21.1 Die friesischen Riesen im Kampfe mit den Dänen – oder: Friesische Sagen

Nachdem es mich in den letzten Wochen in allen Herren (und Damen) Länder gezogen hat und euch daher gleich mit, kehre ich diese Woche mal wieder in heimische Gefilde zurück. Und zwar in eine Ecke derselben, von der wiederum eine winzige Ecke für mich ein bißchen so etwas wie meine zweite Heimat ist. Auf geht es also nach Friesland – Nord und Ost – und dabei darf natürlich ein Schlenker zu meinem geliebten Föhr nicht fehlen.

Los geht es mit einer Sage, die eine der wichtigen historischen Phasen der nordfriesischen Inseln und eine ihrer illustren historischen Persönlichkeiten aufgreift. Aber lest selbst…

Die friesischen Riesen im Kampfe mit den Dänen

Einst in alter Zeit (1350) kam die schwarze Pest nach Sylt. Die Leute bekamen Niesen und Brechen, wurden schwarz inwendig und starben wie die Fliegen. In Archsum starben sie alle, in Morsum blieben nur elf Leute übrig, in den Norddörfern nur ein alter Mann und ein kleines Kind in Wenningstedt und in Eidum nur drei Familien. In Keitum wurden die Leichen bei Haufen hinuntergestürzt in ein großes Loch in der Nordost-Ecke auf dem Kirchhofe. Allein nach Rantum und auf Hörnum kam die Krankheit nicht. – Einige Jahre später kamen schrecklich hohe Fluten (1354 und 1362). Die Deiche brachen alle durch, die Eilande rissen immer mehr von einander und es kamen wieder viele Menschen um. Steidum und das alte Wenningstedt gingen durch die hohen Wasser ganz und gar zu Grunde und auf List ertranken alle Leute bis auf Jens Lüng und seine Frau Merret. – Als die Rantumer sahen, dass sie beinahe allein nachgeblieben waren auf Sylt, da zogen ab und zu einige von ihnen nach den leeren Dörfern und Häusern, um da zu wohnen und das Land, welches dazu gehörte, zu gebrauchen; allein es blieb außerdem seit der Zeit viel altes Ackerland auf Sylt wüst liegen, das nimmer wieder aufgebrochen ist.

Unterdessen kamen auch um diese Zeit von dem Festlande und von andern Inseln viele Leute nach Sylt, um da zu wohnen und dieses Land wieder anzubauen. Unter andern kam auch ein dänischer General (Waldemar Zappy), der die Wiedinger (1359) geschlagen hatte, nach Sylt, um dieses Land einzunehmen für den König von Dänemark (Waldemar Atterdag). Aber es scheint, dass er nur das östliche Ende von Sylt bekommen habe, denn er baute sich eine Burg im folgenden Jahre in Archsum und zog bald wieder weg.

Die Rantumer und die andern Sylter Riesen, die noch übrig waren, hielten beständig Wache auf dem Turm bei Keitum, welchen Tipken gebaut hatte, und passten auf, dass die Dänen nicht näher kämen.* Es hieß sogar, dass sie um diese Zeit etwas höher auf dem Keitum-Kliff eine Burg angelegt hätten, welche Breiteburg genannt worden ist. Aber gewisser ist es, dass sie auf einer Ecke im Südost von Rantum eine Burg bauten, die später die Ratsburg genannt wurde, denn die Rantumer Kämpfer wollten zu der Zeit das Raten (Regieren) tun für ganz Sylt.



Es war einer unter ihnen, der war ein gewaltiger Kerl, der war klüger als sie allzumal. Er wusste sie am Ende allesamt zu bezwingen und wollte regieren über ganz Sylt, über Föhr und Amrum. Sein Name war Claas Lembke oder Claes Limbek. Er baute sich eine große Burg in Tinnum, die noch steht und auch eine auf Föhr, die ebenfalls noch zu sehen ist. Die Sylter und Westerland-Föhrer mussten ihm sogar Schatzung bezahlen. Er besetzte mit seinen Kämpfern alle Burgen auf Sylt und Föhr, aber er tat überall mit seinen riesigen Kriegern auch groß Unrecht und Gewalt. Hans Kielholt erzählte: „Wenn die Riesen vernommen hatten, dass ein Bauer hingegangen war, um eine Schuld einzufordern, dann hätten sie sich heimlich bei dem Wege versteckt und hätten ihn mit ihren Pfeilen tot geschossen oder mit ihren Knüppeln tot geschlagen und ihm sein Geld genommen.“ Claas Lembke konnte nie genug bekommen. Er ging nach dem Festlande, heiratete dort eine reiche Witwe auf dem Schlosse Törning bei Hadersleben und erhielt mit ihr große Ländereien sogar in Jütland.**

