21.7 Das Pferdegetrappel – in Bense bei Esens in Ostfriesland

Damit ist die friesische Woche auch beinahe schon wieder rum. Zum Abschluss bleiben wir noch einen Augenblick am Rande von Ostfriesland, wo Hexen und Riesen nun vom Teufel abgelöst werden. Lest selbst…

Das Pferdegetrappel

Vor vielen Jahren war unweit der Stadt Esens das Dorf Bense außerhalb des Norddeichs gelegen. Dies Dorf war von geringer Größe und bestand etwa nur aus drei bis vier großen Bauernhöfen. Der Landbesitz jedoch, der von den Besitzern dieser Höfe als Eigentum beansprucht wurde, war unermesslich groß und erstreckte sich fast bis an die Insel Langeoog hinan. Denn das Festland war damals noch weit ausgedehnter als heutzutage, und man bedurfte zum Übersetzen zur Insel keines Kahns, wie vor hundert Jahren, und keines Fährschiffes, wie gegenwärtig, sondern man nahm einen Springstock ganz gewöhnlicher Art, setzte ihn in die schmale Rille und hüpfte mit einem Schwünge hinüber. Und auch die Entfernung der Inseln zueinander war nicht größer, verkündet doch die Sage, die Insulanerinnen hätten sich auf einer Backschaufel das Brot gegenseitig zugereicht.

Weil die Benser Gutsbesitzer gegen die See keine Marken ihrer Grundstücke hatten, die Fürstliche Regierung somit auch nicht beweisen konnte, dass etwa angeschwemmtes Vorland vorhanden sei, so erhielten sich die Höfe trotz der von der Fürstlichen Regierung gegen sie angestrengten Prozesse im Besitze ihrer sämtlichen Grundstücke. Da ihnen aber einleuchtete, dass bei Bedeichung der Seeländereien sofort das Recht der Regierung auf die dann entstehenden Außendeichslande geltend gemacht werden würde, so unterließen sie es, Deiche zu legen. Dadurch wurde es später dem Teufel ein Kleines, das Dorf im Nu zu vernichten, wie wir gleich hören werden.

Die Benser Gutsherren waren ungeheuer reiche Leute und lebten auch danach, flott in den Tag hinein. Ihre ‚Plätze‘ waren halbe Burgen, ihre Keller Viertelbergwerke, ihre Stallgebäude wahre Prachträume; von dem Reichtum dieser Leute an barem Gelde kann man sich eine Vorstellung machen, wenn man hört, dass ihre Stuben mit Goldstücken getäfelt, mit Silbertalern gepflastert waren. Aber dieser schreckliche Reichtum brachte schrecklichen Übermut mit sich, wie denn das öfter der Fall sein soll. So besaß das Dörfchen zwar seine Kirche, aber außer einigen frommen, gottergebenen Dienstboten und ansässigen ‚kleinen Leuten‘ sah man Niemanden zum Gotteshause wallen. Im Gegenteil verboten die Dienstherren ihren Untergebenen den Besuch der Predigt und des Abendmahls. Wie jenseits der Stadt Norden die Weesteeler durch ihren Frevel am heiligen Sakrament des Altars den Zorn des Höchsten auf sich zogen, so diesseits die Benser. Der Priester war ihnen eine völlig überflüssige Person, dem Spott und Hohn anstatt guter Naturalien und Salarien gereicht wurde. Und wäre es nur dies allein gewesen; aber leider wurde der liebe Gott in gleiche Reihe mit dem Priester gestellt und ebenso scheußlich traktiert.

