21.3 Wie die Föhrer Stranddiebe bekehrt wurden

Apropos Seeräuber. Die gab es offenbar nicht nur auf Sylt. Die ganzen nordfriesischen Inseln wimmelten nur so von ihnen! Lest selbst…

Wie die Föhrer Stranddiebe bekehrt wurden

In einer stürmischen Herbstnacht des 18. Jahrhunderts war ein holländisches Schiff auf Hörnum, der südlichen Halbinsel Sylts, gestrandet. Die Mannschaft war bis auf den Steuermann und einen Matrosen ertrunken und das Schiff zertrümmert. Die Ladung, welche aus Seiden- und Baumwollwaren bestand, lag zerstreut auf dem Strande umher, wohin die Wellen sie zufällig geworfen hatten.

An dem Abende des folgenden Tages klärte sich das Wetter allmählich auf, Die ungeheure Wolkenkette, welche den Himmel in mehreren Tagen bedeckt hatte, war vorübergezogen, und hatte sich, einem mächtigen Gebirge ähnlich, an dem östlichen Horizont gelagert. Nur dunstiges Gewölk jagte noch von der See herauf, und die Sonne, welche am ganzen Tage nicht sichtbar gewesen war, belebte durch ihre letzten roten Strahlen die einsame Gegend. Dann sank sie hinter die hügelartigen Wogen des Meeres hinab, welche noch immer mit einem Getöse, das meilenweit gehört werden konnte, sich auf den Sand wälzten. Der Wind legte sich mehr und mehr, und eine jener schönen, dunstigen, mondhellen Nächten, welche eben so sehr, wie die westlichen Stürme, die nördlichen Küstenländer Europas charakterisieren, folgte dem stürmischen Tage.

Eine Stunde nach Sonnenuntergang stach von dem Deiche der Insel Föhr ein Fahrzeug in See; schnell glitt es über die Meerenge hinweg, welche Hörnum von Föhr scheidet, und kurze Zeit nachher ankerte es in der Bucht am Buder, einem hohen Sandberge auf Hörnum. Fünf Männer stiegen aus demselben ans Land; zwei von ihnen trugen Gewehre, einer ein altmodisches Schlachtschwert und die übrigen tüchtige Knüppel. Alle waren breit und derb gebaut. Nur einer schien bejahrt und der Vater der übrigen zu sein; wenigstens hatten alle darin eine merkwürdige Ähnlichkeit mit einander, dass ihre Beine ungewöhnlich nach außen gebogen waren, und allen Andeutungen zufolge, die ich über ihre Abkunft einzuziehen Gelegenheit gehabt habe, gehörten sie zu jenem berühmten krummbeinigen Geschlechte, dessen Sprösslinge noch heutigentags auf den friesischen Inseln leben und sich als echte, rastlose Seefahrer auszeichnen.

Sie begaben sich längs dem kleinen Bache, durch welchen die Gewässer in Kressenjakobsdäl ihren Ausfluss ins Haff nehmen, in die Dünen hinein und setzten dann ihre Wanderung in nördlicher Richtung fort. Doch geschah es ohne viel Geräusch und so viel als möglich mit Vermeidung der Anhöhen, nach einem, wie es schien, früher besprochenen Plane, Die Gesellschaft hatte schweigend einige Täler durchschritten und stand eben im Begriff, eine niedrige, vom Sturme zerrissene Hügelreihe zu übersteigen, als der Vorderste das Stillschweigen brach, indem er die übrigen auf einen auffallend weißen Fleck unter dem grauen Abhange rechter Hand aufmerksam machte. „Eine Möwe, die ihr Frühlingsnest nicht verlassen mag,“ belehrte ihn der Nächstfolgende und suchte durch eine ungeduldige Bewegung mit der Hand den Vordermann wieder in Gang zu bringen. Doch ein zischender Laut, wie das unterdrückte Lachen eines sich Versteckenden, fesselte ihre Füße abermals an den wüsten, unheimlichen Platz, welcher der Aufenthaltsort eines sie beobachtenden Wesens zu sein schien. Mit vorgehaltenen Waffen drangen indes die Männer nach kurzer leiser Beratung auf ihrem Wege weiter fort, ohne sich in der öden Wildnis mit der Untersuchung des sie beunruhigenden Gegenstandes aufzuhalten.

