27.3 Die dankbaren Tiere – und der jüdische Nicht-Hans, Chanina

Genug der Rabbis und auf zu einem jüdischen Zaubermärchen nach nicht ganz unbekanntem Rezept. Und einem Held, der definitiv kein ‚Hans‘ oder ‚Ivan‘ ist, sondern ein braver, frommer junger Mann. Lest selbst…

Die dankbaren Tiere

Ein frommer Mann im Lande der Väter hatte einen Sohn, namens Chanina. Dem gab er kurz vor seinem Tode den Auftrag, sobald die erste Trauer vorbei sei, auf den Markt zu gehen und um jeden Preis das erste, was ihm angeboten werde, zu kaufen und in Ehren zu halten.

Der Sohn tat, wie ihm der Vater befohlen hatte. Er kaufte eine silberne Dose, die er weit über den Wert bezahlen musste. Als er sie aber zu Hause öffnete, da fand er darin eine zweite Dose und in dieser einen Frosch, der ganz vergnügt umhersprang. Chanina pflegte, wie er dem Vater versprochen hatte, den Frosch mit aller Sorgfalt. Doch der Frosch wurde immer größer und größer, brauchte bald gar eine ganze Kammer für sich allein und kostete den braven Sohn das ganze Vermögen. Endlich entschloss er sich, dem unheimlichen Gast in aller Freundschaft die Wohnung zu kündigen.

Da sprach der Frosch: „Mein lieber Wirt! Nun soll dir erst zum Lohn für deine Güte in Erfüllung gehen, was nur immer dein Herz begehrt.“ Chanina bat, in der heiligen Lehre unterrichtet zu werden. Und kaum hatte ihm der Frosch einen Zettel eingegeben, auf welchem einige Worte geschrieben standen, da kannte sein Schüler auch schon die ganze heilige Lehre und all’ die siebzig Sprachen, ja sogar die Sprache der Tiere und Vögel.

Aber auch seine Wirtin wollte der dankbare Frosch belohnen. Er bat das Paar, ihm bis zum Walde das Geleit zu geben, und hier angelangt, rief der Frosch auf ein Zeichen alle Tiere und Vögel des Waldes zusammen und befahl ihnen, Edelsteine, soviel sie nur tragen könnten, seiner Wirtin in’s Haus zu bringen und heilsame Kräuter, deren Wunderkraft er zugleich der Frau erklärte.

Alsdann sprach der Frosch: „Gott lohne euch die Mühe, die ihr mit mir gehabt! Und ihr habt mich nicht gefragt, wer ich bin. Aber ich will es euch doch sagen. Ich bin des ersten Menschen Sohn, den ihm Lilit geboren hat in den hundert und dreißig Jahren, die er von Eva geschieden war. Gott hat mir die Macht gegeben mich in jede Form oder Gestalt zu kleiden, die mir behagt.“ Damit nahm er Abschied.

Nicht lange darauf geschah es, dass der König des Landes auf den Rat seiner Freunde sich entschloss, ein Weib zu nehmen. Da ließ eines Tages ein Vogel, der gerade vorüberflog, aus seinem Schnabel ein wunderschönes, goldblondes Frauenhaar auf die Schulter des Königs hinabfallen, und nur das Weib, dem dieses Haar gehörte, wollte der König zur Gemahlin haben. Die Wahl, wer diese Schöne suchen sollte, fiel auf unseren Chanina, der inzwischen vermöge seines Wissens und seines Reichtums zu großen Ehren gelangt war. Er machte sich sogleich auf die Reise.

Unterwegs, als er ermattet unter einem Baume rastete, hörte er einen Raben, der auf dem Baume saß, gar wehmütig über Hunger klagen. Sogleich reichte ihm Chanina von seiner Wegzehrung. Ebenso rettete er bald darauf einen Hund vom Hungertode, und als er an einem großen Wasser vorüberkam, aus welchem die Fischer gerade einen großen Fisch heraufzogen, da kaufte er ihnen den Fisch ab und ließ ihn wieder in’s Wasser.

