31.1 Vom Räuber, der einen Hexenkopf hatte – wunderschöne sizilianische Märchen

Diese Woche geht es zurück nach Europa, gerade so. Sizilianische Märchen gibt es. Die stehen auf meinem Plan, seit ich den Märchensammler angefangen habe, aber irgendwie bin ich bislang nicht dazu gekommen. Umso dramatischer, als die Märchen wunder-wunderschön sind.

Und um gleich stilvoll anzufangen, gibt es heute ein sizilianisches Zaubermärchen. Lest selbst…

Vom Räuber, der einen Hexenkopf hatte

Es war einmal ein König, der hatte drei schöne Töchter, die Jüngste aber war die Schönste und Klügste. Eines Tages rief er sie und sprach zu ihr: „Komm mein Kind und lause mich ein wenig.“ Das tat die jüngste Tochter und fand eine Laus. Da setzte der König die Laus in einen großen Topf mit Fett und ließ sie viele Jahre darinnen. Als er aber eines Tages den Topf zerschlagen ließ, war die Laus zu einem solchen Ungetüm angewachsen, dass alle Leute davor erschraken und der König sie umbringen ließ. Dann ließ er ihr die Haut abziehen, nagelte sie über die Thür fest und sprach: „Derjenige, der erraten kann, von welchem Tier dieses Fell ist, der soll meine älteste Tochter zur Frau bekommen. Wer es aber nicht errät, der muss seinen Kopf dabei verlieren.“ Da kamen von nah und fern Prinzen und vornehme Herren und wollten die schöne Königstochter freien, aber keiner konnte das Rätsel erraten, und so mussten sie jämmerlich sterben.

Nun war auch ein Räuber, der lebte in einer wilden Gegend ganz allein. Der hatte einen Hexenkopf in einem kleinen Körbchen, bei dem holte er sich immer guten Rat, wenn er irgendetwas unternehmen wollte. Dieser Räuber hörte nun davon, wie so viele Freier das Leben ließen und keiner das schwere Rätsel herausbringen konnte. Da trat er vor seinen Hexenkopf und fragte: „Sage mir, Kopf, von welchem Tier ist das Fell, das der König über seiner Thür angenagelt hat?“ „Von einer Laus,“ antwortete der Kopf. Nun war der Räuber guter Dinge und machte sich auf den Weg nach der Stadt. Unterwegs fragten ihn die Leute, wo er hinginge. „Ich gehe nach der Stadt und will die älteste Königstochter freien,“ antwortete er. „So geht ihr eurem gewissen Tode entgegen,“ meinten die Leute.

Als er nun in die Stadt kam, ließ er sich bei dem König melden, er hätte auch Lust, das Rätsel zu erraten. Da ließ ihn der König hereinkommen, zeigte ihm die Haut und fragte: „Kannst du mir sagen, von welchem Tier dieses Fell ist?“ „Von einem Hasen?“ sagte der Räuber. „Falsch!“ „Vielleicht von einem Hund?“ „Falsch!“ „Ist es vielleicht das Fell einer Laus?“

Da hatte er es erraten und der König gab ihm seine älteste Tochter zur Frau. Als nun die Hochzeitsfeierlichkeiten vorbei waren, sprach er zum König: „Ich will nun mit meiner Frau nach Haus zurückkehren.“ Da umarmte die Königstochter ihren Vater und ihre Schwestern, und ging mit ihrem Manne fort.

Nachdem sie lange, lange Zeit gewandert waren, kamen sie in eine wilde, einsame Gegend. „Ach,“ sprach die Königstochter, „wohin führest du mich denn? Wie hässlich es hier ist!“ „Komm du nur mit!“ antwortete der Räuber. Da kamen sie endlich an sein Haus, das war so finster und hässlich, dass die Königstochter wieder sagte: „Wohnst du denn hier? Ach, wie unfreundlich es hier ist!“ „Komm nur herein,“ antwortete der Räuber. Nun musste die arme Königstochter in der Wildnis wohnen und hart arbeiten.

