23.2 Von Aschenbrödel, welcher die silbernen Enten, die Bettdecke und die goldne Harfe des Trollen stahl

Ihr erinnert euch an unsere Märchenweltreise mit Aschenputtel inklusive der Entdeckung, dass es bei den Ungarn und bei den Siebenbürger Sachsen einen männlichen Aschenbrödel hat? Nicht nur dort.

Auch in den norwegischen Märchen ist der Aschenbrödel ein Bauernjunge, um den es allerlei wunderschöne Märchen gibt. Aber lest selbst…

Von Aschenbrödel, welcher die silbernen Enten, die Bettdecke und die goldne Harfe des Trollen stahl

Es war einmal ein armer Mann, der hatte drei Söhne. Als er starb, wollten die beiden ältesten in die Welt reisen, um ihr Glück zu versuchen; aber den jüngsten wollten sie gar nicht mit haben. „Du da,“ sagten sie, „taugst zu nichts anderm, als in der Asche zu wühlen, Du!“ „So muss ich denn allein gehen,“ sagte Aschenbrödel.

Die beiden gingen und kamen zu einem Königsschloss; da erhielten sie Dienste, der eine beim Stallmeister, und der andre beim Gärtner. Aschenbrödel ging auch fort und nahm einen großen Backtrog mit, das war das Einzige, was die Ältern hinterlassen hatten, wonach aber die andern beiden nichts fragten; der Trog war zwar schwer zu tragen, aber Aschenbrödel wollte ihn doch nicht stehen lassen.

Als er eine Zeitlang gewandert war, kam er ebenfalls zu dem Königsschloss, und dort bat er um einen Dienst. Sie antworteten ihm aber, dass sie ihn nicht brauchen könnten; da er indes so flehentlich bat, sollte er zuletzt die Erlaubnis haben, in der Küche zu sein und der Köchin Holz und Wasser zuzutragen. Er war fleißig und flink, und es dauerte nicht lange, so hielten alle viel von ihm; aber die beiden Andern waren faul, und darum bekamen sie oft Schläge und wenig Lohn und wurden nun neidisch auf Aschenbrödel, da sie sahen, dass es ihm besser ging.

Dem Königsschloss grade gegenüber, an der andern Seite eines Wassers, wohnte ein Troll, der hatte sieben silberne Enten, die auf dem Wasser schwammen, so dass man sie von dem Schloss aus sehen konnte; die hatte sich der König oft gewünscht, und deshalb sagten die zwei Brüder zu dem Stallmeister: „Wenn unser Bruder wollte, so hat er sich gerühmt, dem König die sieben silbernen Enten verschaffen zu können.“ Man kann sich wohl denken, es dauerte nicht lange, so sagte der Stallmeister es dem König. Dieser sagte darauf zu Aschenbrödel: „Deine Brüder sagen, Du könntest mir die silbernen Enten verschaffen, und nun verlange ich es von Dir.“ „Das habe ich weder gedacht, noch gesagt,“ antwortete der Bursch. „Du hast es gesagt,“ sprach der König, „und darum sollst Du sie mir schaffen.“ „Je nun,“ sagte der Bursch, „wenn’s denn nicht anders sein kann, so gieb mir nur eine Metze Rocken und eine Metze Weizen; dann will ich’s versuchen.“

Das bekam er denn auch und schüttete es in den Backtrog, den er von Hause mitgenommen hatte, und damit ruderte er über das Wasser. Als er auf die andre Seite gekommen war, ging er am Ufer auf und ab und streute und streute, und endlich gelang es ihm, die Enten in den Trog zu locken und nun ruderte er, all was er nur konnte, wieder zurück. Als er auf die Mitte des Wassers gekommen war, kam der Troll an und ward ihn gewahr. „Bist Du mit meinen sieben silbernen Enten auf und davon, Du?“ fragte er. „Ja-a!“ sagte der Bursch. „Kommst Du noch öfter, Du?“ fragte der Troll. „Kann wohl sein,“ sagte der Bursch.

Als nun Aschenbrödel mit den sieben silbernen Enten zurück zu dem König kam, wurde er noch beliebter im Schloss, und der König selbst sagte, es wäre gut gemacht. Aber darüber wurden seine Brüder noch aufgebrachter und noch neidischer auf ihn und verfielen nun darauf, zum Stallmeister zu sagen, jetzt hätte ihr Bruder sich auch gerühmt, dem König die Bettdecke des Trollen mit den silbernen und goldnen Rauten verschaffen zu können, wenn er bloß wolle; und der Stallmeister war auch diesmal nicht faul, es dem König zu berichten. Der König sagte darauf zu dem Burschen, dass seine Brüder gesagt hätten, er habe sich gerühmt, ihm die Bettdecke des Trollen mit den silbernen und goldnen Rauten verschaffen zu können, und nun solle er es auch, oder sonst solle er das Leben verlieren. Aschenbrödel antwortete, das hätte er weder gedacht, noch gesagt; da es aber nichts half, bat er um drei Tage Bedenkzeit.

