22.3 Die Banshee von Bunworth

So, jetzt aber genug mit Elfen und ihren Vettern. Auf zur Banshee – die mir zugegeben eher aus Harry Potter bekannt ist, nicht das ich konkret wüsste, wo sie da vorkommt. Auch die Banshee ist jedoch ursprünglich und eigentlich eine Figur der irischen Folklore. Lest selbst…

Die Banshee von Bunworth

Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts war der ehrwürdige Charles Bunworth der Pfarrer von Buttevant in der Grafschaft Cork. Er war ein Mann von gründlichen Kenntnissen und ungeheuchelter Frömmigkei, aufrichtig und großmütig. Von den Reichen war er geachtet, von den Armen geliebt und ein Unterschied im Glauben minderte nicht die Zuversicht, mit der sie sich in einer schwierigen Angelegenheiten und Zeiten an „den Pfarrer“ (so nannten sie Herrn Bunworth) wendeten; denn sie waren gewiss, von ihm Beistand in Rat und Tat zu erhalten, wie ihn ein Vater seinen Kindern zu gewähren pflegt. Zu ihm kamen aus der benachbarten Stadt Newmarket seines Rates und Unterrichts wegen Curran sowohl als Yelverton vor ihrem Eintritt in das College zu Dublin. Jung, ohne Vermögen und Erfahrung empfingen diese späterhin berühmten Männer außer der Belehrung, die sie suchten, noch Unterstützung in Geld, und ihre glänzende Laufbahn in der Folge rechtfertigte die Unterstützung ihres Mentors.

Was indessen den Ruf des Herrn Bunworth weit über die Grenzen der nächsten Kirchsprengel hinaus verbreitete, war seine Fertigkeit auf der irischen Harfe, und die gastfreundliche Aufnahme und Bewirtung der armen Harfenspieler, die von Haus zu Haus in der Grafschaft umherzogen. Dankbar besangen sie auf ihren Wanderungen den Ruhm des Wohltäters zu den Tönen ihrer Harfe, indem sie zur Vergeltung seiner Güte reiche Segnungen auf sein weißes Haupt herabriefen und in ihren schlichten Versen die Reize seiner Töchter, Elizabeth und Mary, priesen. Es war Alles, was diese armen Kerle vermochten. Aber wer will an der Aufrichtigkeit ihres Dankes zweifeln, da bei dem Tod des Herrn Bunworth nicht weniger als fünfzehn Harfen auf dem Boden seines Kornhauses sich hinterlegt fanden, die ihm von den letzten Gliedern eines Stammes, der nun aufgehört hat zu bestehen, waren vermacht worden? Geringfügig, ohne Zweifel, war der eigentliche Wert dieser Überbleibsel, doch in den Gaben des Herzens liegt etwas, das verdient erhalten zu werden und es ist zu bedauern, dass nach seinem Tode diese Harfen eine nach der andern zerschlagen und von einem unwissenden Diener der Familie, welchem man, als sie für eine Zeitlang ihren Aufenthalt in Cork nahm, die Sorge für das Hauswesen übertragen hatte, zum Feueranmachen verbraucht wurden.

Die Umstände bei dem Tode des Herrn Bunworth mögen von Manchem in Zweifel gezogen werden; doch es leben noch jetzt glaubwürdige Zeugen, welche die Wahrhaftigkeit davon behaupten und bestellt werden können, um die meisten, wo nicht alle Einzelheiten der folgenden Erzählung zu verbürgen.

Ungefähr eine Woche vor seinem Ende und früh am Abend ward ein Geräusch an der Eingangstürtüre vernommen, etwa als ob ein Schaf geschoren würde; aber zu diesem Zeitpunkt kümmerte man sich nicht besonders darum. Es war bald elf Uhr in derselben Nacht, als der Hirte Kavanagh von Mallow zurückkehrte, wohin er am Nachmittag einiger Arzneien wegen ausgeschickt worden war und nun sehr verstört wirkte, wie Fräulein Bunworth, welcher er das Päckchen überreichte, bemerkte. Zu dieser Zeit glaubte man, was wohl zu beachten ist, dass der Zustand ihres Vaters durchaus nicht gefährlich sei.

