30.1 Der Affe und der Leopard – wie es die Märchen der Suaheli/Swahili erzählten

Diese Woche gibt es Märchen der Suaheli. Ich dachte, mal wieder so ein Abstecher in weitere Ferne könnte nix schaden. Und ja, heute spricht man von ‚Swahili‘, aber da meine Textgrundlage wie immer etwas älter ist und ich nicht unnötig Verwirrung stiften will, folgen wir Herrn Velten in seiner eh auf einem arabischen Begriff und damit einer Fremdbezeichnung beruhenden Schreibweise für die alte Kultur der ostafrikanischen Küste.

Los geht es heute mit einem Tiermärchen. Lest selbst…

Der Affe und der Leopard

Es war einmal ein Affe. Der sagte: „Ich bin nicht kräftig, ich werde mir einen Stärkeren aussuchen und mit ihm Freundschaft schließen.“ Er begab sich zu einem Leoparden und schloss Freundschaft mit ihm.

Sie lebten zusammen. Eines Tages brachen sie auf und gingen, bis sie an einen großen Baum kamen, und ruhten dort aus. Jener Baum aber hatte sehr viele Dornen. Der Leopard sagte nun zum Affen: „Du Affe, kannst Du auf den Baum klettern? Klettere hinauf und sieh nach, von welcher Seite Krieg, von welcher Friede kommt.“

Der Affe kletterte auf den Baum, und als er bis zur Mitte gekommen war, riss er sich an den Dornen, so dass Blut heruntertröpfelte. Als der Leopard das Blut seines Freundes gewahrte, leckte er es auf. Der Affe sah vom Baum herab nach unten und bemerkte, dass sein Blut von seinem Freunde aufgeleckt wurde; da bekam er Angst.

Der Leopard fragte den Affen: „Von welcher Seite kommt Krieg?“ „Ich habe mich nach allen Seiten umgeschaut,“ erwiderte der Affe, „ich habe nichts Feindliches bemerkt; aber von unten vom Baume her droht die Gefahr, dort sieht’s kriegerisch aus.“ Der Affe hatte solche Furcht bekommen, dass er nicht wieder vom Baume herabstieg, und mit der Freundschaft war es zu Ende.

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Ein durchaus klassisches Tiermärchenmotiv, die Freudnschaft, die nicht funktionieren kann, weil beide nicht aus ihrer Haut können. Und nicht nur im klassischen Tiermärchen – nachdem ich gerade mal wieder Madagaskar geguckt habe, also den Zeichentrickfilm, und wenn das kein Wiedererkennungswert ist… ;D

 

Textquelle: Carl Velten: Märchen und Erzählungen der Suaheli. Stuttgart und Berlin: Spemann 1898, S. 3f.
Bildquelle: Illustration eines für dieses Märchen passend geknickt aussehenden Leoparden und Bild George Stubbs‘ von einem ebenso passend naiv wirkenden Affen

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