Die Herren Gutsbesitzer waren untereinander eng verwandt, verschwistert und verschwägert, und hielten in allen Stücken getreulich zueinander, so setzten sie es am Ende durch, dass keiner ihrer Dienstuntergebenen auch nur ein einziges Mal sich seiner Christlichkeit erinnerte, wenigstens derselben keinen Ausdruck gab. Man hörte von Herren und Dienern nur Fluchen, Schwören, Toben und gottlose Reden. Wo man in weitern Kreisen, wenn sie nicht etwa ebensolche waren, von den Bensern redete, da geschah es nur mit einer Art Entsetzen und Grausen. Hatte doch der eine Bauer einem neu eintretenden Großknecht, als derselbe zum ersten Mal an den Mittagstisch sitzend, seine Kappe zum Gebet vor die Augen tat, fluchend zugerufen: „Friss, Hund von einem Knechte! Der Teufel hat mir’s gesegnet! Der liebe Gott hat keinen Teil an meinem Tische, darum friss in’s Teufels Namen!“ Ein zweiter Bauer hatte als Großherr seines Besitztums offen in der Stadt geprahlt: „Ich bin Herr über Leib und Leben meiner Leute; soviel Personen weiblichen Geschlechts im Hause, soviel Weiber der Lust sind’s; wir Alle jagen dem Teufel zu.“ Ein grausiges Wort und trostlos anzuhören.

Der Anführer dieser wilden, tollen Herrenbande war ein langaufgeschossener, tannenähnlicher Mann, daher ‚der lauge Hinnerksen‘ genannt. Vielfach, aber dennoch fälschlich, behauptet man heutzutage, es seien Nachkommen von ihm, ähnlich wie er und daher gleichen Namens, bis in die jüngste Zeit hinein am Leben gewesen. Von dem ‚langen Hinnerksen‘ nun wird erzählt:

Als er noch Knabe war, fand sich in der ganzen Umgegend kein gottloserer Bursch, als er. Schon früh mit allem Verwerflichen bekannt gemacht, sehnte er sich nach etwas ganz Außerordentlichen!, was außer ihm selten ein Mensch noch hatte, noch zu haben wünscht. Dies Außerordentliche war aber ein Bund mit dem Teufel selber. Nun erscheint aber, wie bekannt, der Teufel nur solchen Menschen, die wirklich im Herzen weder ein Härchen von Gottesfurcht, noch eine Silbe von Todesfurcht, noch irgendeine Höllenfurcht besitzen. Mancher Mensch, der zwar von Ersteren nichts hat, dagegen, wenn auch unmerklich und geheim, von Erden- und Höllenfurcht befangen ist, mag noch so oft den Teufel rufen, er wird ihm nicht erscheinen. Oder, wenn derselbe ihm erscheint, so wird er sich dennoch entsetzen, und dann höhnt und spottet der Teufel nur über solchen Schwächling. Der ‚lange Hinnerksen‘ indessen hatte seinen Kontrakt mit dem Gottseibeiuns wirklich abgeschlossen, 40 Jahre musste der Teufel ihm, darnach er dem Teufel in alle Ewigkeit dienen. In diesen 40 Herrenjahren konnte der Bauer fordern, was er wollte, es musste ihm sofort gewährt und erfüllt werden, traf es aber einmal, dass der Teufel unvermögend sich zeigen sollte, die Forderung zu erfüllen, so war der Kontrakt null und nichtig.

Und wie benutzte nicht der Herr den Diener?! Man sagt davon noch bis auf den heutigen Tag wunderbare Dinge. Da fiel es einst dem Herrn ein, eine Reise nach England zu machen. Dieselbe aber nicht zu Schiff, wie es doch allein natürlich, sondern in feiner Equipage vierspännig. „Baue mir über die Nordsee eine Brücke,“ sagte der Übermütige, „aber in der Weise, dass sie erst dann entsteht, wenn ich anfange zu fahren; so schnell soll sie gelegt werden, dass ich im Galopp zu jagen vermag, ohne Aufenthalt haben zu müssen, und sofort hinter dem Wagen soll sie wieder abgebrochen werden.“ Gefordert! Gebaut! Der ‚lange Hinnerksen‘ fuhr im gestreckten Galopp über das Meer. Noch viele andere tolle und halsbrechende Teufeleien führten die Beiden zusammen aus, doch ließ sich der Teufel nie in seiner wahren Gestalt erblicken.

