23.5 Der Bär und der Fuchs – und zwar gleich zwei Mal!

Nun aber noch einmal ein ordentliches Tiermärchen. Nein, besser gleich zwei. 🙂 Lest selbst…

Der Bär und der Fuchs
Warum der Bär einen Stumpfschwanz hat

Dem Bären begegnete einmal der Fuchs, der mit einem Bündel Fische angeschlichen kam, die er gestohlen hatte. „Wo hast Du die her?“ fragte der Bär. „Die hab’ ich mir geangelt, Herr Bär,“ versetzte der Fuchs. Da bekam der Bär auch Lust, das Angeln zu lernen, und bat den Fuchs, ihm doch zu sagen, wie er es machen müsste. „Das ist eine leichte Kunst und sehr bald gelernt,“ erwiderte der Fuchs, „Du musst nur aufs Eis gehen, Dir ein Loch hauen und den Schwanz hineinstecken, und dann musst Du ihn recht lange drein halten und Dich nicht darum bekümmern, wenn’s ein bisschen weh tut. Denn das ist ein Zeichen, dass Fische dran beißen; und je länger Du’s aushalten kannst, desto mehr Fische bekommst Du. Aber wenn’s zuletzt recht tüchtig kneift, dann musst Du aufziehen.“ Ja, der Bär tat, wie der Fuchs ihm gesagt hatte, und hielt den Schwanz so lange ins Loch, bis er darin festgefroren war. Da zog er auf – den Schwanz ab, und nun geht er noch da den heutigen Tag mit einem Stumpfschwanz.

Wie der Fuchs den Bären ums Weihnachtsessen prellt

Der Bär und der Fuchs hatten sich einmal zusammen ein Viertel Butter gekauft, das wollten sie zum Weihnachten haben und verwahrten es daher unter einen dicken Tannenbusch. Darauf gingen sie fort und legten sich auf einem Hügel in der Sonne schlafen. Als sie eine Weile gelegen hatten, sprang der Fuchs auf und rief: „Ja!“ und damit lief er gradesweges zu dem Butterviertel, wovon er gut den dritten Teil auffraß. Als er aber zurückkam, und der Bär ihn fragte, wo er gewesen sei, dass er so fett ums Maul wäre, sagte er: „Meinst Du denn nicht, ich sei zu Gevatter gebeten, Du?“ „Na so!“ sagte der Bär, „wie hieß denn das Kind?“ „Angefangen,“ sagte der Fuchs.

Damit legten sie sich wieder schlafen. Nach einer Weile sprang der Fuchs abermals auf und rief: „Ja!“ und lief wieder zu dem Butterviertel. Als er zurückkam, und der Bär ihn fragte, wo er gewesen sei, antwortete er: „Ach, wurde ich denn nicht wieder zu Gevatter gebeten, Du!“ „Wie hieß jetzt das Kind?“ fragte der Bär. „Halbverzehrt,“ antwortete der Fuchs.

Der Bär meinte, das wär’ ein hübscher Name; aber es dauerte nicht lange, so fing er wieder an zu gähnen und schlief ein. Als er nun ein Weilchen gelegen hatte, ging es wieder eben so, wie die beiden vorigen Male: Der Fuchs sprang wieder auf und rief: „Ja!“ lief zu dem Butterviertel und fraß nun auch den letzten Rest auf. Wie er zurückkam, war er wieder zu Kindtauf gewesen, und als der Bär wissen wollte, wie das Kind hieß, antwortete er: „Den-Boden-geleckt.“

Damit legten sie sich wieder zur Ruhe und schliefen beide eine gute Weile. Danach wollten sie hingehen und sich nach ihrer Butter umsehen. Als es sich nun aber fand, dass sie rein aufgezehrt war, beschuldigte der Bär dafür den Fuchs, und der Fuchs beschuldigte wieder den Bären, und der eine behauptete immer, der andre sei bei der Butter gewesen, während er da gelegen habe und geschlafen.

„Nun,“ sagte Reineke, „wir wollen’s bald erfahren, wer von uns die Butter gestohlen hat: wir wollen uns jetzt wieder auf dem Hügel schlafen legen, und wer dann am fettsten unten beim Schwanz ist, wenn wir aufwachen, der hat sie gestohlen.“ Ja, der Bär wollte gleich auf die Probe eingehen, und weil er bei sich selbst wusste, dass er die Butter nicht einmal gekostet hatte, legte er sich ganz ruhig auf dem Hügel schlafen. Da schlich Reineke sich aber fort nach dem Viertel und erwischte noch ein Klümpchen Butter, das in einer Ritze sitzen geblieben war; damit schlich er sich zurück zu dem Bären, bestrich ihn mit der Butter unten beim Schwanz und legte sich dann wieder schlafen, als wüsste er von nichts. Als nun beide aufwachten, hatte die Sonne die Butter geschmolzen, und da war’s denn gleichwohl der Bär, der die Butter gefressen hatte.

*******

Wir stellen fest: Der Fuchs ist echt ein Halunke und legt doch auf der ganzen Welt die Tiere mit denselben Tricks rein. Hihi.

 

Textquelle: Norwegische Volksmärchen, gesammelt von Peter Christen Asbjørnsen und Jørgen Moe. Deutsch von Friederich Bresemann. Mit einem Vorworte von Ludwig Tieck. 2 Bde. Bd.1. Berlin: Simion 1847, S. 118-121.
Bildquelle: Illustration zum ersten der beiden Tiermärchen von Carl Larsson

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