25.7 Einhörner, Oma-Wölfe, nee klar – Fabeln von James Thurber

Zum Abschluss gibt es, okay ja, keine deutschen Fabeln. Es sind US-amerikanische Fabeln von James Thurber (1894-1961), dem berühmten Schriftsteller und Cartoonist. Der unter anderem eben eine Menge Fabeln geschrieben hat, die das Genre unvergleichlich brillant in unsere Zeit bringen. Indem er Klassiker am modernen Großstadtleben auflaufen lässt oder eigene Varianten schafft, die – aber lest selbst…

 
 
 

Das Einhorn im Garten

Ein Mann schaute an einem sonnigen Morgen von seinem Frühstück auf und sah ein Einhorn in seinem Garten, das an den Rosen knabberte. Er ging hinaus und gab ihm eine Lilie und das Einhorn aß sie mit gebührendem Ernst. Er erzählte seiner Frau davon und sie sagte, er sei irre und sie würde ihn ins Irrenhaus einliefern müssen, denn Einhörner seien Fantasiewesen. Während er im Garten war, rief sie einen Psychiater und die Polizei und als sie kamen, sagte sie ihnen, ihr Mann hätte ein Einhorn gesehen. Die Männer sahen sie an und steckten sie in eine Zwangsjacke, obwohl sie sich wild wehrte. Als ihr Ehemann hereinkam, fragten sie ihn, ob er seiner Frau erzählt hätte, er habe ein Einhorn gesehen. „Natürlich nicht,“ sagte er, „ein Einhorn ist ein Fantasiewesen.“ Sie brachten also die kreischende Frau ins Irrenhaus und der Mann lebte glücklich und zufrieden bis ans Ende seiner Tage.

Moral: Man weiß erst, wer irre ist, wenn die Tür vom Irrenhaus hinter einem zufällt.

* Blöde Wahl diese Fabel, weil nicht gut zu übersetzen, aber so großartig. Okay. Also der eigentlich Kick ist der, dass Irrer/Trottel im englisches ‚booby‘ heißt und ‚Irrenhaus‘ ‚booby hatch‘. Da macht die Originalmoral natürlich Sinn: Don’t count your boobies until they are hatched.

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Das kleine Mädchen und der Wolf

Eines Nachmittags wartete ein großer Wolf in einem dunklen Wald darauf, dass ein kleines Mädchen mit einem Korb voller Essen auf dem Weg zu ihrer Großmutter vorbeikäme. Schließlich kam ein kleines Mädchen und sie trug einen Korb voll Essen. „Trägst du diesen Korb zu deiner Großmutter?“ fragte der Wolf. Das kleine Mädchen sagte ja, das täte sie. Da fragte der Wolf, wo ihre Großmutter lebte und das kleinen Mädchen sagt es ihm und er verschwand in den Wald.

Als das kleine Mädchen die Tür zum Haus ihrer Großmutter öffnete, sah sie, dass jemand im Bett war, der eine Nachtmütze und ein Nachthemd anhatte. Sie war noch nicht näher als fünf Meter an das Bett herangegangen, als sie sah, dass es nicht ihre Großmutter, sondern der Wolf war. Denn auch mit einer Schlafmütze sieht ein Wolf deiner Großmutter so ähnlich, wie der Metro-Goldwyn-Löwe dem ehemaligen Präsidenten Calvin Coolidge.* Und so nahm das kleine Mädchen ihre Automatic aus ihrem Korb und erschoss den Wolf.

Moral: Es ist heutzutage nicht mehr so einfach, kleine Mädchen zum Narren zu halten.

* Hr. Thurber erwähnt logischerweise nur den Namen, aber wer in Deutschland wird den heute kennen? Also eine kleine Ergänzung meinerseits.

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The Mouse Who Went to the Country

Once upon a Sunday there was a city mouse who went to visit a country mouse. He hid away on a train the country mouse had told him to take, only to find that on Sundays it did not stop at Beddington. Hence the city mouse could not get off at Beddington and catch a bus for Sibert’s Junction, where he was to be met by the country mouse. The city mouse, in fact, was carried on to Middleburg, where he waited three hours for a train to take him back. When he got back to Beddington he found that the last bus for Sibert’s Junction had just left, so he ran and he ran and he ran and he finally caught the bus and crept aboard, only to find that it was not the bus for Sibert’s Junction at all, but was going in the opposite direction through Pell’s Hollow and Grumm to a place called Wimberby. When the bus finally stopped, the city mouse got out into a heavy rain and found that there were no more buses that night going anywhere. “To the hell with it,” said the city mouse, and he walked back to the city.

Moral: Stay where you are, you’re sitting pretty.

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Das Einhorn ist eine von Thurbers originalen Fabeln und ihr müsst zugeben, dass ist ziemlich genial, wie er nicht nur die Grundlage jeder Fabel – dass nämlich Einhörner, sprechende Tiere etc. alle prima und gar nicht doll wunderbar sind – an unserem heutigen Alltag aushebelt und dazu noch in den Hickhack der Geschlechter einbaut.

Die anderen beiden Fabeln sind Beispiele für Thurbers großartige Updates von klassischen Fabeln. Denn wer hat sich nicht schon gefragt, wie zur Hülle Rotkäppchen nicht schnallen kann, dass da nicht ihre Oma, sondern einer Wolf im Bett hockt. Fell, Maul und alles? Eben. Und seine Variante von Stadt- und Landmaus? Als Großstädterin kann ich nur sagen – genau! Eben! ;D

 

Englische Original erstveröffentlicht (Übersetzung: Berlinickerin):
James Thurber: Fables For Our Time I. In: The New Yorker, 21.1.1939, S. 19.
James Thurber: Fables For Our Time VII. In: The New Yorker, 21.10.1939, S. 24.
Bildquelle: Foto von Thurber, 1954

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2 Gedanken zu „25.7 Einhörner, Oma-Wölfe, nee klar – Fabeln von James Thurber

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