29.4 Die Geschichte von Ali Baba und den vierzig Räubern – Teil 4

Und heute der vierte und letzte Teil. Lest selbst…

Die Geschichte von Ali Baba und den vierzig Räubern

Da ging Ali Baba hinein, und Mardschanah setzte ihm die Schale vor. Sprach ihr Herr: „Gern höre ich diese wunderbare Geschichte, bitte, erzähle sie mir und beruhige mir das Herz.“ Und die Sklavin begann ihm alles zu erzählen, was geschehen war. Und als Mardschanah ihrem Herrn die Geschichte berichtet hatte, fügte sie alsbald hinzu: „Was ich dir erzählt habe, ist die ganze Wahrheit. Schon seit mehreren Tagen schwante mir dergleichen, aber ich verschwieg es dir, weil ich es nicht für geraten hielt, davon zu reden, damit nicht etwa die Nachbarn davon hörten. Jetzt aber hilft es nichts mehr und ich muss es dir erzählen. Als ich eines Tages in die Haustür trat, bemerkte ich an ihr ein weißes Kreidezeichen und am nächsten Tage neben dem weißen ein rotes. Ich wusste nicht, zu welchem Zweck die Zeichen gemacht waren, aber ich zeichnete in gleicher Weise die Türen mehrerer Nachbarn, denn ich dachte mir, dass irgendein Feind solches getan hätte, um dadurch meinem Herrn das Verderben zu bringen. Deshalb machte ich auf all die andern Türen genau die gleichen Zeichen, die ich auf unsrer gefunden hatte, so dass es schwer war, unter ihnen zu unterscheiden. Überlege dir jetzt, ob nicht all diese Zeichen und diese ganze Schurkerei das Werk der Banditen des Waldes sind, die unser Haus in dieser Weise zeichneten, um es erkennen zu können. Von diesen vierzig Dieben bleiben jetzt noch zwei, von denen ich nichts weiß, also hüte dich vor ihnen. Doch vor allem fürchte den dritten Räuber, ihren Hauptmann, der lebend von hinnen floh. Nimm dich in acht und sei auf der Hut, denn solltest du ihm in die Hände fallen, so wird er dich sicher nicht schonen, sondern ermorden. Ich will alles tun, was in meiner Macht liegt, um dich vor Unheil und dein Leben und deine Habe vor Schaden zu bewahren. Nie sollst du finden, dass deine Sklavin es im Dienste ihres Herrn fehlen lässt.“

Als er diese Worte hörte, freute Ali Baba sich in höchster Freude und sprach zu ihr: „Es geziemt sich vor allem, dass wir diese Leichen begraben, so dass das Geheimnis niemandem bekannt wird.“ Und Ali Baba nahm seinen Sklaven Abdullah mit sich in den Garten und grub dort unter einem Baume für die Leichen der Räuber ein Grab, dessen Umfang seinem Inhalt entsprach, und dann schleppten sie die Leichen, die sie ihrer Waffen entkleidet hatten, bis zur Grube und warfen sie hinein. Als sie die siebenunddreißig Räuber mit Erde zugedeckt hatten, machten sie den Boden wieder glatt und sauber, wie er gewesen war. Und sie verbargen auch die ledernen Krüge und die Rüstungen und Waffen, und dann schickte Ali Baba die Maultiere einzeln und in Paaren in den Basar und verkaufte sie alle mit der kundigen Hilfe seines Sklaven Abdullah. In dieser Weise blieb alles geheim, und niemandem kam das geringste zu Ohren. Ali Baba aber war immer noch besorgt und unruhig, dass der Hauptmann und die zwei noch lebenden Räuber an seinem Haupte Rache nehmen würden. Er hielt sich mit aller Vorsicht verborgen und hütete sich, irgendjemandem ein Wort von dem Geschehenen zu verraten, oder gar von dem Schatz, den er aus der Räuberhöhle genommen hatte.

