22.2 Manche Dinge muss man sehen, um sie zu glauben

Aber in Irland gibt es nicht nur Feen, wie wir sie kennen. Reizend hübsch mit Flügelchen. Nee. Es hat zum Beispiel auch den Cluricaun, eine Art grummeliger Vetter des berühmten Leprechaun und wie dieser eine Art Mischung aus Fee und Zwerg oder Gnom. Er ist ein überzeugter Einzelgänger und Trinker, weiß, wo Schätze sind, kann prima Schuhe machen und vieles mehr. Insgesamt ist er aber wohl nicht so übel und kann sogar hilfreich sein, wenn er will. Wollen will er aber wohl nicht so schnell, wie ihr heute lesen könnt…

Manche Dinge muss man sehen, um sie zu glauben

Es gibt eine Art Menschen, denen jeder einmal irgendwann begegnet ist; Menschen, die tun, als glaubten sie nicht, woran sie im Herzen doch glauben und wovor sie sich fürchten. Felix O’Driscoll war vorlauter, übermütiger Tausendsassa, der dazu neigte erst zu handeln und dann zu denken wie – aber das interessiert uns im Moment nicht. Er redete immer irgendwelchen Unsinn und so behauptete er unter anderem, weder an die Elfen noch an Cluricaune und Phuken zu glauben und manchmal war er so unverschämt so zu tun, als glaube er auch nicht an Geister, an welche doch jeder Mensch auf irgendeine Weise glaubt. Die Leute aber pflegten sich zu wissend zuzuzwinkern, wenn Felix prahlte, denn man hatte bemerkt, dass er sich davor drückte, nachts die Furt von Ahnamoe zu überqueren und dass, als er einmal in der Dunkelheit über den alten Kirchplatz von Grenaugh ritt, obgleich er sich Mut genug angetrunken hatte, er sein Pferd in Trab setzte, so dass niemand gleichen Schritt mit ihm halten konnte und er regelmäßig von Zeit zu Zeit einen scharfen Blick über seine linke Schulter warf.

Eines Abends saßen in Larry Reilly’s Wirtshaus einige Leute – unter ihnen Felix – beisammen, tranken und schwatzten. Er fing wie gewöhnlich mit seinem Geschwätz über die Elfen an und schwur, dass er nicht glaube, es gebe etwas Lebendiges außer Menschen und Tieren, Fischen und Vögeln und solchen Dingen, die man mit Augen sehen könnte; er begann auf eine so freche Art von dem stillen Volke zu reden, dass etliche in der Gesellschaft erschraken und sich bekreuzigten, ungewiss, was sich ereignen könnte, als eine alte Frau Moirna Hogaune genannt, welche in einen blauen Mantel gewickelt, in der Ecke beim Feuer gesessen und ihre Pfeife geraucht hatte, ohne in das Gespräch sich einzulassen, ihre Pfeife aus dem Mund nahm, ins Feuer spie und sich umwendend den Felix ins Auge fasste.

„Du glaubst also nicht, dass es Wesen wie die Cluricaune gibt?“ sagte sie. Felix sah sie erschrocken an, antwortete aber nichts. „Bei meiner Treue, es sieht einem Grünschnabel wie dir ähnlich, so zu tun, als glaubtest du nicht an das, was dein Vater, dein Vaters Vater und dessen Väter vor ihm niemals im geringsten bezweifelt haben! Aber um es kurz zu machen, manches muss man sehen, um es glauben, wie man so sagt; und wo ich deine Großmutter sein könnte, lass mich dir sagen, dass es Wesen wie die Cluricaune gibt und dass ich selbst einen gesehen habe – da hast du’s!“

Jedermann in der Stube blickte erstaunt auf und drängte sich um das offene Feuer im Kamin, um ihr zuzuhören. Felix versuchte zu lachen, aber es gelang ihm nicht recht und niemand achtete auf ihn.

