29.2 Die Geschichte von Ali Baba und den vierzig Räubern – Teil 2

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Die Geschichte von Ali Baba und den vierzig Räubern

Als nun die Nacht hereinbrach und Kasim nicht nach Hause kam, wurde sein Weib unruhig, und sie lief zu Ali Baba und sprach: „O mein Bruder, Kasim ist nicht nach Hause gekommen. Du weißt, wohin er ging, und ich fürchte sehr, ihm ist ein Unheil widerfahren.“ Auch Ali Baba erriet, dass nur ein Missgeschick ihn gehindert hätte zurückzukehren, doch suchte er trotzdem seine Schwägerin zu trösten, indem er aufheiternd zu ihr sprach: „O Weib meines Bruders, vielleicht übt Kasim kluge Vorsicht und kommt, indem er die Stadt vermeidet, auf einem Umwege zurück, und bald wird er hier sein. Das, glaube ich, ist der Grund seines Ausbleibens.“ Diese Worte trösteten Kasims Weib, und sie ging nach Hause und setzte sich und harrte der Heimkehr ihres Gatten. Als aber die halbe Nacht verstrichen war und er immer noch nicht kam, da war sie wie verstört. Doch sie fürchtete sich, in ihrem Grame laut zu weinen, damit nicht einer der Nachbarn sie höre und zu ihr käme und so das Geheimnis erführe; und sie weinte still vor sich hin, machte sich Vorwürfe und dachte bei sich selber: ‚Weshalb enthüllte ich ihm das Geheimnis und säte so Neid und Eifersucht auf Ali Baba? Dies ist die Frucht, und daher kommt dieses Unheil über mich.‘

In bitteren Tränen verbrachte sie den Rest der Nacht, und früh am Morgen eilte sie in heller Hast zu Ali Baba und bat ihn, dass er auszöge, seinen Bruder zu suchen. Er aber mühte sich, sie zu trösten und brach mit seinen Eseln auf zu dem Walde. Und als er den Felsen erreichte, sah er mit Staunen Flecken frisch vergossenen Blutes, und da er weder seinen Bruder noch die Maultiere fand, so ahnte er ein Unheil nach diesen schlimmen Zeichen. Da trat er an das Tor und sprach: „Sesam, öffne dich!“ Und er drang ein und fand die Leiche Kasims, von der zwei Viertel rechts und zwei Viertel links vom Eingang hingen. Obwohl er nun über jedes Maß des Schreckens hinaus erschrak, so hüllte er doch die Teile in zwei Tücher, legte sie auf einen seiner Esel und deckte sie sorgfältig zu mit Reisern und Brennholz. Dann lud er den beiden andern Tieren Säcke mit Gold auf den Rücken und deckte auch sie sorgfältig zu. Und als alles fertig war, schloss er das Tor mit den Zauberworten und brach in aller Wachsamkeit und Umsicht nach Hause auf. Die Esel mit dem Golde gab er dort seinem Weibe, dem er befahl, die Säcke gut zu vergraben, aber er sagte ihr nicht, wie er seinen Bruder gefunden hatte. Dann ging er mit dem andern Tier, dem, darauf die Leiche lag, zu dem Haus der Witwe, wo er leise an die Türe pochte. Nun hatte Kasim eine Sklavin namens Mardschanah*, ein Mädchen von scharfem Verstand und großer Einsicht. Die schob ebenso leise den Riegel zurück und ließ Ali Baba mit dem Esel in den Hof des Hauses ein; und er nahm die Leiche vom Rücken des Tieres herab und sprach: „O Mardschanah, eile dich und mache dich bereit, die Bräuche zum Begräbnis deines Herrn zu vollziehen. Ich will jetzt hineingehn, deiner Herrin die Nachricht zu bringen, und dann kehre ich schnell zurück, um dir zu helfen.“ In diesem Augenblick sah die Witwe Kasims ihren Schwäger und rief: „O Ali Baba, welche Nachricht bringst du mir von meinem Gatten? Wehe, ich sehe die Zeichen des Grams in deinen Zügen geschrieben. Sag mir schnell, was geschehen ist.“ Und er erzählte ihr, wie es ihrem Gatten ergangen war, wie ihn die Räuber erschlagen hatten, und wie er die Leiche nach Hause getragen habe. Und er fuhr fort: „O meine Herrin, was geschehen sollte, ist geschehen, aber es geziemt sich für uns, dies alles geheimzuhalten, denn von der Verschwiegenheit hängt unser Leben ab.“ Sie weinte mit bitterem Weinen und gab zur Antwort: „Es ist meinem Gatten ergangen nach der Bestimmung des Schicksals, und jetzt gebe ich dir um deiner Sicherheit willen das Versprechen, die Sache geheimzuhalten.“ Versetzte er: „Nichts kann helfen, wenn Allah beschlossen hat. Ruhe in Geduld, bis die Tage deiner Witwenschaft verstrichen sind, dann will ich dich zum Weibe nehmen, und du sollst glücklich und behaglich leben; und fürchte nicht, dass meine erste Gattin dich quälen oder dir Eifersucht bezeugen wird, denn sie ist freundlich und zärtlichen Herzens.“ Und die Witwe rief, indem sie geräuschvoll ob ihres Verlustes klagte: „Es sei, wie es dir gefällt.“