Derweilen nun floh der Hauptmann, nachdem er mit dem Leben davongekommen war, in heißer Wut und arger Verstimmung in den Wald. Und seine Sinne waren verstört, und die Farbe seines Gesichtes verschwand wie aufwirbelnder Rauch. Immer von neuem dachte er die ganze Sache durch, und schließlich kam er zu dem festen Schluss, dass er Ali Baba das Leben nehmen müsse. Denn sonst würde er den ganzen Schatz verlieren, und sein Feind würde ihn kraft der Kenntnis der magischen Worte entwenden und ihn zu eigenem Nutzen verwerten. Und ferner beschloss er, dies Geschäft allein zu unternehmen, und wenn er Ali Baba beseitigt hätte, so wollte er eine neue Räuberbande zusammenbringen, um seine Räuberlaufbahn fortzusetzen, wie es schon seine Väter seit vielen Generationen getan hatten.

Er legte sich also in dieser Nacht zur Ruhe, und als er früh am Morgen aufstand, legte er ein Gewand von passender Art an, dann ging er in die Stadt und stieg in einer Karawanserei ab, da er bei sich dachte: zweifelsohne sei der Mord an so vielen Menschen dem Wali zu Ohren gekommen, und man habe Ali Baba ergriffen und vor Gericht gezogen, dann sei sein Haus dem Erdboden gleichgemacht und seine Habe sei in den Staatsschatz geflossen. Die Bewohner der Stadt müssten ohne Zweifel von all dem vernommen haben. Und er fragte alsbald den Wirt des Khans: „Welche merkwürdigen Dinge sind in den letzten Tagen in der Stadt geschehen?“ Und der andere erzählte ihm alles, was er gehört und gesehen hatte, aber von dem, was ihn am nächsten anging, konnte der Hauptmann nichts erfahren. Daran erkannte er, dass Ali Baba klug und vorsichtig war, denn er hatte nicht nur so großen Reichtum aus der Höhle davongeschleppt, sondern jetzt auch so viel Leben vernichtet, ohne selber Schaden zu nehmen. Also musste er all seine Sinne zusammennehmen, um nicht seinem Feinde in die Hände zu fallen und umzukommen. In dieser Absicht mietete der Hauptmann im Basar einen Laden, und er brachte ganze Ballen der feinsten Stoffe und der besten Waren aus seinem Schatzhaus im Walde dorthin. Und er setzte sich in den Laden hinein und begann das Gewerbe des Kaufmanns zu treiben. Nun wollte es der Zufall, dass sein Laden dem des verstorbenen Kasim gegenüberlag, wo jetzt dessen Sohn, Ali Babas Neffe, seinen Handel trieb. Und der Hauptmann, der sich Khwadschah Hasan nannte, schloss bald mit den Ladenbesitzern in seiner Nachbarschaft Bekanntschaft und Freundschaft, und er behandelte alle mit überströmender Höflichkeit. Besonders herzlich und huldvoll aber zeigte er sich dem Sohne Kasims, einem schönen, gutgekleideten Jüngling, und oft saß er bei ihm und plauderte lange mit ihm. Und es traf sich, dass ein paar Tage darauf Ali Baba, wie er es bisweilen tat, seinen Neffen besuchte und ihn in seinem Laden sitzend vorfand. Der Hauptmann sah ihn und erkannte ihn auf den ersten Blick.

