24.3 La Fontaine revolutioniert die Fabel mit Fuchs, Rabe und Ratten

Nach der Zeit der Reformation und ihrem didaktischen Bedarf wurde es in Europa erstmal wieder ruhig um die Fabel. Denn so als ordentliche Literatur galt sie halt nicht. Das änderte sich 1668, als Jean de La Fontaine (1621-1695) zwei Bände von Ausgewählten Fabeln, in Verse übertragen von Hrn. De La Fontaine (Fables choisies, mises en vers par M. de La Fontaine).

Was nun anders ist? Lest selbst…
 
 

Der Rabe und der Fuchs

Herr Rabe auf dem Baume hockt,
Im Schnabel einen Käs.
Herr Fuchs, vom Dufte angelockt,
Ruft seinem Witz gemäß:
„Ah, Herr Baron von Rabe,
Wie hübsch Ihr seid, wie stolz Ihr seid!
Entspricht auch des Gesanges Gabe
Dem schönen schwarzen Feierkleid,
Seid Ihr der Phönix-Vogel unter allen!“
Der Rabe hört’s mit höchstem Wohlgefallen,
Lässt gleich auch seine schöne Stimme schallen.
Da rollt aus dem Rabenschnabel der Fraß
Dem Fuchs ins Maul, der unten saß.
Der lachte: „Dank für die Bescherung!
Von mir nimm dafür die Belehrung:
Ein Schmeichler lebt von dem, der auf ihn hört.
Die Lehre ist gewiss den Käse wert.“
Der Rabe saß verdutzt und schwor:
Das käm ihm nicht noch einmal vor.

*******

Die Stadtratte und die Feldratte

Es lud einmal die städtische Ratte
Die Ratte aus dem Felde ein
Zu einem Braten, den sie hatte.
Fettammern waren’s, zart und fein.

Auf einem Perserteppich prangte
Die Tafel, überreich gedeckt.
Was ihren Appetit anlangte –
Gewiss hat’s beiden wohlgeschmeckt.

Ein Festmahl war es, ohne Frage,
Nichts fehlte, was das Herz begehrt,
Doch plötzlich wurde das Gelage
Im besten Zuge jäh gestört.

Ein Lärm von draußen, welch ein Schrecken!
Es poltert an des Saales Tür.
Stadtratte lief, sich zu verstecken,
Und ihre Freundin folgte ihr.

Der Lärm erlosch. Als erste wagte
Sich keck hervor die aus der Stadt,
Die tröstlich zu der Bäurin sagte:
„Komm her und esse dich nun satt.“

Da sprach die andre: „Meine Beste,
Komm morgen hin zu mir hinaus.
Recht üppig zwar sind deine Feste,
Doch sieh, ich mache mir nichts draus.

Bei mir wird alles glatt sich fügen,
Ist einfach auch mein ländlich Brot.
Leb wohl!“ – Wie arm ist ein Vergnügen,
Das immer eine Angst bedroht!

*******

Vergleicht man La Fontaines Rabe und Fuchs mit der Lutherschen Variante von vorgestern und La Fontaines Stadt- und Landratte mit der Version von Hans Sachs von gestern, dann fällt auf – La Fontaine hat aus dem moralischen ‚Zwecktext‘ wirklich Literatur gemacht. Die Verse sind anspruchsvoll und zwar ist die Moral noch da – sonst wäre es ja auch keine Fabel – aber sie ist in die Handlung integriert und vor allem mit viel Witz präsentiert.

Kaum überraschend reagierte auch die Literaturtheorie der Zeit, aber davon morgen mehr. 🙂

 

Textquelle: Jean de Lafontaine: Fabeln. Berlin 1923, S. 5-6 und 12-13. – Zitiert nach zeno.
Bildquelle: Porträt von Jean de La Fontaine von Hyacinthe Rigaud (1659–1743) & Gravuren zu den beidenFabeln von François Chauveau (1613–1676)

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