23.1 Der Vogel Dam – oder: Wunderschöne Märchen aus Norwegen

Auf der Suche nach schönen Märchenmotive für den inzwischen freilich nicht mehr ganz so neuen Header für den Märchensammler bin ich auf eine Reihe wunderschöner Illustrationen von Carl Larsson zu norwegischen Märchen gestoßen. Und bin dadurch neugierig geworden auf die dazugehörigen Märchen und wurde nicht enttäuscht. Wunderschöne, detailverliebte Märchen. Auf nach Norwegen, heißt es also diese Woche!

Standesgemäß fangen wir mit dem Märchen an, dessen eine Illustration ich in den Header gebastelt habe. Aber lest selbst…

Der Vogel Dam

Es war einmal ein König, der hatte zwölf Töchter, und von denen hielt er so viel, dass er sie nie aus den Augen ließ; aber jeden Mittag, wenn der König schlief, gingen die Prinzessinnen spazieren. Einstmals, da der König wieder seinen Mittagsschlummer hielt, und die Prinzessinnen, wie gewöhnlich, spazieren gegangen waren, geschah es, dass sie nicht zurückkehrten, sondern ausblieben. Da entstand große Sorge und Betrübnis im ganzen Land; aber am betrübtesten von Allen war der König. Er sandte Boten aus durch sein ganzes Reich und in viele fremde Länder und ließ sie nachsuchen und ihnen nachläuten mit allen Glocken über das ganze Land; aber die Prinzessinnen waren fort und blieben fort, so dass Niemand wusste, wo sie gestoben oder geflogen waren.

Da könnte man denn wohl begreifen, dass sie von irgendeinem Trollen entführt sein mussten. Das Gerücht hiervon verbreitete sich bald von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, und endlich gelangte es auch zu einem König, der in einem Lande weit, weit weg wohnte und zwölf Söhne hatte. Als die Söhne von den zwölf Königstöchtern erzählen hörten, baten sie ihren Vater um Erlaubnis, reisen zu dürfen, um die Prinzessinnen aufzusuchen. Der alte König aber wollte anfangs nichts davon wissen; denn er fürchtete, dass er dann die Söhne niemals wiedersehen möchte; aber die Prinzen fielen ihm zu Füßen und baten ihn so lange, bis er endlich nachgab und sie reisen ließ.

Er rüstete nun ein Schiff für sie aus und setzte zum Steuermann über dasselbe den Ritter Röd, der zu Wasser wohl erfahren war. Lange Zeit segelten sie nun umher und forschten in allen Ländern, wohin sie kamen, nach den Prinzessinnen; aber sie entdeckten keine Spur von ihnen. Es fehlten jetzt nur noch wenige Tage, so hatten sie schon sieben Jahre gesegelt. Da entstand eines Tages ein heftiger Sturm und ein solches Unwetter, dass sie glaubten, sie würden nimmer wieder ans Land kommen, und alle mussten in einem fort arbeiten, so dass kein Schlaf in ihre Augen kam, so lange das böse Wetter anhielt. Aber am dritten Tage legte sich der Sturm, und es ward auf einmal ganz still. Alle waren nun von der Arbeit und dem schlimmen Wetter so müde geworden, dass sie sogleich einschliefen; nur der jüngste Prinz hatte keine Ruhe und konnte nicht schlafen.

Während er nun auf dem Verdeck hin- und herging, trieb das Schiff an eine Insel, und auf der Insel lief ein Hündchen am Ufer und bellte und winselte gegen das Schiff an, als ob es hinauf wolle. Der Königssohn pfiff und lockte das Hündchen an sich; aber es konnte nicht zu ihm kommen und bellte und winselte nur umso mehr. Dem Prinzen schien, es wäre Sünde, das Hündchen dort umkommen zu lassen, das, wie er glaubte, von einem Schiff sei, welches in dem Sturm untergegangen wäre. Aber er wusste nicht, wie er ihm helfen sollte, da er sich nicht im Stande glaubte, das Boot allein auszusetzen; denn alle die andern schliefen, und er wollte sie nicht gern wegen des Hundes aufwecken. Aber das Wetter war so klar und so still; da dachte er denn, du musst es doch versuchen, ob du das Tierchen nicht retten kannst, und er machte sich daran, das Boot auszusetzen, und es ging damit leichter, als er geglaubt hatte.

