32.4 Sindbad der Seefahrer – 261. bis 264. Nacht oder die dritte Reise

Wir sind noch immer in der 261. Nacht. Auf seiner dritten Reise begegnet Sindbad Affenmännern, Riesen, mehr Schlangen und mehr vergesslichen Kapitänen. Aber lest selbst…

Geschichte Sindbad des Seefahrers
(Ein Märchen aus Tausend und einer Nacht)

– Dritte Reise Sindbads –

(Rest der) Zweihundert und einundsechzigsten Nacht

Bald hatte ich in dem angenehmen Leben, das ich jetzt führte, die Erinnerung der Gefahren, die ich auf meinen beiden Reisen bestanden hatte, verloren. Auf die Dauer wurde ich jedoch, als Mann in der Blüte der Jahre, den Müßiggang satt und zog es vor, neuer Gefahr entgegen zu gehen. Abermals reiste ich mit reichen Waren, die ich nach Bassora bringen ließ, von Bagdad ab und schiffte mich mit mehreren Handelsleuten ein; wir blieben lange zur See und landeten in verschiedenen Häfen, wo wir beträchtlichen Handel trieben.

Eines Tages waren wir auf hoher See, als sich ein furchtbarer Sturm erhob, der uns aus unserer Bahn warf. Er hielt mehrere Tage an und zwang uns, im Hafen einer Insel anzulegen, was unser Kapitän sehr gerne vermieden hätte. Als man die Segel strich, sagte der Kapitän zu uns: „Diese und einige benachbarten Inseln werden von Wilden bewohnt, die ganz haarig sind und uns ermorden werden. Obgleich es nur Zwerge sind, können wir denselben doch keinen Widerstand leisten, weil sie viel zahlreicher als Heuschrecken sind und unfehlbar alle über uns herfallen würden, wenn wir zufällig einen töteten.“ –

Der Tag, der das Gemach von Schahrim erhellte, störte die Erzählung, die am folgenden Tag fortgesetzt wurde.

Zweihundert und zweiundsechzigste Nacht

Sindbad sah sich im Kreise seiner Freunde um, ob sie seinen Worten Gehör schenkten, und fuhr fort: Was der Kapitän sprach, setzte alle in großen Schrecken und wir erfuhren bald, dass alles nur zu wahr sei. Am Ufer erschien auf einmal eine zahllose Menge hässlicher Wilden, den ganzen Körper mit rötlichen Haaren bedeckt und nur zwei Schuh groß. Sie schwammen uns entgegen und umgaben bald unser Schiff; mehrere unter ihnen versuchten uns anzureden; wir verstanden aber ihre Sprache nicht. Sie stiegen am Bord zu dem Strickwerk mit einer solchen Gewandtheit von allen Seiten auf, dass man kaum bemerkte, wo sie ihre Füße aufsetzten.

Mit großer Angst, die ihr euch wohl vorstellen könnt, sahen wir dem allen zu, ohne uns zu wehren oder ihnen ein einziges Wort zu sagen, das sie in der Ausführung ihres Vorsatzes, der uns nicht anders als verdächtig erscheinen musste, hätte verhindern können. In der Tat zogen sie die Segel ein und schnitten das Ankerseil ab, ohne sich die Mühe zu geben, dasselbe aufzubinden, und ließen uns alle landen, nachdem sie das Schiff dem Lande näher gebracht hatten. Darauf steuerten sie dasselbe nach einer andern Insel, woher sie gekommen waren. Alle Reisende vermieden sorgfältig, diejenige zu berühren, auf der wir uns gerade befanden, aus Gründen, die ihr sogleich hören werdet.