Da nahm Ali Baba Abschied von ihr, die da um ihren Gatten weinte und klagte. Und er ging zu Mardschanah, um sich mit ihr zu beraten, wie sie das Begräbnis seines Bruders veranstalten wollten. Nach vielen Beratungen und Warnungen verließ er die Sklavin und ritt nach Hause, indem er seinen Esel vor sich hertrieb. Als aber Ali Baba fort war, ging Mardschanah schnell in den Laden eines Kräuterhändlers; und um ihn besser täuschen zu können, ohne dass sie ihm die Sache verriete, verlangte sie Hima-Saft, wie man ihn oft anwendet bei gefährlicher Krankheit. Er gab ihn ihr und sprach: „Wer liegt in deinem Hause so schwer krank, dass er dieses Heiltranks bedürfte?“ Versetzte sie: „Mein Herr Kasim liegt krank auf den Tod. Seit vielen Tagen schon hat er nicht mehr gesprochen noch auch Nahrung zu sich genommen, so dass wir an seinem Leben verzweifeln.“ Und am nächsten Tage ging Mardschanah wiederum zu ihm und verlangte von dem Kräuterhändler mehr des Heiltranks sowie auch solche Essenzen, die man den Kranken gibt, wenn sie schon an der Tür des Todes stehen, so dass der Sterbende vor dem letzten Atemzuge noch einmal zu sich kommt. Er gab ihr den Trank, und sie nahm ihn, seufzte laut, weinte und sprach: „Ich fürchte, er wird nicht mehr die Kraft haben, diesen Trank zu trinken. Mich dünkt, es wird mit ihm vorüber sein, ehe ich noch nach Hause komme.“

Derweilen wartete nun Ali Baba ängstlich darauf, dass er in Kasims Hause die Klänge der Klage und des Weinens hörte, um auf dieses Zeichen hinzueilen und an den Begräbniszeremonien teilzunehmen. Und früh am zweiten Tage ging Mardschanah mit verschleiertem Antlitz zu einem Schneider namens Baba Mustafa, einem hochbetagten Manne, dessen Gewerbe es war, Leichentücher und Wachsleinwand zu machen. Und sowie sie sah, dass er seinen Laden auftat, gab sie ihm ein Goldstück und sprach: „Lege dir eine Binde über die Augen und komme mit mir.“ Mustafa tat, als wolle er nicht mit ihr gehen, und Mardschanah legte ihm ein zweites Goldstück in die Hand und flehte ihn an, sie zu begleiten. Da willigte der Schneider aus Habgier ein, und sie band ihm eine Binde eng über die Augen und führte ihn an der Hand bis an das Haus, darin die Leiche ihres Herrn lag. Dort nahm sie ihm im verdunkelten Zimmer die Binde ab und befahl ihm, die Viertel der Leiche Glied an Glied zusammenzunähen; und indem sie ein Tuch auf die Leiche warf, sprach sie zu dem Schneider: „Eile dich und nähe ein Leichentuch für die Statur dieses Toten, und ich will dir noch ein Goldstück geben.“ Schnell schnitt Baba Mustafa das Leichentuch in passender Breite und Länge zurecht, und dann bezahlte Mardschanah ihm das versprochene Goldstück; schließlich aber verband sie ihm von neuem die Augen und führte ihn zurück zu der Stelle, von der sie ihn abgeholt hatte.