Es begab sich aber, dass während der 40 Jahre der Bauer einen neuen Großknecht anstellen musste. Derselbe war ein frommer Mensch, und hatte sich im Vertrauen auf seinen kräftigen Glauben in das Sündenhaus und -dorf begeben. Weil er still war, seine Arbeit tadellos verrichtete und ausführte, dabei männlich und entschieden auftrat, wo es galt, sich zu wehren gegen Unzucht und Unglauben, Sünde und, Welt, so gewann sein Herr ein Zutrauen zu ihm. Zwar konnte es der Knecht nicht merken, denn der Bauer war auch gegen ihn nach wie vor roh und herrisch. Es dünkte aber dem Herrn im Stillen, der Knecht sei wohl einer bessern Behandlung wert; und nicht viel Zeit verging, da überließ er das Toben und Fluchen mehr seinen Nachbarn und Verwandten. Darob wurde der Teufel höchst erzürnt, und versuchte es auf alle Weise, seinen Bundesmann in die alte Bahn zurückzuführen. Und da ihm dies nicht sofort gelingen wollte, machte er sich an den Urheber dieses ‚Unglücks‘, an den Knecht heran.

Der Großknecht aber kannte nur die Gottesfurcht, nicht etwa auch Menschen- oder Höllenfurcht. Zu seinen feststehenden Arbeiten gehörte es, dass er um Mitternacht aufstehen, nach den Pferden im Stalle sehen und ihnen die Krippe nachfüllen musste. Ganz mutterseelenallein stand er dann auf dem Heuboden, warf das Heu in die Raufe, streichelte die prächtigen Tiere ein wenig, und legte sich dann wieder zu Bett. Lange hatte er dies Geschäft allein verrichtet. Er wunderte sich deshalb nicht wenig, als einst zur Mitternacht ein Begleiter sich einstellte. Schweigend verrichtete der Knecht sein Werk, schweigend sah ihm der Fremde zu. Kopfschüttelnd legte sich der Knecht zu Bett. Von dieser Nacht an stellte sich der mitternächtliche Wandersmann so regelmäßig ein, als ob es ein schweres Versäumnis sei, ein einzig Mal im Stall zu fehlen. Anfangs war es dem Knechte gar nicht recht, einen so unheimlichen Beobachter zu haben, der ihm Schritt und Tritt folgte, bald aber gewöhnte er sich daran. Der finstre Gast war aber niemand anders als der Teufel, den es bass verdross, dass der Knecht so wenig nach ihm fragte.

Da er ihm aber wegen seiner Frömmigkeit nichts anhaben konnte, so schlug er einen andern Weg ein, ihn zu vertreiben. Als es einst wieder Mitternacht geworden war, erwachte der Knecht von einem graulichen Lärm. Er sprang auf, kleidete sich an, nahm die Stalllaterne zur Hand, und ging eiligst in den Stall, woher der Spektakel zu kommen schien. Als er die Tür öffnete, fand er die Pferde losgebunden und wild und aufgeregt umherspringend und ausschlagend. Mit liebreichen Worten besänftigte er die Tiere, und band sie wieder fest. Da lachte hinter ihm der unheimliche Gast höhnisch auf und der Knecht merkte, dass es der leibhaftige Satan sei, der ihn begleitete. Noch viele Nächte hindurch ging der gleiche Lärm um Mitternacht in Szene, und der Knecht mochte es zuletzt nicht mehr ansehen.