Er ruderte nun ans Land und ging auf das Hündchen zu; aber so oft er es greifen wollte, sprang es zur Seite und lockte so den Prinzen immer weiter fort, bis dieser, eh er es gewahr ward, sich in einem großen, prächtigen Schlosse befand. Da verwandelte sich das Hündchen plötzlich in eine schöne Prinzessin. Auf der Bank aber saß ein Mann, so groß und so hässlich, dass der Prinz darüber erschrak. „Du brauchst nicht bange zu sein,“ sagte der Mann, aber der Prinz erschrak noch mehr, als er seine Stimme hörte. „Ich weiß wohl, was Du willst: Es sind Eurer zwölf Prinzen, die suchen die zwölf verloren gegangenen Prinzessinnen. Ich weiß aber wohl, wo sie sind: sie sind bei meinem Herrn; da sitzen sie jede auf ihrem Stuhl und lausen ihn, denn er hat zwölf Köpfe. Nun seid Ihr sieben Jahre lang umhergesegelt, aber Ihr werdet noch sieben Jahre dazu segeln müssen, eh Ihr sie findet. Was Dich betrifft, so könntest Du gern hier bleiben, und meine Tochter bekommen; aber Du musst erst meinen Herrn töten, denn er ist sehr strenge gegen uns, so dass wir seiner längst überdrüssig sind; und wenn er tot ist, werde ich König an seiner Stelle. Versuche aber nun, ob Du dieses Schwert zu schwingen vermagst,“ sagte der Troll.

Der Königssohn wollte ein rostiges Schwert ergreifen, das an der Wand hing, aber er konnte es nicht vom Fleck rühren. „So musst Du Dir einen Schluck aus dieser Flasche nehmen,“ sagte der Troll. Als der Prinz das getan hatte, konnte er das Schwert von der Wand nehmen, und als er noch einen Schluck genommen hatte, konnte er es aufheben; und als er endlich noch einen Schluck genommen hatte, konnte er es mit solcher Leichtigkeit schwingen, als wär es sein eignes gewesen. „Wenn Du nun wieder an Bord kommst,“ sagte der Trollprinz, „so musst Du das Schwert in Deiner Koje verstecken, damit der Ritter Röd es nicht zu sehen bekommt. Er ist zwar nicht im Stande, es zu schwingen, aber er wird Dich dann hassen und Dir nach dem Leben trachten. Wenn sieben Jahre um sind, bis auf drei Tage,“ sagte er weiter, „dann wird es wieder ebenso gehen, wie jetzt; es kommt dann wieder ein gewaltiges Unwetter mit Sturm und Hagel über Euch, und wenn das vorüber ist, werden alle müde sein und sich in ihre Kojen legen. Du aber musst dann das Schwert nehmen und ans Land rudern. Alsdann gelangst Du zu einem Schloss, wo lauter Wölfe, Bären und Löwen als Schildwachen stehen; aber Du brauchst Dich nicht vor ihnen zu fürchten, denn sie werden Dir alle zu Füßen kriechen. Sobald Du darauf in das Schloss gekommen bist, siehst Du den Räuber in einem prächtig geschmückten Zimmer sitzen; aber zwölf Köpfe hat er, und die Prinzessinnen sitzen jede auf ihrem Stuhl und lausen ihn, und da kannst Du Dir wohl vorstellen, dass ihnen solche Arbeit nicht gefällt. Danach musst Du Dich beeilen und ihm den einen Kopf nach dem andern abhauen, eh er aufwacht; denn geschieht das, so frisst er Dich lebendig auf.“

Der Königssohn ging nun mit dem Schwert wieder an Bord und vergaß nicht, was ihm der Troll gesagt hatte. Die andern lagen noch alle und schliefen; er aber versteckte das Schwert in seine Koje, so dass weder der Ritter Röd, noch sonst jemand von ihnen es bemerkte. Nun fing es wieder an zu wehen; da weckte der Prinz die andern auf und sagte, es könne nicht angehen, dass sie noch länger da lägen und schliefen, da sie jetzt einen so guten Wind bekommen hätten. Niemand von ihnen hatte bemerkt, dass er weg gewesen war.

