, dass ich irgend einen Entschluss ausführen wolle, und rief mir zu, ich solle umkehren; statt ihm aber zu gehorchen, ging ich desto schneller und hatte ihn bald aus den Augen verloren. Der Greis war übrigens allein in den Wohnungen zurückgeblieben; alle andere Schwarzen hatten sich entfernt und sollten erst gegen Abend zurückkommen, wie sie es gewöhnlich taten. Ich konnte daher gewiss sein, dass sie nicht im Stande wären, mich einzuholen, wenn sie meine Flucht erführen, ging jedoch bis zum Einbruch der Nacht fort und hielt mich bloß wenige Augenblicke auf, um auszuruhen und von dem Wenigen zu essen, das ich mitgebracht hatte. Auf diese Weise zog ich sieben Tage lang fort und vermied die Stellen, die mir bewohnt schienen. Meine Nahrung bestand aus Kokosnüssen, die mir zugleich Hunger und Durst stillten.

Am achten Tage kam ich an der Meeresküste an und bemerkte sogleich weiße Menschen, die beschäftigt waren, Pfeffer zu sammeln, wovon es eine große Menge gab, Ihre Erscheinung flößte mir Vertrauen ein und ich nahm keinen Anstand, mich ihnen zu nähern. –

Schehersad hielt inne und erzählie die folgende Nacht weiter:

Zweihundert und sechsundsechzigste Nacht

Sindbad fuhr fort: Die Leute, die Pfeffer sammelten, kamen mir sogleich, als sie meiner ansichtig wurden, entgegen und fragten mich auf Arabisch, wer ich sei und woher ich komme. Entzückt, meine Sprache sprechen zu hören, befriedigte ich gern ihre Neugierde und erzählte ihnen, wie ich Schiffbruch gelitten habe, auf diese Insel gekommen und in die Hände der Schwarzen gefallen sei. Sie unterbrachen mich mit der Frage: durch welche Wunder ich den Schwarzen habe entkommen können, die als grausame Menschenfresser bekannt seien. Ich erzählte ihnen dasselbe wie euch, und sie waren höchlich verwundert darüber.

Ich blieb bei ihnen, bis sie so viel Pfeffer, als sie laden wollten, gesammelt hatten; drauf schiffte ich mich mit ihnen ein und wir begaben uns auf die Insel, woher sie gekommen waren. Sie brachten mich zu ihrem König, der, von seinem Volke geliebt, begierig war, meine Geschichte zu hören, und sich dieselbe von mir genau erzählen ließ. Er befahl, mir Kleider zu geben und für meine übrigen Bedürfnisse zu sorgen.

Die Insel, worauf ich mich befand, war sehr bevölkert und deren Bewohner hatten großen Überfluss an Allem, weshalb sie auch in der Hauptstadt des Königs großen Handel trieben. Dieser reizende Aufenthalt tröstete mich mächtig über mein Unglück, und die Güte, die der edle König für mich hatte, machte mich vollends zufrieden. In der Tat bewies er mir sehr große Huld, weshalb auch bald auf der ganzen Insel, selbst am Hofe, niemand war, der nicht jede Gelegenheit ergriff, mir einen Gefallen zu erzeigen. So ward ich bald allgemein als ein Eingeborner, nicht als ein Fremder betrachtet.

Ich bemerkte in diesem Lande etwas, das mir sehr ungewöhnlich schien. Jedermann, den König selbst nicht ausgenommen, stieg zu Pferde, ohne Steigbügel und ohne Zaum. Ich nahm mir aber eines Tags die Freiheit, den König zu fragen, warum er sich nicht solcher bequemen Dinge bediene. Seine Antwort war, ich spreche ihm von Dingen, deren Anwendung man in seinen Staaten nicht kenne. Ich ging sogleich zu einem Handwerker und lehrte ihn einen Sattel nach einer Zeichnung bauen, die ich ihm gab. Als derselbe fertig war, fütterte ich ihn mit Wolle aus und besetzte ihn mit Leder; auch ließ ich ihn mit Gold sticken. Drauf ging ich zum Schlosser, der mir eine Gebissstange und Steigbügel, wie ich ihm zeigte, machte. Als alles dies auf’s beste fertig war, ging ich bin zum König, zeigte es ihm und probierte es an einem seiner Pferde. Der König bestieg dasselbe und hatte an der Erfindung solchen Gefallen, dass er mir seine Freude durch die glänzendsten Geschenke bezeigte. Drauf machte ich verschiedene Sättel für seine Minister und übrigen Großen, die mir alle Dinge schenkten, die mich binnen kurzem zum reichen Mann machten. Auch bei den übrigen Einwohnern kam ich in großen Ruf und war allgemein geschätzt und geachtet.

