30.4 Der Zimmermann und das Amulett

Zum Abschluss einer weiteren kurzen Märchenwoche ein wunderschönes Zaubermärchen. Lest selbst…

Der Zimmermann und das Amulett

Es war einmal ein Zimmermann mit Namen Makame, welcher Bäume beschlug. Er ging in den Wald und schnitzte aus einem Mvinya-Baume das Ebenbild eines Menschen mit Fingern, Ohren, Nase, Augen, Mund und Kinn. Dann rief er einen Lehrer, der den Koran darüber las, und siehe da – plötzlich verwandelte sich der Baumstamm in ein lebendes Wesen. Dann rief er einen Tuchweber, der es bekleidete; und als er es mit nach Hause brachte, da war es eine sehr schöne Frau. So wie sie gab’s keine mehr.

Makame hielt sie einst im Walde verborgen, und als andere Leute dort vorbeikamen, sahen sie sie und nahmen sie mit. Als Makame mit seinen Holzlasten zurückkehrte, schaute er sich allenthalben nach seiner Frau um, fand sie jedoch nicht. Er weinte sehr und begab sich zur Stadt zurück und blieb in seinem Hause.

Jene Frau sprach nichts dort, wo sie hingeschleppt worden war; sie war wie eine Stumme. Sie sprachen zu ihr: „Wie kommt es, dass Du Frau nicht redest?“ Sie sagte jedoch nichts. Viele Leute kamen und besuchten sie und sprachen mit ihr, sie schwieg jedoch immer; sie sprach weder noch freute sie sich, noch lachte sie.

Makame suchte überall seine Frau, die er aus einem Baume geschnitzt hatte; und die Frau suchte jemand, der ihr ihren Mann ausforschen und zurückgeben könnte. Als Makame nun auch dorthin kam, wo seine Frau war, und sie sah, erkannte er sie sofort als seine Frau wieder. Da sprach er zu jenen: „Jemand, der die Bedeutung nicht kennt, dem wird sie auch nicht gesagt; ich möchte nämlich diese Frau haben, welche nicht spricht, vielleicht ist sie gestohlen worden und sehnt sich nach ihrem Manne, deshalb spricht sie nicht; ich wünsche, dass wir einen Schein schreiben, dass, wenn sie nicht spricht, Ihr mit meinem Kopf machen könnt, was Ihr wollt, spricht sie aber, so gehört diese Frau mir.“ Sie setzten einen Vertrag auf und jede Partei nahm den ihrigen an sich.

Makame setzte sich auf einen Stuhl, während die Frau entfernt davon saß. Dort, wo Makame saß, war ein Vogel, Asiraji genannt. Makame sprach zu diesem: „Ein Vater rief einen Zimmermann herbei, welcher aus einem Baume das Ebenbild eines Menschen schuf, ganz nach Art der Menschenkinder. Dann kam der Lehrer und las den Koran darüber und bekleidete es mit einem Amulett und es verwandelte sich in eine Frau, die sprechen und lachen konnte. Nun kam ein Tuchweber und machte ihr die Kleider. Sage nun Asiraji, wer von diesen drei Leuten ist der Eigentümer dieser Frau?“ Der Vogel schwieg. Was sollte er auch antworten, denn er war ja nur ein Vogel; Makame sprach jedoch nicht zu dem Vogel, sondern zu jener Frau.

Makame stellte sich nun, als ob er ärgerlich sei, und sprach: „Du, Vogel, ich werde Dich schlagen, sage mir die Wahrheit, wer von diesen drei Leuten ist der Besitzer jener Frau?“ Als er aufstand und den Vogel schlagen wollte, sprach die Frau: „Lass ihn doch, Herr, weshalb schlägst Du diesen Vogel!“ So hatte die Frau plötzlich gesprochen und die Leute wunderten sich sehr.

Makame nahm nun seine Frau mit sich in seine Stadt und lebte viele Tage mit ihr zusammen. Eines Tages sprach er: „Meine Frau, ich gehe in’s Innere Handel treiben, der Sultan dieses Landes ist ein Wüstling, er ergreift Frauen und Männer, sei daher vorsichtig und bleibe in Deinem Hause!“

Makame brach auf und begab sich in’s Innere, um Handel zu treiben, seine Frau ließ er zurück. Eines Tages kam ein junger Sklave des Sultans und trat in’s Haus des Makame ein, um Feuer zu holen. Es wurde ihm gesagt: „Gehe nach oben“ Er begab sich dorthin. Als er die Frau des Makame sah, fiel er nieder. Dann lief er zu seinem Herrn und sagte: „Herr, ich habe eine schöne Frau im Hause des Makame gesehen. Deine Frau ist sehr hässlich gegen die Frau des Makame, sie ist wunderschön.“ Der Sultan sprach: „Ist es wahr?“ Er erwiderte: „Es ist die Wahrheit, Herr.“

