26.2 Das Mädchen mit dem Pferdekopf

Das heutige Märchen geht los wie ein normales Zaubermärchen, aber wird dann zur Göttersage. Lest selbst…

Das Mädchen mit dem Pferdekopf

In uralten Zeiten lebte einmal ein Greis, der ging auf Reisen. Niemand war zu Hause, als nur seine einzige Tochter und ein weißer Hengst. Jeden Tag fütterte die Tochter das Pferd. In ihrer Einsamkeit hatte sie Heimweh nach ihrem Vater.

So redete sie einmal im Scherz zu ihrem Pferd: „Wenn du mir meinen Vater zurückbringst, so will ich dich heiraten.“

Kaum hatte das Pferd die Worte gehört, da riss es sich los und lief weg. Es lief in einem fort, bis es an den Ort kam, wo der Vater war. Als der Vater das Pferd erblickte, war er freudig überrascht, fing es ein und setzte sich drauf. Das Pferd wandte sich zurück nach dem Weg, auf dem es gekommen war, und wieherte unablässig.

„Was hat nur das Pferd?“ dachte der Vater. „Sicher muss zu Hause irgendetwas los sein.“

So ließ er ihm denn die Zügel und ritt zurück.

Weil das Pferd so klug gewesen war, so gab er ihm reichliches Futter. Aber das Pferd fraß nichts, und wenn es das Mädchen sah, so schlug es nach ihr und wollte sie beißen. Der Vater verwunderte sich darüber und fragte das Mädchen. Die Tochter sagte ihm alles der Wahrheit gemäß.

„Du darfst keinem Menschen etwas davon sagen,“ sprach der Vater, „wir könnten sonst in übles Gerede kommen.“

Dann nahm er seine Armbrust und schoss das Pferd tot. Seine Haut aber hängte er im Hof zum Trocknen auf. Dann verreiste er wieder.

Eines Tages ging die Tochter mit einer Nachbarin spazieren. Als sie zu dem Hofe kamen, da stieß sie mit dem Fuß an das Pferdefell und sprach: „Ein unvernünftiges Tier wie du – und wolltest ein Menschenmädchen zur Frau! Es geschieht dir ganz recht, dass du jetzt tot bist.“

Aber noch ehe sie ausgeredet, da bewegte sich die Pferdehaut und richtete sich auf. Sie wickelte sich um das Mädchen herum und rannte weg.

Entsetzt lief die Nachbarin zu ihrem Vater und erzählte ihm, was vorgefallen. Überall suchte man nach dem Mädchen, aber es blieb verschwunden.

Endlich nach einigen Tagen sah man in den Zweigen eines Baumes das Mädchen in der Pferdehaut hängen. Allmählich verwandelte sie sich in eine Seidenraupe und verpuppte sich. Die Fäden, in die sie sich einspann, waren stark und dicht. Die Nachbarin nahm sie herunter und ließ sie ausschlüpfen. Dann spann sie die Seide und fand reichlichen Gewinn.

Ihre Angehörigen aber sehnten sich sehr nach ihr. Da erschien eines Tages das Mädchen in den Wolken auf ihrem Pferde reitend mit einem großen Gefolge und sprach: „Im Himmel ist mir nun das Amt übertragen, zu wachen über die Zucht der Seidenraupen. Ihr müsst euch nicht mehr nach mir sehnen.“ Darauf wurden ihr in ihrer Heimat Tempel errichtet, und jedes Jahr zur Zeit der Seidenraupen fleht man sie unter Opfern an um ihren Schutz. Sie heißt die Göttin mit dem Pferdekopf.

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Hr. Wilhelm vermutet als Ursprung dieser Sage Szetschuan. Und er erklärt – danke! – den Zusammenhang von Pferd und Seidenraupe damit, dass das Pferd das Himmelszeichen ist, dass im Frühling angesagt ist, wenn die Seidenraupen gepflegt werden. Tatsächlich habe es in China drei verschiedenen Göttinnen, die im Jahreswechsel für die Seidenraupen zuständig sind. – Haben wir doch wieder was gelernt. 😀

 
Textquelle: Richard Wilhelm: Chinesische Volksmärchen. Jena: Diederichs 1914, S. 47-48.
Bildquelle: Das Gemälde ist nicht so richtig chinesisch, sondern aus einer Pferde-Reihe von Giuseppe Castiglione; dieses heißt „Chaoni’er (超洱骢, literally Exceeding Piebald)“ – so wiki.commons.

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