29.1 Die Geschichte von Ali Baba und den vierzig Räubern – Teil 1

Es ist mal wieder dringend Zeit für einen echten Klassiker, finde ich. Und daher gibt es diese Woche Ali Baba und die 40 Räuber in vier Teilen. Lest selbst…

Die Geschichte von Ali Baba und den vierzig Räubern

In alten Zeiten und längst verschollenen Vergangenheiten lebten in einer Stadt Persiens zwei Brüder, deren einer Kasim hieß und der andere Ali Baba. Bei ihres Vaters Hintritt hatten sie das wenige, was er ihnen hinterließ, in zwei gleiche Hälften geteilt, und sie hatten keine Zeit verloren, alles auszugeben und zu verschwenden. Der ältere jedoch nahm sich alsbald ein Weib, die Tochter eines reichen Kaufmanns, so dass er, als sein Schwiegervater einging in die Gnade des allmächtigen Allah, Besitzer eines großen Ladens wurde, der angefüllt war mit seltenen Gütern und kostbaren Waren, und eines Vorratshauses voll wertvoller Stoffe sowie vielen Goldes, das in der Erde vergraben war. Daher kannte man ihn in der ganzen Stadt als einen wohlhabenden Mann. Die Frau aber, der Ali Baba sich vermählte, war arm und bedürftig; und sie lebten also in einer erbärmlichen Hütte, und Ali Baba verdiente sich sein kümmerliches Brot, indem er Feuerholz verkaufte, das er täglich im Sumpfwald sammelte und auf seinen drei Eseln in den Basar trug.

Nun begab es sich eines Tages, als Ali Baba tote Zweige und trockene Reiser in genügender Menge gebrochen und die Last auf seine Tiere geladen hatte, dass er zu seiner Rechten eine Staubwolke erblickte, die sich hoch auftürmte in der Luft und rasch auf ihn zukam. Und als er genauer hinsah, entdeckte er einen Trupp Reiter, die scharf ausgriffen und ihn bald erreichen mussten. Ob dieses Anblicks war er höchst bestürzt, und da er fürchtete, es möchte eine Räuberbande sein, die ihn erschlagen und seine Esel forttreiben würde, so begann er in seinem Entsetzen zu rennen. Doch da sie schon so nahe waren und er nicht mehr aus dem Walde entfliehen konnte, so trieb er die mit dem Feuerholz beladenen Tiere abseits ins Gebüsch und kletterte den dicken Stamm eines riesigen Baumes hinauf, um sich in ihm zu verbergen; und er setzte sich auf einen Ast, von dem aus er alles unter sich sehen konnte, während ihn von unten niemand zu erblicken vermochte.

Dieser Baum nun wuchs dicht neben einem Felsen, der sich hoch zu Häupten in die Lüfte türmte. Und als die Reiter, junge, kräftige und gewandte Männer, dicht vor dem Felsabsturz ankamen, saßen sie sämtlich ab. Ali Baba sah sie sich sorgfältig an, und bald überzeugten ihn ihre Erscheinung und ihr Gebaren, dass sie wirklich ein Trupp Räuber wären, die eine Karawane überfallen und geplündert, die Beute fortgeschleppt und ihren Raub jetzt hierher gebracht hätten, um ihn sicher in einem Versteck zu verbergen. Er zählte ihrer vierzig. Und als sie unter dem Baume waren, schirrte ein jeder von ihnen seinen Gaul ab und fesselte ihm den Vorderfuß. Dann nahmen sie ihre Satteltaschen herab, und er sah, dass sie voller Gold und Silber waren. Der aber, der ihr Hauptmann zu sein schien, trat alsbald mit seiner Last auf der Schulter vor und drang durch die Dornen und Büsche bis zu einer Stelle durch, wo er die seltsamen Worte sprach: „Sesam, öffne dich!“ Und im Nu erschien ein riesiges Tor in der Felsenwand. Die Räuber traten ein, als letzter ihr Hauptmann, und hinter ihm schloß sich das Tor ganz von selber.

Lange blieben sie in der Höhle, und derweilen sah Ali Baba sich gezwungen, auf dem Baum zu hocken. Denn er überlegte sich, wenn er hinabstiege, möchte gerade die Räuberbande wieder zum Vorschein kommen, ihn ergreifen und erschlagen. Schließlich aber hatte er eben beschlossen, eins der Pferde zu besteigen, seine Esel vorwärtszuhetzen und nach Hause zurückzukehren, als plötzlich das Tor wieder aufflog. Als erster trat der Räuberhauptmann hervor, der am Eingang stehen blieb, auf seine Leute blickte, sie zählte, während sie herauskamen, und zuletzt die Zauberworte sprach: „Sesam, schließe dich!“ worauf sich das Tor von selber schloß. Und als die Musterung zu Ende war, schnallte ein jeder die Satteltaschen wieder auf und schirrte sein Pferd; als alle fertig waren, ritten sie unter der Führung ihres Hauptmanns in der Richtung davon, aus der sie gekommen waren.