Der Sultan schickte eine alte Frau hin und sie begab sich in’s Haus des Makame. Als diese die hübsche Frau erblickte, überredete sie sie, führte sie mit sich fort und sprach zu ihr: „Der Sultan wird Dir silbergestickte Kleider und goldenen Schmuck geben und Du wirst zu den Großen gehören.“ Sie begab sich in das Haus des Sultans und blieb dort wohnen. Der Sultan wurde ihr Mann und an das Haus des Makame dachte sie nicht mehr.

Als Makame zurückkehrte, klopfte er an seinem Hause an, fand aber alles still. „Vielleicht ist sie zu ihrer Schwiegermutter gegangen,“ dachte er. Er ging zu seiner Mutter und fragte: „Ist Eure Schwiegertochter, meine Frau, hier?“ Seine Mutter erwiderte: „Sie ist nicht hier.“ Dann ging er nach seinem Hause zurück, trat ein und dachte bei sich: ‚Meine Frau hat der Sultan weggenommen!‘ „Doch warte nur, das schadet nichts,“ sprach er. Dann rief er einen Vogel, der Kurumbisi hieß, herbei und sprach: „Fliege in das Haus des Sultans, ich, Makame, schicke Dich, und hole die mir gehörigen Wertgegenstände meiner Frau; wenn Du sie bekommst, werden wir beide, Du und ich, dieselben unter uns teilen.“

Der Vogel flog auf und begab sich zum Hause des Sultans. Er setzte sich auf das Dach und sang sein Lied, das dem Sultan und seiner Frau galt: „Ich esse nicht die Frucht des Baumes*, nimm Du, Sultan, sie – es ist nicht mein Begehr sie zu haben, bekleide sie mit Fußspangen, Halsketten und Perlschnüren.“ Die Frau erwiderte: „Nimm den Schmuck des Makame, Makame ist nicht mehr mein Mann, er will seine Sachen nicht zurück, sondern mich selbst.“

Sie gab ihm seine Gegenstände, Ketten, Fußspangen, Ringe und Kleider, überhaupt alles, was Frauen gewöhnlich zu tragen pflegen, und schickte alles dem Makame zurück. Der Vogel brachte es hin und sagte: „Hier, Makame, kommen Deine Sachen.“ Makame erwiderte: „Alle Sachen sind noch nicht da, ein Ding hast Du vergessen, geh’ noch einmal.“

Der Vogel flog wieder dorthin, dann sang er und sprach zu ihnen: „Ich esse nicht die Frucht des Baumes, nimm Du sie – es ist nicht mein Begehr sie zu haben, bekleide sie mit Fußspangen, Halsketten und Perlschnüren.“ Die Frau erwiderte: „Nimm den Schmuck des Makame, Makame ist nicht mehr mein Mann, er will nicht nur die Sachen, sondern auch mich selbst.“ Und ferner sprach sie: „Ich habe Dir seine Sachen gegeben, was willst Du noch?“ Und als sie sehr weinte, kam ihr Mann, der Sultan, und sprach: „Warum weinest Du, meine Frau? Gib dem Makame seine Sachen und wenn es dieses Amulett nur ist, so gib es ihm auch. Bei mir gibt es viele Amulette, seien es Zauberamulette oder silberne und goldene, nimm sie und lege sie an; was ist das Amulett des Makame wert?“

Darauf nahm er es ihr mit Gewalt ab und gab es dem Vogel, aber – plötzlich war sie wieder zum Baum geworden, und der Sultan war sehr bestürzt. Makame lebte fortan still für sich zu Hause. So endete dies.

* Herr Velten erklärt: „Da die Frau aus einem Baume geschnitzt war.“

*******

Herr Velten weist darauf hin, dass einige dieser Märchen klar arabische Wurzeln haben. Dieses dürfte dazu gehören. Makame allerdings scheint eine ‚einheimische‘ Märchenfigur zu sein, der immer wieder auftaucht. Hach. Wenn ich doch mehr Zeit hätte, mehr nachzulesen… weiterzulesen…

 

Textquelle: Carl Velten: Märchen und Erzählungen der Suaheli. Stuttgart und Berlin: Spemann 1898, S. 234-238.
Bildquelle: Schnitzerei von Makonde, ca. 1967

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