30.2 Die drei Dummköpfe

Heute gibt es ein Märchen, das zeigt, wie international doch Familiendynamiken funktionieren. Aber lest selbst…

Die drei Dummköpfe

Ein armer Mann hatte eine sehr hübsche Tochter; jeden jungen Mann, der sich um sie bewarb, wies er ab. „Wer meine Tochter haben will, muss dreihundert Realen zahlen.“ Es waren schon viele gekommen, aber niemand, der dies zahlen konnte.

Schließlich fand sich jemand, der sagte: „Ich werde die Summe zahlen.“ Und er verkaufte seine sämtlichen Sachen, sogar seine Sklaven, und erhielt dreihundert Realen dafür. Die brachte er seinem Schwiegervater und dieser sagte ihm: „Bestimme einen Dir passenden Tag, damit ich Dich verheirate.“ Er bestimmte einen Tag und heiratete; jedoch wurde ihm keine Ehre angetan, er heiratete wie ein Sklave. Das ärgerte ihn sehr und er sagte: „Mein Geld habe ich umsonst hingegeben.“

Zunächst blieb er eine Zeit lang dort, dann nahm er seine Frau mit sich; ihr Vater gab ihr jedoch weder ein einziges Stück Zeug noch einen einzigen Sklaven mit. Er zog weg mit seiner Frau und wohnte außerhalb der Stadt und war sehr arm. Er beschäftigte sich damit, Vögel zu schießen. Wenn er zwei bekommen hatte, verkaufte er sie und kaufte Essen ein und die Zutaten dazu. Das war seine tägliche Beschäftigung.

Da erschien eines Tages ein junger Mann und stellte seiner Frau nach. Die Frau tat so, als ob sie einwillige. Er schenkte ihr einen Maria Theresien-Thaler. Sie hielt ihn jedoch jeden Tag zum besten und sagte: „Erwarte mich im Walde.“ Sie ging aber nicht hin.

Eines Tages kam der Vater jener jungen Frau und traf den jungen Mann, der seiner Tochter nachstellte, unterwegs und sagte: „Ich will zum Hause des Ali, wo ist dies wohl?“ „Das kenne ich genau,“ erwiderte jener, „lass uns gehen, ich werde Dich hinführen.“ Den Ehemann traf er nicht an, und er rief voraus und sagte zur Frau: „Bringe eine Matte, Dein Vater ist gekommen.“ Sie brachte eine Matte heraus und breitete sie in der Vorhalle aus. Dann fragte er: „Wo ist Dein Mann hingegangen?“ Sie sagte: „Er ist spazieren gegangen.“

Während sie sich noch in der Vorhalle unterhielten, kam ihr Mann zurück. Er hatte zwei Vögel geschossen. Als er Leute in der Vorhalle sah, schämte er sich dort vorüberzugehen und kam von hinten herein. Den einen Vogel gab er seiner Frau und fragte: „Wer ist in der Vorhalle draußen?“ Sie antwortete: „Mein Vater ist gekommen.“

Dann ging er auf den Markt, um die Vögel zu verkaufen, und kaufte Reis, Kokosnüsse und Pfeifer dafür, kehrte wieder durch die Hintertüre zurück und übergab alles seiner Frau. Alsdann kehrte er auf einem andern Weg wieder zurück, näherte sich der Vorhalle und gab seinem Schwiegervater die Hand und fragte: „Was gibt’s Neues, da wo Du herkommst? Geht’s der Mutter und den Übrigen gut?“ Er sagte: „Es geht allen gut.“ Dann unterhielten sie sich noch lange und legten sich ein wenig zur Ruhe.

Unterdessen bereitete die Frau das Essen. Als es fertig war, stellte sie sich in die Türe und rief: „Heda, Ihr drei Dummköpfe!“ Zuerst erwachte ihr Vater. Sie rief zum zweiten Male: „Heda, ihr drei Dummköpfe“ Da erwachte ihr Mann. Als sie zum dritten Male rief, erwachte jener junge Mann, der ihr nachstellte.

Ihr Vater ärgerte sich sehr und sagte: „Mein Kind, ich bin hierhergekommen, um Dich zu besuchen, und Du heißest mich einen Dummkopf? Gib mir meine Reisetasche, ich will wieder fort von hier.“ Seine Tochter fragte: „Wann wirst Du aufbrechen?“ Er erwiderte: „Du hast mich gescholten, ich werde sofort aufbrechen, Du hast mich einen Dummkopf genannt und ich bin doch klug.“ Sie sagte zu ihm: „Setz Dich und iss zuerst, nachher werde ich Dir sagen, was das zu bedeuten hat.“

Ihr Mann war gleichfalls sehr ärgerlich und sagte: „Frau, Du hast mich beschimpft!“ Sie erwiderte ihm: „Ärgere Dich nicht, iss zunächst, nachher werde ich Dir sagen, was das bedeuten soll.“

Auch jener andere war erzürnt, verabschiedete sich und sagte: „Lebt wohl, ich gehe meiner Wege, denn ich bin unverdientermaßen beschimpft worden.“ Da sagte sie zu allen: „Setzt Euch hin, esst und nachher werde ich Euch die Erklärung geben.“ Sie setzten sich hin und aßen.