Die Zeit verstrich allmählich, und der Prinz dachte immer an das Abenteuer, das er bestehen sollte, zweifelte aber an dem glücklichen Ausgang. Als nun die sieben Jahre bis auf drei Tage um waren, geschah es ganz, wie der Trollprinz ihm gesagt hatte. Es entstand ein heftiges Unwetter, das hielt drei Tage lang an, und als das vorüber war, wurden alle von der anstrengenden Arbeit müde und legten sich in ihren Kojen schlafen. Der jüngste Königssohn aber ruderte ans Land, und die Wachen krochen ihm zu Füßen, und so gelangte er ins Schloss. In einem der Zimmer saß der König und schlief, wie ihm der Trollprinz gesagt hatte, und die zwölf Prinzessinnen saßen jede auf ihrem Stuhl und lausten jede ihren Kopf.

Der Königssohn winkte den Prinzessinnen, dass sie sich entfernen sollten; sie zeigten aber auf den Trollen und winkten ihm wieder, er solle schnell fortgehen; der Königssohn aber gab ihnen durch Mienen und Gebärden zu verstehen, dass er sie befreien wolle; endlich merkten sie denn seine Absicht und entfernten sich leise eine nach der andern. Nun sprang der Prinz schnell hinzu und hieb dem Trollkönig die zwölf Köpfe ab, so dass das Blut wie ein großer Bach strömte. Als der Troll getötet war, ruderte der Prinz wieder nach dem Schiff zurück und verbarg das Schwert.

Es schien ihm, dass er jetzt Genug getan hätte, und da er den Leichnam nicht allein aus dem Schloss schaffen konnte, so wollte er dass die andern ihm helfen sollten. Er weckte sie daher auf und sagte, es wäre eine Schande, dass sie da liegen sollten und schlafen, während er die Prinzessinnen gefunden und sie von dem Trollen befreit hätte. Da lachten die andern über ihn und sagten, er hätte wohl ebenso gut geschlafen, als sie alle, und es hätte ihm bloß geträumt, dass er ein solcher Held wäre. Denn wenn irgendjemand die Prinzessinnen sollte befreit haben, so wäre es doch weit wahrscheinlicher, dass einer von ihnen es getan hätte als er. Aber der Königssohn erzählte ihnen, wie sich Alles zugetragen hatte, und als sie ans Land fuhren und zuerst den Blutbach erblickten und danach das Schloss und den Trollen und die zwölf Köpfe und die Prinzessinnen, da sahen sie wohl, dass er die Wahrheit geredet, und halfen ihm nun die Köpfe und den ganzen Rumpf in die See werfen.

Alle waren nun fröhlich und guter Dinge; aber keiner war froher, als die Prinzessinnen, die nun nicht mehr nötig hatten, den ganzen Tag über da zu sitzen und den Trollen zu lausen. Von all dem Gold und Silber und dem kostbaren Gerät, das sich im Schlosse vorfand, nahmen sie so viel mit, als das Schiff nur tragen konnte. Darauf gingen alle an Bord, die Prinzen mit samt den Prinzessinnen.

Als sie aber eine Strecke weit in die See hinausgekommen waren, sagten die Prinzessinnen, dass sie in der Freude ihre goldnen Kronen vergessen hätten, die in einem Schrank auf dem Schlosse lägen, und die wollten sie doch gern mithaben. Da nun keiner von den Übrigen sie holen wollte, sagte der jüngste Königssohn: „Hab’ ich schon so viel gewagt, so kann ich auch wohl die goldnen Kronen holen, wenn Ihr nur die Segel herablassen und so lange warten wollt, bis ich wiederkomme.“ Ja, das wollten sie, sie wollten die Segel herablassen und so lange warten, bis er wiederkäme. Als aber der Prinz so weit von dem Schiff ab war, dass sie ihn nicht mehr sehen konnten, sagte der Ritter Röd, der gern selber der Vornehmste sein und die jüngste Prinzessinn haben wollte, es könne nichts nützen, dass sie da still lägen und auf ihn warteten; denn das könnten sie sich wohl denken, dass er doch nicht zurückkehren würde; sie wüßten überdies, sagte er, dass der König ihm (dem Ritter Röd) die Vollmacht gegeben hätte, zu segeln wann und wohin er wolle, und nun sollten sie sagen, er sei es, der die Prinzessinnen befreit hätte, und wenn jemand anders sagte, dann solle er das Leben verlieren. Die Prinzen wagten nicht, anders zu tun, als der Ritter Röd ihnen befohlen hatte, und sie segelten nun weiter.