Eines Morgens fragte er den Jüngling und sprach: „Bitte, sage mir, wer ist jener, der von Zeit zu Zeit zu dir kommt in deinen Laden?“ Versetzte der Jüngling: „Er ist mein Oheim, der Bruder meines Vaters.“ Der Hauptmann erwies ihm noch größere Gunst und Liebe, um ihn für seine eigenen Zwecke noch besser zu täuschen, und er gab ihm Geschenke und lud ihn ein an seine Tafel und speiste ihn mit den leckersten Gerichten. Da aber überlegte Ali Babas Neffe sich, dass auch er den Kaufmann zum Nachtmahl laden müsse, doch war sein Haus nur klein, und es gebrach ihm an Raum, so dass er keinen Glanz entfalten konnte wie Khwadschah Hasan und also beriet er sich mit seinem Oheim. Sprach Ali Baba: „Du hast recht; es geziemt sich, dass du deinen Freund aufs ehrenvollste behandelst, wie er dich behandelt hat. Morgen ist Freitag, da schließe du deinen Laden, wie es alle angesehnen Kaufleute tun; und nach dem Frühmahl führe Khwadschah Hasan spazieren, damit er die Luft rieche, und unterwegs führe ihn unversehens hierher. Derweilen will ich Befehl erteilen, dass Mardschanah für diesen Besuch die besten Speisen bereite und alles, was nötig ist für ein Fest. Mache dir keinerlei Sorge, sondern überlasse das alles meiner Hand.“

Am andern Tage also, dem Freitag, nahm Ali Babas Neffe Khwadschah Hasan zu einem Spaziergang im Garten mit und auf dem Rückweg führte er ihn durch die Straße, in der sein Oheim wohnte. Als sie das Haus erreichten, machte der Jüngling Halt an der Tür, klopfte und sprach: „O mein Herr, dies ist mein zweites Heim. Mein Oheim hat viel von dir gehört und von deiner Güte mir gegenüber, und er wünscht mit sehnlichem Wunsche, dich kennen zu lernen. Wenn du also bereit wärst, einzutreten und ihn zu besuchen, so wäre ich sehr froh und dir wahrhaft dankbar.“ Obgleich nun Khwadschah Hasan im Herzen frohlockte, dass er ein Mittel gefunden hatte, Zutritt in seines Feindes Haus und Familie zu erlangen, und obwohl er hoffte, sein Ziel bald durch Verrat zu erreichen, so zögerte er doch, hineinzugehen, und er blieb stehen, um sich zu entschuldigen, und wollte davongehen. Aber als der Pförtner die Türe öffnete, ergriff Ali Babas Neffe seinen Gefährten bei der Hand, und nach vielen Worten der Überredung führte er ihn hinein, und er trat ein unter großen Zeichen der Befriedigung, als freue er sich sehr und fühle sich geehrt. Der Herr des Hauses empfing ihn mit aller Huld und Ehrfurcht, fragte ihn nach seinem Ergehen und sprach zu ihm: „O mein Herr, ich bin dir verpflichtet und dankbar, dieweil du dem Sohn meines Bruders Gnade erwiesen hast, und ich merke, du siehst ihn mit noch mehr Liebe an als ich.“ Versetzte Khwadschah Hasan mit heiteren Worten: „Dein Neffe findet mein größtes Wohlgefallen, und ich freue mich seiner sehr, denn wiewohl er noch jung an Jahren ist, hat Allah ihm doch schon große Weisheit verliehen.“