Als sie gegessen hatten, sagten sie: „Gib uns jetzt die Erklärung.“ „Zunächst,“ sagte sie, „bist Du, mein Vater, ein Dummkopf, mich um dreihundert Realen zu verheiraten, ohne mir einen Sklaven oder Kleider, Vermögen und Wertsachen mitzugeben, und ohne mir ein schönes Hochzeitsfest zu veranstalten! Hast Du mich an meinen Mann verheiratet oder verkauft? Mein Vater, Du bist ein Dummkopf.“

„Der zweite Dummkopf ist mein Mann. Du zahltest dreihundert Realen und heiratetest mich, die ich weder eine Pflanzung noch sonst etwas besaß. Hättest Du eine Sultanstochter geheiratet, so würdest Du viel Vermögen bekommen haben, das Du in Muße hättest verzehren können. Du hättest eine schöne Pflanzung gehabt, um Dich zu ergehen, Du hättest Sklaven gehabt, die hinter Dir hergegangen wären. So hast Du mich Ärmste Gottes geheiratet, die nichts besitzt. Zweitens, hättest Du eine Arbeit, bei der Du etwas verdientest, so dass wir es in Ruhe verzehren könnten, so würdest Du mich jeden Tag vergnügt sehen, aber Du, mein Mann, bist eben ein Dummkopf.“

„Der dritte Dumme ist dieser da. Mein Mann hat mich mit großen Kosten geheiratet, als ob sein ganzes Geld nichts wäre und Dein Vermögen betrug einen Realen; und nun stellst Du mir fortwährend nach, damit ich mich mit Dir im Walde umhertreibe. Du bist mir stets vorgekommen, als ob Du gar keinen Anstand besäßest.“

Als ihr Mann das hörte, wurde er wütend und sagte: „Wie, der da stellt meiner Frau nach?“ Dann ergriff er einen Stock, schlug ihn jämmerlich, jagte ihn sofort weg und schalt ihn mit den gröbsten Schimpfworten und sagte: „Ich möchte Dich noch einmal hier sehen! Wenn Du nur an meinem Hause vorbeikommst, werde ich Dich totschlagen.“ Dann kehrte er in die Vorhalle zurück und setzte sich.

Sein Schwiegervater nahm Abschied und sagte: „Ich kam, um Euch zu besuchen, jetzt werde ich nach Hause zurückkehren.“ Sie sprachen: „Leb wohl, Vater, grüße die Mutter und alle Leute in der Stadt.“ Dann brach er auf, um zu seiner Frau zurückzukehren, und erzählte ihr alles, was ihm dort, wo er herkam, wiederfahren war.

Dann ging er hin und nahm sein bares Geld und machte zwei Teile; die eine Hälfte nahm er an sich, für die andere kaufte er Sachen. Und er kaufte ein schönes Haus, hübsche Decken, gute Möbel, Ziegen und Reis, Pfeifer und Gewürz. Dann schrieb er einen Brief und lud seinen Schwiegersohn und seine Tochter ein; und sie kamen. Und nun veranstaltete er ein großes Hochzeitsfest und gab seiner Tochter Sklavinnen und seinem Schwiegersohn junge Sklaven.

Bald darauf zog der junge Ehemann mit Waren ins Innere, um Handel zu treiben. Er machte großen Gewinn an Elfenbein und Sklaven. Dann kehrte er zur Küste zurück und lebte mit seiner Frau glücklich und ihre Ehe war mit Kindern gesegnet.

So endete die Geschichte der drei Dummköpfe.

*******

Der komplizierte Papa, die zurückhaltende Mutter, die clevere Tochter und die nicht gaaanz mitdenkenden jungen Männer. Klassiker. Zumindest im Märchen. Denn in Realität sind mir noch nicht viele zurückhaltende Mütter begegnet. ;D

 

Textquelle: Carl Velten: Märchen und Erzählungen der Suaheli. Stuttgart und Berlin: Spemann 1898, S. 76-80.
Bildquelle: Fotografie von Walther Dobbertin (1882–1961), das einen alten Suaheli/Swahili zeigt und im Bundesarchiv liegt

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