Eilig kehrte sie nunmehr nach Hause zurück, wusch mit Ali Babas Hilfe die Leiche in warmem Wasser, legte sie in das Leichentuch und bahrte sie, zum Begräbnis bereit, an einem sauberen Orte auf. Als das geschehen war, ging Mardschanah in die Moschee und meldete dem Imam, dass der Trauernden in einem bestimmten Hause ein Begräbnis harre, und sie bat ihn zu kommen, damit er die Gebete für den Toten lese, worauf der Imam ihr folgte. Dann nahmen vier Nachbarn die Bahre auf, hoben sie auf die Schulter und zogen mit dem Imam und den anderen, die solchen Begräbnissen beizuwohnen pflegten, hinaus. Und als die Totengebete beendet waren, trugen vier weitere Leute den Sarg davon. Mardschanah aber ging barhäuptig vor ihm her, schlug sich die Brust, weinte und klagte in überlauten Klagen, während Ali Baba und die Nachbarn ihm folgten. In dieser Reihenfolge betraten sie den Totenacker und begruben den Toten und indem sie ihn Munkar und Nakir überließen, den Totenrichtern, gingen alle ihrer Wege. Dann versammelten sich die Frauen des Quartiers nach der Sitte der Stadt im Trauerhause und saßen eine Stunde lang bei Kasims Witwe, indem sie sie trösteten und mit ihr trauerten, und schließlich ließen sie sie ein wenig ergeben und aufgeheitert zurück.

Vierzig Tage lang blieb Ali Baba in zeremonieller Trauer ob des Verlustes seines Bruders zu Hause und in der Stadt wusste niemand außer ihm, der Witwe Kasims und Mardschanah etwas von dem Geheimnis. Und als die vierzig Tage der Trauer zu Ende waren, brachte Ali Baba alles, was dem Verstorbenen gehört hatte, in sein eigenes Haus und vermählte sich offen der Witwe. Und er ernannte seinen Neffen, den ältesten Sohn seines Bruders, der lange bei einem reichen Kaufmann gelebt hatte und bewandert war in allem Wissen, wie es der Handel verlangt, damit er den Laden des Verschiedenen übernähme und seinen Handel weiterführe.

Nun begab es sich, dass eines Tages die Räuber, als sie nach ihrer Sitte in die Schatzhöhle kamen, aufs höchste erstaunten, als sie keine Spur und kein Zeichen von Kasims Leiche mehr fanden, während ihnen zugleich auffiel, dass große Mengen des Goldes fortgetragen waren. Sprach der Hauptmann: „Jetzt geziemt es uns, diese Sache zu untersuchen; sonst werden wir noch größere Verluste erleiden, und dieser unser Schatz, den wir und unsere Väter im Laufe vieler Jahre aufgespeichert haben, wird allmählich verschwendet und vertan.“ Dem stimmten alle bei, und einmütig kamen sie überein, dass der, den sie erschlagen hatten, die Zauberworte kennen musste, durch die man das Tor zu öffnen vermochte; und ferner müsste noch außer ihm jemand Kenntnis haben von dem Zauber, und dieser hätte die Leiche und viel Gold davongeschafft. So müssten sie denn sorgfältig forschen und herausbekommen, wer dies wäre. Sie berieten sich und beschlossen, einer von ihnen, ein scharfsinniger und erfinderischer Kopf, solle die Kleidung eines Kaufmanns aus fernen Gegenden anlegen, sich in die Stadt begeben und dort umherziehen von Quartier zu Quartier und von Straße zu Straße, und er solle in Erfahrung bringen, ob kürzlich einer der Städter verstorben wäre, und wenn ja, wo er gewohnt hätte, damit sie mit Hilfe dieser Handhabe dem, den sie suchten, auf die Spur kämen. Sprach einer der Räuber: „Gebt mir Urlaub, damit ich ausziehe und in der Stadt nach solcher Auskunft forsche, um euch alsbald darüber zu berichten, und wenn ich mein Ziel nicht erreiche, so sei mein Leben verwirkt.“