Als die nun um waren, ruderte Aschenbrödel wieder hinüber in dem Backtrog und ging am Ufer auf und ab und lauerte. Endlich sah er, dass sie im Berge die Bettdecke heraushängten, um sie auszulüften; und als sie wieder in den Berg zurückgegangen waren, schnappte Aschenbrödel die Decke und ruderte damit zurück, so schnell er nur konnte. Als er auf die Mitte gekommen war, kam der Troll an und ward ihn gewahr. „Bist Du es, der mir meine sieben silbernen Enten genommen hat?“ rief der Troll. „Ja-a!“ sagte der Bursch. „Hast Du nun auch meine silberne Bettdecke mit den silbernen und goldnen Rauten genommen?“ „Ja-a!“ sagte der Bursch. „Kommst Du noch öfter, Du?“ „Kann wohl sein,“ sagte der Bursch.

Als er nun zurückkam mit der goldnen und silbernen Decke, hielten alle noch mehr von ihm, denn zuvor, und er ward Bedienter beim König selbst. Darüber wurden die andern beiden noch mehr erbittert, und um sich zu rächen, sagten sie zum Stallmeister: „Nun hat unser Bruder sich auch gerühmt, dem König die goldne Harfe verschaffen zu können, die der Troll hat, und die von der Beschaffenheit ist, dass jeder, wenn er auch noch so traurig ist, froh wird, wenn er darauf spielen hört.“ Ja, der Stallmeister, der erzählte es gleich wieder dem König, und dieser sagte zu dem Burschen: „Hast Du es gesagt, so sollst Du es auch. Kannst Du es, so sollst Du die Prinzessinn und das halbe Reich haben; kannst Du es aber nicht, so sollst Du das Leben verlieren.“ „Ich habe es weder gedacht, noch gesagt,“ antwortete der Bursch, „aber es ist wohl kein andrer Rat, ich muss es nur versuchen; doch sechs Tage will ich Bedenkzeit haben.“

Ja, die sollte er haben; aber als sie um waren, musste er sich aufmachen. Er nahm nun einen Lattenspiker, einen Birkenpflock und einen Lichtstumpf in der Tasche mit, ruderte wieder über das Wasser und ging dort am Ufer auf und ab und lauerte. Als der Troll herauskam, und ihn gewahr ward, fragte er: „Bist Du es, der mir meine sieben silbernen Enten genommen hat?“ „Ja-a!“ antwortete der Bursch. „Du bist es, der mir auch meine Decke mit den goldnen und silbernen Rauten genommen hat?“ fragte der Troll. „Ja-a!“ sagte der Bursch. Da ergriff ihn der Troll und nahm ihn mit sich in den Berg. „Nun, meine Tochter,“ sagte er, „nun hab’ ich ihn, der mir meine silbernen Enten und meine Bettdecke mit den silbernen und goldnen Rauten gestohlen hat; setz’ ihn jetzt in den Maststall, dann wollen wir ihn schlachten und unsre Freunde einladen.“

Dazu war die Tochter sogleich bereit, und sie setzte ihn in den Maststall, und da blieb er nun acht Tage lang und bekam das beste Essen und Trinken, das er sich wünschen konnte, und so viel er nur wollte. „Geh nun hin,“ sagte der Troll zu seiner Tochter, als die acht Tage um waren, „und schneide ihn in den kleinen Finger, dann werden wir sehen, ob er schon fett ist.“ Die Tochter ging sogleich hin. „Halt mal Deinen kleinen Finger her!“ sagte sie; aber Aschenbrödel steckte den Lattenspiker heraus, und in den schnitt sie. „Ach nein, er ist noch hart wie Eisen,“ sagte die Trolltochter, als sie wieder zu ihrem Vater kam, „noch können wir ihn nicht schlachten.“

Nach acht Tagen ging es wieder eben so, nur dass Aschenbrödel jetzt den Birkenpflock heraussteckte. „Ein wenig besser ist er,“ sagte die Tochter, als sie wieder zu dem Trollen kam, „aber noch war er hart zu kauen, wie Holz.“ Acht Tage darnach sagte der Troll wieder, die Tochter solle hingehen und zusehen, ob er jetzt nicht fett genug wäre. „Halt mal Deinen kleinen Finger her!“ sagte die Tochter, als sie zum Maststall gekommen war. Nun hielt Aschenbrödel den Lichtstumpf hin. „Jetzt geht’s an,“ sagte sie. „Haha!“ sagte der Troll, „so reise ich fort, um Gäste zu uns bitten; mittlerweile sollst Du ihn schlachten und die eine Hälfte braten und die andre Hälfte kochen.“

