22.4 Das Geisterpferd

Wir bleiben bei den übernatürlichen Wesen, die in Irland echt bestens zu gedeihen scheinen. Nach Elfen und Klageweibern heute zu einem Pferdchen. Aber lest selbst…

Das Geisterpferd

Die Geschichte von Morty Sullivan mag allen jungen Männern zur Warnung dienen, in der Heimat zu bleiben, still und redlich zu leben und nicht in der Welt umherzuziehen. Als Morty eben das fünfzehnte Lebensjahr erreicht hatte, lief er seinen Eltern fort, die ein altes, ehrenwertes Paar waren und seinetwegen viele Tränen vergossen. Es wird erzählt, dass beide mit gebrochenem Herzen ob seinem Verlust starben; alles, was sie je über ihn in Erfahrung brachten war, dass er an Bord eines nach Amerika bestimmten Schiffes gegangen wäre.

Dreißig Jahre, nachdem die Alten friedlich in ihr Grab gelegt worden waren, kam ein Fremder nach Beerhaven und erkundigte sich nach ihnen – es war ihr Sohn Morty. Und um die Wahrheit zu sagen, sein Herz schien kummervoll, als er hörte, dass seine Eltern gestorben wären. Doch welche Antwort konnte er sonst erwarten? Reue kommt gewöhnlich, wenn es zu spät ist.

Morty Sullivan, jedoch, wurde als Buße für seine Sünden eine Wallfahrt nach der Kapelle von St. Gobnate angeraten, die in einer wilden Gegend namens Ballyvourney liegt.

Er war sogleich bereit dazu und in der Absicht keine Stunde zu verlieren, trat er noch denselben Nachmittag seine Reise an. Morty war noch nicht sehr weit gekommen, als schon die Nacht anbrach. Es schien kein Mond und das Sternenlicht wurde verdeckt durch dichten Nebel, der aus den Tälern aufstieg. Der Weg ging durch eine Berggegend mit vielen Kreuzwegen und Nebenpfaden, so dass es für einen Fremden wie Morty schwer war, sich ohne Führer zurecht zu finden. Er war ungeduldig, sein Ziel zu erreichen, und trieb sich selbst unnachgiebig an. Aber der Nebel wurde dichter und dichter und schließlich zweifelte er, ob er auf rechtem Wege zu St. Gobnate-Kapelle sei. Als er daher ein Licht erblickte, welches ihm nicht weit entfernt schien, ging er darauf zu, und wie er sich ganz nah glaubte, so schien das Licht plötzlich wieder in weiter Entfernung zu sein und schimmerte nur ganz schwach durch den Nebel. Zwar war Morty darüber ziemlich erstaunt, aber entmutigt war er keineswegs, denn er dachte, es sei ein Licht, welches die heilige Gobnate gesendet habe, um seine Füße sicher durch das Gebirge zu ihrer Kapelle zu leiten.

So wanderte er noch viele Meilen fort, immer, wie er glaubte, dem Lichte sich nähernd, welches plötzlich in eine weite Entfernung gesprungen war. Endlich kam er doch so nah, dass er bemerkte, das Licht rühre von einem Feuer her, neben welchem er deutlich ein altes Weib sitzen sah. Jetzt, in der Tat, wurde sein Glaube ein wenig erschüttert, und es nahm ihn sehr Wunder, dass beides, das Feuer und das alte Weib vor ihm hergezogen waren, so manche saure Stunde und über so holprigen Weg.

„Im Namen der Heiligen Gobnate und ihres Lehrers des Heiligen Abban!“ rief Morty, „wie kann dieses brennendes Feuer sich so schnell vor mir her bewegen und wie kann das alte Weib neben dem springenden Feuer sitzen?“

Kaum waren diese Worte über Morty’s Lippen gekommen, als er sich, ohne nur noch einen Schritt zu tun, nahe bei dem wunderbaren Feuer befand, neben welchem das Weib saß und sein Abendessen kaute. Bei jeder Bewegung ihrer alten Kinnbacken richteten sich ihre Augen zornig auf Morty, als wäre sie wütend, gestört zu werden. Er sah mit dem höchsten Erstaunen, dass ihre Augen weder schwarz, noch blau, noch grau noch nussbraun waren, wie menschliche Augen, sondern von einer seltsam roten Farbe, gleich den Augen des Wiesels. Hatte er sich zuvor über das Feuer gewundert, so war seine Verwunderung über das Wesen des alten Weibes noch viel größer, und bei aller natürlichen Unerschrockenheit konnte er sie doch nicht ohne Furcht ansehen – denn er urteilte und urteilte zurecht, dass sie eines guten Vorhabens wegen nicht an einem so einsamen Ort ihr Abendessen verzehre, zumal so spät, denn es war nahe an Mitternacht. Sie sprach kein einziges Wort, sondern kaute und kaute, während Morty sie schweigend betrachtete.