Da trat er eines Morgens zum Herrn und sprach: „Herr, der Teufel bindet jede Nacht eure Pferde ab und peinigt sie, wollt ihr dem Dinge nicht ein Ende zu machen suchen?“ Der Bauer, wohl wissend, was dies zu bedeuten habe, suchte Anfangs dem Knechte auszureden, dass es der Fall sei, und bat ihn, er möge die nächtliche Fütterung einstellen. Da der Knecht aber auf seiner Pflicht bestand, so sagte der Herr ihm zu: er wolle einmal mitgehen und sehen, was zu machen sei. Dabei hatte er heimlich im Sinne, sich unter Beistand des Knechtes von dem Pakt mit dem Bösen zu lösen. Der Teufel, der dieses wohl merkte, beschloss darob, den Bauer zu schänden. Als nun zur Mitternacht der Lärm im Stalle wieder anging, weckte der Knecht den Herrn und gingen Beide in den Stall. Die böse Gestalt grinste dem Bauer höhnisch zu und nur der Bauer schien dies nicht zu sehen. Alle drei stiegen die Leiter zum Heuboden hinauf und noch immer stellte sich der Bauer, als ob er den Teufel nicht sähe. Als sie oben waren, sagte ängstlich der Knecht: „Herr, der dritte steht hinter euch!“ „Tue du deine Pflicht,“ antwortete der Bauer, „ich will die meine tun.“ Damit zog ein scharfes Messer aus dem Busen und hieb damit nach dem Kopfe des Eindringlings. Aber er traf nur einen Schatten, und mit dem Schlage zugleich wurde sein Kopf erfasst, und mit einem Ruck halb umgedreht, so dass das Gesicht nach der Rückenseite gewendet stand. Mit einem lauten Schrei stürzte der Unglückliche zu Boden.

Der Knecht hob ihn auf und führte ihn in’s Haus, wo sich der Bauer jammernd und wehklagend zu verstecken suchte. Auch verbot er, davon zu erzählen. Obgleich nun der wahre Hergang der Begebenheit verschwiegen blieb, so munkelte man dennoch bald davon in der Nähe und Ferne. Und ob die Benser Gutsherren den so schändlich Zugerichteten in ihrer Mitte hatten, ob sie an ihm sahen, wohin ihr wüstes Tun und Treiben endlich führen müsse, doch ließen sie nicht ab von ihrem sündhaften Wandel. Der ‚lange Hinnerksen‘ kam bald zu sterben, der Teufel holte seine Seele, die Nachbleibenden fuhren fort wüst zu hausen. Immer voller wurde ihr Sündenmaß, immer maßloser ihre Sündhaftigkeit, immer schneller ging es zu Ende. In einer Nacht, als kein Mensch daran dachte, hob sich das Meer aus seinen Ufern. Schnell und unhörbar, glatt wie eine Schlange, flutete so unheimlich der Wasserschwall über die deichlosen Stücklande daher. Bald umschlang er das Dorf, stieg höher und höher, lautlos, leise, grausig alles begrabend. Als es Morgen war geworden, schauten die innerhalb des Deiches wohnenden Leute auf eine unermessliche Wassermenge, die bis an die Deichkappe sich türmte; von Bense war keine Spur mehr zu schauen. An Stelle des Dorfes war ein mächtiges Seegatt eingerissen, und bis auf den heutigen Tag ist es nicht gelungen, dasselbe aufzuschlämmen.

*******

Das Motiv des Teufelspakt in äußerst moralischem Gewand, das zeigt, wie enorm sich der Erzähler auf so eine Sage auswirkt. Ist doch das eigentliche Märchen, die eigentliche Sage umwoben von der mahnenden Erzählung um den Sündenpful Bense und sein naturgewaltiges und klar gottgewolltes Ende. Soweit so gut. Nur – wo ist eigentlich das Pferdegetrappel?

 

Textquelle: Sagen und sagenhafte Erzählungen aus Ostfriesland. Gesammelt und bearbeitet von Fr. Sundermann. Aurich 1869, S. 56-61.
Bildquelle: Esens um 1714 – denn das Dorf Bense finde ich echt nicht

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s