Demgemäß also zog dieser Räuber, nachdem er sich verkleidet hatte, abends in die Stadt, und am nächsten Morgen begab er sich in der Frühe auf den Marktplatz, wo er sah, dass noch keiner der Läden geöffnet war, außer dem Baba Mustafas, des Schneiders, der mit Faden und Nadel in der Hand auf seinem Arbeitsschemel saß. Der Dieb bot ihm einen guten Tag und sprach: „Es ist noch dunkel, wie kannst du schon sehen, um zu nähen?“ Sprach der Schneider: „Ich merke, du bist ein Fremder. Trotz meiner Jahre sind meine Augen so scharf, dass ich noch gestern eine Leiche zusammenflickte, während ich in einem ganz verdunkelten Zimmer saß.“ Sprach der Bandit bei sich selber: ‚Ich werde ein wenig von dem, was ich wünsche, aus diesem Schneider herausbekommen.‘ Und um sich einen weiteren Fingerzeig zu sichern, fragte er: „Mir scheint, du willst mit mir scherzen und meinst, du habest ein Leichentuch für eine Leiche genäht, und es ist dein Gewerbe, Schweißtücher zu machen.“ Versetzte der Schneider: „Es kann dir ja gleich sein. Frag mich nicht weiter.“ Da legte ihm der Räuber ein Goldstück in die Hand und fuhr fort: „Ich wünsche nichts zu entdecken, was du verbirgst, obgleich meine Brust wie die jeden ehrlichen Mannes das Grab der Geheimnisse ist, und nur dies eine möchte ich von dir erfahren: in welchem Hause hast du diese Arbeit verrichtet? Kannst du mich zu ihm weisen oder führen?“ Gierig nahm der Schneider das Gold und rief: „Ich habe den Weg zu dem Hause nicht mit eigenen Augen gesehen. Eine Sklavin führte mich an einen Ort, den ich gut kenne, und dort verband sie mir die Augen und führte mich in ein Haus und dort in ein verdunkeltes Gemach, in dem gevierteilt die Leiche lag. Dann nahm sie mir die Binde ab und befahl mir, zunächst die Leiche zusammenzunähen und dann das Laken, und als ich das getan hatte, verband sie mir wiederum die Augen und führte mich zu der Stelle zurück, wo sie mich abgeholt hatte und jetzt zurückließ. Du siehst also, ich vermag dir nicht zu sagen, wo du das Haus finden wirst.“ Sprach der Räuber: „Obgleich du das Haus, von dem du redest, nicht kennst, so kannst du mich doch an die Stelle führen, an der man dir die Augen verband. Dann will ich dir eine Binde über die Augen legen und dich führen, wie man dich führte, so wirst du vielleicht die Stelle erkennen. Wenn du mir diesen Gefallen tun willst, so sieh, dann ist ein weiteres Goldstück dein.“

Und der Bandit ließ dem Schneider ein zweites Goldstück in die Finger gleiten, und Baba Mustafa schob es zu dem ersten in die Tasche; dann ließ er seinen Laden stehen und liegen und ging zu der Stelle, wo Mardschanah ihm das Tuch vor die Augen gebunden hatte, und mit ihm ging der Räuber, der ihm dort die Augen verband und ihn an der Hand nahm. Baba Mustafa aber, der klug und scharfsinnig war, schlug alsbald die Straße ein, durch die er mit der Sklavin gegangen war, und er schritt weiter, indem er Schritt für Schritt zählte. Plötzlich blieb er stehen und sprach: „So weit bin ich mit ihr gegangen“ Und beide standen vor Kasims Hause, in dem jetzt sein Bruder Ali Baba wohnte. Nun machte der Räuber mit weißer Kreide ein Zeichen auf die Tür, damit er sie künftig erkenne, und er nahm dem Schneider die Binde von den Augen und sprach: „O Baba Mustafa, ich danke dir für deine Freundlichkeit, und Allah, der Allmächtige, lohne dir deine Güte. Sage mir jetzt, ich bitte dich, wer in diesem Hause wohnt.“ Sprach er: „Wahrlich, ich weiß es nicht, denn ich kenne mich wenig aus in diesem Viertel der Stadt.‹“Und der Bandit begriff, dass er von dem Schneider keine weitere Aufklärung zu erwarten habe, und so entließ er ihn unter reichlichem Danke in seinen Laden, während er selber an den verabredeten Ort im Walde eilte, wo die Bande seiner harrte.

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Textquelle: Die schönsten Geschichten aus 1001 Nacht. Leipzig [1914], S. 212-218. – Zitiert nach Zeno.

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