Gezwungen, das Traurige unserer Lage mit Geduld zu ertragen, entfernten wir uns vom Ufer und drangen weiter auf der Insel vor, woselbst wir Früchte und Kräuter fanden, deren Genuss den letzten Augenblick unsers Lebens noch erträglich machte; denn wir glaubten nicht anders, als er sei nahe gekommen. Auf dem Wege bemerkten wir nicht weit von uns ein wohlgebautes und hoch liegendes Schloss, welches ein Tor mit zwei Flügeln von Ebenholz hatte. Wir öffneten es, indem wir daran stießen. Beim Eintritt in den Hof sahen wir uns gegenüber ein großes Gemach mit Vorhalle, worin auf der einen Seite Menschengebeine hoch aufgehäuft waren; auf der andern befanden sich zahllose Bratspieße. Dieser Anblick erschütterte uns tief; die Kraft verließ uns, da wir ohnehin sehr ermüdet waren, und wir fielen zu Boden, von tödlichem Schreck getroffen, von dem wir lange Zeit wie gelähmt waren.

Die Sonne neigte sich zum Untergang, während wir in diesem grässlichen Zustande der Verzweiflung waren, als sich auf einmal mit einem Geräusch, ähnlich dem Brausen des Sturmwinds, die Türe des größeren Gemachs öffnete und eine schwarze Menschengestalt, groß wie ein Palmbaum, schreckhaft anzusehen, hervortrat. Sie hatte rote Augen, welche gleich glühenden Kohlen feurig waren; ihre Vorderzähne waren lang und spitzig und standen zum Munde heraus, der wie ein Pferdemaul war, und dessen untere Lippe auf die Brust herabhing. Ihre Ohren glichen denen eines Elefanten und bedeckten ihre Schultern; ihre Nägel waren lang und krumm, wie die Krallen der größten Raubvögel. Beim Anblick eines so schreckhaften Riesen verloren wir die Besinnung und blieben wie tot liegen.

Als wir endlich wieder zu uns kamen, sahen wir den Riesen, seine Augen auf uns geheftet, unter der Türe sitzen. Nachdem er uns eine Zeit lang betrachtet hatte, ging er auf uns zu und streckte, mir näher gekommen, seine Hand nach mir aus, ergriff mich am Genicke und drehte mich mehrmals herum, wie ein Metzger, der ein Schaf schlachten will. Er ließ mich jedoch bald wieder fallen, da ich ihm zu mager war und er nichts als Haut und Knochen an mir bemerkte. Die Reihe kam an die Übrigen, gleich mir untersucht zu werden, bis er an den Schiffskapitän kam, der der Fetteste von uns allen war.

Er hielt ihn mit einer Hand so in die Höhe, wie ich es wohl mit einem Sperling getan haben würde, und stieß ihn mit einem Bratspieß durch. Hierauf zündete er ein großes Feuer an, an dem er ihn briet. Als dies geschehen war, legte er den Leichnam vor sich hin, bis er kalt war, darauf riss er mit den Nägeln von ihm herunter und aß davon, bis er satt war. Nach diesem Abendessen ging er unter die Türe zurück, legte sich daselbst schlafen und schnarchte gleich darauf mit einem Geräusch, wie der Donner, ohne vor dem nächsten Morgen aufzuwachen. Wir Übrigen waren jedoch nicht glücklich genug, schlafen zu können, und brachten die Nacht in der schrecklichsten Unruhe zu, der man nur preisgegeben sein kann. Als der Tag anbrach, wachte auch der Riese auf, erhob sich und ging zum Schlosse hinaus.

Als wir ihn fern wussten, brachen wir das traurige Stillschweigen, das wir die ganze Nacht durch beobachtet hatten, und ließen das ganze Schloss von Seufzern und Klagen ertönen, wozu jeder von uns nur zu viel Grund hatte. Obgleich wir zahlreich genug waren und nur einen Feind hatten, fiel es uns doch nicht sogleich ein, uns desselben durch den Tod zu entledigen. Dieser Entschluss lag uns sehr nahe, obgleich er sehr schwer auszuführen war.