Als der Troll nun abgereist war, fing die Tochter an, ein großes langes Messer zu schleifen. „Sollst Du mich damit schlachten?“ fragte der Bursch. „Ja, Du,“ sagte die Trolltochter. „Aber es ist nicht scharf,“ sagte der Bursch, „lass mich es Dir nur schleifen, damit Du mich desto leichter ums Leben bringen kannst.“ Sie gab ihm nun das Messer, und er fing an zu schleifen und zu wetzen. „Lass es mich jetzt an Deiner Haarflechte probieren,“ sagte der Bursch, „ich glaube, es wird nun gut sein.“ Das erlaubte sie ihm denn auch; aber sowie Aschenbrödel die Haarflechte ergriff, bog er ihr den Kopf zurück und schnitt ihr den Kopf ab – und kochte dann die eine Hälfte und bratete die andere und trug es auf den Tisch. Darauf zog er die Kleider der Trolldirne an und setzte sich in die Ecke hin.

Als der Troll mit den Gästen nach Hause kam, bat er die Tochter – denn er glaubte, dass sie es wäre – sie möchte doch auch kommen und mitessen. „Nein,“ antwortete der Bursch, „ich will kein Essen haben, ich bin so betrübt.“ „Du weißt ja Rat dafür,“ sagte der Troll, „nimm die goldne Harfe und spiele darauf.“ „Ja, wo ist die nun?“ fragte der Bursch. „Du weißt es ja wohl, Du hast sie ja zuletzt gebraucht; dort hangt sie ja über der Tür,“ sagte der Troll. Der Bursche ließ sich das nicht zweimal sagen; er nahm die Harfe und ging damit aus und ein und spielte; aber wie er so im besten Spielen war, schob er plötzlich den Backtrog hinaus ins Wasser und ruderte damit fort, dass es nur so sauste. Nach einer Weile däuchte es dem Trollen, die Tochter bliebe gar zu lange draußen, und er ging hin, sich nach ihr umzusehen; da sah er aber den Burschen in dem Trog weit weg auf dem Wasser. „Bist Du es, der mir meine sieben silbernen Enten genommen hat?“ rief der Troll. „Ja!“ sagte der Bursch. „Du bist es, der mir auch meine Decke mit den silbernen und goldnen Rauten genommen hat?“ „Ja!“ sagte der Bursch. „Hast Du mir nun auch meine goldne Harfe genommen, Du?“ schrie der Troll. „»Ja, das hab’ ich,“ sagte der Bursch. „Hab’ ich Dich denn nicht gleichwohl verzehrt?“ „Nein, das war Deine Tochter, die Du verzehrtest,“ antwortete der Bursch. Als der Troll das hörte, ward er so arg, dass er barst.

Da ruderte Aschenbrödel zurück und nahm einen ganzen Haufen Gold und Silber mit, so viel der Trog nur tragen konnte, und als er nun damit zurückkehrte, und auch die goldne Harfe mitbrachte, bekam er die Prinzessinn und das halbe Reich, so wie der König es ihm versprochen hatte. Seinen Brüdern aber tat er immer wohl; denn er glaubte, sie hätten nur sein Bestes gewollt mit dem, was sie gesagt hatten.

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Hach nee, die können es wirklich mit den Märchen. Und dieses hier – noch mit Troll statt Teufel und dem Hänsel und Gretel-Motiv. Total reizend. Und mal ehrlich? Wieviel Spaß muss es machen, dieses Märchen vorzulesen oder zu erzählen? Ich habe während des Lesens und Tippens vor allem die Dialoge zwischen Aschenbrödel und König beziehungsweise Troll schon mit verschiedenen Stimmen in meinem Kopf gehört.

Oh, und da ich zu diesem Märchen keine Illustration gefunden habe, ihr eine zu einem anderen Aschenbrödel-Märchen:

 

Textquelle: Textquelle: Norwegische Volksmärchen, gesammelt von Peter Christen Asbjørnsen und Jørgen Moe. Deutsch von Friederich Bresemann. Mit einem Vorworte von Ludwig Tieck. 2 Bde. Bd.1. Berlin: Simion 1847, S. 1-7.
Bildquelle: Illustration von Carl Larsson zu einem anderen Aschenbrödel-Märchen im norwegischen Original

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