Mittlerweile ruderte der jüngste Königssohn ans Land und ging auf das Schloss, wo er auch sogleich den Schrank mit den goldnen Kronen fand; und er mühte sich so lange ab, bis es ihm gelang, denselben ins Boot zu schaffen. Als er nun aber in die See hinausgekommen war, konnte er nirgends das Schiff erblicken. Er sah sich um nach allen Seiten; aber von dem Schiff war keine Spur zu sehen; da merkte er denn wohl, wie es zugegangen war. Ihnen nachzurudern konnte nichts helfen, und er musste daher umkehren und ans Land zurückrudern. Er fürchtete sich zwar, die Nacht allein im Schlosse zuzubringen, aber es war nun einmal kein andrer Rat. Er fasste daher Mut, verschloss alle Türen und Pforten und legte sich in einem Zimmer, wo ein aufgemachtes Bett stand, schlafen.

Aber angst und bange war er, und er ward es noch mehr, als es nach einer Weile anfing, oben im Dach und in den Wänden zu knacken und zu krachen, als ob das ganze Schloss bersten wollte. Auf einmal raschelte es neben sein Bett nieder wie ein ganzes Fuder Heu. Bald darauf aber hörte er eine Stimme, die rief ihm zu, er solle sich nicht fürchten.

„Der Vogel Dam ist hier,
Wo Du nicht kannst, da hilft er Dir,“

sprach die Stimme, und dann sagte sie: „Wenn Du morgen aufwachst, musst Du sogleich aufs Stabur* gehen und vier Tonnen Rocken für mich zum Frühstück holen; die muss ich erst zu Leibe haben, denn sonst kann ich nichts für Dich tun.“

Als der Prinz am andern Morgen aufwachte, erblickte er neben seinem Bett einen entsetzlich großen Vogel, der hatte eine Feder im Nacken, die war so groß wie eine halb ausgewachsene Tanne. Der Königssohn ging nun aufs Stabur und holte vier Tonnen Rocken für den Vogel Dam. Als dieser sein Frühstück zu Leibe hatte, sagte er zu dem Königssohn, er solle ihm nun den Schrank mit den goldnen Kronen an der einen Seite um den Hals hängen und so viel Gold und Silber nehmen, dass es den Schrank aufwöge, und es ihm an der andern Seite um den Hals hängen, und dann solle er sich ihm auf den Rücken setzen und sich nur gut an der Nackenfeder fest halten. Als der Prinz das getan hatte, ging es in einem Sausen fort durch die Luft, und es dauerte nicht lange, so waren sie über dem Schiff.

Der Königssohn wollte gern an Bord, um das Schwert zu holen, das, wie der Troll ihm gesagt hatte, die andern nicht sehen dürften; aber der Vogel Dam sagte zu ihm, das könne nicht angehen. „Der Ritter Röd wird es nicht zu sehen bekommen,“ sagte er, „kommst Du aber an Bord, so trachtet er Dir nach dem Leben, denn er will gern die jüngste Prinzessinn haben; aber für die kannst Du ganz ruhig sein, denn sie legt jede Nacht ein bloßes Schwert vor sich ins Bett.“

Endlich und zuletzt kamen sie bei dem Trollprinzen an, und da wurde nun der Königssohn so wohl aufgenommen, dass es gar nicht zu sagen ist. Der Trollprinz wusste nicht, was er ihm all für Gutes erzeigen sollte, weil er seinen Herrn getötet und ihn zum König gemacht hatte. Er hätte dem Königssohn gern seine Tochter und das halbe Reich dazu gegeben; aber der war nun einmal so in die jüngste von den Prinzessinnen verliebt, dass er nur an sie dachte und durchaus wieder fort wollte. Aber der Troll bat ihn, sich noch eine Zeitlang zu gedulden und sagte, dass die andern beinahe noch sieben Jahre zu segeln hätten, ehe sie wieder nach Hause kämen. Von der Prinzessinn sagte der Troll dasselbe, was der Vogel Dam gesagt hatte: „Für die,“ sagte er, „kannst Du ganz ruhig sein; denn sie legt immer ein bloßes Schwert vor sich ins Bett. Und wenn Du mir nicht glauben willst, so kannst Du an Bord gehen, wenn sie hier vorüber segeln, und Dich selbst davon überzeugen und mir dann zugleich das Schwert wiederbringen; denn wiederhaben muss ich es durchaus.“

