28.4 Erkhii mergen

Zum Abschluss unserer mongolischen Legendenwoche gibt es noch einmal eine echte Berühmtheit, die in einem Schwung Murmeltier, Wüstenrennmaus und Schwalbenschwanz erklärt. Und alles nur, weil ein gewisser junger Mann den Mund zu voll nehmen musste, aber lest selbst…

Erkhii mergen

In längst vergangenen Zeiten kreisten sieben Sonnen um die Erde und brachten eine furchtbare Dürre. Der Erdboden wurde rissig, die Flüsse versiegten, die Pflanzen verdorrten, die Tiere verhungerten. Auch die Menschen litten unter der Hitze, sahen aber keinen Ausweg. Es gab in dieser Gegend jedoch einen herausragenden und stattlichen Bogenschützen namens Erkhii mergen, der mit seinem Bogen auf das schoss, was er sah, und das traf, auf was er schoss. Die Menschen und Tiere kamen zu ihm und baten: „Bitte schieß die vielen Sonnen vom Himmel hinunter und vernichte sie.“

Der Bogenschütze Erkhii mergen bildete sich viel auf seine Treffsicherheit ein und hielt sich für einen kühnen, stolzen und starken Menschen. So leistete er denn folgenden Schwur: „Wenn ich die sieben Sonnen nicht mit sieben Pfeilen herunter schießen kann, will ich mir die Daumen abschneiden und nicht ein länger ein Mann sein. Ich werde kein klares Wasser mehr trinken, das trockene Gras vom Vorjahr essen und als Murmeltier in einem dunklen Erdloch leben.“

Also schoss er von Osten aus auf die sieben Sonnen, die nacheinander von Osten nach Westen über den Himmel zogen. Nachdem er die sechste Sonne abgeschossen hatte, zielte er sorgfältig auf die siebte. Aber gerade in diesen Moment kam eine Schwalbe angeflogen und verdeckte die Sonne. Als sich nun der Pfeil von Erkhii mergens Bogen löste, traf er nicht die Sonne sondern den Schwanz der Schwalbe. Deswegen hat die Schwalbe bis heute einen gegabelten Schwanz. Die letzte Sonne aber hatte Angst, doch noch getroffen zu werden, und verbarg sich hinter den Bergen im Westen.

Erkhii mergen dachte bei sich: „Die Schwalbe hat mich behindert.“ Und so machte er sich mit seinem buntgescheckten Pferd auf, um den Vogel zu verfolgen und zu töten. Sein Pferd versprach ihm: „Ich will die Schwalbe von Abenddämmerung zu Abenddämmerung verfolgen. Wenn ich sie bis dahin noch nicht eingeholt habe, dann hacke mir die Beine ab und wirf sie fort. Dann will ich nicht länger ein Reitpferd sein, sondern an einem rauen, unebenen Ort leben.“

Aber so schnell das Pferd auch lief, die Schwalbe blieb ihnen immer ein Stück voraus und flog frech um ihre Köpfe. Schließlich kam die Abenddämmerung, und das Pferd hatte die Schwalbe nicht einholen können. Erkhii mergen war wütend und hackte seinem buntgescheckten Pferd die beiden Vorderbeine ab. Seither lebt es an einem rauen, unebenen Ort und ist eine mongolische Wüstenrennmaus geworden, deren beide Vorderbeine ja auch kurz sind.

Die Schwalbe aber, so erzählt man sich, spottet noch heute: „Fang mich doch! Kannst du mich einholen?“, wenn sie Reitern in der Abenddämmerung um die Köpfe fliegt.

Der ehrenvolle Erkhii mergen hielt sich an seinen Schwur und hackte sich die Daumen ab. Er lebte nicht länger als Mann, sondern wurde zu einem Murmeltier, das kein klares Wasser trinkt, das trockene Gras vom Vorjahr frisst und in einem dunklen Loch lebt. Seither, so wird erzählt, hat das Murmeltier an seinen Pfoten nur noch vier Finger. Früh morgens vergisst Erkhii mergen, dass er ein Murmeltier geworden ist. Er kommt aus seinem Loch gekrabbelt und wartet auf den Sonnenaufgang, weil er die letzte Sonne vom Himmel herunter schießen will.

Bis heute gibt es an einem Murmeltier ein Stück Fleisch, das sogenannte ‚Menschenfleisch‘, das kein Mensch essen darf. Denn man erzählt sich, dass es Erkhii mergens Fleisch ist. Und die einzige Sonne, die noch am Himmel verblieben ist, fürchtet sich noch immer vor Erkhii mergen und versteckt sich hinter den Bergen im Westen. So ist es gekommen, dass sich Tag und Nacht abwechseln.

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Was lernen wir daraus? Immer schön den Ball flach halten. Und das mich unter Umständen die Schwalben, die am Haus gegenüber nisten, also wohl seit zwei Jahren anmotzen. Hmm.

 
Aus dem Mongolischen übersetzt und nacherzählt von: Berlinickerin
Bildquelle: Illustration von Steppenmurmeltieren aus Brehms Tierleben

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