23.3 Hähnchen und Hühnchen im Nusswald

Heute still ich meinen Tiere-in-Märchenbedarf mit einer weiteren norwegischen Variante eines Klassikers. Aber lest selbst…

Hähnchen und Hühnchen im Nusswald

Hähnchen und Hühnchen gingen einmal in den Nusswald, um sich Nüsse zu pflücken; da bekam Hühnchen eine Nussschale in den Hals und lag nun da und zappelte und schlug mit den Flügeln. Nun sollte Hähnchen hinlaufen und dem Hühnchen Wasser aus der Quelle holen.

Hähnchen lief auch hin, und als er zur Quelle kam, sagte er: „Quelle, gib mir Wasser, das Wasser geb’ ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nusswald.“ Die Quelle aber antwortete: „Ich geb’ Dir kein Wasser, eh Du mir nicht Laub gibst.“ Da lief Hähnchen zur Linde: „Linde, gib mir Laub, das Laub geb’ ich der Quelle, die Quelle gibt mir Wasser, das Wasser geb’ ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nusswald.“ „Ich geb’ Dir kein Laub, eh Du mir nicht rotes Goldband gibst,“ antwortete die Linde.

Da lief Hähnchen zur Jungfrau Maria: „Jungfrau Maria, gib mir rotes Goldband. Das rote Goldband geb’ ich der Linde, die Linde gibt mir Laub, das Laub geb’ ich der Quelle, die Quelle gibt mir Wasser, das Wasser geb’ ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nusswald.“ „Ich geb’ Dir kein rotes Goldband, eh Du mir nicht Schuhe gibst,“ antwortete die Jungfrau Maria. Da lief Hähnchen zum Schuster: „Schuster, gib mir Schuh’, die Schuh’ geb‘ ich der Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria gibt mir rotes Goldband, das rote Goldband geb’ ich der Linde, die Linde gibt mir Laub, das Laub geb’ ich der Quelle, die Quelle gibt mir Wasser, das Wasser geb’ ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nusswald.“ „Ich geb’ Dir keine Schuh’, eh‘ Du mir nicht Borsten gibst,“ antwortete der Schuster. Da lief Hähnchen zum Eber: „Eber, gib mir Borsten, die Borsten geb’ ich dem Schuster, der Schuster gibt mir Schuh’, die Schuh’ geb’ ich der Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria gibt mir rotes Goldband, das rote Goldband geb’ ich der Linde, die Linde gibt mir Laub, das Laub geb’ ich der Quelle, die Quelle gibt mir Wasser, das Wasser geb’ ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nusswald.“ „Ich geb’ Dir keine Borsten, eh Du mir nicht Korn gibst,“ antwortete der Eber.

Da lief Hähnchen zum Drescher: „Drescher, gib’ mir Korn, das Korn geb’ ich dem Eber, der Eber gibt mir Borsten, die Borsten geb’ ich dem Schuster, der Schuster gibt mir Schuh’, die Schuh’ geb’ ich der Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria gibt mir rotes Goldband, das rote Goldband geb’ ich der Linde, die Linde gibt mir Laub, das Laub geb’ ich der Quelle, die Quelle gibt mir Wasser, das Wasser geb’ ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nusswald.“ „Ich geb’ Dir kein Korn, eh Du mir nicht Brot gibst,“ antwortete der Drescher. Da lief Hähnchen zur Backfrau: „Backfrau, gib mir Brot, das Brot geb’ ich dem Drescher, der Drescher gibt mir Korn, das Korn geb’ ich dem Eber, der Eber gibt mir Borsten, die Borsten geb’ ich dem Schuster, der Schuster gibt mir Schuh’, die Schuh’ geb’ ich der Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria gibt mir rotes Goldband, das rote Goldband geb’ ich der Linde, die Linde gibt mir Laub, das Laub geb’ ich der Quelle, die Quelle gibt mir Wasser, das Wasser geb’ ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nusswald.“ „Ich geb’ Dir kein Brot, eh Du mir nicht Holz gibst,“ antwortete die Backfrau.

