27.1 Der Wolkenritt von Worms nach Spanien – in jiddischen Märchen und Sagen

Diese Woche gibt es jiddische Legenden und Märchen. Zumeist aus Deutschland beziehungsweise Osteuropa, was natürlich schlicht der deutschen Sprache der Übertragung, nach der ich gesucht habe.

Den Anfang macht eine…hmm…historische Sage. Hauptdarsteller sind zwei berühmte Rabbiner und die Kabbala. Lest selbst…

Der Wolkenritt von Worms nach Spanien

Der berühmte spanische Weise Nachmanides wusste lange Zeit trotz allen Scharfsinnes viele Stellen der Gotteslehre nicht zu erklären. Denn er kannte, wie alle seine Landsleute, damals noch nicht die Geheimkunst der Kabbalisten, von denen man sagte, dass sie allein jene schwierigen Stellen verstünden.

In einer Nacht nun, es war gerade die zweite Nacht vor dem Pesachfeste, wurde im Himmel ausgerufen: „Wer will den spanischen Meister in der Geheimkunst unterweisen und zugleich ihn und seine Stadt von dem Bösewicht befreien, der mit solcher Grausamkeit über sie herrscht?“ Unter den frommen Seelen, die da jede Nacht im Himmel sich einfinden und am Morgen wieder in ihre Leiber zurückkehren, nachdem diese sich durch den Schlaf neu gestärkt haben, war auch die Seele des großen Meisters der Geheimkunst, Rokeach aus Worms. Der meldete sich und erhielt die Erlaubnis, die Geheimkunst dabei anwenden zu dürfen.

Am nächsten Morgen bereits machte sich unser Rokeach auf den Weg. Er bestieg eine Wolke, welche er mit Hilfe seiner Kunst herbeibeschworen hatte, und fort ging’s in’s ferne Spanien. Die Wolke flog so schnell, dass die frischgebackenen Osterbrote, welche der Meister der Vorsicht halber mitgenommen hatte, noch ganz warm waren, als er in der Stadt des Nachmanides landete.

Des Abends ging er ins Gotteshaus, wo man gerade das Pesachfest begrüßte, und stellte sich in die Nähe des Meisters Nachmanides. Dieser bat den Fremden, als der Gottesdienst beendigt war und alle freudig zum Seder* eilten, sein Gast zu sein. Der Rokeach erzählte nun auf dem Heimweg, dass er ein Wanderprediger sei, wie sie damals von Ort zu Ort zu ziehen pflegten, um in den jüdischen Gemeinden belehrende Vorträge zu halten, und sprach den Wunsch aus, am nächsten Tage im Gotteshause zu predigen. Doch als Nachmanides bei Tisch mit seinen Gästen gar eifrig die Haggada** las und erklärte und er den Rokeach so stumm dasitzen sah, da bekam er von seinem Wissen keine hohe Meinung. In Wahrheit schwieg aber der Wormser Weise nur, weil er allein mit Hilfe seiner Kunst die Haggada richtig zu verstehen glaubte. Auch kamen ihm seine Osterbrote, die auf kabbalistische Art gebacken waren, bei Tische trefflich zu statten.

Als Nachmanides nun seinem Gaste die Ruhestätte anwies, warnte er ihn nachdrücklich, ja nicht ohne ihn das Haus zu verlassen. Denn der böse Fürst der Stadt ließe jeden töten, der in einer bestimmten verrufenen Gasse ergriffen würde, zu der nur der Fürst und sein Hof Zutritt hatten. Leicht könnte sich der Rokeach, wenn er allein ausginge, dahin verirren. Kaum war alles zur Ruhe gegangen, da eilte unser Rokeach absichtlich in jene Gasse. Die Häscher des Fürsten ergriffen ihn und sogleich wurde auf des Fürsten Befehl gerade an dem Wege, der zum Gotteshause führte, ein großer Scheiterhaufen errichtet, auf dem der fromme Rokeach am nächsten Morgen verbrannt werden sollte.