Die Beklemmung, deren sich die sonst Beherzten bei dem unerklärlichen Auftritt nicht hatten erwehren können, war längst in einer Unterredung über den eigentlichen Zweck ihrer nächtlichen Reise untergegangen; als ein Geräusch im langen schilfartigen Gestrüpp vor ihnen sie abermals stehen machte. Die beiden Büchsenträger schlugen sogleich ihre Gewehre auf die Stelle an, wo der verborgene Feind zu sein schien; allein kaum waren ihre Schüsse gefallen, da gab ein schallendes Gelächter, von der entgegengesetzten Richtung her, den schlechten Erfolg derselben zu erkennen. Die Abenteurer sahen sich befremdet um; doch sie starrten in das graue Dunkel hinein, welches die öde Gegend umhüllte, ohne etwas Lebendiges zu gewahren. Es war, als ob der Dikjendälmann oder ein anderer Geist sich in die Täler Hörnums verirrt habe, um sie zu necken. Sie durchsuchten aufs sorgfältigste, jedoch nicht ohne Vorsicht, die ganze Umgegend, das Resultat aber war unbefriedigend. Freilich wollte einer von ihnen eine flüchtige, dunkle Menschengestalt auf einem der im Hintergrunde des Tales sich erhebenden Berge gesehen haben; allein das luftige Ding war schon verschwunden, ehe er Zeit bekam, es den andern zu zeigen: so dass er selbst in Zweifel zog, ob ihm nicht seine Phantasie einen Streich gespielt habe.

Endlich hatten sie wieder ein Tal zurückgelegt und wandten sich dann in westlicher Richtung durch eine enge Dünenschlucht dem Strande zu. Als die dunstige Fläche der Nordsee offen vor ihnen da lag, schlich der Anführer, nachdem er den andern einen Wink zu bleiben und sich ruhig zu verhalten gegeben hatte, allein weiter fort. Die düsteren Schatten der Dünen entzogen ihn bald den ihm nachspähenden Augen seiner Kameraden. Noch sahen diese unverwandten Blickes nach der Richtung, wo sie ihn zuletzt gewahrt hatten und lauschten seinen Tritten, wenn er wieder erscheinen würde; als plötzlich der Schatten eines Menschen über ihre Köpfe hinweg auf die vor ihnen liegenden Hügel fiel. Bestürzt sahen sie sich um; allein Mensch und Schatten waren verschwunden. Seitwärts huschte unterdes ein gebücktes Wesen schnell und leise über den dunkeln Hintergrund der Schlucht und entschlüpfte dann hinter einen schroffen Vorsprung. „Was war das?“ fragte betroffen einer den andern; allein keiner konnte genügende Antwort geben.

Tiefe Stille herrschte ringsum; nichts als das immer schwächere Getöse der mehr und mehr sich beruhigenden Wellen war zu vernehmen. Ein kalter Seewind strich leise über den kahlen Sand des Ufers, bewegte fünft die langen, dürren Gräser der Hügel und führte allmählich ein flockiges Wolkennetz vom westlichen Horizont über die einsame Halbinsel herauf. Der Mond goss vom östlichen Himmel seine bleichen Strahlen auf die romantisch wilde Gegend herab und wies den Wanderern in der Ferne längs dem Ufer die angetriebenen Schiffsgüter, deren Besitz sie hergelockt hatte; allein den Führer ließ er sie nirgends erspähen.

Lange warteten sie vergebens auf seine Rückkehr, und die Besorgnis über sein Wegbleiben veranlasste sie endlich, sich in zwei Parteien zu teilen, wovon die eine den Alten – so nannten sie den Vater oder Anführer – aufsuchen, die andere ihn an Ort und Stelle erwarten sollte. Indes, noch ehe sie diesen Vorsatz ausführten, erhob sich über den Kamm des vor ihnen liegenden Hügels ein dunkles Etwas, und gleich darauf malten sich fast über ihnen die Umrisse eines Menschen an dem grauen Himmel ab. Der Mann schien einen Augenblick gedankenvoll die Umgegend zu überblicken; dann winkte er der Gesellschaft mit der Hand, zu ihm zu kommen, und schritt darauf wieder leise fort, woher er gekommen war. Die Abenteurer zweifelten nun nicht, den Anführer vor sich zu sehen, und brachen auf, ihm zur eigentlichen Ausführung der nächtlichen Unternehmung, nämlich zur Wegnahme eines Teiles der kostbaren Strandgüter, zu folgen. Rasch und sicher, doch schweigend schritt dieser in einiger Entfernung voran, und die Kameraden eilten ihm so schnell und geräuschlos nach, als es der lange Dünenhalm und dessen noch längere Wurzelfasern, in denen sich ihre Füße nur zu leicht verwickelten, erlaubten.