Wir berieten uns, was hierin zu tun sei, ohne jedoch einen festen Vorsatz fassen zu können, ergaben uns daher ganz in den Willen Gottes, dem wir unser Geschick anheimstellten, und brachten den Tag zu, indem wir uns auf der Insel ergingen und uns von Früchten und Pflanzen, wie den vorhergehenden Tag, nährten. Gegen Abend suchten wir wieder ein Obdach, um uns zur Ruhe begeben zu können, fanden aber keines, und waren daher abermals genötigt, in’s Schloss zurückzukehren.

Der Riese kam bald darauf zurück, um einen zweiten unserer Gefährten zu verzehren, worauf er wieder einschlief und bis zum Morgen schnarchte. Drauf ging er spazieren, wie den vorhergehenden Tag; unsre Lage schien uns unter diesen Umständen so schrecklich, dass mehrere meiner Kameraden im Begriffe waren, sich eher in’s Meer zu stürzen, als einem so seltsamen Tode entgegen zu gehen. Sie versuchten, uns zu einem gleichen Entschlusse zu bereden. Hierauf nahm einer von uns das Wort und sprach: „Gott hat den Selbstmord verboten; wäre dies aber auch nicht der Fall, ist es nicht viel einfacher, zu versuchen, wie wir dem Ungetüm, das uns schlachten will, auf eine andere Weise entgehen können?“

Ich war indessen auf einen Einfall geraten, den ich meinen Kameraden mittheilte und den sie billigten. „Brüder,“ fing ich an, „ihr wisst, dass sich längs der Meeresküste Gehölz vorfindet; wenn ihr Vertrauen habt, so wollen wir daraus Flöße bauen, die uns weiter bringen, und sie am Meeresufer liegen lassen, bis sie fertig sind und wir den Augenblick für günstig halten, uns derselben zu bedienen. Vor allem wollen wir versuchen, uns des Riesen zu entledigen; glückt dies, so können wir ein Schiff erwarten, das uns von dieser Insel führt; schlägt es dagegen fehl, so setzen wir schnell auf unsre Flöße und suchen die hohe See zu gewinnen. Zwar laufen wir einige Gefahr, wenn wir uns der Wut der Wellen auf so gebrechlichen Fahrzeugen anvertrauen; hat auch der große Gott unsern Untergang beschlossen, so ist es doch immer besser, auf diese Weise umzukommen, als uns im Bauche dieses Ungeheuers begraben zu lassen, das schon zwei unsrer Gefährten verschlungen hat.“ Mein Rat wurde gut geheißen und wir bauten Flöße, die drei Personen zu tragen im Stande waren.

Wir kehrten gegen Abend in’s Schloss zurück und bald darauf kam auch der Riese an. Wir hatten den Schmerz, ihn noch einen unserer Kameraden braten zu sehen. Merkt auf, wie wir es angriffen, uns für seine Grausamkeit zu rächen. Nachdem er sein abscheuliches Nachtessen zu sich genommen hatte, legte er sich auf den Rücken und schlief ein. Als wir ihn nach seiner Gewohnheit schnarchen hörten, ergriffen neun der Kühnsten von uns ein jeder einen Bratspieß, steckten dessen Spitze in das Feuer, um sie glühend zu machen, und stießen damit alle auf einmal seine Augen aus.

Der Schmerz, den der Riese empfand, presste ihm die schreckhaftesten Angstrufe aus. Er stand schnell auf und streckte die Arme weit aus, um einen von uns zu fassen und ihn seiner Rache opfern zu können. Wir hatten jedoch Zeit, uns von ihm zu entfernen und uns an solchen Stellen zur Erde zu werfen, wo er uns mit den Füßen nicht erreichen konnte. Nachdem er uns lange vergeblich gesucht hatte, ging er mit dem fürchterlichsten Geheul und nach allen Seiten mit den Händen ausgreifend zur Türe hinaus.

