22.5 Der verzauberte See

Im heutigen Märchen geht es weniger um übernatürliche Wesen, obwohl eine „fat fairy“ vorkommt, als um deren Zauberreiche. Zum Beispiel eben auf dem Grund eines verzauberten Sees, aber lest selbst…

Der verzauberte See

Im westlichen Irland gab und gibt es zweifellos noch immer einen See, in dem zu verschiedenen Zeiten mehrere junge Männer ertranken. Was dieses Ereignis erstaunlich machte, war, dass man die Leichname der Ertrunkenen niemals wieder fand. Die Menschen wunderten sich natürlich darüber und allmählich erlangte der See einen schlechten Ruf. Viele grausige Geschichten wurden über ihn erzählt: einige behaupteten, in dunkler Nacht leuchteten die Fluten wie Feuer, andere wollten schauerliche Gestalten über den See haben gleiten sehen; und alle waren sich einig, dass ein seltsamer Schwefelgeruch aus ihm hervorsteige.

Es lebte in geringer Entfernung von diesem See ein junger Bauer namens Roderick Keating, der im Begriff war eines der schönsten Mädchen der ganzen Gegend zu heiraten. Eben war er von Limerick, wo er einen Trauring gekauft hatte, im Geleit zweier oder dreier Bekannter zurückgekehrt; sie standen am Ufer des Sees angelangt, als diese mit ihm über Peggy Honan zu scherzen begannen. Einer sagte, dass der junge Delaney, ein Nebenbuhler, in des Bräutigams Abwesenheit um die Gunst der Geliebten geworben habe – aber Rodericks Vertrauen auf seine Verlobte war zu groß, um durch dieses Gerede beeindruckt zu werden und so griff er mit der Hand in seine Tasche, zog den Trauring hervor und hielt ihn bedeutungsvoll in die Höhe. Indem er so den Ring als ein wahres Siegeszeichen zwischen Zeigefinger und Daumen drehte, entfiel er ihm irgendwie und rollte in den See. Roderick sah ihm mit der höchsten Bestürzung nach, weniger seines Wertes, obgleich er eine halbe Guinee dafür gegeben hatte, als der schlimmen Vorbedeutung wegen. Und das Wasser war so tief, dass man des Rings schwerlich wieder habhaft werden konnte. Seine Gefährten lachten ihn aus; vergeblich suchte er durch das Anerbieten ansehnlicher Belohnung sie zu bewegen, nach dem Ring unterzutauchen. Sie waren so wenig zu dem Wagstücke geneigt, als Roderick selbst, denn die Erzählungen, die sie als Kinder vernommen hatten, hatten sie zu nachhaltig beeindruckt und abergläubische Furcht erfüllte die Brust eines jeden.

„Muss ich also nach Limerick umkehren, einen andern Ring zu kaufen?“ rief der junge Bauer, „Zehnmal soviel als der Ring kostet, will es keiner darum wagen?“

Unter den Umstehenden befand sich ein Mensch, den man allgemein für blödsinnig und nicht recht bei Troste hielt, er war aber unschuldig wie ein Kind und pflegte in der Gegend von einem Ort zum andern zu wandern. Als er von so ansehnlichem Lohn hörte, erklärte Paddeen, denn das war sein Name, falls ihm Roderick Keating geben wolle, was er den andern versprochen hätte, so wäre er bereit, nach dem Ring zu tauchen. Während er sprach, sah Paddeen so begierig auf die Herausforderung wie auf das Geld aus.

„Ich nehme dich beim Wort,“ sprach Roderick. So zog Paddeen seinen Rock aus und stürzte sich, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, kopfüber in den See. Wie tief er tauchte, lässt sich nicht genau berichten, aber er schwamm und schwamm und schwamm durch das Wasser, bis das Wasser vor ihm wich und er auf trockenes Land stieß. Himmel, Luft, Tageslicht und alles andere waren da gerade so wie hier bei uns; er sah einen reizenden Grund, wodurch ein zierlicher Weg führte nach einem großen, mit stattlichen Treppen umgebenen Hause.

Als er sich von seinem Staunen erholt hatte, unter dem Wasser so trockenes und anmutiges Land zu finden, schaute er sich genauer um und was sollte er anders erblicken, als all die ertrunkenen Jünglinge, die in diesem Lustort arbeiteten, als wäre ihnen niemals ein Übel zugestoßen. Einige mähten Gras, andere reinigten die Kieswege oder taten andere leichte Arbeiten, und vollbrachten alles auf so gute Art und so munter, als wären sie niemals ertrunken. Dabei sangen sie mit großer Lust Lieder, worin sie die Frau des Hauses wegen ihrer Schönheit und ihres Reichtums priesen, wogegen nichts in der Welt bestehen könne.*

Nun, Paddeen konnte nicht anders, als ihnen zuzusehen, da er einige von ihnen kannte, bevor sie im See ertrunken waren; aber er war stumm, wie eine Auster, wenn er sich auch seinen Teil dachte, –nein, kein Sterbenswörtchen kam über seine Lippen. Und so ging er nach dem großen Haus zu, ganz unbefangen, als habe er nichts gesehen, was der Rede wert gewesen; dabei wünschte er gar sehr, zu wissen, wer die junge Frau wäre, von welcher die jungen Männer in ihrem Gesang so viel Wesens gemacht hatten.