So unterhielten sie sich in freundlicher Unterhaltung, und alsbald stand der Gast auf, um zu gehen, und sprach: „O mein Herr, dein Sklave muss jetzt Abschied von dir nehmen, aber an einem kommenden Tage will er – Inschallah! – dir wiederum seine Aufwartung machen.“ Ali Baba wollte ihn jedoch nicht gehen lassen und fragte: „Wohin ziehst du, o mein Freund? Ich wollte dich an meine Tafel laden, und ich bitte dich, speise mit uns, und dann ziehe in Frieden nach Hause. Vielleicht sind die Schüsseln nicht ganz so lecker, wie du sie gewohnt bist, aber geruhe, uns trotzdem diese Bitte zu erfüllen, und erfrische dich an meinem Tische.“ Sprach Khwadschah Hasan: „O mein Herr, ich bin dir verpflichtet für deine huldvolle Einladung, und mit Vergnügen säße ich an deinem Tische, aber ich muss mich aus einem besondern Grunde entschuldigen. Erlaube mir also, dass ich gehe, denn ich darf nicht länger verweilen, noch auch dein gütiges Angebot annehmen.“ Versetzte der Gastgeber: „Ich bitte dich, o mein Herr, sage mir, welches der gewichtige und dringende Grund sein mag?“ Und Khwadschah Hasan sprach: „Der Grund ist dieser: ich darf auf Verordnung des Arztes, der mich kürzlich von einem Leiden heilte, keinerlei Nahrung essen, die mit Salz bereitet ist.“ Sprach Ali Baba: „Wenn das alles ist, so bitte ich dich, beraube mich nicht der Ehre, die deine Gesellschaft mir verleiht, da die Gerichte noch nicht gekocht sind, so will ich der Köchin verbieten, vom Salz Gebrauch zu machen. Verweile einen Augenblick, ich kehre gleich zurück.“

Mit diesen Worten ging Ali Baba zu Mardschanah und befahl ihr, in keine der Schüsseln Salz zu tun. Während sie mit dem Kochen beschäftigt war, erstaunte sie höchlich ob solchen Befehls und fragte ihren Herrn: „Wer isst denn die Gerichte ohne Salz?“ Versetzte er: „Was geht es dich an, wer es ist? Tu nur nach meinem Befehl.“ Sprach sie: „Gut, es soll geschehen, wie du wünschest“ Im Geist aber wunderte sie sich über den Menschen, der eine so seltsame Forderung stellte, und es verlangte sie sehr, ihn zu sehen. Als also alle Gerichte zum Auftragen fertig waren, half sie dem Sklaven Abdullah, den Tisch zu breiten und die Mahlzeit hineinzubringen. Kaum hatte sie Khwadschah Hasan gesehen, so wusste sie auch schon, wer er war, obgleich er sich in dem Gewande eines fremden Kaufmanns verkleidet hatte. Ferner entdeckte sie, als sie ihn aufmerksam betrachtete, einen Dolch, den er unter dem Gewande verborgen hatte. „Aha!“ sprach sie bei sich selber, „das ist der Grund, weshalb der Schurke kein Salz isst. Er sucht nach einer Gelegenheit, um meinen Herrn zu erschlagen, denn er ist sein Todfeind**. Ich aber will ihm zuvorkommen und ihn befördern, ehe er noch den Moment erhascht, meinem Herrn ein Leid zu tun.“ Als sie ein weißes Tuch über den Tisch gebreitet und die Speisen aufgetragen hatte, kehrte sie in die Küche zurück und überlegte sich ihren Anschlag wider den Räuberhauptmann.

Als nun Ali Baba und Khwadschah Hasan sich satt gegessen hatten, sagte der Sklave Abdullah Mardschanah Bescheid, den Nachtisch zu bringen, und sie deckte den Tisch ab und trug auf Tellern frische und getrocknete Früchte auf. Dann stellte sie neben Ali Baba einen kleinen Dreifuß für drei Becher mit einer Flasche Weines auf, und zuletzt ging sie selber mit dem Knaben Abdullah in ein anderes Gemach, als wollte jetzt auch sie ihr Nachtmahl nehmen. Da frohlockte Khwadschah Hasan oder der Räuberhauptmann gewaltig, denn er merkte, dass die Luft für ihn rein wäre, und er sprach bei sich selber: ‚Die Zeit ist gekommen, volle Rache zu nehmen; mit einem einzigen Stoß meines Dolches will ich diesen Burschen befördern, dann durch den Garten entschlüpfen und meiner Wege gehen. Sein Neffe wird nicht wagen, meine Hand aufzuhalten, denn wenn er nur Finger oder Zeh rührt, so schließt ein zweiter Stoß seine irdische Rechnung ab. Doch ich muss noch eine Weile warten, bis der Sklave und die Köchin gegessen und sich in der Küche zur Ruhe gelegt haben werden.‘

