24.4 La Fontaine und französische Fabeltheorie – oh my

Okay, bevor wir gleich zu den theoretischen Debatten kommen, die nicht zuletzt La Fontaines neue Art von Fabeln auslöste, habt erst noch ein Fabelchen. Immerhin hat Hr. La Fontaine, der 1677 und 1679 auch nochmal zwei Bücher von Fabeln veröffentlicht hat, ja ganz viele geschrieben. Wie wäre es also noch mit einer etwas unbekannteren? Lest selbst…

Der Kaufmann, der Edelmann, der Prinz und der Hirt

Vier Weltentdecker, nackt der Wut des Meers entflohn,
Ein Kaufmann, ein Baron, ein Hirt, ein Königssohn,
Von gleicher Armut alle jetzt wie Belisar,
Erbettelten zur Lindrung ihrer großen Not
Von fremden Leuten nun ihr Brot.
Zu sagen, welcher Zufall diese kleine Schar
Zusammenschloss, aus der ein jeder anders war,
Erscheint mir unnütz ganz und gar.
Sie setzten schließlich sich bei einem Brunnen hin
Und hielten Rat, die armen Leute.
Der Prinz beklagte, dass die Großen oft die Beute
Des Unglücks sind. Der Hirt dagegen sprach: „Ich bin
Der Meinung, jeder lasse eitles Jammern ruhn,
Um besser das, was gegenwärtig hilft, zu tun.
Kein Klagen heilt; nur Arbeit schenkt Gewinn,
Mit ihr vermögen wir bis Rom zu ziehen!“
So sprach ein Hirt? – Was findet ihr darin?
Meint ihr, gekrönten Häuptern einzig habe
Der Himmel Weisheit und Verstand verliehen,
Und Hirten hätten keine größre Geistesgabe
Als ihre Schafe? – Nun, der Rat des Hirten
Gefiel den andern drei,
Die an Amerikas Gestade mit ihm irrten.
Der Kaufmann sprach, er sei
In Rechenkunst erprobt und wolle Stunden geben.
„Ich lehre Politik,“ versprach der Königssohn.
„Ich kenne die Heraldik wie mein Leben,“
Erklärte eifrig der Baron:
„Ich werde Schüler nehmen gegen guten Lohn.“
Als ob man auch in jenen wilden Landen schon
Intresse hätte für so leere Eitelkeit.
Es sprach der Hirt: „Recht gut, doch leider nicht gescheit;
Des Monats dreißig Tage sind nicht schnell entflohn,
Wir können schwerlich bis zu eurem Zahltag fasten.
Die Hoffnung, die ihr zeigt, ist schön, doch liegt sie weit;
Wir dürfen nicht so lange rasten.
Ich habe Hunger währenddessen.
Sagt doch, mit welcher Sicherheit
Beschafft ihr morgen unser Mittagessen?
Und wer sorgt heute für das Abendessen?
Denn darum handelt sich’s vor allen Dingen.
Es reicht mir eure Wissenschaft nicht hin,
Doch meine Hand soll Rettung bringen.“
Er sprach’s und ging zum Wald und machte Reisig dort,
Verkaufte dieses Tag für Tag, und sein Gewinn,
So klein er wohl auch war, verhinderte hinfort,
Dass jene, die gleich ihm nicht lang zu fasten wussten,
Nicht schließlich „drunten“ ihre Gaben üben mussten.

Was dies Geschehnis lehrt? – Das Leben zu erhalten,
Bedarf’s an Künsten wenig nur:
Lasst nur die Gaben der Natur
Und eure Hand als schnellste Helfer walten!

*******

So während wir nun alle noch rätseln, wer die vier sind, auf zur Theorie. 1675 hat sich schon René Le Bossu (1631-1680) mit seiner Traité du Poeme épique (1675) zu Wort gemeldet, der Fabeln mit Tieren, mit Menschen und mit beiden unterschied und die Fabel sah als „eine erfundene Rede mit dem Ziel, mittels Lehrweisheiten, die in der Allegorie einer Handlung verkleidet sind, die Moral der Menschen zu formen“. Aber wo ist der Witz?

Ja, der kommt auch in der dann richtig lebendigen Diskussion zu Beginn des 18. Jahrhundert nicht so doll vor. Man merkt den Aufklärern – insbesondere Antoine de La Motte (1672-1731; Discours sur la Fable, 1719) und David Henri Richer (1685-1748; Vorwort zu seinen Fables nouvelles, mises en verse, 1729) – an, dass auch sie in der Fabel vor allem ein Medium sehen, was super zur – na, eben – Aufklärung zu gebrauchen ist. Betont wird also die Moral, die eindeutig zu verstehen sein muss.

 

Textquelle: Jean de Lafontaine: Fabeln. Berlin 1923, S. 194-196.
Bildquelle: Illustration zur Fabel von Jean-Baptiste Oudry

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