Schehersad bemerkte den Tag und schwieg. In der folgenden Nacht fuhr sie fort:

Zweihundert und dreiundsechzigste Nacht

Wir gingen hinter dem Riesen zum Schlosse hinaus, fuhr Sindbad fort, und begaben uns auf die Flöße. Wir ließen sie in’s Wasser und warteten den Tag ab, um uns darauf zu begeben, indem wir nicht anders glaubten, als der Riese würde mit einem Begleiter seiner Art zurückkehren und uns ermorden. Wir hatten dagegen die Hoffnung, dass er selbst das Leben verloren haben würde, wenn er nicht gegen Tagesanbruch erschiene oder alsdann noch sein Geheul, das wir noch immer hörten, fortsetzte. In diesem Fall waren wir entschlossen, auf der Insel zu bleiben und unser Leben nicht auf den Flößen der großen Gefahr auszusetzen. Kaum war jedoch der Tag angebrochen, als wir unsern grausamen Feind in Begleitung zweier anderen Riesen von gleicher Größe, die ihn führten, zurückkommen sahen. Voraus ging eine ziemliche Anzahl anderer mit starken Schritten.

Als wir dies sahen, überlegten wir nicht lange und begaben uns auf unsere Flöße, die wir so schnell als möglich vom Ufer wegzurudern suchten. Die Riesen bemerkten dies zeitig, bewaffneten sich mit großen Steinen, liefen auf das Ufer zu, gingen sogar zur Hälfte des Körpers in’s Wasser und warfen uns mit solcher Geschicklichkeit die Steine nach, dass ich mit meinen Begleitern unfehlbar ertrunken wäre, wenn nicht das Floß, worauf wir uns befanden, durch seinen Bau den Angriff hätte aushalten können. Die beiden andern wurden zerschellt, und was sich darauf befand ertrank. Da ich und meine Kameraden mit allen Kräften ruderten, so befanden wir uns bald auf der hohen See und außer dem Bereich der Steine. Wir wurden bald ein Spiel der Winde und der Wellen, die uns hin und her warfen, und brachten die Nacht in der schrecklichsten Lage zu, die man sich denken kann. Den darauf folgenden Tag wurden wir zu unserer unaussprechlichen Freude gegen eine Insel getrieben und fanden darauf ausgezeichnete Früchte, die uns die verlornen Kräfte reichlich wieder ersetzen halfen. Wir hätten sonst vor Hunger und Erschöpfung umkommen müssen.

Gegen Abend schliefen wir am Ufer des Meeres ein und wurden durch ein Geräusch, das eine Schlange, von der Länge eines Palmbaums, mit ihren Schuppen machte, aufgeweckt. Sie befand sich uns sehr nahe, fuhr auf einen meiner Kameraden los und würgte ihn hinunter; man sah nur noch seine Schultern und seinen Kopf aus ihrem Rachen hervorstehen; er schrie laut und die Schlange machte eine schnelle Bewegung, indem sie sich zusammen und gleich darauf wieder auseinander rollte. Wir hörten seine Gebeine krachen und verschlungen war der ganze Mann! Wir beiden Übrigen ergriffen die Flucht und hörten bald darauf, obgleich ziemlich weit entfernt, ein Geräusch, welches nach unserer Meinung daher rührte, dass die Schlange die Gebeine unseres Kameraden wieder von sich gab. In der Tat war dies der Fall, wie wir den darauf folgenden Tag sahen. „Großer Gott!“ rief ich bei diesem Anblicke, „welchen Leiben gibst du uns Preis! Schon fühlten wir uns glücklich, der Grausamkeit der Riesen und der Wut der Wellen entgangen zu sein; und jetzt befinden wir uns in Lagen, die wo möglich noch schrecklicher sind. Ist es dein Wille, Allmächtiger! dass wir umkommen, so geschehe es bald und nicht nach vielen Gefahren, deren jede grässlicher als der Tod selbst ist.“

Kummervoll gingen wir auf der Insel umher, aßen von den Früchten, die daran wuchsen, mit der schrecklichen Vermutung, dass einer von uns von der Schlange noch diesen Abend aufgefressen werde. Endlich bemerkten wir einen Baum, auf den wir stiegen, um uns die Nacht über in Sicherheit zu bringen. Gleich darauf nahte sich zischend die Schlange dem Baume, auf dem wir waren. Sie legte sich an dessen Stamm und erreichte auf diese Weise meinen Kameraden, der noch nicht so hoch wie ich gestiegen war, würgte ihn hinunter und kroch weiter.