„Ich erinnere mich,“ sagte sie, „einige Zeit nachdem ich meinen braven Mann, der nun verstorben ist, geheiratet hatte, es war gerade also kurz bevor ich mein erstes Kind zur Welt brachte (und das ist schon einige Tage her), dass ich mich herausgesetzt hatte in unser kleines Gärtchen mit dem Strickzeug in der Hand, auf die Bienen acht zu geben, welche schwärmen wollten. Es war ein schöner, sonniger Junitag, die Bienen summten und flogen in ihren Körben aus und ein, die Vögel zwitscherten und hüpften in dem Gebüsch und die Schmetterlinge flogen umher und ließen sich auf die Blumen nieder und alles duftete so frisch und süß und ich fühlte mich so glücklich, dass ich kaum wusste, wo ich war. Auf einmal hörte ich zwischen einigen Reihen Bohnen, die wir in der Ecke des Gartens hatten, ein Geräusch, das ging tick-tack tick-tack, gerade als wenn ein Schuster den Absatz an einen Schuh anschlägt. ‚Gott behüte uns!‘ sagte ich zu mir selbst, ‚was in aller Welt kann das sein?‘ Ich legte mein Strickzeug nieder, stand auf, schlich mich sachte zu den Bohnen hin, und ich hätte es selbst nicht geglaubt, wenn ich mit eigenen Augen, mitten in den Bohnen, ein altes Männchen sitzen gesehen hätte, nicht ein Viertel so groß wie ein neugeborenes Kind, ein kleines Hütchen schräg auf dem Kopf, ein Pfeifenstümpfchen im Mund und einen schlichten, altfränkischen, erbsenfarbigen Rock mit großen Knöpfen am Leibe, ein paar massivsilberne Schnallen an den Schuhen, die den ganzen Fuß bedeckten, so groß waren sie; dabei arbeitete er in einem fort so eifrig, als er konnte, indem er Absätze an ein paar kleine Holzschuhe machte. Sobald ich ihn sah, wusste ich, dass er ein Cluricaun war und keck und frech sagte ich zu ihm: ‚Gott bewahre Euch, werter Mann, das ist harte Arbeit an so einem heißen Tag!‘ Er schaute auf und sah mich verärgert an. Indem stürzte ich auf ihn zu, bekam ihn in meine Hand zu fassen und fragte, wo sein Geldbeutel wäre. ‚Geld?‘ sagte er, ‚Geld, wahrhaftig! Und wie sollte ein armes, altes Geschöpf, wie ich es bin, zu Geld kommen?‘ ‚Zaudert nicht,‘ gab ich zur Antwort, ‚keine von euern Streichen! Jedermann weiß, dass die Cluricaune, wie Ihr einer seid, so reich sind, wie der Teufel selbst.‘ Zugleich zog ich ein Messer, das ich in meiner Tasche hatte, machte ein Gesicht, so bös als ich nur immer konnte (und in Wahrheit, es war nicht leicht für mich, denn ich war ein hübsches und freundlich aussehendes Mädchen) – und schwur, wenn er mir nicht augenblicklich seinen Beutel gebe oder einen Topf mit Geld zeigte, so würde ich ihm die Nase aus dem Gesicht schneiden. Nun, ich muss gestehen, das kleine Männchen sah so erschrocken aus, als es diese Worte hörte, dass ich fast Mitleid mit dem armen, kleinen Wesen hatte. ‚Nun,‘ sprach er, ‚kommt mit mir ein paar Felder abwärts, so will ich Euch zeigen, wo ich mein Geld aufbewahre.‘ Und so folgte ich ihm, seine Hand immer schön festhaltend und ihn unverwandt im Blick, als ich plötzlich hinter mir ein Sausen hörte. ‚Dort! Dort!‘ rief er, ‚schwärmen eure Bienen und gehen mit einander fort!‘ Ich war so einfältig und drehte den Kopf um und als ich durchaus nichts sah und mich wieder nach dem Kleinen umwendete, so hatte ich nichts mehr in der Hand. Denn da ich so unglücklich gewesen war, ihn aus den Augen zu lassen, so entschlüpfte er aus meiner Hand wie ein Nebel oder Rauch und mit keinem Tritte kam er je wieder meinem Garten nahe.“

*******

Ja, dumm, gelaufen das. Aber naja, war ja auch nicht ihr Gold. Und was wir nun natürlich nicht wissen – hat die Geschichte Felix überzeugt? Was meint ihr? Ohne Gold ja kein Beweis.

 

Der Text basiert – mit einigen Änderungen – auf der Übersetzung von Thomas Crofton Crokers Irischen Elfenmärchen, zu finden im Insel Verlag 1966, S. 81-84.
Bildquelle: Illustration aus der englischen Version des Märchenbuchs

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