31.2 Vom Löwen, Pferd und Fuchs

Natürlich muss es auch ein Tiermärchen aus Sizilien geben, denn sonst wäre der Märchensammler ja nicht der Märchensammler. 🙂 Aber lest selbst…

Vom Löwen, Pferd und Fuchs

Der Löwe war einmal in einen Engpass geraten und konnte nicht wieder heraus. Da kam eben ein Pferd vorbei, und der Löwe rief ihm zu: „Hilf mir aus diesem Engpass heraus.“ „Das will ich schon tun,“ antwortete das Pferd, „versprich mir aber, dass du mich nicht fressen willst.“ Der Löwe versprach es, und das Pferd arbeitete so lange mit seinen Hufen, bis es den Löwen frei gemacht hatte. Als der sich aber frei sah, sprach er: „Jetzt fresse ich dich.“ „Wie waren die Bedingungen?“ sagte das Pferd, „hatten wir nicht ausgemacht, du wolltest mich nicht fressen?“ „Das ist jetzt einerlei,“ rief der Löwe, „wenn du aber willst, so gehen wir vor einen Schiedsrichter.“ „Gut,“ erwiderte das Pferd, „wen wählen wir aber dazu?“ „Den Fuchs,“ sprach der Löwe.

Das Pferd war es zufrieden, und sie gingen zum Fuchs, und der Löwe legte ihm die Frage vor. „Ja,“ antwortete der Fuchs, „es kommt mir vor, als wenn Ihr recht haben müsstet, Herr Löwe; ich kann aber kein Urteil fällen, wenn ich nicht vorher gesehen habe, wie ihr beide standet.“

Also gingen sie alle drei zum Engpass, und das Pferd stellte sich auf denselben Platz, wo es vorher gestanden hatte. Den Löwen aber hieß der Fuchs sich wieder in den Engpass drücken. „Standet Ihr gerade so?“ fragte er. „Dieses Bein war noch ein wenig mehr gedrückt,“ antwortete der Löwe. »Nun, so presst Euch nur noch ein wenig; Ihr müsst Euch genau so hinstellen, wie Ihr in dem Augenblicke waret, als Ihr das Pferd um Hilfe batet.“ Der Löwe drückte sich noch ein wenig, und der Fuchs fragte wieder: „Standet ihr gerade so?“ „Dieses Vorderbein war noch ein wenig weiter drin.“ „Nun, so presst Euch noch ein wenig weiter hinein.“ Endlich hatte sich der Löwe so fest hineingepresst, dass er nicht wieder heraus konnte. „So,“ sagte der Fuchs, „jetzt seid Ihr gerade so weit, wie vorher; nun kann das Pferd zusehen, ob es euch noch einmal helfen will.“ Das Pferd aber wollte nicht, sondern warf so lange Steine herunter, bis es den Löwen erschlug.

„Ja, ja, der Fuchs ist schlau!“

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Also ich muss sagen, diese Tiermärchen finde ich super spannend. Jetze aus meiner nerdigen Wissenschaftlerperspektive. Denn nicht nur, dass es ähnliche Märchen überall auf der Welt gibt, hier sind zudem jede Menge Typen verbunden. Eins ist allerdings immer gleich: Der Räuber verliert. Allerdings ist der Fuchs wohl selten der Helfer.
 
Textquelle: Sicilianische Märchen. Aus dem Volksmund gesammelt von Laura Gonzenbach. Mit Anmerkungen Reinhold Kößler’s und einer Einleitung herausgegeben von Otto Hartwig. Zweiter Theil. Leipzig: Verlag von Wilhelm Engelmann 1870, S. 76-78.
Bildquelle: Das von einem Löwen erschreckte Pferd (1770) von George Stubbs (1724-1806)

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