Ich blieb auf dem Baume bis zum Tagesanbruch und stieg dann herab, eher tot als lebend; auch blieb mir kein anderes Ende zu erwarten übrig, als meine Kameraden gefunden halten. Dieser Gedanke machte mich schaudern, und ich war nahe daran, mich in’s Meer zu werfen; da es aber süß ist, den letzten Lebensaugenblick so viel als möglich zu verschieben, so widerstand ich diesem Anfall der Verzweiflung und ergab mich in den Willen Gottes, der allein über Menschenleben zu verfügen hat.

Ein letztes Mittel der Rettung vor dem Ungeheuer blieb mir noch zu versuchen übrig. Ich suchte eine ziemliche Masse verschiedenes Holz, Baumwurzeln und trockenes Gesträuch zusammen, machte daraus mehrere Bündel, die ich zusammenband und in einem großen Kreise um den Baum herum aufstellte, überdies deckte ich mich mit mehreren so zu, dass ich Luft genug behielt und die Schlange meinen Kopf nicht erreichen konnte. Hierauf schlief ich ein, mit dem traurigen Trost, nichts versäumt zu haben, was mich aus dieser Gefahr retten konnte. Die Schlange kam bald darauf zurück und schlich um den Baum herum, nach Beute lüstern. Sie konnte meiner jedoch nicht habhaft werden wegen des Walls, der mir zum Schutze diente, und trieb es so bis zum Tage wie die Katze, die eine Maus in einem Loche belagert, dem sie nicht beikommen kann. Als der Tag nahte, zog sie sich zurück; ich wagte es jedoch noch nicht, mich zu zeigen, bis die Sonne hervortrat.

Ich war so ermüdet von dem, was ich ausgestanden hatte, und so angegriffen vom Pestbauche der Schlange, dass ich den Tod allen diesen Schrecken vorzog. Ich entfernte mich von dem Baume und lief, ohne weiter an den Entschluss zu denken, den ich den Tag vorher gefasst hatte, auf das Meer zu, gesonnen, meinem Leben ein Ende zu machen. Dies war jedoch ein Wendepunkt meines Schicksals; denn der große Gott hatte es anders mit mir beschlossen. In dem Augenblicke, als ich mich in das Meer stürzen wollte, ließ er ein Schiff erscheinen, das schon ziemlich nahe dem Ufer war. Ich rief aus voller Kehle rufend demselben entgegen und entfaltete die Binde meines Turbans, um eher bemerkt zu werden. Dies war nicht umsonst; denn ich ward sogleich von der ganzen Schiffsmannschaft gesehen und der Kapitän sandte mir ein Boot entgegen.

Mit diesen Worten hielt Schehersad inne, und fuhr die darauf folgende Nacht fort:

Zweihundert und vierundsechzigste Nacht

Sindbad erzählte weiter: An Bord angekommen, fragten mich die Reisenden, die sich darauf befanden, und die Matrosen neugierig, durch welches Abenteuer ich auf diese verlassene Insel gekommen sei. Nachdem ich ihnen erzählt hatte, was mir alles begegnet war, sagten mir die Ältesten, dass sie oft von den Riesen gehört hätten, die auf dieser Insel wohnen und von denen erzählt wird, dass sie Menschen fräßen, so wie sie denselben in die Hände fallen; auch wussten sie von Schlangen, die dort sehr häufig seien und sich bloß des Nachts zeigen. Sie bezeigten mir große Freude, mich so vielen Gefahren glücklich entgangen zu sehen, und bewirteten mich mit dem Besten, was sie auftreiben konnten, was mir in der Tat auch sehr wohl bekam, da ich lange Zeit hindurch schlecht genug gelebt hatte. Der Kapitän schenkte mir sogar ein Kleid, als er bemerkte, dass das meinige in Fetzen um meinen Körper hing.

