24.5 Clash of the Fabeltheoretiker – als da wären, Gottsched, Breitinger und Bodmer

So, heute kommen wir zurück in Deutschland an. Bevor ihr euch wundert, warum das Wochenthema deutsche Fabel heißt und es hier vor Franzosen wimmelt. Die Antwort ist natürlich, weil wir sie schamlos nachgeahmt haben. Und bevor wir da jetzt in medias res gehen und ordentlich Fabeln lesen, gibt es heute erstmal die notwendige Theorie vorgereicht. In Form eines Zanks, der im 18. Jahrhundert die deutschsprachigen Medien echt in Schwung hielt. So cool war die Fabel. 🙂

Denn klar war, dass die Fabel super geeignet für die Aufklärung des Volkes war. Nur wie genau sollte das theoretisch funktionieren? Wieviel Lehre und wieviel Spaß sollte dabei sein?

1730 meldete sich Johann Christoph Gottsched (1700-1766) in seinem Versuch einer Critischen Dichtkunst zu Wort. Er orientiert sich deutlich am gestern erwähnten Hrn. Le Bossu. Und so ist für Hrn. Gottsched eine Fabel „die Erzählung einer unter gewissen Umständen möglichen, aber nicht wirklich vorgefallenen Begebenheit, darunter eine nützliche moralische Wahrheit verborgen liegt.“
‚Möglich, aber nicht wirklich‘ lässt sich übersetzen zu ‚wahrscheinlich‘ und schwupps sind wir im Zentrum von Gottscheds Theorie. Kommen in einer Fabel ‚unglaubliche‘ Figuren, also sprechende Tiere und Pflanzen und so vor, sollen die sich trotzdem ‚wahrscheinlich‘ verhalten. Soll heißen, ein Huhn soll nicht zum Löwen mutieren. Denn die Naturnachahmung ist für ihn oberstes Gebot, ist die Natur doch die beste Erzieherin.
Man merkt schon: Erst kommt die moralische Aufklärung und dann grad so viel Spaß, das heißt ‚wunderbares‘ Extra, das man die Fabel auch gerne liest. Das heißt denn auch, die Fabel ist nicht der Ort für wahnsinnig viel poetische Kreativität.

Das sieht der Schweizer Johann Jakob Breitinger (1701-1776) direkt mal ganz anders in seiner Critischen Dichtkunst (1740).
Die Fabel ist ihm „ein lehrreiches Wunderbares“ und sie ist betont nicht vor allem Nachahmung der Natur, wie bei Gottsched, sondern sie ist mal vor allem das Ergebnis poetischer Einbildungskraft.
Auch bei Breitinger sollen nun nicht Löwen zu Mäusen werden, so nicht. Aber Breitinger meint, es brauche die Einbildungskraft sozusagen zur sinnreichen Strukturierung des Stoffs. Und da die Handlung der Fabeln aus dem Alltag ihrer Leser gegriffen sein müsse, damit sie auch verstanden wird, brauche es für den Kick das Wunderbare. Und zwar in Form des tierischen Personals.

Es ist also gar nicht so, dass Hr. Gottsched und Hr. Breitinger ganz was anderes wollen. Nee, nee. Die Fabel soll belehren und sie soll sich dabei schon grob an die Regeln der Wahrscheinlichkeit – Aristoteles lässt grüßen – halten. Es geht vielmehr darum, welche Bestandteile wie bewertet werden.

Und da wird Breitinger unterstützt von seinem Freund Johann Jakob Bodmer (1698-1783), ebenfalls Schweizer. Im Streit gegen Gottsched und dessen Anhänger kämpft sich Bodmer in seiner Critischen Abhandlung von dem Wunderbaren in der Poesie (1740) auf die Seite seines Kumpels Breitinger. Auch für Bodmer macht gerade die Verbindung von Wunderbarem und Wahrscheinlich das Besondere der Fabel aus. Und klar solle die Fabel belehren, aber Unterhaltung ist für ihn durchaus ein Ziel an sich. Nicht nur schlichte Notwendigkeit, damit irgendwer den Kram aus liest.

Ja, und las dem irgendjemand den Kram der Streithähne und wo sortierten sich die Dichter ein, die denn auch mal selbst Fabeln schrieben? Morgen mehr. 🙂

P.S.: Johann war offenbar so schick als Vorname wie in meinem Jahrgang Mark. Vier hatte ich da mal gleichzeitig in der Klasse.

Bildquelle: Porträts der Herren Gottsched, Breitinger und Bodmer

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