23.6 Das Mädchen, welches lange pinkeln konnte

So, nach wunderschönen Zauber/Heldenmärchen und lustigen Tiermärchen heute ein zünftig-zotiges Schwankmärchen. Aber lest selbst…

Das Mädchen, welches lange pinkeln konnte

Es war einmal ein Kaufmann, der ein großes Grundstück gekauft hatte, von dem aber ein guter Teil noch ganz wüst lag, und da er nun auch eine Tochter besaß, welche wunderlang pinkeln konnte, so machte er mit jedem, der zu ihm kam und bei ihm Arbeit haben wollte, den Accord, dass wenn er nicht im Stande wäre, so lange zu graben, wie seine Tochter zu pinkeln vermochte, so solle er außer der Kost keine andere Bezahlung bekommen; könne er aber langer graben, so würde er dreifachen Tagelohn erhalten. Da fanden sich nun viele, die es versuchten, aber umsonst; denn gruben sie lange, so pinkelte das Mädchen noch länger, und dies ging so fort, bis endlich der Kaufmann fast das ganze Grundstück für Essen und Trinken umgegraben bekam.

Endlich jedoch kam da Einer, der pfiffiger als alle andern war und meinte, es solle dem Mädchen nichts nützen, wie geschickt sie auch ihre Fut* zu gebrauchen wüsste. Er ging daher auf den Accord ein, kaufte aber dann einige Tüten Rosinen, gebrannte Mandeln und Zuckerwerk, worauf er am nächsten Morgen ganz frühzeitig aufs Feld hinausging und die Tüte Rosinen unter die Scheunenbrücke, die andere mit den Mandeln unter einen Stein, die dritte mit dem Zuckerwerk unter einen Wachholderstrauch versteckte. Um die Frühstückszeit kam nun die Kaufmannstochter und setzte sich auf die Scheunenbrücke, wo sie mit den Arbeitern, während sie aßen, zu plaudern pflegte.

Als sie aber sah, wie rüstig der erwähnte Bursche gearbeitet und wieviel er in den ersten drei Stunden gegraben hatte, erschrak sie ganz gewaltig, aus Furcht, dass sie verlieren könnte und rief ihn in die Scheuer hinein, wo er frühstücken sollte. Er kam also und fing ohne weiteres zu essen an, bald nachher aber schlug er sich zwischen die Beine und sprach: „Halt’s Maul, du Schwätzer! Witterst du nun wieder etwas?“ „Zu wem sprichst du denn da?“ fragte das Mädchen. „Es ist nichts,“ antwortete der Bursche, „Ich habe hier einen Wahrsager sitzen, der nimmer die Schnauze halten kann, sondern ohne Aufhören schwatzt und sich in jeden Quark mischt.“ „Ei der Tausend!“ rief das Mädchen aus, und fügte voll Neugier hinzu: „Was sagt er denn jetzt?“ „Was er sagt, darum muss man sich nicht kümmern,“ erwiderte der Bursche; „es ist doch nur tolles Zeug, wenn er auch zuweilen die Wahrheit spricht und das, was er prophezeit, eintrifft.“

Da wollte sie nun durchaus wissen, was der Wahrsager eben gesagt hatte; denn er könnte doch vielleicht das Richtige getroffen haben, und so teilte ihr denn der Bursche lachend mit, dass unter der Scheunenbrücke eine Tüte gebrannter Mandeln liegen sollte. „Da will ich bald wissen, ob’s wahr ist!“ rief das Mädchen aus und fand auch bald das Gesuchte. „Das ist ja ein wackerer Wahrsager,“ sprach sie dann zu dem Burschen, „den musst du mir verkaufen.“ „Nein,“ antwortete dieser, „für nichts in der Welt gebe ich ihn weg, denn in Freud und Leid weiß er mich zu ergötzen, besonders aber in den langen Nächten.“

Bald nachher schlug er sich wieder zwischen die Beine, und das Mädchen wollte auch wieder wissen, was los wäre; da erfuhr sie denn, dass unter einem gewissen Steine eine Tüte Rosinen läge, welche sie stracks suchen ging und auch wirklich fand. Als sie nun geschmeckt hatte, wie süß sie waren, so wurde sie noch viel erpichter auf den Wahrsager und bot für denselben ein gutes Stück Geld; aber umsonst; denn der Bursche wollte ihn nicht lassen. Bald darauf verkündete er die dritte Prophezeiung, die gleichfalls in Erfüllung ging, da das Mädchen das Zuckerwerk an dem bestimmten Orte fand, so dass sie nun wie halbtoll wurde und den Wahrsager durchaus für jeden Preis verkauft oder allerwenigstens doch geliehen haben wollte. Vom Verkaufen eines solchen Kleinods könnte nun und nimmer die Rede sein, meinte der Bursche, aber auch es fortzuleihen wäre ihm unmöglich, er könne es durchaus nicht entbehren.