Wir hielten eine Zeit lang das Meer, kamen an verschiedenen Inseln vorbei und landeten endlich bei Kalaset, woher man das Sandelholz bezieht, das als Arzneimittel stark gebraucht wird. Wir gingen im Hafen dieser Insel vor Anker. Meine Reisegefährten, sämtlich Handelsleute, fingen an, ihre Waren ausschiffen zu lassen, um sie zu verkaufen, oder um Tauschhandel zu treiben. Unterdessen rief mir der Schiffskapitän und sprach so zu mir: „Höre, Bruder! Auf dem Schiffe befinden sich Waren, die einem Handelsmanne von Bagdad gehörten, der lange Zeit mit uns gereist ist, bis er starb. Wir wollen seine Waren verkaufen, das Geld dafür nehmen und es nach Rückkunft seinen Erben zustellen, so wie sie sich als solche ausweisen werden.“ Die Ballen, wovon er sprach, wurden auf das Verdeck gebracht; er zeigte sie mir und fügte hinzu: „Dies sind die Waren, wovon ich spreche; mein Wunsch ist, daß du dich mit deren Verkauf beschäftigest, indem du später einen deiner Mühe entsprechenden Lohn dafür in Empfang nimmst.“ Ich war vollkommen bereitwillig dazu, indem ich ihm dafür dankte, daß er mir einen Anlass gab, tätig zu sein.

Der Schiffsschreiber hielt Register über alle Waren und die Namen der Handelsleute, denen sie gehörten. Er fragte den Kapitän, unter welchem Namen er diejenigen eintragen solle, mit deren Verkauf ich so eben beauftragt worden war. Schreibe sie, antwortete dieser, unter dem Namen Sindbad der Seemann ein. Als ich mich nennen hörte, konnte ich meine Rührung nicht verbergen, betrachtete den Schiffskapitän genauer und erkannte in ihm denjenigen, der mich auf meiner zweiten Reise auf einer Insel, auf der ich am Ufer eines Baches eingeschlafen war, zurückgelassen hatte und unter Segel gegangen war, ohne mich zu erwarten oder nach mir sehen zu lassen. Ich hatte mich nicht sogleich wieder seiner erinnert, wegen der großen Änderung, die, seitdem ich ihn zuletzt gesehen hatte, mit ihm vorgegangen war. Da er mich tot glauben musste, so darf man sich nicht wundern, wenn er mich nicht sogleich erkannte. Ich sprach daher zu ihm: „Kapitän! Hieß der Handelsmann, dem diese Waren gehörten, Sindbad?“ „Ja,“ antwortete er mir, „so hieß er; er war von Bagdad und hatte sich in Bassora mit mir eingeschifft. Als wir eines Tages an einer Insel landeten, um Wasser und andere Erfrischungen einzunehmen, ging ich aus Versehen, das ich mir heute noch nicht erklären kann, unter Segel, ohne nachsehen zu lassen, ob auch alle an Bord zurückgekehrt waren. Ein Einziger, dieser Sindbad, war vergessen worden; die Handelsleute und ich bemerkten erst einige Stunden später seine Abwesenheit. Wir hatten starken Wind gegen uns, so dass wir uns unmöglich dem Ufer nähern konnten, um ihn wieder aufzunehmen.“ „Du hältst ihn also für tot?“ fragte ich. „Allerdings,“ war seine Antwort. „Nun, Kapitän!“ erwiderte ich, „so öffne deine Augen und sehe vor dir jenen Sindbad, den du auf der wüsten Insel zurückließest. Ich schlief am Ufer des Flusses ein, und als ich aufwachte sah ich niemand von der Reisegesellschaft mehr und das Schiff bis auf einen kleinen Punkt meinen Augen entschwunden.“ Bei diesen Worten sah mich der Kapitän mit großem Erstaunen an und wollte nichts von allem dem glauben. Neugierig, was hier vorgehe, versammelten sich bald die Übrigen um uns; die einen glaubten mir, während mich die andern, und zwar die Mehrzahl, für einen Lügner hielten. Da trat auf einmal ein Handelsmann aus ihrer Mitte hervor, grüßte mich und sprach: „Du hast wahr gesprochen, Sindbad der Seemann; dieses Geld und diese Waren gehören dir. Ich erzählte euch vor kurzem das Wunderbarste, was mir jemals auf Reisen begegnet, als ich nämlich einst Diamanten sammelte und in das weitberühmte Tal Fleischstücke warf, damit sich die spitzen Steine daran fest machen und von den Adlern in das Nest ihrer Jungen getragen würden, und wie einst ein Mensch auf diese Weise seine Rettung fand. Dies war Sindbad, der vor euch stehet, dem, wie es scheint, vom großen Gott als Schicksal bestimmt ist, das Merkwürdigste zu erleben.“ Der Schiffskapitän fing endlich an, mich zu erkennen, umarmte mich und sprach: „Gott sei gelobt! Ich bin froh, dass ich meinen Fehler wieder gut machen kann; hier sind deine Waren, für deren gute Aufbewahrung ich alle Sorge trug und wovon ich überall zu Geld machte, so viel nur immer möglich war; ich gebe sie dir mit dem erlösten Geld zurück.“ Ich nahm sie wieder an, indem ich dem Schiffskapitän auf’s freundlichste dankte.

