27.4 Der betrogene Teufel und der Hausierer mit einem weisen Freund

Zum Abschluss einer weiteren kurzen Woche im Märchensammler ein weiteres Märchen mit einem überall bekannten Motiv in jüdischer Variante. Lest selbst…

Der betrogene Teufel

Ein armer Hausierer wanderte einst des Nachts bei hellem Mondschein eiligst der Heimat zu; denn er hatte in seiner Familie ein freudiges Ereignis zu erwarten. Da sah er plötzlich auf einem Baume an der Landstraße dicht vor sich eine Gestalt sitzen, welche mit vollen Händen Goldstücke herabwarf. Die Gestalt rief ihm zu: „Sieh, mein Lieber, all’ dies Geld soll dein sein, wenn du mir dafür das Neueste schenkst, das du zu Haus antriffst.“

Der arme Mann sah nur das blinkende Gold, er dachte gar nicht weiter der Rede nach und ging den Handel ein. Aber bald beschlich ihn ein Grauen, eine böse Ahnung, und kaum war er in seinem Heimatsorte, als er auch schon zu einem weisen Freunde eilte und ihm den Vorgang erzählte. „Die Gestalt,“ so erklärte ihm dieser das Erlebnis, „die Gestalt, die du gesehen hast, ist der Teufel, und das Neueste, das er von dir kaufen wollte, das ist das Kindchen, das du erwartest.“

Um dem Teufel seine Beute abzujagen, nahm man nun eine Katze, welche Junge werfen wollte in des Hausierers Haus, und ein Kätzchen, welches bei seinem Eintritt in sein Haus soeben war geboren worden, löste wirklich sein Kind aus. Denn kaum war dieses zur Welt gekommen, da ging ein furchtbares Krachen durch das ganze Haus, die Lichter erloschen, und in dem Tische fand man hinterher ein großes rundes Loch, wie wenn der Blitz eingeschlagen hätte. „Das war des Teufels Rache,“ sagten die frommen Leute, welche sich, wie bei Wöchnerinnen üblich, in jener Nacht zum Studium eingefunden hatten. Der Vater des Kindes behielt aber außer diesem auch noch das Gold, welches ihm der Teufel gegeben hatte.

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Es ist wirklich bezeichnend, dass nicht etwa die kluge Frau, ein hilfreiches Tier oder der clevere Hausierer selbst, die Sache durchschaut, sondern einmal mehr ein weiser Mann. Ich muss ja sagen, dass war immer, was mich wahnsinnig fasziniert an der jüdischen Kultur – wie sehr Weisheit und ja auch Diskussion geschätzt zu werden scheint. So von meinem Außenblick.

 

Textquelle: Märchen und Sagen der deutschen Juden. In: Mitteilungen der Gesellschaft für jüdische Volkskunde 2 (1898), S. 27-28. – nach: Zeno
Bildquelle: De Marskramer, also ‚Der Hausierer‘ von Hieronymus Bosch (ca. 1450–1516)

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