23.4 Die drei Muhmen

In den bisherigen norwegischen Märchen mussten in meiner kompetenten (oh, das hört sich spannend an) Auswahl ja nur Männer oder Jungs (oder Hähne) Prüfungen bestehen. Nun ist das weibliche Geschlecht an der Reihe. Und schon geht alles ganz anders. Aber lest selbst…

Die drei Muhmen

Es war einmal ein armer Mann, der wohnte in einer Hütte, weit, weit weg in einem Walde, und ernährte sich von der Jägerei. Er hatte eine einzige Tochter, die war außerordentlich schön. Da aber die Mutter schon früh gestorben, und das Mädchen nun schon halb erwachsen war, sagte sie eines Tages zu ihrem Vater, sie wolle sich bei andern Leuten in Dienst geben, damit sie lernen könne, sich hiernach selbst ihr Brot zu verdienen. „Ja, meine Tochter,“ sagte der Vater, „Du hast bei mir freilich nichts anders gelernt, als Vögel rupfen, aber Du magst es immerhin versuchen, Dir Dein Brot selbst zu verdienen.“

Das Mädchen ging nun fort, um sich einen Dienst zu suchen, und als sie eine Weile gegangen war, kam sie zu einem Königsschloss; da blieb sie, und die Königin mochte sie so wohl leiden, dass die andern Dirnen ganz neidisch auf sie wurden. Darum sagten sie eines Tages zu der Königin, das Mädchen hätte sich gerühmt, ein Pfund Flachs in vier und zwanzig Stunden spinnen zu können; denn sie wussten, die Königin hielt so viel auf Handarbeiten. „Ja, hast Du das gesagt, so sollst Du es auch,“ sagte die Königin zu ihr, „indessen macht es nichts, wenn Du auch etwas mehr Zeit dazu gebrauchst.“ Das arme Mädchen wagte nicht, zu sagen, dass sie niemals gesponnen hätte, sondern bat nur um eine Kammer für sich allein; die bekam sie denn auch, und man brachte ihr einen Spinnrocken und Flachs. Da saß sie nun und war betrübt und weinte und konnte sich gar nicht raten. Sie stellte den Rocken vor sich hin und kehrte und drehte ihn, aber sie wusste ganz und gar nicht, wie sie’s anfangen sollte; denn sie hatte nie zuvor in ihrem Leben nur einmal einen Spinnrocken gesehen.

Als sie nun so betrübt da saß, trat eine alte Frau zu ihr ein. „Was fehlt Dir, mein Kind?“ fragte sie. „Ach,“ antwortete das Mädchen, „was kann es nützen, dass ich es Dir sage, denn Du kannst mir ja doch nicht helfen.“ „Man kann nie wissen,“ sagte die Frau, „es wäre doch möglich, dass ich Rat für Dich wüsste.“ Ja, ich kann es ihr ja wohl sagen, dachte das Mädchen und erzählte ihr nun, wie ihre Mitdienerinnen ausgesagt hätten, sie habe sich gerühmt, ein Pfund Flachs in vier und zwanzig Stunden spinnen zu können. „Aber ich Arme!“ sagte sie, „Ich habe nie in meinem Leben einen Spinnrocken gesehen, geschweige denn, dass ich so viel sollte in vier und zwanzig Stunden spinnen können.“ „Es mag nun drum sein, mein Kind!“ sagte die Frau, „Willst Du mich an Deinem Ehrentag Muhme nennen, so will ich den Flachs für Dich spinnen, und Du kannst Dich hinlegen und schlafen.“ Ja, das wollte das Mädchen gern und ging hin und legte sich schlafen.

Am andern Morgen, als sie erwachte, lag aller Flachs gesponnen auf dem Tisch, und das so sauber und fein, dass man nie so schönes, ebnes Garn noch gesehen hatte. Die Königin freute sich sehr über das schöne Garn und hielt nun noch mehr von dem Mädchen, als vorher. Darüber wurden die andern noch neidischer auf sie und sagten nun zu der Königin, jetzt hätte sie sich auch gerühmt, das Garn, das sie gesponnen, in vier und zwanzig Stunden weben zu können. Die Königin sagte wieder, wenn sie das gesagt hätte, so solle sie es auch, aber es machte nichts, wenn sie auch nicht eben in vier und zwanzig Stunden damit fertig würde. Das Mädchen wagte auch diesmal nicht, ihre Ungeschicklichkeit zu bekennen, sondern bat nur um eine Kammer für sich allein, dann wollte sie es versuchen. Da saß sie nun wieder und war betrübt und weinte und wusste nicht, was sie anfangen sollte.

Es dauerte aber nicht lange, so trat wieder eine alte Frau herein und fragte: „Was fehlt Dir, mein Kind?“ Das Mädchen wollte es ihr erst nicht sagen, aber zuletzt erzählte sie ihr denn, was die Königin von ihr verlangte. „Ei nun,“ sagte die Frau, „es mag drum sein! Willst Du mich an Deinem Ehrentag Muhme nennen, so will ich das Garn für Dich weben, und Du kannst Dich hinlegen und schlafen.“ Ja, das wollte das Mädchen gern, und damit ging sie hin und legte sich schlafen. Als sie aufwachte, lag alles Garn so sauber und dicht gewebt auf dem Tisch, wie nur möglich. Sie brachte es nun der Königin, und diese freute sich außerordentlich über die schöne Leinwand und hielt jetzt noch weit mehr von dem Mädchen, als zuvor. Aber darüber wurden die andern noch neidischer und erbitterter auf sie und dachten an nichts anders, als was sie jetzt angeben sollten, um ihr zu schaden.