Wie war nun der gute Nachmanides erschrocken, als er seinen Gast nicht vorfand und bald darauf von dem nächtlichen Vorfall hörte. Man eilte in’s Gotteshaus, und da von dem Zorn des Fürsten noch weitere Grausamkeiten zu befürchten waren, so sputete man sich, recht bald wieder bei den Seinigen zu Haus zu sein. Auf dem Heimwege sahen die Gläubigen den Scheiterhaufen bereits in lichten Flammen stehen. Dicht davor stand der arme Rokeach und ihm gegenüber der Fürst, welcher sich an dem blutigen Schauspiel weiden wollte. Als nun Nachmanides vorüberkam, da rief ihm sein unglücklicher Gast zu, er solle mit dem Kiddusch auf ihn warten. Das musste ihn doch in seiner Ansicht bestärken, dass der Fremde nicht recht bei Sinnen sei.

Inzwischen hatten die Henkersknechte das Feuer genügend geschürt, und nun sollte der Gefangene in die Flammen geworfen werden. Doch in diesem Augenblick beschwur der kluge Meister einen Engel, welcher ihm das Aussehen des Fürsten und diesem das seinige gab, und im Handumdrehen war der Bösewicht ergriffen und in den Flammen verschwunden.

Nachmanides hatte soeben den Kiddusch begonnen, als sich die Thür auftat und sein Gast hereinspazierte, den er vor wenigen Minuten hatte zum Tode führen sehen. Der Wundermann versprach ihm eine Erklärung seines rätselhaften Verhaltens in der Predigt, die er nachmittags im Gotteshause zu halten gewünscht hatte. Hier zählte er nun zunächst zum großen und freudigen Erstaunen seines Wirtes all’ die Schwierigkeiten auf, die diesem beim Studium der Gotteslehre je aufgestoßen waren. Er wusste sie alle mit Hilfe seiner Kunst zu beseitigen. Alsdann erklärte er vor versammeltem Volke seine Sendung und Rettung und alle gaben ihm das Ehrengeleit, als er sich wieder mit seinem Wirte heimbegab.

Diesen unterwies er nun gründlich in seiner Kunst, für welche sich Nachmanides so begeisterte, dass er sie allen Gelehrten im Lande der Väter und in anderen Landen auf’s wärmste empfahl.

* Seder steht kurz für Sederabend, was der Vorabend und damit Beginn des Pessach-Fests ist.
** Die Haggada ist ein illustriertes Büchlein, das die Geschichte und den Ablauf von Seder beschreibt.

*******

Wie schon angedeutet, hat diese Sage bzw. Legende einen historischen Hintergrund. Nachmanides, eigentlich Moses ben Nachman (1194-1270) war tatsächlich ein berühmter Gelehrter, Arzt und Philosoph im mittelalterlichen Spanien, bevor er sich aufmachte nach Jerusalem. Und tatsächlich führte ihn ein anderer Kollege in die Kabbala ein, allerdings war es Azriel ben Menahem (ca. 1160-1238), der ebenfalls in Spanien wirkte.

Und was ist nun mit Rokeach? Der hieß eigentlich Eleasar ben Juda ben Kalonymos und war schon auch anwesend in der Zeit (ca. 1176-1238) und auch Kabbalist, aber eben nicht in Spanien, sondern – klar – Worms.
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Da hat wohl jemand in Deutschland die Idee, dass es viel schicker wäre, wenn es ein deutscher Jude (jüdischer Deutscher? Jude in Deutschland? Weia) gewesen wäre, der den berühmten Herren in Spanien…

 

Textquelle: Märchen und Sagen der deutschen Juden. In: Mitteilungen der Gesellschaft für jüdische Volkskunde 2 (1898), S. 13-15. – nach Zeno
Bildquelle: Wandgemälde von Nachmanides

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