„Was habt Ihr, Kavanagh?“ fragte sie; aber der arme, verwirrt aussehende Mensch brachte nur die Worte hervor: „Der Herr, Fräulein, der Herr, er verlässt uns!“ Und überwältigt von echter Trauer brach er in eine Flut von Tränen aus.

Fräulein Bunworth, eine Frau von starkem Nervenkostüm, fragte, ob er in Mallow etwas gehört hätte, was ihn veranlassen könnte zu vermuten, dass es mit ihrem Vater schlimm stünde? „Nein, Fräulein,“ antwortete Kavanagh, „es war nicht in Mallow – “

„Kavanagh,“ sagte Fräulein Bunworth mit jenem entschiedenen Wesen, das in ihrem Charakter lag; „Ich fürchte, Ihr habt getrunken, was ich, wie ich gestehen muss, nicht in einer Zeit wie der jetzigen von Euch erwartet hätte, wo es Eure Pflicht gewesen wäre, nüchtern zu bleiben. Ich hielt Euch für vertrauenswürdig. Was hätten wir getan, wenn Ihr die Arzneiflasche zerbrochen oder verloren hättet? Denn der Arzt hat gesagt, es sei von größter Wichtigkeit, dass Euer Herr noch heute Nacht davon nehme. Doch ich will morgen mit Euch sprechen, wenn Ihr Euch in einem Zustand befindet, in welchem Ihr fähiger seid mich zu verstehen.“

Kavanagh schaute auf mit einem dummen Blick, der nicht dazu dienen konnte, den Eindruck seiner Trunkenheit zu entfernen, so wenig als die trüben, vom Weinen geschwollenen Augen; doch seine Stimme war nicht die eines Berauschten. „Fräulein,“ sagte er, „so wahr mir Gott helfe! Kein Tropfen ist über meine Lippen gekommen, seit ich dieses Haus verlassen habe; doch der Herr –“ „Redet leise,“ antwortete Fräulein Bunworth, „er schläft und es geht ihm so gut, als wir nur immer erwarten können.“ „Gott sei’s gelobt!“ erwiderte Kavanagh, „doch ach, er verlässt uns sicherlich – wir werden ihn verloren – den Herrn – wir werden ihn verlieren, wir werden ihn verlieren!“ Und er rang die Hände. „Was meint Ihr, Kavanagh?“ fragte sie.

„Was ich meine? Die Banshee hat sich gezeigt, seinetwegen, und ich bin es nicht allein, der sie gehört hat.“ „Das ist bloßer Aberglaube!“ sagte Fräulein Bunworth. „Mag wohl sein!“ versetzte Kavanagh, als wenn die Worte ‚bloßer Aberglaube‘ nur in seinen Ohren geklungen wären, ohne seine Seele zu erreichen. „Mag wohl sein,“ fuhr er fort, „aber als ich durch das Tal von Ballybeg kam, begleitete sie mich, jammernd und schreiend und die Hände zusammenschlagend; an meiner Seite war sie bei jedem Schritt, den ich auf dem Weg tat; ihr langes, weißes Haar fiel über ihre Schultern und ich konnte hören, wie sie des Herrn Namen dann und wann widerholte, so deutlich, als ich ihn jemals gehört habe. Wie ich zu der alten Abtei kam, verließ sie mich und wendete sich nach dem Taubenfeld neben dem Gottesacker und, sich in ihren Mantel hüllend, setzte sie sich unter einen vom Blitz gespaltenen Baum und hub an so bitterlich zu wehklagen, dass es einem direkt ins Herz traf, es mit anzuhören.“

„Kavanagh,“ sagte Fräulein Bunworth, die gleichwohl aufmerksam seiner wunderlichen Erzählung zugehört hatte, „mein Vater befindet sich, wie ich glaube, besser und ich hoffe, er wird bald wieder auf den Beinen und selbst im Stande sein, Euch zu überzeugen, dass dies alles nur Eure eigene Einbildung ist. Indessen verlange ich von Euch, nichts von dem zu erwähnen, was Ihr mir so eben erzählt habt, denn es ist nicht der Augenblick, die Leute im Hause mit dieser Geschichte in Furcht zu setzen.“