Endlich fand er die Besitzerin jenes Haares, eine mächtige Königin, und unverzagt teilte er ihr seinen Auftrag mit. Sie versprach auch, ihm zu folgen, doch müsse er ihr zuvor zwei Bitten erfüllen. Zunächst wünschte sie zwei Krüglein, das eine mit Wasser aus der Hölle, das andere mit Wasser aus dem Paradies gefüllt.

Als nun Chanina einst darüber nachdachte, wie er diese Bitte erfüllen könne, da flog jener Rabe herzu, dem er das Leben gerettet hatte, nahm die Krüglein und brachte sie gefüllt zurück. Die Königin prüfte sogleich die beiden Wassersorten. Zuerst goss sie von dem Höllenwasser auf ihre Hand, da wurde diese ganz verbrannt. Doch kaum netzte sie sie mit dem Wasser aus dem anderen Krüglein, da war sie wieder so heil, wie zuvor.

Nun stellte die Königin die zweite Bedingung. Chanina sollte ihr einen Ring zur Stelle schaffen, den sie einst auf einer Seefahrt hatte in’s Wasser fallen lassen. Wo sollte man den Ring suchen? Traurig und ratlos ging Chanina am Ufer des Meeres auf und ab. Da kam mit einem Mal jener Fisch geschwommen, dem er einst die Freiheit wiedergegeben hatte Kaum hatte ihm Chanina sein Leid geklagt, so schwamm er eiligst zu Liwjatan, dem gewaltigen Könige der Fische, und trug ihm vor, wie er Chanina nun so gern sich dankbar zeigen möchte. Liwjatan gebietet nun bei Strafe seiner allerhöchsten Ungnade dem Fische, der jenen Ring verschlungen, ihn sogleich herauszugeben. Ein Fischlein brachte ihn auch herbei und Chaninas Freund trug ihn seinem Retter zu. Doch wie er den Ring eben an’s Land gespien hatte, da kam ein Eber und verschlang ihn. In demselben Augenblicke kam aber der Hund gelaufen, dem Chanina das Leben gerettet hatte, und im Nu war der Eber zerrissen und der Ring in Chaninas Händen. Nun musste die Königin ihr Versprechen halten und mit Chanina ziehen.

Schon sollte ihre Hochzeit mit dem Könige gefeiert werden, da fand man den getreuen Chanina eines Tages ermordet. Die Höflinge, die ihn von jeher beneidet hatten, die auch die Wahl für die gefahrvolle Botschaft auf ihn gelenkt und ihm gerade dadurch nun wider Willen zu den höchsten Ehrenstellen verholfen hatten, glaubten ihn bereits auf diese Weise aus dem Wege geräumt zu haben. Doch die Königin benetzte ihren treuen Diener nur mit einigen Tropfen ihres Paradieswassers und Chanina war wieder lebendig.

Der König, der dies gesehen hatte, wollte nun dieses Wunder durchaus auch an sich erproben. So sehr ihn seine Braut, die Königin, auch warnte, er ließ sich totschlagen. Aber die Königin begoss ihn nun absichtlich nicht mit dem Paradies-, sondern mit dem Höllenwasser. Da wurde sein Leib ganz und gar zu Staub und Asche. Und nun wählte sich seine Braut, die schon längst statt des Wüterichs den braven Chanina, nachdem inzwischen seine Frau gestorben war, liebgewonnen hatte, diesen zum Ehegemahl. So wurde er sogar der Nachfolger, seines Königs und herrschte an der Seite seiner Gemahlin über viele Völker.

*******

Man stellt fest. So ein schlichtes Zaubermärchen wird gleich wahnsinnig viel komplizierter, wenn der Held kein ungebundener Jüngling, sondern schon verheiratet ist. Räusper.

 

Textquelle: Märchen und Sagen der deutschen Juden. In: Mitteilungen der Gesellschaft für jüdische Volkskunde 2 (1898), S. 9-12. – nach: Zeno
Bildquelle: The Priest frees the Monkey, Tiger and Snake from a Well von dem balinesischen Künstler Ida Bagus Gelgel (1900-1937)

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