Mardschanah jedoch beobachtete ihn genau, und da sie seine Absicht erriet, so sprach sie in ihrer Seele: ‚Ich darf diesem Schurken keinen Vorteil über meinen Herrn gewähren, sondern ich muss auf irgendeine Weise seinen Plan zunichtemachen und sein Leben auf der Stelle enden.‘ Demgemäß wechselte die treue Sklavin in aller Eile die Kleidung und legte Gewänder an, wie sie Tänzerinnen tragen. Sie verschleierte sich das Gesicht mit einem kostbaren Schleier, um ihren Kopf band sie sich einen schönen Turban, und über die Hüften band sie sich ein Gürteltuch, durchwirkt mit Gold und Silber, darin sie einen Dolch barg, dessen Heft reich mit Filigran und Juwelen geschmückt war. In dieser Verkleidung sprach sie zu dem Sklaven Abdullah: „Jetzt nimm deine Schellentrommel, damit wir zu Ehren des Gastes unseres Herrn singen und spielen und tanzen.“ Er tat, wie sie befahl, und sie gingen beide in den Saal, indem der Knabe spielte, während das Mädchen ihm folgte. Dann machten sie eine tiefe Verbeugung und baten um Erlaubnis, zu spielen, zu tanzen und sich zu zeigen. Ali Baba gab die Erlaubnis, indem er sagte: „Tanzt und tut euer Bestes, damit dieser unser Gast heiter und lustig werde.“ Sprach Khwadschah Hasan: „›O mein Herr, du sorgst in der Tat für viel heitere Unterhaltung.“

Der Sklave Abdullah, der daneben stand, begann die Schellentrommel zu schlagen, während Mardschanah aufstand und ihre vollendete Kunst entfaltete, und ihnen ungeheuer gefiel mit ihren anmutigen Schritten und ihrer übermütigen Bewegung. Plötzlich zog sie den Dolch aus dem Gürtel, schwang ihn und schritt hin und her, ein Schauspiel, das ihnen am meisten gefiel. Bisweilen blieb sie auch vor ihnen stehen, indem sie den scharfen Dolch unter ihre Armhöhle schlug oder mit der Spitze auf ihren Busen setzte. Zuletzt aber nahm sie dem Sklaven Abdullah die Schellentrommel ab, und den Dolch noch in der rechten Hand, ging sie herum, um Gaben zu sammeln, wie es bei Possenreißern Sitte ist. Zunächst trat sie vor Ali Baba hin, der ein Goldstück in die Trommel warf, dann vor den Neffen, der auch ein Goldstück hergab, und schließlich vor Khwadschah Hasan. Als der sah, dass sie auf ihn zukam, zog er seinen Beutel hervor. Sie aber fasste sich ein Herz und schnell wie der blendende Blitz tauchte sie den Dolch in seinen Leib, so dass der Schurke alsbald tot wie ein Stein zu Boden sank.