Am zweiten Morgen sprach der Räuber: „Ich muss nun meinen Geschäften nachgehen, besorge unterdessen das Haus.“ Zu seinem Hexenkopf aber sprach er ganz leise: „Gib Acht, was sie über mich sagt.“ Als nun der Räuber weg war, konnte es die Königstochter nicht mehr aushalten, und fing an über ihren Mann zu schimpfen, denn sie hatte ihn nicht gern geheiratet und konnte ihn nun vollends nicht leiden. „Dieser Bösewicht!“ sagte sie, „ich wollte doch, er bräche den Hals! Möge das Unglück ihn verfolgen!“ und dergleichen mehr.

Der Hexenkopf aber hörte alles mit an und erzählte es dem Räuber, als er nach Hause kam. Da ergriff der Räuber die Königstochter, schnitt ihr den Kopf ab und warf sie in ein Kämmerlein, darin waren noch viele andere Leichen von Mädchen, die er auf dieselbe Weise umgebracht hatte. Den nächsten Tag aber wanderte er wieder an den Hof des Königs. Als er nun zum König kam, fragte ihn dieser: „Wie geht es meiner Tochter?“ „Meine Frau ist wohl und munter,“ antwortete der Räuber, „sie langweilt sich aber und möchte ihre zweite Schwester zur Gesellschaft haben.“ Da gab ihm der König die zweite Tochter mit und er führte sie in jene wilde Gegend.

„Ach, Schwager,“ sprach sie, „wie unheimlich ist diese Gegend! Wohin führet ihr mich denn?“ „Komm du nur mit,“ antwortete der Räuber. Als sie nun an das Haus des Räubers kamen, fragte die Königstochter wieder: „Ach, Schwager, ist das eure Wohnung? Dieses hässliche Haus?“ „Komm nur herein,“ sprach der Räuber. „Wo ist denn meine Schwester?“ fragte sie. „Um deine Schwester brauchst du dich nicht zu bekümmern, tu nur deine Arbeit.“ Also musste die Königstochter harte Arbeit tun und ihr Herz ward immer mehr von Zorn und Hass gegen ihren Schwager erfüllt.

Eines Tages nun sprach er zu ihr: „Ich muss meinen Geschäften nachgehen und komme erst heute Abend zurück.“ Dann ging er auch zum Hexenkopf und sprach: „Gib Acht, was sie über mich sagt.“ Damit ging er. Die Königstochter aber machte ihrem Hasse Luft, schimpfte über ihn, und nannte ihn einen Bösewicht und wünschte ihm alles Unglück. Als nun der Räuber nach Hause kam, sagte es ihm der Hexenkopf und der armen Königstochter erging es nicht besser als ihrer Schwester.

Nun wanderte der Räuber wieder zum König, der fragte ihn, wie es seinen zwei Töchtern gehe. „Oh, sehr gut,“ antwortete der Räuber, „sie hätten aber gern ihre jüngste Schwester, um bei einander zu sein.“ Da gab ihm der König auch die Jüngste mit. Die war aber sehr klug, und als sie in die Wildnis kamen, sprach sie: „Nein, Schwager, wie schön ist diese Gegend! Wohnt ihr hier?“ Und als sie an das Haus kamen, sprach sie wieder: „Ei, was ist das Haus so schön!“ Als sie aber hineingingen, hütete sie sich wohl, nach ihren Schwestern zu fragen, sondern ging fröhlich an ihre Arbeit.