Endlich verfielen sie darauf, zu der Königin zu sagen, jetzt hätte sie sich auch gerühmt, all die Leinwand, die sie gesponnen, in vier und zwanzig Stunden zu Hemden aufnähen zu können. Es ging nun eben so, wie früher: das Mädchen wagte nicht, zu sagen, dass sie nicht nähen könne; sie erhielt wieder ihre Kammer für sich allein und saß da und war betrübt und weinte. Nun trat aber wieder eine alte Frau zu ihr ein und versprach ihr, die Leinwand für sie zu nähen, wenn sie sie an ihrem Ehrentag Muhme nennen wolle. Ja, das wollte das Mädchen gern und tat wieder, wie die Frau ihr sagte, ging hin und legte sich schlafen. Am andern Morgen, als sie erwachte, war alle Leinwand zu Hemden aufgenäht, die auf dem Tisch lagen; eine so schöne Naht hatte man aber noch nie gesehen, und die Hemden waren alle hübsch gezeichnet und völlig fertig. Als die Königin die Arbeit sah, freute und verwunderte sie sich so sehr über die schöne Naht, dass sie die Hände über dem Kopf zusammenschlug. „Nein, eine so schöne Naht habe ich noch nie gesehen,“ sagte sie, und von nun an hatte sie das Mädchen so lieb, wie ihr eignes Kind.

„Wenn Du jetzt den Prinzen haben willst, so sollst Du ihn bekommen,“ sagte sie zu dem Mädchen, „denn Du hast niemals nötig, etwas aus dem Hause zu geben, da Du alles selbst spinnen und weben und auch nähen kannst.“ Weil das Mädchen nun so schön war, und der Prinz sie gern leiden mochte, wurde auch sogleich die Hochzeit gehalten. Als sich aber der Prinz mit ihr zur Tafel gesetzt hatte, trat plötzlich ein altes, hässliches Weib herein mit einer langen, langen Nase – die war gewiss drei Ellen lang. Da stand die Braut auf, ging auf die Alte zu und sagte: „Guten Tag, Muhme!“ „Ist das die Muhme meiner Braut?“ fragte der Prinz. Ja, das wäre sie. „Ja, so müssen wir sie denn wohl mit bei Tafel sitzen lassen,“ sagte der Prinz; aber er sowohl, als die andern meinten doch, sie wäre gar zu garstig, um mit ihnen bei Tafel zu sitzen.

Nicht lange danach trat wieder ein altes, hässliches Weib ein, die hatte einen Allerwertesten, so dick und so breit, dass sie nur mit genauer Not zur Tür herein konnte. Sogleich stand die Braut auf und grüßte sie und sagte: „Guten Tag, Muhme!“ Und der Prinz fragte wieder, ob das auch eine Muhme seiner Braut wäre. „Ja,“ antworteten beide, und sie musste sich nun ebenfalls an die Tafel setzen. Kaum aber hatte sie sich niedergesetzt, so trat wiederum ein altes, hässliches Weib ein, mit Augen, so groß, wie ein Paar Teller, und so rot und fließend, dass es ganz abscheulich aussah. Die Braut stand wieder auf und grüßte sie und sagte: „Guten Tag, Muhme!“ Und der Prinz bat auch sie, sich an die Tafel zu setzen, aber er dachte bei sich selbst: „Gott steh mir bei wegen all der Muhmen, die meine Braut hat!“

Als sie ein wenig gesessen hatten, konnte der Prinz sich nicht enthalten, zu sagen: „Wie in aller Welt kann doch meine Braut, die so schön ist, so hässliche und missgestaltne Muhmen haben!“ „Das will ich Dir sagen,“ versetzte die eine, „Ich war eben so schön, wie Deine Braut, da ich in ihrem Alter war; aber dass ich eine so lange Nase habe, kommt daher, weil ich so viel gesessen und gesponnen und dabei den Kopf beständig gerüttelt und geschüttelt habe; davon hat sich die Nase ausgedehnt und ist so lang geworden, wie Du sie jetzt siehst!“ „Und ich,“ sagte die zweite, „ich habe von meiner Jugend an auf dem Webstuhl gesessen und immer hin und her gehuppelt; davon ist mein Allerwertester so groß geworden und so angeschwollen, wie Du ihn jetzt siehst.“ Darauf sagte die dritte: „Ich habe, seit ich ganz klein war, immer da gesessen und auf das Nähzeug gestiert; davon sind meine Augen so hässlich und rot geworden.“

„Na, so!“ sagte der Prinz, „das war gut, dass ich das zu wissen bekam, wie die Leute von dergleichen so hässlich werden können; so soll denn nun meine Braut auch in ihrem Leben nicht wieder spinnen, noch nähen, noch weben!“

*******

Die Erzählstruktur ist natürlich haargenau dieselbe wie vorgestern im Aschenbrödel, aber wo der alleine pfiffig genug war, müssen hier die drei Muhmen eingreifen. Allerdings dafür als coollste Variante der drei Feen, die mir je begegnet sind.

 

Textquelle: Norwegische Volksmärchen, gesammelt von Peter Christen Asbjørnsen und Jørgen Moe. Deutsch von Friederich Bresemann. Mit einem Vorworte von Ludwig Tieck. 2 Bde. Bd.1. Berlin: Simion 1847, S. 80-85.
Bildquelle: Illustration zum Märchen von Carl Larsson

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