Da ich regelmäßig dem König meine Aufwartung machte, so sagte er mir eines Tages: „Sindbad! Ich habe dich gern und weiß auch, daß alle meine Untertanen, die dich kennen, dasselbe tun. Ich habe eine Bitte an dich; du musst mir versprechen, sie zu erfüllen.“ „Großer König!“ war meine Antwort, „es gibt nichts, was ich nicht zu erfüllen bereit wäre, um deinen Befehlen meinen Gehorsam zu zeigen; gebiete über mich.“ Der König erwiderte: „Mein Wunsch ist, du nehmest eine Frau, damit dich dieselbe an meine Länder fessele und du nicht mehr an dein Vaterland denkest.“ Da ich nicht wagte, dem Befehl des Königs zuwider zu handeln, so heiratete ich die Frau, die er mir gab; es war eine vornehme Frau seines Hofstaats, mit den schönsten und herrlichsten Eigenschaften. Nach den Hochzeitfeierlichkeiten zog ich zu ihr und lebte lange glücklich mit ihr. Ich war dennoch nicht mit meiner Lage zufrieden; es war vielmehr meine Absicht, bei der ersten Gelegenheit zu entfliehen und nach Bagdad zurückzukehren, wohin ich mich trotz allem äußern Glanze, der mir augenblicklich zu Gebot stand, zurück dachte.

Ich war mit diesen Gedanken beschäftigt, als die Frau meines Nachbars, mit dem ich in engen Banden der Freundschaft lebte, krank wurde und starb. Ich ging zu ihm, um ihn zu trösten, und fand ihn tief bekümmert. „Gott stärke dich und verleihe dir ein langes Leben!“ war meine Anrede. „Ach!“ rief er aus, „was können mir deine Segenswünsche nützen? Ich habe bloß noch eine Stunde zu leben!“ Ich antwortete: „Beschäftige dich, Freund! mit keinen solchen trüben Gedanken; ich hoffe, dass dies nicht geschehen wird und dass ich dich noch lange zum Freund behalte.“ Er aber sagte: „Ich wünsche, daß dein Leben von langer Dauer sei. Was mich betrifft, meine Stunden sind gezählt und du erfährst hiermit, dass man mich heute mit meiner Frau begraben wird. Dies ist der Gebrauch unsers Volkes von Alters her und der heilig gehalten wird; der lebende Mann wird mit seiner gestorbenen Frau und die lebende Frau mit ihrem gestorbenen Mann begraben. Nichts ist im Stande, mich zu retten, da jedermann sich diesem Gesetze unterwirft.“

Während er mich von diesen grausamen Sitten unterhielt, die mich tief erschreckten, nahten sich die Eltern, Freunde und Nachbarn, um sämtlich dem Begräbnisse beizuwohnen. Man schmückte den Leichnam der Frau auf’s reichste und glänzendste, wie am Tage der Hochzeit, und hing ihm alle ihre Edelsteine um. Drauf legte man ihn in die offene Bahre und der Zug setzte sich in Bewegung. Der Gemahl ging den Trauernden dicht hinter der Toten voran. Man zog auf einen hohen Berg, worauf ein großer Stein sich befand, der einen tiefen Brunnen bedeckte, und ließ den Leichnam hinunter, ohne ihn zu entkleiden oder die Edelsteine abzunehmen. Drauf umarmte der Mann seine Eltern und Freunde und ließ sich ohne Widerstand in eine Bahre legen, mit einem Wassertopf und sieben kleinen Broten. Drauf ließ man ihn ebenso hinab, wie es mit der Frau geschehen war. Der Berg dehnte sich weit aus und grenzte an das Meer; auch war der Brunnen sehr tief. Als die Zeremonie vorüber war, setzte man den Stein wieder auf die Öffnung. –