Nach einem viertelstündigen Marsche längs den Dünen und zwar nordwärts bog der Anführer nach dem Meere hin, wies dann stillschweigend seinen Leuten einige Ballen zur Fortschaffung an, und diese luden das Bezeichnete in große Quersäcke und dann auf den Rücken. Nachdem auch der Anführer sich eine unbeträchtliche Bürde aufgeladen hatte, schritt er wieder eben so still, wie er gekommen war, nach den Dünen zurück und gab wiederum den andern ein Zeichen mit der Hand ihm zu folgen. Kaum hatte jedoch die Gesellschaft sich in Bewegung gesetzt und mit dem geraubten Gute die Dünen erreicht, als ein zweimaliger pfeifender Ton, gerade so, wie sie ihn von ihrem Anführer zu hören gewohnt waren, von dem Strande heraufklang. Sie blieben bestürzt stehen und sahen sich um; allein der Anführer vorne winkte dringlicher als zuvor und gab jetzt einen ähnlichen Ton, wie derjenige war, welchen sie eben hinter sich gehört hatten, von sich. „Sonderbar!“ dachten die Jünglinge und schickten sich an, weiter zu gehen; als abermals der rätselhafte Ton sich hinter ihnen vernehmen ließ. Zugleich sahen sie im grauen Dunst der Ferne einen Mann sich ihnen nähern. Der Gedanke – „Wir sind ertappt und werden verfolgt!“ – gewann indes Raum bei ihnen und jagte sie mit einer Schnelligkeit vorwärts, die ihnen wenig Zeit übrig ließ, Beobachtungen über den Weg, wohin der Alte sie führte, anstellen zu können.

Je weiter sie aber kamen, desto rauher und unebener wurde der Pfad, und desto mehr Vorsicht forderte er. Hier musste ein lockerer Sandberg erklettert, dort ein jäher Abhang hinab gestiegen werden. Die geraubte Bürde drückte je länger desto stärker. Der Verfolger war ihnen auf den Fersen und vervielfachte sich zu Dutzenden in der Einbildungskraft der gehetzten Abenteurer. Wenn der Anführer jedoch stand gehalten hätte, sie würden gerne einen Augenblick geweilt und selbst den wachsamen Strandwächtern die Spitze geboten haben, um nur ihren erschöpften Gliedern einige Erholung zu verschaffen; allein der Führer eilte rastlos vorwärts, pfiff lauter als zuvor und winkte ihnen beständig, ihm zu folgen. Keuchend und bis zum Umfallen müde, hatten sie eben die letzte hohe Düne überstiegen, als ein Lichtstreif des Mondes, von Westen mit dem Winde kommend, ihnen den Verfolger auf dem Gipfel der eben überstiegenen Düne zeigte. So wie der Streifen vorüberzog, und einen Hügel nach dem andern beglänzte, schienen ringsum die Höhen überall belebt zu werden, und ein Gebell von Hunden tönte seitwärts daher. Jetzt schien kein Entkommen mit dem teuren Raube mehr möglich. Allein größer noch als ihr Schrecken war, wurde das Befremden der Stranddiebe, als der Strahl des Mondes auf einige naheliegende Erhöhungen fiel, und sie in denselben – ein Dorf erkannten.

Ein Rudel großer, starker Hunde stürzte in diesem Augenblick von den Dünen herab und umringte klaffend und beißend die verzagenden Männer. Dann trat der Führer zu ihnen und – neues Wunder! – es war ein fremdes Gesicht, ein fremder Mann. Er gebot ihnen mit fester Stimme ihre Bürde abzuladen; dankte ihnen dann für ihre Mühe, ihm – dem Strandvogt von Rantum – einige Ballen Seidenwaren nach Hause getragen zu haben, warnte sie aber, sich je wieder auf Hörnum in der Absicht den Strand zu bestehlen, sehen zu lassen, und riet ihnen, aufs schnellste ihr Fahrzeug aufzusuchen und die Insel wieder zu verlassen, widrigenfalls er ihnen eine Begleitung – er zeigte auf die Hunde – mitgeben würde, wie sie sich keine wünschen möchten. Beschämt und ärgerlich taten die ungeübten Diebe, wie ihnen befohlen wurde; dann schlichen sie wie geprügelte Hunde knurrend und mit den Zähnen fletschend fort. Den wahren Anführer, welchen sie für einen verfolgenden Feind gehalten hatten, trafen sie auf der nächsten Düne, Die Lektion, mit der sie über ihr unbedachtsames Verhalten von ihm bewillkommnet wurden, dauerte bis zu ihrer Landung auf der heimatlichen Insel und hatte den guten Erfolg, ihnen für die Zukunft alle Lust zu ähnlichen Zügen zu benehmen.

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Man fragt sich tatsächlich, ob die Föhrer, Amrumer und Sylter sich einfach alle immer gegenseitig beraubt haben… Naja, ein paar werden auch brav Schafe gezüchtet und gefischt haben. Oder?

 
Textquelle: Sagen und Erzählungen der Sylter Friesen mit Beschreibung und Karte der Insel Sylt von Christian Peter Hansen. Dritte Auflage. Bearbeitet von Christian Jensen. Garding 1895, S. 126-132.
Bildquelle: Peinlicherweise finde ich die doch nicht mehr – aber das elegante rote Sternchen ist von mir :/

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