Als er beinahe die Tür des großen Hauses erreicht hatte, trat aus der Küche eine gewaltig dicke Frau heraus, wie eine Biertonne auf zwei Beinen, mit Zähnen so groß wie die eines Pferdes, und sie kam direkt auf ihn zu. „Guten Morgen, Paddeen,“ sagte sie. „Guten Morgen, Frau,“ antwortete er. „Was bringt Euch hierher?“ fragte sie. „Ich komme wegen Roderick Keatings Goldring,“ erklärte Paddeen.

„Hier ist er,“ sagte Paddeens dicke Freundin, mit einem Lächeln auf ihrem Gesicht, das blubberte wie kochender Haferbrei. „Ich danke Euch,“ antwortete Paddeen und nahm den Ring aus ihrer Hand. „Es ist nicht nötig, dass ich hinzufüge, der Herr gebe Euch sein Gedeihen! Denn ihr seid bereits wohlbeleibt genug. Aber wollt Ihr so gut sein und mir sagen, führt der Weg, auf welchem ich gekommen bin, auch wieder zurück?“

„Kamt Ihr denn nicht, mich zu heiraten?“ schrie die dicke Frau ganz außer sich. „Diesmal nicht, mein Schatz, wann ich wiederkomme,“ antwortete Paddeen. „Ich werde für meinen Gang hierher gut bezahlt und muss machen, dass ich Antwort bringe, oder die werden Wunder denken, was aus mir geworden sei.“ „Bekümmert Euch um kein Geld,“ sagte die dicke Frau, „wenn Ihr mich heiratet, so sollt Ihr für euer Lebtag in dem Haus wohnen und an nichts Mangel leiden.“

Paddeen sah deutlich, dass, so er einmal im Besitz des Ringes, die dicke Frau ihn nicht länger zurückhalten könne. Ohne also länger auf ihre Worte zu achten, wandelte er ganz gelassen den Gang wieder herab und schaute sich dabei um; denn er hatte, die Wahrheit zu sagen, keine sonderliche Lust, eine fette Fee zu heiraten. Als er zum Tor kam, stürzte er, ohne nur ‚Auf Wiedersehen‘ zu sagen, hinaus und fand um sich herum wieder das Wasser. Er sprang hinein und arbeitete sich in die Höhe und es war wunderbar genug, da man den Paddeen nach der entgegengesetzten Seite des Sees hatte wegschwimmen sehen; doch er gelangte bald ans Ufer und erzählte dem Roderick Keating und den andern Burschen, die da standen und auf ihn gewartet hatten, alles was ihm begegnet war. Roderick zahlte ihm auf der Stelle fünf Guineen für diesen Ring und mit diesem Geld in der Tasche glaubte sich Paddeen so reich, dass er nicht Lust hatte zurückzukehren und die dicke Frau zu heiraten, die in dem Grund des Sees in dem schönen Hause saß. Er dachte, sie hat ja unter der Menge junger Männer die Wahl, wenn ihr die Lust ankommen sollte, zu heiraten.

* Hier gibt es im Original ein echtes Lied, um dessen versgerechte Übersetzung sich aber die Herren Grimm gedrückt haben, worin ich ihnen fröhlich folgen werde. Aber um euch dennoch nicht um das Liedchen zu bringen, hier das englische Original:

„She is fair as Cappoquin:
Have you courage her to win?
And her wealth it far outshines
Cullen’s bog and Silvermines.
Not brawling like the Foherish,
But as the brightly-flowing Lee,
Graceful, mild, and pure is she!“

*******

 

Abgesehen davon, dass ich bei dem Namen Roderick Keating immer an Ronan Keating denken muss – und das obwohl ich den Namen von dessen Boyband-Gruppendings nicht mal mehr weiß und nie sonderlich beeindruckt war. Verflucht sei die Sozialisation in den 1990ern, als MTV noch Musik gespielt hat.

Aber ja abgesehen davon ist dieses Märchen natürlich einmal mehr eine Verhandlung von Geschlechterrollen, wobei auch hier nahtlos Feen mit christlicher Ehe gemixt werden. Wir haben also den romantischen Liebhaber Rory, der voller Vertrauen zu seiner Verlobten ist. Paddeen als Prototyp des ewigen Hallodris und die ‚fette Fee‘ als sein weibliches Pendant, denn die scheint ja echt breite Auswahl zu haben.

Der Text basiert – mit einigen Änderungen – auf der Übersetzung von Thomas Crofton Crokers Irischen Elfenmärchen, zu finden im Insel Verlag 1966, S. 142-145.
Bildquelle: Eigener Scan einer Illustration aus eben diesem Buch

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