Freunde! Ich brauche euch nicht zu sagen, welch ein trauriger Zeuge ich von allem dem war. Alle anderen Personen, die beiwohnten, schienen wenig davon ergriffen zu sein; so sehr waren sie durch den öftern Anblick ähnlicher Szenen abgestumpft worden. Ich konnte mich nicht enthalten, dem König meine Ansicht hierüber zu sagen. „König!“ sprach ich, „ich kann dir nicht genug mein Erstaunen über den grausamen, in deinen Ländern eingeführten Gebrauch ausdrücken, dass die Lebenden mit den Toten begraben werden. Ich habe viel gereist, die Sitten vieler Länder kennen gelernt, aber was Ähnliches ist mir nirgends vorgekommen.“ „Ich kann nichts daran ändern,“ war des Königs Antwort: „es ist ein allgemeines Gesetz für mein Reich und ich unterwerfe mich ihm selbst, und werde mich lebend mit der Königin, meiner Gemahlin, begraben lassen, wenn sie vor mir stirbt.“ „Dürfte ich mir die Frage erlauben, großer König!“ sagte ich, „ob dieses Gesetz auch für Fremdlinge gilt?“ „Allerdings,“ erwiderte er mir lächelnd und den Grund meiner Frage erratend, „sind sie nicht davon ausgenommen, wenn sie sich mit Eingebornen verheiratet haben.“

Ich kehrte traurig in meine Wohnung zurück. Die Furcht, dass meine Frau vor mir sterben könne und dass ich dann lebend mit ihr begraben würde, flößte mir sehr trübe Gedanken ein. Was sollte ich aber tun? Mich gedulden und alles dem Willen Gottes anheimstellen. Trotz dieser Ergebung zitterte ich doch bei dem geringsten Unwohlsein, das meine Frau befiel; aber ach! mein Schrecken wurde bald zu groß: denn sie erkrankte wirklich und starb kurz darauf. –

Schehersad schloß mit diesen Worten und fuhr die folgende Nacht fort:

Zweihundert und siebenundsechzigste Nacht

Sindbad erzählte weiter: Mein Kummer und meine Not waren groß. Lebend begraben zu werden schien mir eben so schreckhaft, als von den Menschenfressern verzehrt zu werden, und doch sah ich kein Rettungsmittel. Der König wollte mit seinem ganzen Hofstaate dem Begräbnisse beiwohnen, und außer ihm sollten auch die angesehensten Bewohner der Hauptstadt den Trauerzug begleiten. Als alles bereit war, legte man den Leichnam meiner Frau in eine Bahre mit ihren Edelsteinen und prächtigsten Gewändern; darauf begann der Zug. Als zweite handelnde Person dieser Szene folgte ich unmittelbar der Bahre meiner Frau, die Augen voll von Tränen und mein unglückliches Geschick bejammernd. Bevor ich auf den Berg kam, versuchte ich noch einmal die Herzen der Anwesenden zu rühren. Zuerst sprach ich den König an, drauf alle anderen, die sich bei mir befanden, und bat sie, auf den Knien flehend und indem ich den Saum ihrer Kleider küsste, Mitleid mit mir zu haben. „Bedenkt,“ redete ich sie an, „dass ich als Fremder keinem so harten Gesetze unterworfen sein sollte und dass ich noch eine Frau und Kinder in meinem Lande habe!“ Was half es mir, diese Worte mit allem Ausdruck, dessen ich fähig war, auszusprechen: Niemand ward davon gerührt; man beeilte sich vielmehr, den Leichnam meiner Frau hinab in den Brunnen zu lassen und tat dasselbe kurz darauf gleichfalls mit mir in einer offenen Bahre, mit einem Wassertopf und sieben Broten. Als diese für mich schreckhafte Zeremonie vorüber war, bedeckte man die Öffnung des Brunnens mit dem großen Stein, ohne sich um das Übermaß meines Kummers und mein Wehklagen zu kümmern.

Je mehr ich mich dem Grund der Tiefe näherte, konnte ich bei dem Lichte, das von oben fiel, die Lage dieses unterirdischen Ganges näher betrachten. Es war eine sehr weite Höhle, die wohl fünfzig Ellen tief sein mochte. Wenige Augenblicke, nachdem ich unten angekommen war, war ich von einem unerträglichen Gestank, der von zahllosen Leichnamen, die rechts und links um mich lagen, herrührte, wie betäubt; es schien mir sogar, als richteten sich einige derselben auf und stießen tiefe Seufzer auf. Als ich unten ankam, hatte ich dennoch Mut genug, aus der Bahre herauszutreten und mich von den Leichnamen zu entfernen, indem ich mir die Nase zuhielt. Ich warf mich zur Erde, weinte lange bitterlich, und dachte bei mir: „Es gibt keinen Schutz und keine Hilfe, außer bei Gott, dem Erhabenen! Es geschehe Gottes Wille! Ist es aber nicht deine eigene Schuld, Sindbad, dass du einem so schrecklichen Ende entgegen gehst! Wollte Gott, du wärest bei einem der Schiffbrüche umgekommen, du wärest wenigstens nicht auf so jämmerliche Weise gestorben; aber daran ist dein verdammter Geiz Schuld. Unglücklicher! warum konntest du nicht ruhig zu Hause bleiben und friedlich die Früchte deiner Arbeiten genießen.“