Ali Baba blieb noch eine Weile auf dem Baume und sah ihnen nach, als sie davonritten. Und nicht eher stieg er herab, als bis sie seinen Augen ganz entschwunden waren, denn er besorgte, es könne einer von ihnen umkehren, sich umschauen und ihn erspähen. Dann aber dachte er bei sich selber: ‚Ich will doch auch die Kraft dieser Zauberworte erproben und sehn, ob sich auch auf mein Geheiß das Tor öffnen und schließen wird.‘ Er rief also mit lauter Stimme: „Sesam, öffne dich!“ Und kaum hatte er das gesagt, so flog das Tor weit auf, und er trat ein.

Er sah eine weite, gewölbte Höhle von der Höhe eines ausgewachsenen Menschen. Sie war in den lebendigen Stein gehauen und beleuchtet von dem Licht, das durch Luftlöcher und runde Fenster in der oberen Decke des Felsens einfiel, die das Dach bildete. Er hatte erwartet, in dieser Räuberhöhle nichts anderes zu finden als äußerste Finsternis, und er sah mit Staunen, dass der ganze Raum angefüllt war mit Ballen von allerlei Stoffen und vom Boden bis zur Decke vollgehäuft mit Kamellasten von Seide, Brokat, gestickten Tuchen und Bergen über Bergen vielfarbiger Teppiche. Ferner sah er unermessliche und unzählbare Mengen von Gold- und Silbermünzen, die teils auf den Boden geschüttet waren, teils eingebunden in lederne Beutel und Säcke. Und als er diese Waren und Schätze in solcher Menge erblickte, berechnete Ali Baba sich in seinem Geiste, dass hier nicht nur ein paar Jahre, sondern viele Generationen von Dieben ihren Raub und ihre Beute aufgespeichert haben mussten. Sowie er innerhalb der Höhle stand, hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, doch war er ohne Angst, da er die Zauberworte genau behalten hatte. Der kostbaren Stoffe ringsum achtete er nicht, sondern er hielt sich einzig an die Säcke mit den Goldstücken. Von ihnen trug er so viele hinaus, wie er seinen Tieren glaubte aufladen zu können; und er belud sie damit und deckte seinen Raub mit dem Brennholz und den Reisern zu, damit niemand die Säcke sähe, sondern jeder dächte, er führe seine gewöhnliche Ware nach Hause. Zuletzt aber rief er: „Sesam, schließe dich!“ und alsbald war das Tor geschlossen, denn der Zauber wirkte so, dass das Tor sich, sooft jemand eintrat in die Höhle, von selber hinter ihm schloss, und wenn er sie verließ, so tat es sich weder auf, noch auch schloss es sich, bevor er die Worte: „Sesam, schließe dich!“ gesprochen hatte.

Als er nun seine Esel beladen hatte, trieb Ali Baba sie mit aller Eile vor sich her in die Stadt; und als er sein Haus erreichte, trieb er sie in den Hof hinein. Er schloss das äußere Tor, nahm erst die Reiser und das Brennholz herab und dann die Säcke voll Gold, die er seinem Weibe brachte. Sie betastete sie, und als sie die Münzen fühlte, kam sie auf den Verdacht, Ali Baba habe sich auf den Raub verlegt; und sie begann ihn zu schelten und zu tadeln wegen seiner Missetat. Sprach Ali Baba zu seinem Weibe: „Wahrlich, ich bin kein Räuber, und vielmehr freue du dich mit mir über unser Glück.“ Und er erzählte ihr sein Abenteuer und begann das Gold in Haufen vor ihr aus den Säcken zu schütten, und ihr Auge war geblendet von dem Glanz, und ihr Herz war entzückt ob seines Berichtes und Abenteuers. Dann begann sie das Gold zu zählen, aber Ali Baba sprach: „Du albernes Weib, wie lange willst du die Münzen noch drehen und wenden? Lass mich jetzt ein Loch graben, damit wir den Schatz darein vergraben und niemand das Geheimnis erfahre.“ Sprach sie: „Recht ist deine Rede! Doch möchte ich das Geld wägen, um ungefähr eine Schätzung seines Wertes zu haben.“ Versetzte er: „Wie du willst, doch achte darauf, dass du niemandem ein Wort von ihm sagest!“