Herrn Bunworths Kräfte ließen allmählich nach, doch kein besonderer Umstand ereignete sich, bis zu der Nacht vor seinem Tode. In dieser Nacht ließen die beiden Töchter, erschöpft von der beständigen Wache und der aufmerksamen Pflege, sich überreden, ein wenig auszuruhen; und eine ältliche Frau, eine nahe Verwandte und Freundin der Familie, blieb am Bett des Kranken sitzen. Der alte Mann lag in dem Gesellschaftszimmer, wohin er den Morgen auf sein eigenes Verlangen gebracht worden war, weil er meinte, diese Veränderung würde ihm einige Erleichterung gewähren. Mit dem Kopf lag er nahe an dem Fenster. In dem Zimmer nebenan saßen einige Freunde und wie gewöhnlich bei solchen traurigen Anlässen waren in der Küche mancherlei Menschen aus Anhänglichkeit an die Familie versammelt.

Es war eine beschauliche, mondhelle Nacht – der Kranke schlief – und nichts störte die Stille der traurigen Wache, als die kleine Gesellschaft in dem Zimmer nebenan, dessen Türe offen stand, aufgeschreckt wurde durch einen Ton an dem Fenster nahe bei dem Bett. Ein Rosenbaum stand vor dem Fenster, so nahe, dass er die Scheibe berührte. Dieses wurde plötzlich mit einigem Geräusch aufgestoßen und leises Wimmern war zu hören, begleitet von Händeklatschen wie von einem Weib in tiefem Jammer. Es schien, als käme der Ton von jemand, der seinen Mund ganz nah an das Fenster hielt. Die Frau, welche neben dem Bette des Kranken saß, stand auf und ging in das Nebenzimmer und fragte mit ängstlichem Ton die Herren, ob sie die Banshee gehört hätten? Zwei von ihnen, die übernatürlichen Erscheinungen skeptisch gegenüberstanden, sprangen sogleich auf und gingen hinaus, um die Ursache jener Klänge zu entdecken, die sie gleichfalls deutlich vernommen hatten. Sie gingen einmal um das ganze Haus, untersuchten jede Stelle, vorzüglich jene in der Nähe des Fensters, woher die Stimme gekommen war; aber alles Suchen war vergeblich – sie entdeckten nicht das geringste und ununterbrochene Stille herrschte wieder. In der Hoffnung, das Geheimnis zu enthüllen, setzten sie ihre Nachforschungen die Straße entlang auf das genauste fort, und da diese sehr gerad war und die Nacht vollkommen hell, hinderte sie nichts rund umher eine ziemliche Strecke zu übersehen. Aber es war alles still und verlassen, und sie kehrten überrascht und enttäuscht zurück. Um so größer war ihr Erstaunen, als sie vernahmen, dass in der ganzen Zeit ihrer Abwesenheit jene, die im Hause zurückgeblieben waren, das Wehklagen und Händeklatschen gehört hatten und zwar viel lauter und deutlicher, als zuvor; und kaum hatten sie die Türe des Zimmers hinter sich zugemacht, als sie abermals jene klägliche Stimme vernahmen. Der Kranke ward von Stunde zu Stunde schlimmer und beim ersten Schimmer des Morgens tat Herr Bunworth den letzten Atemzug.

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Ein übernatürliches Klageweib also. Man kann sich vorstellen, wie diese Figur entstanden ist aus ‚echten‘ Klageweibern, die unglücklich vorausblickend kamen, bevor der Kranke/Alte/Verletzte wirklich tot war. Uups.

Spannend auch, dass in diesem irischen Märchen die Banshee ganz selbstverständlich neben bzw. bei einem christlichen Pfarrer erscheint.

 

Der Text basiert – mit einigen Änderungen – auf der Übersetzung von Thomas Crofton Crokers Irischen Elfenmärchen, zu finden im Insel Verlag 1966, S. 96-101.
Bildquelle: Eigener Scan einer Illustration aus eben diesem Buch

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