Von ähnlichen Klagen hallte das Gewölbe der Höhle wider; während ich mich vor Kopf und Magen wie wütend und vor Verzweiflung schlug und mich den trostlosesten Gedanken hingab. Gleichwohl war, so elend ich mich auch fühlte, die Liebe zum Leben so wach in mir, daß ich, statt den Tod anzurufen, mich umsah, wie ich mein Leben erhalten könne. Ich hielt mir die Nase zu, ging in der Finsternis umher und aß vom Brot und trank vom Wasser, das ich mitgebracht hatte.

Die Dunkelheit, die in der Höhle herrschte, war so groß, daß ich weder Nacht noch Tag unterscheiden konnte; ich verlor jedoch meine Bahre nicht aus den Augen und es schien mir, als sei die Höhle viel geräumiger und mehr mit Leichnamen angefüllt, als es mir anfangs vorgekommen war. Auf diese Weise lebte ich einige Tage von Brot und Wasser und rüstete mich, als sie ausgingen, zum Tode. –

Schehersad hielt inne und erzählte folgende Nacht weiter:

Zweihundert und achtundsechzigste Nacht

Ich glaubte nichts mehr, als den Tod erwarten zu dürfen, fuhr Sindbad fort, als ich den Stein aufheben hörte. Man ließ einen Leichnam und eine lebende Person herab; der Tote war ein Mann. Es ist natürlich, dass man in den äußersten Lagen die schärfsten Mittel ergreift; während der Zeit, als man die Frau herabließ, näherte ich mich dem Orte, an dem ihre Bahre niedergesetzt werden sollte, und gab ihr schnell, als ich die Öffnung wieder schließen sah, mit einem großen Knochen, den ich in der Hand hatte, zwei oder drei schwere Schläge auf den Kopf, wovon sie die Besinnung und wahrscheinlich das Leben verlor. Diese grausame Handlung beging ich nur, um mir die Brote und das Wasser zu verschaffen, die in der Bahre waren und mir mein Leben um einige Tage verlängern halfen. Als ich wieder nahe daran war, Hunger leiden zu müssen, ließ man eine tote Frau und ihren lebenden Mann herab; ich tötete ihn auf dieselbe Weise und hatte, indem ich noch öfter auf diese Weise verfuhr, Lebensmittel genug, da glücklicherweise für mich eine verheerende Krankheit in der Stadt herrschte.

Als ich eines Tages eben eine Frau erschlagen hatte, hörte ich Atmen und Tritte um mich; ich wandte mich zur Seite, woher der Lärm kam, hörte immer stärker atmen und glaubte etwas unterscheiden zu können, das die Flucht ergriff. Ich folgte dem Schattenbilde, das einmal still stand und Atem schöpfte und dann von Neuem die Flucht ergriff. Ich verfolgte es so lange und weit, bis ich ein Licht entdeckte, das in der Ferne einem Sterne glich. Ich ging diesem Lichte immer näher und entdeckte zuletzt, dass es von einer Öffnung des Felsens kam, die groß genug war, um durch dieselbe zu entkommen.

Bei dieser Entdeckung hielt ich einen Augenblick inne, um mich zu fassen, denn die Freude hatte mich beinahe von Sinnen gebracht; darauf drang ich durch die Öffnung durch und befand mich am Ufer des Meeres. Denkt euch das Übermaß meiner Freude; sie war so groß, daß ich Mühe hatte, mich zu überzeugen, dass ich nicht im Traume lebe. Als mir die Wirklichkeit klar ward und meine Sinne beruhigt wurden, fiel mir ein, dass das Tier, welches ich keuchen gehört hatte, aus der See gekommen sein müsse, um, wie gewöhnlich, die Leichname zu fressen, die in die Höhle geworfen wurden.