Während sie nun so dasassen und miteinander verhandelten, sagte mit einem Male das Mädchen: „Es ist doch wirklich arg! Da haben wir nun mancherlei gute und süße Sachen gegessen, aber der arme Wahrsager hat gar nichts bekommen; ob er vielleicht hungrig oder durstig ist?“ „Das sollte ich fast glauben,“ versetzte der Bursche, „denn wann er Hunger hat, so schwatzt er am meisten.“ „Was gibst du ihm denn gewöhnlich zu essen?“ fragte sie weiter. „O solche Sachen, wie die du eben selbst gegessen hast, auf die ist er am meisten versessen,“ erwiderte jener. „Könnten wir ihm denn nun nicht etwas von dem geben, was wir noch übrig haben?“ fuhr sie fort, „denn essen muss ja jeder.“ „Ja freilich,“ antwortete der Bursche, „doch isst er nicht auf dieselbe Weise wie ich und du.“ „Jeder soll essen und trinken wie es ihm am besten gefällt, sagte das Mädchen; kannst du mir nicht sagen, wie er es haben will?“ „Freilich kann ich das,“ sprach jener; „aber es ist schwer für ein Mädchen es ihm recht zu machen; denn er isst sich nicht satt, wenn er nicht gehörig an einem Tisch essen kann, und dieser Tisch muss der Leib einer reinen Jungfrau sein.“ „Ist es weiter nichts, was er braucht,“ erwiderte sie, „so soll er nicht hungrig bleiben, sondern sich vollständig satt essen, und zwar auf meinem eigenen Leibe.“

Sie streute sich alsdann einige Rosinen und Zuckerwerk auf, so dass der Wahrsager unverzüglich anfing nach ihnen auf dem glatten Tisch umherzuspähen und umherzufahren, und hier tippte und da bohrte, bis er endlich unversehens unten in die Grube purzelte. „Was ist denn das?“ fragte sie. „Oh, nichts besonderes,“ antwortete der Bursche; „es ist ihm bloß eine Rosine unten hineingefallen und die will er sich wieder herausholen.“ „Lass ihn nur hineinkriechen, so tief wie er will, er mag wohl sehr hungrig sein,“ sagte das Mädchen und ließ den Wahrsager suchen und weiteressen, so lang wie er wollte und konnte, bis er satt war, worauf das Mädchen ganz froh und fröhlich wie eine Königin nach Hause kehrte.

Der Bursche grub an diesem Tage nicht weiter, weshalb der Kaufmann, als er mit seiner Tochter des Abends aufs Feld hinauskam, alsbald sagte: „Oho, lieber Freund, du verlierst, und kannst das Spiel nur gleich aufgeben.“ Allein der Bursche meinte, die Sache wäre keineswegs ausgemacht, und das Mädchen solle nur immer anfangen. Das tat sie denn auch, aber es dauerte nicht lange, so hatte sie ihren Vorrat durch die jetzt grösser gewordene Öffnung fortgepinkelt. „Oho,“ rief nun seinerseits der Bursche; „ich habe das Spiel gewonnen!“ So erhielt er denn die dreifache Bezahlung von dem Kaufmann, und da dieser wohl merkte, wie die Sachen standen, gab er seiner Tochter nicht nur den Burschen, sondern auch noch obendrein den Wahrsager.

* Ich zitiere das Deutsche Wörterbuch der Herren Grimm: „1) cunnus, vulva. dies die richtige schreibung des als schmutzig geltenden und darum gemiedenen wortes; doch wird, da wir zur bezeichnung der kürze eines vocales den consonanten hinter“

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Die männliche Fantasie zur enormen Wirkung der eigenen…nun…Durchschlagskraft mal beiseite. ;D Ich muss feststellen, dass ist eines der explizitesten Schwankmärchen, das ich je gelesen habe. Da merkt man doch wieder, wie stark zumindest die deutschen Übersetzungen für Lesebücher doch eingegriffen haben. Der Knüller? Das Jahrbuch, aus dem dieser Schwank hier stammt, war spezifisch erotischer Folklore gewidmet (Quelle dafür hier).

 

Textquelle: Peter Christen Asbjørnsen: Norwegische Märchen und Schwänke. In: Kryptádia 1 (1883), S. 293-332; hier S. 324-331.

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