24.1 Rabe, Fuchs und Frevel bei Martin Luther – oder: Deutsche Fabeln von lang, lang ist’s her bis beinahe heute

Diese und auch noch nächste Woche machen wir uns mal wieder auf eine Zeitreise und folgen der Fabel per einiger ihrer berühmtesten und wichtigsten Dichter durch die deutsche Geschichte vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert.

Eigentlich müssten wir mit Aesop & Co oder spätestens im Mittelalter anfangen, aber wir springen gleich zum ersten wichtigen Fabeldichter der Frühen Neuzeit. Nämlich Reformator Martin Luther (1483-1546). Der übersetzte die Fabeln Aesops – dessen Existenz er schon bezweifelte – recht frei und passte sie so den moralischen Aussagen an, die seiner Meinung nach vor allem der Jugend seiner eigenen Zeit dringend vermittelt werden sollten. Denn wie immer gilt ja – Unerfreuliches nett verpackt, kommt gleich viel besser rüber.
 
 

Vom Raben und Fuchs

Ein Rabe hatte einen Käse gestohlen, und setzte sich auf einen hohen Baum, und wollte zehren; als er aber seiner Art nach nicht schweigen kann, wenn er isst, höret ihn ein Fuchs über dem Käse kecken, und lief zu und sprach: „O Rab, nun hab ich mein Lebtag keinen schönern Vogel gesehen an Federn und an Gestalt, denn du bist. Und wenn du auch eine so schöne Stimme hättest zu singen, so sollte man dich zum König krönen über alle Vögel. Den Raben kützelte solch Lob und Schmeicheln, fing an, wollte seinen schönen Gesang hören lassen, und als er den Schnabel auftät, entfiel ihm der Käse, den nahm der Fuchs behend, fraß ihn, und lachte des törichten Raben.

Hüt dich, wenn der Fuchs den Raben lobt.
Hüte dich für Schmeichlern, die schinden und schaden.

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Frevel, Gewalt
(oder: Der Löwe will nicht teilen)

Es geselleten sich ein Rind, Ziegen und Schaf zum Löwen, und zogen mit einander auf die Jagd in einem Forst. Da sie nun einen Hirsch gefangen, und in vier Teil gleich geteilet hatten, sprach der Löwe: „Ihr wisset, dass ein Teil mein ist, als euer Geselle; das andere gebührt mir, als einem Könige unter den Tieren; das dritte will ich haben darum, dass ich stärker bin, und mehr danach gelaufen und gearbeitet habe, denn ihr alle; wer aber das vierte haben will, der muss mir’s mit Gewalt nehmen. Also mussten die drei für ihre Mühe das Nachsehen und den Schaden zu Lohn haben.

Lehre.
Fahre nicht zu hoch, halt dich zu deines Gleichen. Dulcis in expertis cultura potentis amici: Es ist mit Herren nicht gut Kirschen essen, sie werfen einen mit Stielen. Ulpian. L. Si non fueriut. Das ist eine Gesellschaft mit dem Löwen, wo einer allein den Genieß, der ander allein den schaden hat.

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Die Fabeln vom eitlen Raben ist wohl eine der bekanntesten, da meist adaptierten Fabeln Aesops – und zwar durchaus global. Nicht so weit verbreitet ist die zweite Fabel, was auch an Luthers wirklich extrem ‚unsexy‘ Titel liegen könnte.
Interessant auch der Mix aus gebildetem Latein und lockeren Sprichwörtern, war doch die Idee auch der volkssprachlichen Fabeln, dass nicht nur die Geistlichen sie lesen konnten.

Textquelle: Dr. Martin Luthers Werke. In einer das Bedürfnis der Zeit berücksichtigenden Auswahl. Zweite vermehrte Auflage. Dritter Teil. Hamburg: Perthes 1827, S. 198 und 194f.
Bildquelle: Martin Luther in (auf?) einem Porträt von Lucas Cranach dem Älteren&Illustration zum Aesopschen – naja, Original

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