Nun ging der Räuber wieder seinen Geschäften nach und der Hexenkopf musste auf alles achten, was die Königstochter sagen würde. Als sie nun ihre Arbeit fertig hatte, kniete sie nieder und betete laut für den Räuber, dem sie alles Gute wünschte, in ihrem Herzen aber wünschte sie, es möchte ihm ein Unglück begegnen. Am Abend kam der Räuber und fragte gleich den Hexenkopf: „Nun, was hat sie von mir gesagt?“ Da antwortete der Kopf: „Ach, so eine haben wir noch nicht hier gehabt! Sie hat den ganzen Tag gebetet und fromme Wünsche für dich getan!“ Da war der Räuber sehr erfreut und sprach zur Königstochter: „Weil du vernünftiger gewesen bist, als deine Schwestern, so sollst du es gut bei mir haben und ich will dir auch zeigen, wo deine Schwestern sind.“ Da führte er sie in das Kämmerlein und zeigte ihr die toten Schwestern. „Ihr habt wohl daran getan, sie zu töten, Schwager, wenn sie euch nicht geehrt haben,“ sprach die kluge Königstochter. Nun hatte sie es gut bei dem Räuber und war Herrin im Haus.

Eines Tages aber, da der Räuber wieder einmal auf mehrere Tage fortgegangen war, kam sie von ungefähr in sein Zimmer, und als sie die Augen aufhob, erblickte sie den Hexenkopf. Der war in seinem Körbchen oberhalb des Fensters angenagelt. Weil sie aber so klug war, so rief sie dem Kopf zu: „Was machst du da oben? Komm doch herunter zu mir, hier kannst du es viel besser haben.“ „Nein,“ antwortete der Kopf, „ich befinde mich hier oben ganz gut, und habe keine Lust, hinunter zu gehen.“ Die Königstochter aber schmeichelte dem Hexenkopf, so dass er sich betören ließ und endlich herunterstieg. „Was hast du für struppiges Haar,“ sprach die Königstochter, „Komm mit mir, ich will dich fein machen.“ Da folgte ihr der Hexenkopf in die Küche, und die Königstochter nahm einen Kamm und begann den Kopf zu kämmen. Sie hatte aber gerade den Ofen geheizt, um das Brot zu backen. Während sie nun das Haar kämmte, wand sie sich leise den langen Zopf um den Arm, und mit einem Male schleuderte sie den Kopf in den Ofen, machte die Ofentür zu und ließ ihn ruhig verbrennen.

An den Kopf aber knüpfte sich das Leben des Räubers und während er nun verbrannte, fühlte der Räuber auch seine Gesundheit und sein Leben schwinden und starb. Die Königstochter aber war an dem Fenster hinaufgestiegen, wo noch das Körbchen hing, in welchem der Kopf gehaust hatte. Dort fand sie ein kleines Töpfchen mit Salbe und als sie damit ihre Schwestern bestrich, wurden sie wieder lebendig. Da bestrich sie auch alle die anderen Mädchen und jede nahm sich von den Schätzen des Räubers, so viel sie tragen konnte; dann kehrten sie alle zu ihren Eltern zurück. Die drei Schwestern aber kamen zu ihrem Vater und lebten mit ihm glücklich und zufrieden, bis sie drei schöne Prinzen heirateten.

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Die Erzählstruktur kommt einem natürlich verflixt bekannt vor, aber schön ist es trotzdem immer wieder. Und ein bißchen unappetitlich, denn – ein Hexenkopf? Irgendwie stelle ich mir den als Schrumpfkopf vor. Igitte.
 
Textquelle: Sicilianische Märchen. Aus dem Volksmund gesammelt von Laura Gonzenbach. Mit Anmerkungen Reinhold Kößler’s und einer Einleitung herausgegeben von Otto Hartwig. Erster Theil. Mit einem Portrait einer Märchenerzählerin. Leipzig: Verlag von Wilhelm Engelmann 1870, S. 135-139.
Bildquelle: Hexen bereiten eine magische Salbe zu, Holzschnitt von ca. 1571

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2 Gedanken zu „31.1 Vom Räuber, der einen Hexenkopf hatte – wunderschöne sizilianische Märchen

  1. Jessica

    Ich bin gerade auf deine Seite gestoßen und finde sie toll! Ich lese (und sammle) auch gern Märchen aus verschiedenen Ländern!

    Übrigens habe ich mir beim Lesen des Märchens oben auch einen sprechenden Schrumpfkopf vorgestellt… sehr gruselig!

    Antwort

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