Als nun nach sieben Jahren die andern dort vorübersegelten, war es vorher wieder ein heftiges Unwetter gewesen; und wie der Königssohn an Bord kam, schliefen sie allesamt, und jede der Prinzessinnen schlief bei ihrem Prinzen, nur die jüngste Prinzessinn schlief allein mit einem bloßen Schwert vor sich im Bette, und auf dem Boden vor dem Bette schlief der Ritter Röd. Der Königssohn nahm nun das Schwert und ruderte wieder ans Land, ohne dass jemand es bemerkt hatte, dass er an Bord gewesen war.

Der Prinz war indes beständig unruhig und wollte immer wieder fort; und als endlich die sieben Jahre zu Ende gingen und nur noch drei Wochen fehlten, sagte der Trollkönig zu ihm: „Nun kannst Du Dich zur Reise fertig machen, da Du doch einmal nicht bei uns bleiben willst. Ich will Dir ein eisernes Boot leihen, das geht von selbst auf dem Wasser, wenn Du bloß sagst: ‚Boot, geh vorwärts!‘ Im Boote liegt ein eiserner Kloben, und den Kloben sollst Du ein wenig in die Höhe heben, wenn Du das Schiff grade vor Dir siehst; dann bekommen sie einen solchen Fahrwind, dass sie vergessen, sich nach Dir umzusehen. Wenn Du dann neben das Schiff kommst, sollst Du den Kloben noch einmal aufheben; alsdann wird es ein solcher Sturm, dass sie wohl etwas anders zu tun bekommen, als nach Dir auszugucken. Und wenn Du ihnen nun vorbei gekommen bist, sollst Du den Kloben zum dritten Mal in die Höhe heben; aber Du musst ihn immer wieder vorsichtig niederlegen, denn sonst wird es ein solches Wetter, dass sowohl Du, als die andern darin umkommen. Sobald Du nachher ans Land gekommen bist, brauchst Du Dich nicht weiter um das Boot zu bekümmern, sondern schieb es dann nur umgewendet in die See und sprich: ‚Boot, geh wieder nach Hause!‘“

Als der Prinz nun abreiste, bekam er so viel Gold und Silber und andre Kostbarkeiten und Kleider und Leinenzeug mit, das die Prinzessinn während der langen Zeit, die er auf der Insel zugebracht, für ihn genäht hatte, so dass er viel reicher war, als irgend einer von seinen Brüdern. Kaum hatte er sich nun ins Boot gesetzt und gesagt: „Boot, geh vorwärts!“ so fuhr das Boot los. Und als er das Schiff grade vor sich erblickte, hob er den Kloben ein wenig in die Höhe; da bekamen sie einen solchen Fahrwind, dass sie vergaßen, sich nach ihm umzusehen. Als er darauf neben das Schiff kam, hob er den Kloben noch einmal in die Höhe, und da ward es ein solcher Sturm und ein solches Wetter, dass der weiße Schaum rund um das Schiff stand, und die Wellen über das Verdeck hinschlugen, so dass sie etwas anders zu tun bekamen, als nach ihm auszugucken. Und als er ihnen nun vorbeigekommen war, hob er den Kloben zum dritten Mal auf, und da bekamen sie so reichlich zu tun, dass sie gar keine Zeit hatten, sich nach ihm umzusehen. Er kam weit, weit früher ans Land, als das Schiff; und als er all seine Sachen aus dem Boot geschafft hatte, kehrte er es um, schob es hinaus in die See und sprach: „Boot, geh wieder nach Hause!“ und da fuhr das Boot wieder fort.

