25.4 Lessing, Godfather der deutschen Fabel und ihrer Theorie

Sozusagen der ‚Godfather of the German fable‘ war dann aber Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781). Der hatte in den 1750ern die Fabeln seiner internationalen Vorgänger, u.a. auch Gleim, rezensiert und Richardsons Fabeln ins Deutsche übersetzt. Und er beschäftigte sich intensiv mit Aesop. Lessing selbst dichtete auch schon einige Fabeln, aber mit Schwung betrat er erst 1759 die Bühne mit seinen Fabeln. Drei Bücher nebst Abhandlungen mit dieser Dichtungsart verwandten Inhalts.

Lessing definiert die Fabel wie folgt: „Wenn wir einen allgemeinen moralischen Satz auf einen besondern Fall zurückführen, diesem besondern Falle die Wirklichkeit erteilen, und eine Geschichte daraus dichten, in welcher man den allgemeinen Satz anschauend erkennt: so heißt diese Erdichtung eine Fabel.“

Hört sich das noch recht unverfänglich an, so bezieht er doch klar Stellung gegen die verspielte Tradition La Fontaines und seiner deutschen Nachahmer, die er an Gleim festmacht. Stattdessen will er zurück zu Aesop, das heißt zur Fabel als knapp und schlicht, aber präzise. Für letzteres plädiert er für bzw. verwendet er selbst geschliffene Dialoge.

Und auch im Streit um das Wunderbare positioniert er sich und zwar mit einer so schlauen, wie eigentlich simplen Beobachtung: Tiere in Fabeln seien nix Wunderbares, da sie ja überhaupt nicht neu seien. Er meint also, es wird kein Leser dasitzen und denken: Oh wow, sprechende Tiere! Das hatte ich ja noch nie! – Recht hat er.
Trotzdem ist auch Lessing doll für Tiere als Figuren, weil sie schlicht vor allem beim einfachen Volk – und das will ja auch Lessing aufklären – viel bekannter seien als z.B. historische Personen.

Aber wie sieht das nun in der Praxis aus? Lest selbst…

Der Tanzbär

Ein Tanzbär war der Kett’ entrissen,
Kam wieder in den Wald zurück,
Und tanzte seiner Schar ein Meisterstück
Auf den gewohnten Hinterfüßen.
„Seht, schrie er, das ist Kunst; das lernt man in der Welt.
Tut es mir nach, wenn’s euch gefällt,
Und wenn ihr könnt!“ Geh, brummt ein alter Bär,
Dergleichen Kunst, sie sei so schwer,
Sie sei so rar sie sei,
Zeigt deinen niedern Geist und deine Sklaverei.

Ein großer Hofmann sein,
Ein Mann, dem Schmeichelei und List
Statt Witz und Tugend ist;
Der durch Kabalen steigt, des Fürsten Gunst erstiehlt,
Mit Wort und Schwur als Komplimenten spielt,
Ein solcher Mann, ein großer Hofmann sein,
Schließt das Lob und Tadel ein?

*******

 

Der Rabe und der Fuchs

Ein Rabe trug ein Stück vergiftetes Fleisch, das der erzürnte Gärtner für die Katzen seines Nachbarn hingeworfen hatte, in seinen Klauen fort.
Und eben wollte er es auf einer alten Eiche verzehren, als sich ein Fuchs herbei schlich, und ihm zurief: Sei mir gesegnet, Vogel des Jupiters! – Für wen siehst du mich an? Fragte der Rabe. – Für wen ich dich ansehe? Erwiderte der Fuchs. Bist du nicht der rüstige Adler, der täglich von der Rechte des Zeus auf diese Eiche herab kömmt, mich Armen zu speisen? Warum verstellst du dich? Sehe ich denn nicht der siegreichen Klaue die erflehte Gabe, die mir dein Gott durch dich zu schicken noch fortfährt?
Der Rabe erstaunte, und freuete sich innig, für einen Adler gehalten zu werden. Ich muß, dachte er, den Fuchs aus diesem Irrtume nicht bringen. – Großmütig dumm ließ er ihm also seinen Raub herabfallen, und flog stolz davon.
Der Fuchs fing das Fleisch lachend auf, und fraß es mit boshafter Freude. Doch bald verkehrte sich die Freude in ein schmerzhaftes Gefühl; das Gift fing an zu wirken, und er verreckte.
Möchtet ihr euch nie etwas anders als Gift erloben, verdammte Schmeichler!

*******

Den Tanzbär haben wir ja auch schon von Hrn. Gellert gelesen gehabt und da merkt man den Unterschied. Denn Lessing kommt praktisch sofort auf den Punkt und – okay – hüpft auf dem hier sehr unelegant noch ordentlich rum.

Eleganter dann schon die zweite Fabel und vor allem eben mit einem Lessingschen Twist. Denn hier kriegt es nicht der Rabe für seine Eitelkeit ab, sondern der Fuchs für sein Ranschleimen und Ausnutzen. Sehr sympathisch. Hach ja, der Lessing…

 

Textquelle: Gotthold Ephraim Lessing: Werke. Band 1, München 1970 ff., S. 197-198. + Gotthold Ephraim Lessing: Fabeln. Abhandlungen über die Fabeln. Stuttgart: Reclam, 1967, S. 34f.
Bildquelle: Porträt des jungen Lessing

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s