28.2 Warum sich das Kamel in der Asche wälzt

Natürlich gibt es auch Legenden, ätiologische Tiermärchen, in denen die Entstehung oder das Aussehen von Tieren erklärt werden. Eine spezielle Herausforderung war da offenbar das Kamel. Lest selbst…

Warum sich das Kamel in der Asche wälzt

Als vor langer Zeit die Namen der Tiere für die zwölf Jahre des mongolischen Kalenders* benannt wurden, wurden elf Tiere direkt festgelegt, und dann fragte man sich, welches Tier als Tier des zwölften Jahres den Zyklus beginnen sollte. Das Kamel und die Maus schlugen beide ihre eigenen Namen vor und stritten sich heftig darum, wer in den Zyklus hineinkommen sollte. Weil Buddha keinen von ihnen beleidigen wollte, sprach er: „Entscheidet das unter euch!“

Die beiden Tiere schlossen folgende Wette ab: wer am nächsten Morgen die Strahlen der aufgehenden Sonne als erstes sehen würde, der würde den zwölfjährigen Zyklus anführen.

Das Kamel sah in Richtung Osten, wo die Sonne aufgehen würde, und wartete auf das Erscheinen der Sonne. Die Maus kletterte auf den Höcker des Kamels und starrte unverwandt auf die Bergspitzen im Westen. Als dann die Sonne aufging und die ersten Strahlen auf die Gipfel der Berge im Westen fielen, sah die Maus die Sonnenstrahlen zuerst und schrie: „Die Sonne ist aufgegangen!“

Das Kamel war sehr wütend, die Wette verloren zu haben, und wollte die Maus tot trampeln. Die Maus krabbelte schnell in einen Aschehaufen und versteckte sich darin.

Seit dieser Zeit, wenn ein Kamel einen Ort sieht, an dem Asche aufgeschüttet worden ist, will es die verhasste Feindin, die Maus, zerstampfen und so trampelt es darin herum und wälzt sich in der Asche.

So ist die Maus in den zwölfjährigen Zyklus aufgenommen worden, und das Kamel blieb außen vor, so erzählt man sich. Obwohl das Kamel also nicht in den Kalender kam, vereint sein Körper die besonderen Merkmale der Tiere, die in den Zyklus gehören. Diese Merkmale sind:

1. die Ohren der Maus
2. der Bauch der Kuh
3. die Pfoten des Tigers
4. die Lippen des Hasen
5. den Körper des Drachens
6. die Augen der Schlange
7. die Mähne des Pferdes**
8. die Wolle des Schafes
9. den Buckel des Affen
10. den Kamm des Hahns
11. die Beine des Hundes
und
12. den Schwanz des Schweins.

* Der mongolische Kalender besteht wie der chinesische aus zwölf Jahren, wobei jedem Jahr ein bestimmtes Tier zugeordnet ist – ähnlich den europäischen Tierkreiszeichen.
** Gemeint ist das lange Haar unter dem Hals des Kamels.

*******

Was denn auch den leicht säuerlichen Gesichtsausdruck erklären würde, den Kamele gerne zur Schau tragen. Sie sind ja ein bißchen die Alan Rickmans unter den Tieren. Und ich sage das mit der größten Bewunderung. 😀

 

Märchen übersetzt und nacherzählt von: Berlinickerin
Bildquelle: Ausschnitt aus einer Illustration im Brockhaus und Efron, 1890-1907

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