Ich sah mich unten am Berge um und entdeckte, dass er zwischen der Stadt und dem Meere lag, jedoch ohne alle Verbindung, da er sehr steil und nicht zu besteigen war. Ich fiel am Meeresufer auf die Knie und dankte Gott, dem Allmächtigen, für meine Rettung. Drauf ging ich in die Höhle zurück, um Brot zu suchen, das ich bei der Tageshelle mit einer Lust aß, wie ich sie seit meinem Begräbnis in der Höhle nicht gehabt hatte. Nachdem ich mich gesättigt hatte, kehrte ich wieder zurück und nahm suchend, denn mein Auge war schon an die Finsternis gewöhnt worden, alle Diamanten, Perlen, Rubinen, goldene Armspangen mit den übrigen Goldstoffen, die sich in den Bahren befanden, weg, um sie an’s Meeresufer zu tragen. Ich machte mehrere Pakete daraus, die ich dann mit den Stricken zusammen band, mit denen man mich herabgelassen hatte und wovon mehrere da lagen. Ich ließ sie am Ufer zurück, ohne zu besorgen, dass der Regen sie verderbe, denn es war in der trockenen Jahreszeit.

Nach Verlauf von zwei oder drei Tagen bemerkte ich ein Schiff, das aus dem Hafen segelte und ziemlich nahe an der Stelle, wo ich mich aufhielt, vorbei kam. Ich gab mit der Binde meines Turbans ein Zeichen und rief aus vollem Halse, damit man mich höre. Dies gelang, und die Schaluppe ward abgesandt, um mich an Bord zu führen. Auf die Frage der Matrosen, durch welches Missgeschick ich mich an diesem Orte befinde, antwortete ich, dass ich mich vor zwei Tagen mit den Waren, die vor mir lagen, aus einem Schiffbruch hierher gerettet habe. Glücklicherweise für mich glaubten diese Leute, ohne zu untersuchen, ob ich die Wahrheit sprach, meiner Erzählung, und brachten mich mit meinen Paketen an Bord.

Als wir daselbst angelangt waren, hatte der Schiffskapitän großes Vergnügen, mich gerettet zu sehen, und glaubte mir gleichfalls, da ihm ohnehin die Zeit fehlte, die Sache näher zu prüfen. Ich wollte ihm einige kostbare Steine zum Geschenke machen, er nahm sie aber nicht an. Wir kamen an vielen Inseln vorbei, unter andern vor der Glocken-Insel, die zehn Tagreisen von Serendib entfernt ist und nur sechs Tage von der Insel Kela, worauf wir landeten. Auf derselben gibt es Bleiminen, indisches Zuckerrohr und sehr guten Kampfer. Der König von Kela ist sehr reich und mächtig, und seine Herrschaft dehnt sich über die ganze Glocken-Insel aus, die einen Umfang von zwei Tagreisen hat, deren Bewohner jedoch so roh sind, dass sie Menschenfleisch essen. Nachdem wir einen großen Handel auf dieser Insel getrieben hatten, stachen wir wieder in die See und landeten noch in verschiedenen Häfen. Endlich kam ich wieder nach Bagdad mit ungeheuern Reichtümern, die ich euch nicht alle benennen will. Um Gott für meine glückliche Rückkehr zu danken, gab ich viel Almosen sowohl zum Unterhalt vieler Moscheen, als auch für die Armen. Auch lebte ich ganz meinen Freunden und Verwandten, genoss alle Vergnügungen und lud sie oft zur Tafel ein. –

Sindbad schloss mit diesen Worten die Erzählung seiner vierten Reise und versetzte seine Zuhörer in weit größeres Erstaunen darüber, als über alle vorhergehende. Er machte dem Lastträger neuerdings hundert Zechinen zum Geschenk, ersuchte ihn, den darauf folgenden Tag um dieselbe Stunde wiederzukommen, da er ihm seine fünfte Reise erzählen wolle. Der Lastträger nahm sie, dankte und ging mit gerührtem Herzen fort. Den darauf folgenden Tag, als sie Alle beisammen waren, setzten sie sich zur Tafel und ließen sich’s wohl schmecken. Sindbad fuhr darauf fort: –

*******

Ich bleibe dabei, dass sich das Ganze echt wie ein mittelalterlicher Reisebericht liest. So nach Südostasien, etwa. Inklusive dem Umstand, dass es dann offenbar fein ist, wenn Sindbad seinerseits fröhlich Unschuldige tot haut. Grummel.

 
Textquelle: Tausend und eine Nacht. Arabische Erzählungen. Zum Erstenmale aus dem arabischen Urtext treu übersetzt von Dr. Gustav Weil. Mit 2000 Bildern und Vignetten von F. Groß. Zweiter Band. Pforzheim: Dennig, Finck & Co. 1839, S. 79-94.
Bildquelle: Originalillustrationen des Bandes

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