Da lief Hähnchen zum Holzhauer: „Holzhauer, gib mir Holz, das Holz geb’ ich der Backfrau, die Backfrau gibt mir Brot, das Brot geb’ ich dem Drescher, der Drescher gibt mir Korn, das Korn geb’ ich dem Eber, der Eber gibt mir Borsten, die Borsten geb’ ich dem Schuster, der Schuster gibt mir Schuh’, die Schuh’ geb‘ ich der Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria gibt mir rotes Goldband, das rote Goldband geb’ ich der Linde, die Linde gibt mir Laub, das Laub geb’ ich der Quelle, die Quelle gibt mir Wasser, das Wasser geb’ ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nusswald.“ „Ich geb’ Dir kein Holz, eh Du mir nicht eine Axt gibst,“ antwortete der Holzhauer. Da lief Hähnchen zum Schmied: „Schmied, gib mir ’ne Axt, die Axt geb’ ich dem Holzhauer, der Holzhauer gibt mir Holz, das Holz geb’ ich der Backfrau, die Backfrau gibt mir Brot, das Brot geb’ ich dem Drescher, der Drescher gibt mir Korn, das Korn geb’ ich dem Eber, der Eber gibt mir Borsten, die Borsten geb’ ich dem Schuster, der Schuster gibt mir Schuh’, die Schuh’ geb’‘ ich der Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria gibt mir rotes Goldband, das rote Goldband geb’ ich der Linde, die Linde gibt mir Laub, das Laub geb’ ich der Quelle, die Quelle gibt mir Wasser, das Wasser geb’ ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nusswald.“ „Ich geb’ Dir keine Axt, eh Du mir nicht Kohlen gibst,“ antwortete der Schmied.

Da lief Hähnchen zum Köhler: „Köhler, gib mir Kohlen, die Kohlen geb’ ich dem Schmied, der Schmied gibt mir ’ne Axt, die Axt geb’ ich dem Holzhauer, der Holzhauer gibt mir Holz, das Holz geb’ ich der Backfrau, die Backfrau gibt mir Brot, das Brot geb’ ich dem Drescher, der Drescher gibt mir Korn, das Korn geb’ ich dem Eber, der Eber gibt mir Borsten, die Borsten geb’ ich dem Schuster, der Schuster gibt mir Schuh’, die Schuh’ geb ich der Jungfrau Maria, die Jungfrau Maria gibt mir rotes Goldband, das rote Goldband geb’ ich der Linde, die Linde gibt mir Laub, das Laub geb’ ich der Quelle, die Quelle gibt mir Wasser, das Wasser geb’ ich Hühnchen, meinem Schatz, das liegt auf den Tod im Nusswald.“ Da jammerte den Köhler das Hähnchen, und er gab ihm Kohlen.

Nun bekam der Schmied Kohlen, und der Holzhauer eine Axt, und die Backfrau Holz, und der Drescher Brot, und der Eber Korn, und der Schuster Borsten, und die Jungfrau Maria Schuh’, und die Linde rotes Goldband, und die Quelle Laub, und Hähnchen Wasser, und das gab er Hühnchen, seinem Schatz, das auf den Tod im Nusswald lag; da ward Hühnchen wieder gesund.

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Wir stellen also fest: Hühnchen und Hähnchen immer und überall arm dran. Und lernen, dass man besser keine Nüsse essen geht, ohne etwas zu Trinken greifbar zu haben. Es muss einen ja nicht gleich vor der Katastrophe retten, aber naja. Mich hätte die Lektion schon des öfteren vor peinlichen Hust-und-Sprust-Attacken in Familienrunde bewahrt. ;D

 

Textquelle: Norwegische Volksmärchen, gesammelt von Peter Christen Asbjørnsen und Jørgen Moe. Deutsch von Friederich Bresemann. Mit einem Vorworte von Ludwig Tieck. 2 Bde. Bd.1. Berlin: Simion 1847, S. 113-117.
Bildquelle: Illustration von Carl Larsson

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