21.4 Die Wasserhose über Föhr

Um gleichmal die gestern geweckte Hoffnung zu zerstören. Nein, an Land ist auf den nordfriesischen Inseln auch nicht alles schön. Zwergen und Hexen überall! Die einen dann auch noch wieder gerne aufs Meer rausziehen. Aber lest selbst…

Die Wasserhose

An einem heißen Sommertage setzte ein Mann aus Nieblum auf Föhr, der in der Wohlmende mit Grasmähen beschäftigt war, sich nieder, um ein Stück Brot in Ruhe zu verzehren. Aber da kam eine große Wasserhose in gerader Richtung auf ihn los. Der Mann, der wohl wusste, dass diese von Hexen herrühren, warf beherzt sein Brotmesser hinein, um die Hexe zu verwunden. Da im Nu ward er gefasst und wirbelnd durch die Luft getragen, bis er endlich wohlbehalten auf einer kleinen Insel am Ende der Welt wieder den Boden berührte. Er sah den elendesten Tod voraus, denn die Insel war ganz wild und durchaus unbewohnt und von einem wilden stürmischen Meere umgeben. In seiner Angst und Not schrie er um Hilfe und bat die Hexe um Verzeihung.

Da ward ein Stuhl vor ihm niedergelassen, an dem ein Strick mit drei Knoten befestigt war. Er setzte sich darauf und es kam eine Stimme aus der Luft, die ihm zurief, wenn er wieder nach Hause wolle, solle er den einen Knoten öffnen; ginge dann die Fahrt nicht schnell genug, könne er auch den zweiten lösen; vor dem dritten aber solle er sich hüten. Sogleich ging seine Reise durch die Luft vor sich, als er den ersten Knoten löste. Bald machte er auch den zweiten los und er fuhr nun so geschwind wie eine Kanonenkugel dahin. Bald lag Föhr wieder vor seinen Augen; da konnte er nicht der Versuchung widerstehen, auch den dritten Knoten zu öffnen. Mit ungeheurer Schnelligkeit ging’s nun fort und hätte er nicht auf den Kirchturm zu St. Johannis getroffen, wäre er über die Insel hingeflogen.* Bei dem Zusammentreffen mit dem Turmhahn aber verlor der unglückliche Mann beide Beine und hatte nun die traurige Erfahrung gemacht, wie gefährlich es sei, sich mit Hexen abzugeben.

* Das mit dem Kirchturm stimmt schon. Denn ansonsten ist Föhr ja platt wie eine Flunder. ;D

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Das Bild von Goya, das zu einer 80-teiligen, höchst gesellschaftskritischen Druckserie namens Los Caprichos gehört, erscheint mir als Illustration höchst vielsagend. Nicht nur ist es eine Hexe, die einen Mann entführt. Für mein kunsthistorischen natürlich unwissendes Auge zeigt zudem die Nacktheit der beiden, worum es wirklich geht. Sex. Und die männliche Tendenz, eigene Schwachheiten in Punkto Treue gerne den ja ehrlich schon an Zauberkraft grenzenden Verlockungen der holden Weiblichkeit unterzuschieben.

 

Textquelle: Sagen, Märchen und Lieder der Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg. Herausgegeben von Karl Müllendorff. Kiel 1845, S. 225f.
Bildquelle: Linda maestra (Schöne Lehrerin) von Francisco de Goya y Lucientes (1746–1828)

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