„Wie heißt Ihr?“ forderte schließlich das alte Weib und ein Schwefelgeruch kam aus ihrem Mund, wobei sie die Nüstern aufblies und ihre Augen noch röter wurden, als sie ihre Frage gestellt hatte. Seine ganze Herzhaftigkeit aufbietend, antwortete er: „Morty Sullivan, Euch zu dienen“. doch waren die letzten Worte bloß als eine Höflichkeit gemeint.

„Hoho!“ rief die Alte, „Das wird sich bald zeigen!“ Und das rote Feuer ihrer Augen verwandelte sich in blasses Grün. So kühn und furchtlos auch Morty war, zitterte er doch heftig, als er den grausenhaften Ausruf vernahm. Er wollte auf seine Knie fallen und die heilige Gobnate oder sonst einen Heiligen anrufen, war aber dermaßen von Schrecken erstarrt, dass er sich nicht im geringsten rühren konnte, geschweige auf seine Knie fallen.

„Fasst meine Hand, Morty,“ sagte die Alte, „Ich will Euch ein Ross reiten lassen, das Euch bald an das Ziel eurer Reise bringen soll.“ Mit diesen Worten ging sie voraus und das Feuer ging vor ihnen her. Es übersteigt menschlichen Verstand, zu sagen wie, aber es ging fort, leuchtende Flammenzungen ausstreckend und heftig prasselnd.

Jetzt gelangten sie zu einer natürlichen Höhle an einer Bergwand und das alte Weib rief laut mit einer kreischenden Stimme nach ihrem Pferd! Einen Augenblick später brauste ein pechschwarzes Ross aus seinem dunkeln Stall hervor und der Felsenboden ertönte schauerlich, als die schallenden Hufe darüber her schurrten.

„Aufgesessen, Morty, aufgesessen!“ schrie die Hexe und mit übernatürlicher Kraft packte sie ihn und zwang ihn auf den Rücken des Pferdes. Morty fand hier menschlichen Widerstand vergeblich und murmelte: „Oh, hätte ich doch Sporen!“ Und er versuchte die Mähnen des Rosses zu packen, doch griff er nach einem Schatten, welcher ihn gleichwohl aufnahm, mit ihm fortsprengend bald über einen gefährlichen Abgrund setzte, bald über das wild zerrissene Bett eines Flusses wegflog und gleich einem dunkeln, mitternächtigen Strom durch das Gebirg rauschte.

Am folgenden Morgen ward Morty Sullivan von einigen Wallfahrern entdeckt, welche von ihrem Umgang um den See Gougane Barra zurückkamen. Er lag, auf dem Rücken ausgestreckt, unter einem steilen Abhang, von welchem ihn die Phuka herabgeschleudert hatte. Morty hatte etliche Kratzer und Verletzungen durch den Fall davongetragen und er soll auf der Stelle bei der Hand des O’Sullivan (und das ist kein geringer Eid) gelobt haben, niemals wieder eine volle Flasche Whiskey mit auf die Wallfahrt zu nehmen.

*******

Nachdem also die letzten Märchen Zweifelnde überzeugen sollten, dass es Elfen & Co aber sicher gibt, wird hier die Existenz von Hexe und Phuka (auch Puca, Phooka, etc) nie in Frage gestellt – bis zuletzt, wo es nun also doch ein blöder Sturz im Suff gewesen sein könnte.

Das Phuka ist übrigens nicht unbedingt ein Pferd, sondern ist eigentlich auch – wie könnte es anders sein – eine Art Kobold, der jedoch seine Gestalt wechseln kann und am liebsten als Tier erscheint und am allerliebsten eben als schwarzes Pony. Schwarz ist es immer. Und einmal mehr lesen wir hier den typischen Modus Operandi: Unvorsichtige Reisende werden auf einen Ritt eingeladen und schadenfroh irgendwo runtergeworfen.

 

Der Text basiert – mit einigen Änderungen – auf der Übersetzung von Thomas Crofton Crokers Irischen Elfenmärchen, zu finden im Insel Verlag 1966, S. 114-118.
Bildquelle: Eigener Scan einer Illustration aus eben diesem Buch

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