28.1 Wie die Mongolen zu ihren Märchen kamen – und zu ihren Legenden

Es ist doch schon viel zu lange her, dass es im Märchensammler mongolische Märchen egal welches Genres gab. Grund genug, um diese Woche ganz Legenden aus der Mongolei zu widmen. Und womit ließe sich besser anfangen als mit der Legende, die erklärt – Aber lest selbst…

Wie die Mongolen zu ihren Märchen kamen

Es wird erzählt, dass sich vor vielen Jahren unter den Mongolen die gefürchteten schwarzen Pocken ausbreiteten, so dass hunderte, ja tausende Menschen umkamen. Diejenigen, die noch gesund waren, überließen die Kranken ihrem Schicksal und flohen in Panik, um wenigstens ihre eigenen Leben zu retten.

Auch ein fünfzehnjähriger Junge, der der blinde Tarwaa genannt wurde, blieb so alleine zurück. Als er das Bewusstsein verlor, verließ seine Seele seinen Körper und kam zu dem Khaan der Hölle. Der Khaan der Hölle wunderte sich sehr, als er die Seele sah und fragte: „Warum bist du hergekommen, wo doch dein Körper noch gar nicht tot ist?“

„Weil sie meinen Körper schon für tot hielten, haben sie ihn zurückgelassen,“ sagte die Seele. „Daher habe ich nicht länger gewartet, sondern bin gleich hierher gekommen.“

Weil der Gehorsam und die Geduld der Seele dem Khaan der Hölle gefielen, sprach er: „Deine Zeit ist noch nicht gekommen. Kehre also zu deinem Herrn zurück! Bevor du aber gehst, darfst du dir etwas von mir wünschen!“

Und damit führte er die Seele durch die Hölle. Dort gab es all die unzähligen Dinge, die einem Menschen in seinem Leben begegnen konnten: Reichtum, Glück und Zufriedenheit, Kummer und Leid, Vergnügen und Freude, Lieder und Musik, Tanz, Märchen und Legenden. Die Seele des blinden Tarwaa sah sich alles an und bat schließlich darum, dass ihm die Märchen gegeben würden. Der Khaan der Hölle überreicht sie ihm und schickte ihn dann wieder auf die Erde zurück.

Die Seele lief zurück zu ihrem Körper, aus dem alles Leben gewichen war, aber eine Krähe hatte ihm bereits die Augen ausgehackt. Die Seele war sehr traurig, als sie den Körper, in dem sie geboren worden war, so sah. Aber sie traute sich nicht, den Befehl des Khaans der Hölle nicht zu befolgen und so blieb ihr nichts anderes übrig, als in ihren Körper zu schlüpfen.

Danach führte der blinde Tarwaa ein langes Leben und kannte die Magie und die Geschichten, die es auf der Welt gibt, ganz genau. Obwohl er blind war, konnte er doch sehen, was in der Zukunft geschehen würde. Er wanderte quer durch die Mongolei, erzählte Märchen und unterrichtete mit ihnen die Menschen. Und seither, so sagt man, gibt es bei den Mongolen Märchen.

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Eigentlich hieß er also erstmal Tarwaa, aber die Zuhörer dürften das Märchen eh gekannt haben und so wussten sie gleich worum es ging und wurden nicht abgelenkt durch Grübeln.

Oh, und in Mitteleuropa würde die Pest ganz klar auf das Mittelalter verweisen. Nun ist die Sache aber so, dass die Murmeltiere in der Mongolei bis heute immer mal wieder Pesterreger mit sich rumtragen.

 

Text aus dem Mongolischen übersetzt und nacherzählt von: Berlinickerin.
Bildquelle: Albert Ankers Der Grossvater erzählt eine Geschichte (1884)

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