Da ging sie eiligst in Kasims Haus, um sich Gewichte und Wagen zu borgen, mit denen sie die Goldstücke wägen und ihren Wert berechnen könnte. Und als sie Kasim nicht finden konnte, sprach sie zu seinem Weibe: „Bitte, leih mir auf einen Augenblick deine Waage.“ Fragte ihre Schwägerin: „Brauchst du die größere Waage oder die kleinere?“ Versetzte sie: „Die größere brauche ich nicht, gib mir die kleine.“ Da rief ihre Schwägerin: „Warte einen Augenblick, damit ich dir hole, was du brauchst.“ Unter diesem Vorwand ging Kasims Weib davon und bestrich die Schale der Wage heimlich mit Wachs und Talg, um zu erfahren, was Ali Babas Weib wägen wollte, denn sie vergewisserte sich, was es auch sei, dass ein wenig davon an dem Wachs und Fett haften bleiben würde. Diese Gelegenheit ergriff die Frau, um ihre Neugier zu befriedigen; und da Ali Babas Weib nichts davon ahnte, so nahm sie die Wage nach Hause und begann das Gold zu wägen, während Ali Baba nicht abließ zu graben; und als sie das Geld gewogen hatten, trugen sie es gemeinsam in das Loch, das sie sorgfältig mit Erde bedeckten. Dann brachte die gute Frau ihrer Schwägerin die Waage zurück, ohne zu ahnen, dass in der Schale ein Goldstück haften geblieben war.

Als aber Kasims Weib das Goldstück erblickte, schäumte sie vor Neid und Zorn und sprach bei sich selber: „Aha! Sie borgten sich meine Waage, um Goldstücke zu wägen!“ Und sie staunte sehr, woher so arme Leute solchen Reichtum haben möchten, dass sie ihn mit der Waage wägen mussten. Und als sie die Sache lange überlegt hatte, sprach sie gegen Abend zu ihrem Gatten, als er nach Hause kam: „O Mann, du hältst dich für einen reichen und wohlhabenden Mann, aber siehe, dein Bruder Ali Baba ist ein Emir gegen dich und bei weitem reicher als du. Er hat solche Berge Goldes, dass er sein Geld mit der Waage wägen muss, während du dich wahrlich noch damit begnügst, es zu zählen.“ „Woher weißt du das?“ fragte Kasim, und zur Antwort erzählte ihm sein Weib die ganze Geschichte mit der Waage, an der sie ein Goldstück gefunden hatte; und sie zeigte ihm das Goldstück, das Bild und Inschrift eines alten Königs trug. Die ganze Nacht hindurch fand Kasim keinen Schlaf ob seines Neides, seiner Eifersucht und seiner Habgier; und am nächsten Morgen stand er beizeiten auf, ging zu Ali Baba und sprach: „O mein Bruder, allem Anschein nach bist du arm und bedürftig; aber in Wirklichkeit hast du so großen Reichtum, dass du dein Gold mit der Waage wägen mußt.“ Sprach Ali Baba: „Was sprichst du da? Ich verstehe dich nicht; sprich deutlich aus, was du meinst“ Kasim erwiderte in rascher Wut: „Stelle dich nicht, als wüsstest du nicht, wovon ich rede, und glaube nicht, mich täuschen zu können.“ Und er zeigte ihm das Goldstück und rief: „Tausende solcher Goldstücke hast du verborgen. Mein Weib fand dieses, wie es an der Waage haften geblieben war.“ Da begriff Ali Baba, dass sowohl Kasim wie sein Weib wüssten, welche Schätze an Gold er besäße, und er sagte sich in seiner Seele, es würde nichts fruchten, wenn er die Sache verborgen hielte, sondern nur bösen Willen und Unheil stiften. Das veranlasste ihn, seinem Bruder alles über die Banditen zu erzählen, und auch über den verborgenen Schatz in der Höhle. Als nun Kasim die Geschichte vernommen hatte, rief er aus: „Gern erführe ich von dir den genauen Ort, wo du das Geld gefunden hast, sowie auch die Zauberworte, durch die die Tür sich öffnete und schloss. Und ich warne dich, wenn du mir nicht die volle Wahrheit sagst, so melde ich dem Wali deinen Schatz und so wirst du deinen ganzen Reichtum verwirken und in Schande geraten und in den Kerker geworfen werden.“ Da erzählte ihm Ali Baba alles, ohne die Zauberworte zu vergessen, und Kasim, der es sich sorgfältig einprägte, brach am nächsten Tage auf, indem er zehn gemietete Maultiere vor sich hertrieb.