Von der Insel Kalaset segelten wir nach einer andern, wo ich Gewürznelken, Zimt und andere Spezereien einkaufte. Als wir uns davon entfernten, sahen wir eine zwanzig Schuh breite und lange Schildkröte; wir sahen auch einen Fisch, der viel Ähnlichkeit mit einer Kuh hat, Milch gibt und dessen Haut so hart ist, dass man gewöhnlich Schilde daraus macht; auch sahen wir einen andern Fisch in Gestalt und Farbe eines Kamels. Endlich kam ich nach einer langen Reise in Bassora an und erreichte endlich wieder Bagdad mit mehr Geld und Waren, als ich selbst wusste. Ich gab noch einmal den Armen einen beträchtlichen Teil und kaufte mir mit dem Übrigen noch mehr Güter zu denen, die ich schon besaß. Auch gab ich meinen Freunden und Verwandten viele Geschenke, kleidete Waisen und Witwen, schaffte mir wieder Sklaven und Sklavinnen an und lebte in süßer Behaglichkeit froh und heiter, nicht mehr der ausgestandenen Leiden gedenkend. Das ist der Schluss meiner dritten Reise.

– Sindbad ließ dann Speisen auftragen, was Köstliches aufzutreiben war; gab darauf dem Lastträger hundert Goldstücke und sprach: „Komme morgen wieder, du sollst dann hören, was mir auf der vierten Reise begegnet ist.“ Der Lastträger versprach es und ging nach Hause, verwundert über das, was er von Sindbad gehört hatte; des andern Tages ging er wieder zu ihm. Als sie alle beisammen waren, schmausten sie wie den vorhergehenden Tag; später begann Sindbad.

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Also ehrlich. Die haben alle noch schlechtere Gedächtnisse als ich, die Kapitäne und Kaufmannskollegen…

 
Textquelle: Tausend und eine Nacht. Arabische Erzählungen. Zum Erstenmale aus dem arabischen Urtext treu übersetzt von Dr. Gustav Weil. Mit 2000 Bildern und Vignetten von F. Groß. Zweiter Band. Pforzheim: Dennig, Finck & Co. 1839, S. 67-78.
Bildquelle: Originalillustrationen des Bandes

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