21.2 Das Bröddehooggespenst auf Sylt

Wir bleiben noch ein bißchen auf den nordfriesischen Inseln, genauer sagt auf dem von Geistern heimgesuchten Sylt.

Oh, und damit sich die nachfolgende Sage auch wie eine solche liest, habe ich Herrn Hansens eingearbeitete Anmerkungen vorsichtig extrahiert. Sein Punkt ist folgender: Am nördlichen Zipfel Sylts gibt es als höchsten Punkt der Gegend zwischen Kampen und Braderup einen Hügel mit dem klingenden Namen Bröddehoog (Brütehügel), um den sich Geschichten um ein spukendes Wesen ranken. Herr Hansens muss zugeben, dass er nix dazu gefunden hat, außer die folgende Sage, die uns aber ja völlig reicht. Lest selbst…

Das Bröddehooggespenst
(Eine Norddörfer Sage)

In alten Zeiten gab es hier auf dem Lande Sylt sehr reiche Leute. Einer der Bewohner dieser altfriesischen Berg- oder Nordwestharde hatte sich vorzugsweise große Schätze gesammelt, aber auf eine sehr gottlose Weise. Er hatte nämlich in vielen Jahren Seeräuberei und betrügerischen Seehandel getrieben und war endlich mit seinem erbeuteten Gelde glücklich heimgekehrt. Wie alle diejenigen, welche sich durch ungerechtes Gut bereichert haben, war er misstrauisch gegen jedermann und suchte daher seine Schätze möglichst den Augen seiner Landsleute zu entziehen.

Er entdeckte inmitten der düstern Heide, welche die drei Norddörfer der Insel Sylt umgibt, auf dem erwähnten, aber hier noch namenlosen Hügel einen günstigen Ort, seinen Reichtum zu verbergen. Denn als er eines Tages den Hügel ersteigen wollte, stieß sein Fuß zufällig an einen großen platten Stein; dieser rollte zur Seite hinunter, und eine bedeutende Öffnung tat sich vor ihm auf. Er kroch hinein, sah sich um und fand einen irdenen Topf nebst einiger Asche, einigen halbverbrannten Knochen und einem zweischneidigen Dolch in der Höhle. Übrigens war das altertümliche Totengewölbe ungewöhnlich geräumig, und er beschloss sogleich, seine Schätze hier in Sicherheit zu bringen. Er führte seinen Vorsatz in einer finstern Nacht aus; verschloss alsdann die Öffnung mit dem Steine und ging wieder fort.

Doch die Sorge für sein Geld ließ den Geizigen auch jetzt keine Ruhe finden. Jede Nacht schlich er heimlich wieder nach seiner Schatzkammer, saß hier stundenlang auf seinen Geldkisten und brütete über die Art, wie er seinen Reichtum noch fortwährend vermehren könnte. Endlich kam er auf den Gedanken, in der Goldmachern und Falschmünzerei sich zu versuchen und durch Verfertigung unechter Putzsachen und anderer betrügerischer Gegenstände seine Güter zu vervielfältigen. Er arbeitete von der Zeit an jede Nacht in seiner verborgenen Höhle, am Tage war er bei den Seinigen und ruhte aus. Schon damals sprach mancher nächtlicher Wanderer davon, dass es an jenem Hügel nicht richtig sei, indem er in demselben hämmern und lärmen gehört und einer sogar Rauch und Feuer in demselben bemerkt haben wollte; allein das damalige Zeitalter ließ den Gedanken an eine Untersuchung solcher nächtlichen Erscheinungen gar nicht aufkommen, und alles wurde den unterirdischen Zwergen, die ebenfalls in den Grabhügeln hausen sollten, zur Last gelegt.

Als seine beiden Söhne heranwuchsen, wusste er nichts besseres hinsichtlich ihrer Erziehung zu tun, als dass er sie frühzeitig nach seiner geheimen Werkstätte führte, ihnen seine Schätze zeigte, sie deren Besitz als das einzige Glück kennen lehrte, und sie anleitete, seine Lebensweise dereinst fortsetzen zu können. Schon begannen die Söhne an diesem nächtlichen, abenteuerlichen Brüten auf den Goldeiern – wie es der Vater nannte – Vergnügen zu finden. Schon begaben sie sich bisweilen auch ohne den Vater nach dem geheimnisvollen Orte, wenn ringsum die Nacht ihre schwarzen Fittiche über das stille Eiland ausgebreitet hatte, als ein unerwarteter Umstand der Erziehung und dem ganzen Glücksgebäude ein denselben würdiges Ende machte.

Einst in einer finstern Sturmnacht waren die Söhne nämlich nach dem Goldkeller gegangen, den verborgenen Schatz zu bewachen. Ihre Rückkehr verzögerte sich jedoch diesmal ungewöhnlich lange. Es begann bereits der Morgen im Osten zu dämmern, und noch immer erschienen sie nicht. Da konnte der Vater seine Sorge und Ungeduld nicht länger zügeln. Er begab sich nach der unterirdischen Behausung; doch – wer malt seinen Schrecken! – der Hügel war eingestürzt, seine Söhne waren lebendig begraben; die Werkstatte war zerstört; die Schätze waren verschwunden. In der Verzweiflung über das Unglück, welches er seinen eigenen Kindern bereitet hatte, und über den Verlust seines Reichtums verlor der alte Bösewicht den Verstand und endigte durch Selbstmord sein verfehltes, nutzloses Leben.

Doch auch im Grabe hatte er keine Ruhe, Es zog ihn immer wieder hin zu dem Hügel, zu seinen Kindern und seinen Schätzen, und fortwährend umschwebte die alte Grabesstätte und Geldkammer ein wunderbares Etwas, dass sich bald durch ein leises Seufzen oder Stöhnen, bald durch ein unbestimmtes Nebelgebilde, bald endlich als bleichen, bekümmerten Greis bemerkbar machen solle, wie die Sage erzählt.

*******

Treffend schlussfolgert Herr Hansen, dass der Name Bröddehoog oder Brütehügel für diesen Hügel mit seinem „noch immer über den verborgenen Schätzen brütenden Gespenste“ mehr als einleuchtet.

Da sich die Zeiten aber geändert haben, habe sich 1844 eine Gruppe von etwa 40 Leute gefunden, die im Bröddehoog das Unterste zu oberst kehren wollten, um dem Spuk auf den Grund zu gehen. Gefunden habe man einen kleinen Raum mit drei Urnen und einen größeren Raum mit einer weiteren Urne sowie ein Schwert. – Herrn Hansen zufolge haben diese Funde wesentlich dazu beigetragen, „den Aberglauben und das abergläubische Gerede auf Sylt zu vermindern.“ Wobei ich mich frage, warum? Denn das passt doch alles astrein. Machst du aus zwei Söhnen drei (was in einer Sage eh besser klingt) und zack! Zumal ja klar ist, dass schon der Seeräuber über ein Hünengrab stolpert.

 

Textquelle: Sagen und Erzählungen der Sylter Friesen mit Beschreibung und Karte der Insel Sylt von Christian Peter Hansen. Dritte Auflage. Bearbeitet von Christian Jensen. Garding 1895, S. 57-61.
Bildquelle: Das heute zu besichtigende Hünengrab von Denghoog auf Sylt und sein Innenraum

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