Bald hatte er den Platz gefunden, den Ali Baba ihm beschrieben hatte. Als er nun zu besagtem Felsen und zu dem Baume kam, in dem Ali Baba sich verborgen hatte, und als er das Tor fand, rief er in heller Freude: „Sesam, öffne dich!“ Im Nu gähnte ihm das Tor entgegen, und Kasim trat ein und sah die Haufen von Juwelen und Schätzen, die alle in Reihen geordnet waren; und sowie er zwischen ihnen stand, schloss die Tür sich wie immer von selber. Verzückt ging er umher und staunte ob der Schätze, und als er des Bewunderns müde war, sammelte er die Säcke mit den Goldstücken zusammen, eine Last, wie sie für zehn Maultiere genügte. Er legte sie am Eingang bereit, um sie dann hinauszutragen und auf den Tieren zu verladen. Doch nach dem Willen des allmächtigen Allah hatte er die zauberstarken Worte völlig vergessen, und er rief: „Öffne dich, Gerste!“ worauf das Tor die Antwort schuldig blieb. Über die Maßen erstaunt und bestürzt begann er nun die Namen aller möglichen Getreide zu rufen, nur den des Sesams ließ er aus, denn der war seinem Gedächtnis entschlüpft, als hätte er ihn nie gehört. Schon achtete er in seiner argen Not nicht mehr des Goldes, das er am Eingang aufgehäuft hatte, und er lief hin und her, nach vorn und zurück, ratlos und in schwerer Not. Der Reichtum, der ihm zuvor das Herz mit Freude und Jubel erfüllt hatte, verursachte ihm jetzt bitteren Gram und große Trauer. Und schließlich gab er jede Hoffnung auf, mit dem Leben davonzukommen, das er durch seine Habgier und seinen Neid in so große Gefahr gebracht hatte.

Nun geschah es, dass die Räuber um Mittag des Weges kamen, und da sie schon von weitem die Maultiere an dem Felsentor stehen sahen, wunderten sie sich sehr, wie sie dorthin gekommen waren. Denn Kasim hatte zu allem Unglück auch noch vergessen, sie anzubinden oder ihnen die Vorderfüße zu fesseln, so dass sie durch den Wald geschweift waren und jetzt an allen möglichen Stellen weideten. Die Diebe aber achteten der Verirrten wenig und mühten sich auch nicht, sie einzufangen, sondern sie wunderten sich nur, wie sie so weit von der Stadt hatten fortschweifen können. Und als sie die Höhle erreichten, saßen der Hauptmann und seine Leute ab, und er trat an das Tor und sprach die Formel, so dass es sich auftat. Nun hatte Kasim schon von drinnen das Pferdegetrappel immer mehr nahen gehört und in äußerster Furcht fiel er zu Boden, da er nicht daran zweifelte, dass es die Banditen wären, die ihn unfehlbar erschlagen würden. Doch schließlich fasste er sich ein Herz, und in dem Augenblick, als die Tür sich auftat, stürzte er hinaus in der Hoffnung, zu entrinnen.

Aber der Unselige prallte in vollem Lauf wider den Hauptmann an, der vor der Bande stand, so dass Kasim zu Boden stürzte. Und einer der Räuber, der dicht bei dem Hauptmann stand, zog alsbald das Schwert und spaltete Kasim mit einem einzigen Schlage in zwei Stücke. Dann stürzten die Räuber in die Höhle hinein, und sie brachten die Säcke mit dem Gelde, die Kasim am Tore aufgehäuft hatte, wieder an Ort und Stelle zurück. Derer aber, die Ali Baba genommen hatte, achteten sie nicht, so bestürzt und betäubt waren sie ob der Entdeckung, dass ein Fremder eingedrungen war. Alle wussten, dass es jedem unmöglich wäre, durch die oberen Fenster herabzukommen, so steil und hoch war die Felsenwand, die obendrein noch schlüpfrig war; und ebenso wenig konnte jemand durch das Tor hinein, wenn er nicht die Zauberworte kannte, auf die es sich öffnete. Doch sie vierteilten alsbald die Leiche Kasims und hingen sie innerhalb der Höhle an das Tor, zwei Teile an den rechten und zwei Teile an den linken Pfosten, auf dass der Anblick eine Warnung kommenden Todes wäre für jeden, der in die Höhle einzudringen wagte. Dann verließen sie sie wieder, schlossen die Schatztür und ritten an ihr gewohntes Werk davon.

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Textquelle: Die schönsten Geschichten aus 1001 Nacht. Leipzig [1914], S. 205-212. – Zitiert nach Zeno.

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