Der Königssohn kleidete sich nun als ein Seemann aus – ob der Trollkönig ihm das geraten hatte, oder ob es seine eigne Erfindung war, das muss ich ungesagt lassen – und begab sich nach einer armseligen Hütte zu einer alten Frau. Zu der sagte er, er wäre ein armer Matrose, der auf einem Schiff gewesen, das untergegangen sei, und er wäre der einzige von der ganzen Mannschaft, der sich gerettet hätte, und dann bat er sie, ihn nebst den Sachen, die er geborgen, bei sich beherbergen zu wollen. „Ach, Gott helf mir!“ sagte die Frau, „ich kann niemandem Herberge geben. Ihr seht wohl, wie es hier beschaffen ist; ich habe nicht einmal Betten, worauf ich selbst liegen kann, viel weniger noch für andre.“ Ja, das wäre einerlei, sagte der Seemann, wenn er bloß ein Dach über dem Kopf hätte, dann wär’s ihm ganz gleich, wie er läge. Ein Obdach konnte sie ihm denn nicht versagen, wenn er so damit fürlieb nehmen wolle, wie sie’s hätte.

Am Abend brachte der Seemann seine Sachen in die Hütte, und sogleich begann die Alte, die gern etwas Neues zu erzählen haben wollte, zu fragen, was für einer er wäre, wo er wohl her sei, wo er gewesen, und wo er hin wolle, was das für Sachen wären, die er bei sich hätte, in welchem Geschäft er reiste, und ob er nichts von den zwölf Prinzessinnen gehört hätte, die vor vielen lieben Jahren verschwunden wären, und dergleichen mehr, so dass es zu weitläufig sein würde, es alles zu erzählen. Der Seemann sagte aber, er befände sich so schlecht und hätte solche Kopfschmerzen von dem entsetzlichen Wetter, das da regiert hätte, dass er sich auf keine Sache recht besinnen könne; sie möchte ihm nur noch einige Tage Ruhe lassen, bis er sich von der schweren Arbeit, die er während des schlimmen Wetters gehabt, etwas erholt hätte, dann solle sie nachher schon alles erfahren. Den andern Tag begann die Frau aufs neue zu fragen und ihn auszuforschen; aber der Seemann hatte noch solche Kopfschmerzen von dem bösen Wetter, dass er sich auf keine Sache recht besinnen konnte; doch ließ er so von ungefähr ein Wort fallen, als wüsste er wohl etwas von den Prinzessinnen.

Sogleich lief die Alte mit dieser Neuigkeit fort zu all den Klatschweibern rund umher, und nun kam die eine nach der andern gerannt und fragte nach den Prinzessinnen, ob der Seemann sie gesehen hätte, ob sie bald kämen, ob sie schon auf der Reise wären u.s.w. Der Seemann aber hatte immer noch Kopfschmerzen von dem bösen Wetter, so dass er nicht auf alles Bescheid geben konnte. Aber so viel sagte er doch, dass wenn die Prinzessinnen nicht Schiffbruch gelitten hätten in dem heftigen Sturm, sie dann wohl um vierzehn Tage, oder vielleicht noch etwas früher, ankommen würden; er könne aber, fügte er hinzu, nicht mit Gewissheit sagen, ob sie noch am Leben wären; er hätte sie zwar gesehen, sie könnten aber wohl nachher in dem bösen Wetter umgekommen sein.

Sogleich lief eins von den Klatschweibern zu dem Königsschloss und erzählte dort, es wäre in der Hütte bei der und der Frau ein Seemann, der hätte die Prinzessinnen gesehen und hätte gesagt, sie würden wohl um vierzehn Tage, oder vielleicht noch etwas früher, ankommen. Als der König das hörte, schickte er sogleich zu dem Seemann und ließ ihm sagen, dass er zu ihm kommen und ihm die Sache selbst berichten solle. Der Matrose sagte: „Ich habe nicht solche Kleider und sehe nicht so aus, dass ich zu dem König gehen kann.“ Der Bote aber sagte, er solle nur kommen, der König wolle und müsse ihn sprechen, einerlei, er möge nun so, oder so aussehen; denn es wäre noch niemand da gewesen, der Nachrichten von den Prinzessinnen hätte bringen können. Da ging denn der Seemann endlich zu dem Schloss und trat zu dem König ein; der fragte ihn, ob es wahr wäre, dass er die Prinzessinnen gesehen. „Ja, das ist wahr,“ sagte der Seemann, „aber ich weiß nicht, ob sie noch am Leben sind; denn als ich sie sah, war es ein solches Unwetter, dass wir Schiffbruch litten. Wenn sie aber damals nicht untergegangen sind, so mögen sie wohl um vierzehn Tage, oder vielleicht noch etwas früher, kommen.“