Ali Baba war entsetzt, und er rief in seinem Grimm: „Unselige! Was für eine Tat hast du getan, die mein Verderben nach sich ziehen muß?“ Doch sie versetzte: „Nein, o mein Herr, vielmehr um dich zu retten und vor Schaden zu bewahren, habe ich diesen erschlagen. Löse ihm die Gewänder und sieh nach, was du darunter entdecken wirst!“ Da durchsuchte Ali Baba die Kleider des Toten und fand einen Dolch darin verborgen. Sprach Mardschanah: „Dieser Elende war dein Todfeind. Sieh ihn recht an, er ist kein anderer als der Ölhändler, der Hauptmann der Räuberbande. Dieweil er hierherkam, um dir das Leben zu nehmen, wollte er nicht von deinem Salze essen, und als du mir sagtest, er wünsche kein Salz in den Speisen, da schöpfte ich Verdacht wider ihn, und auf den ersten Blick war ich überzeugt, dass er dich ermorden wollte. Allah, dem Allmächtigen, sei Lob, es ist, wie ich dachte!“ Da überschüttete Ali Baba sie mit seinem Danke und den Bezeugungen seiner Erkenntlichkeit und sprach: „Sieh, zweimal hast du mir jetzt das Leben gerettet, und zum Lohn für diese deine Treue werde ich dich meinem Neffen vermählen.“ Und indem er sich zu dem Jüngling wandte, sprach er: „Tu, wie ich dir befehle, und es wird dir wohl ergehen. Ich möchte, dass du dir Mardschanah vermählst, denn sie ist ein Muster der Pflicht und Treue. Du siehst jetzt, dieser Khwadschah Hasan suchte deine Freundschaft einzig zu dem Zwecke, damit er eine Gelegenheit fände, mir das Leben zu nehmen. Aber dieses Mädchen hat ihn in ihrem trefflichen Verstande und ihrer Klugheit erschlagen und uns gerettet.“ Ali Babas Neffe aber war auf der Stelle bereit, sich Mardschanah zu vermählen.

Da nahmen sie alle drei mit äußerster Vorsicht und Eile die Leiche, trugen sie hinaus und vergruben sie heimlich im Garten; und viele Jahre lang erfuhr niemand etwas davon. Als dann die Zeit gekommen war, vermählte Ali Baba seines Bruders Sohn unter großem Pomp Mardschanah und er richtete seinen Freunden und Nachbarn ein prunkvolles Hochzeitsmahl, und er vergnügte sich mit ihnen und freute sich des Singens, des Tanzens und der Lustbarkeiten. Er hatte in all seinen Unternehmungen Glück, und die Zeit lächelte ihm, denn ihm tat sich eine neue Quelle des Reichtums auf. Aus Furcht vor den Dieben hatte er die Waldhöhle, in der der Schatz lag, nie wieder aufgesucht seit dem Tage, da er die Leiche seines Bruders Kasim fortgetragen hatte. Aber eine Weile darauf stieg er eines Morgens auf seine Eselin und ritt dorthin, und zwar mit aller Vorsicht und Sorgfalt. Doch als er keine Spur von Menschen oder Tieren fand, beruhigte er sich und wagte sich der Tür zu nähern. Er saß ab von seinem Tier, band es an einen Baum, trat zum Eingang und sprach die Worte, die er nicht vergessen hatte: „Sesam, öffne dich!“ Da flog die Tür wie immer auf, und als er eintrat, sah er die Waren und den Schatz an Gold und Silber, der noch unberührt dalag, wie er ihn verlassen hatte. Das überzeugte ihn, dass keiner von all den Dieben mehr am Leben war und dass außer ihm keine Seele das Geheimnis der Höhle kannte. Sofort band er in seine Satteldecke eine Last von Goldstücken ein, wie sein Tier sie zu tragen vermochte, und nahm sie mit nach Hause. Und in späteren Tagen zeigte er seinen Söhnen und Sohnessöhnen den Schatz, und er lehrte sie, das Tor zu öffnen und zu schließen. So lebte Ali Baba mit seinem Hause sein Leben lang in Reichtum und Genuss in jener Stadt, in der er zuerst ein Armer gewesen war; und durch den Segen des geheimen Schatzes stieg er zu hohen Ehren und Würden empor.

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Geschafft! Und hoffentlich genossen? Ich muss ja sagen, ich habe Ali Baba fast noch einmal neu entdeckt. Keine Ahnung, wann ich das Märchen das letzte Mal wirklich gelesen habe, aber offenbar ist es lange genug her, dass mir viele der Details inzwischen entfallen waren.

 

Textquelle: Die schönsten Geschichten aus 1001 Nacht. Leipzig [1914], S. 226-234. – Zitiert nach Zeno.

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