Als der König das hörte, war er beinahe außer sich vor Freuden; und als es nun um die Zeit war, dass die Prinzessinnen, wie der Seemann gesagt hatte, kommen sollten, zog der König ihnen in vollem Staat entgegen an den Strand – und groß war die Freude über das ganze Land, als endlich das Schiff mit den Prinzessinnen und den Prinzen und dem Ritter Röd ankam. Die elf ältesten Prinzessinnen waren fröhlich und guter Dinge; aber die jüngste, die den Ritter Röd haben sollte, welcher sagte, dass er es sei, der die Prinzessinnen befreit und den Trollen getötet hätte, war immer traurig und weinte unaufhörlich. Dem König wollte das gar nicht behagen, und er fragte sie daher, warum sie nicht auch so munter und vergnügt wäre, wie die andern Prinzessinnen; sie hätte doch, meinte er, keine Ursache, betrübt zu sein, da sie nun von dem Trollen befreit wäre und einen Mann zum Gemahl haben solle, wie der Ritter Röd sei. Sie durfte aber nichts sagen; denn der Ritter Röd hatte ja gedroht, wenn einer erzählen würde, wie sich alles wirklich zugetragen, dann wolle er ihn ums Leben bringen.

Als nun die Prinzessinnen eines Tages an ihrem Brautputz nähten, trat plötzlich jemand in einer großen Matrosenjacke und mit einem Tabuletkasten** auf dem Rücken zu ihnen ein und fragte, ob sie ihm keine Schmucksachen zu ihrer Hochzeit abkaufen wollten, er hätte, sagte er, außerordentlich seltne und kostbare Dinge von Gold und auch von Silber. – Ja, das könnte wohl möglich sein. Sie sahen die Waren an, und sie sahen ihn an; denn es wollte sie dünken, sie sollten ihn und auch manche von den Sachen kennen, die er hatte. „Der so viel prächtige Schmucksachen hat,“ sagte endlich die jüngste Prinzessinn, „könnte auch wohl etwas haben, das noch prächtiger und für uns noch passender wäre.“ „Das wäre wohl möglich,“ sagte der Krämer. Aber die andern tuschten sie und sagten, sie möchte doch bedenken, womit der Ritter Röd ihnen gedroht hätte.

Einige Zeit danach, als die Prinzessinnen eines Tages vor dem Fenster saßen, kam der Königssohn wieder in seiner großen Matrosenjacke und trug auf dem Rücken den Schrank mit den goldnen Kronen. Als er in den Schlosssaal eingetreten war, machte er den Schrank auf, und da nun die Prinzessinnen jede ihre goldne Krone wieder erkannten, sagte die jüngste: „Mir scheint, es ist billig und recht, dass der, welcher uns befreit hat, den Lohn erhalte, der ihm zukommt, und das ist nicht der Ritter Röd, sondern der, welcher unsre goldnen Kronen brachte – der hat uns befreit.“ Da warf der Königssohn die Matrosenjacke ab und stand nun da weit stattlicher, als alle die andern; und darauf ließ der König den Ritter Röd sogleich ums Leben bringen. Nun war die Freude erst recht groß im Königsschloss; und jeder Prinz nahm seine Prinzessinn und hielt mit ihr Hochzeit, so dass man sich in zwölf Königreichen davon zu erzählen hatte.

* Der Stabur ist die norwegische Vorratskammer, die jedoch ein wie auf Stelzen stehendes Holzhäuschen ist.
** Also eine Art Holzranzen.

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Und, habe ich zuviel versprochen? Nee, oder? Wunderschöne Illustrationen zu einem noch viel schöneren Heldenmärchen. Und hach, der Vogel Dam… Mir ist zwar nicht ganz klar, wieso sich der Prinz als Matrose verkleiden musste (Odysseus lässt aber herzlich grüßen). Spannend dafür, wie sich die Erzählperspektive ändert, der Matrose unerkannt beschrieben wird.

Textquelle: Norwegische Volksmärchen, gesammelt von Peter Christen Asbjørnsen und Jørgen Moe. Deutsch von Friederich Bresemann. Mit einem Vorworte von Ludwig Tieck. 2 Bde. Bd.1. Berlin: Simion 1847, S. 10-26.
Bildquelle: Illustrationen zum Märchen von Carl Larsson in eben diesemBuch

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