Aber nun sollte er dem dänischen König (Waldemar) gehorchen und ihm sogar schwören. Dazu hatte Claas keine Lust, er sagte: „Ich schwöre, dass ich dem Könige von Dänemark – nimmer treu sein will!“ Der König hatte dieses wohl verstanden und wurde böse auf ihn, aber ließ ihn doch nichts merken. Er lud ihn sogar einst zu Gaste auf sein Schloß zu Wordingburg auf Seeland. Als Claas Lembke nach Seeland kam, da hörte er einen Knaben singen: „Lass den Eber nur kommen, das Wasser ist schon warm, um ihn zu brühen.“ Claas dachte: Das gilt mir, kehrte sogleich wieder um und kam dem Könige nicht nahe.
Von der Zeit an war der König noch zorniger auf Claas Lembke und trachtete ihm nach dem Leben, wo er konnte. Einst wurde die Tochter des Königs (Margaretha?) krank und es war niemand in ganz Dänemark, der sie wieder gesund machen konnte. Zuletzt bekam der König zu hören, dass unter den Riesen auf Sylt ein kunstreicher Doktor sei, der ihr wohl helfen könne. Er sandte Boten zu dem Sylter Doktor und versprach ihm, wenn er des Königs Tochter rette, eine große Summe Geldes. Der Sylter Doktor reiste nun hin und machte dem Könige die Tochter gesund. Er bekam viel Geld dafür und wurde so traktiert, dass er ganz betrunken wurde. In der Trunkenheit erzählte er dem Könige, welcher ihm nachfragte, wegen des Eilandes Sylt, alles was er wusste. Das verursachte den König, dass er beschloss, seine besten Kriegsleute (mit Rüstung und Gewehr und mit Harnisch bekleidet – wie Kielholt schrieb) nach Sylt und nach Friesland zu senden, das ganze Land einzunehmen und Claas Lembke zu züchtigen.

Die Kriegsleute des Königs hatten sich in zwei Haufen geteilt. Der eine Haufen sollte von Westen zu Schiffe, der andere von Osten zu Fuße nach Sylt kommen, um dann von zwei Seiten zugleich die Riesen anzugreifen und so viel gewisser zu überwinden. Allein die Kriegsleute kamen nicht zugleich an auf Sylt. Die von Osten kamen früher. Sobald die Sylter diese sahen, gingen sie ihnen entgegen und schlugen dieselben bald in die Flucht. Aber unterdessen waren die von Westen auch gekommen und säumten nicht, die Riesen von hinten anzufallen. Es kam nun zu einer fürchterlichen Schlacht im Nordost der Tinnumburg auf dem Lande, welches seit der Zeit (1374) „Königskamp“ heißt. – Es scheint, als wenn die Sylter sich hier vielleicht in der Hast verschanzt hätten, denn es ist noch eine breite Niederung wie ein großer Graben rings um das Land, welches Königskamp heißt. Die Niederung heißt ‚Tinnumkiar‘ und ‚Kuaskgrop‘, war in früherer Zeit gewöhnlich voll Wasser, aber ist jetzt fast ganz ausgetrocknet. – Zuletzt, als bereits viele von beiden Seiten in der Schlacht gefallen waren, konnten die Riesen sich nicht länger wehren. Sie mussten sich fangen und binden lassen, sie wurden in der Hast in den Wachtturm zu Keitum eingesteckt und mit 200 von des Königs besten Kriegsleuten verwahrt.

Nun wurde bei dem Könige, der unterdessen mit einer anderen Armee nach Föhr gegangen war, um Claas Lembke dort selber in seiner Burg zu überwinden, vorgefragt, was mit den Gefangenen getan werden solle. Der König urteilte, man solle ihnen nach ihrem Verdienst und Recht mit dem Schwert die Köpfe abschlagen und sie auf dem wüsten Felde begraben. Darauf kam der Bevollmächtigte des Königs mit dem Scharfrichter nach Sylt, um die Sylter Kämpfer, die gefangen saßen und 120 an der Zahl waren, hinzurichten. Sie wurden allesamt erst betrunken gemacht mit Wein, so sehr, dass der eine sang, während der andere geköpft wurde, bis auf die zwei letzten, diese wollten nicht singen, weil ihre Sterbestunde gekommen war. – Ihre Leichen wurden alle an einer Stelle auf der Heide im Norden der Thinghügel begraben. Diese Stelle ist noch bekannt und zu sehen, wird die ‚langen Gräber‘ genannt, und macht zusammen einen großen viereckigen Börd (‚Riesenbett‘) aus, welcher 162 Fuß lang, 54 Fuß breit und 6 bis 7 Fuß hoch ist, und so wie die übrigen Börder in Ost und West gekehrt (gedehnt) ist.

Der König Waldemar war inzwischen noch auf Föhr und belagerte Claas Lembke in seiner Burg. Allein Claas war ihm zu klug. Als die Kämpfer in der Burg nur eine Kuh mehr übrig hatten zu schlachten, da behingen sie, um die Dänen zu täuschen über ihre Vorräte, die Kuh jeden Tag mit einem andern Fell von einer der Kühe, die sie schon verzehrt hatten. Aber es half nichts, der König mit seinem Volke lagen immer rings um die Burg, schossen mit ihren Pfeilen auf die Burg und nach den Friesen, und hofften, Claas mit seinen Riesen sollten Hungers sterben oder sich übergeben an die Dänen. Zuletzt als alles, was gegessen werden konnte, in der Burg verzehrt war, betrog dennoch Claas den König. Er floh bei dunkler Nacht in einem Boote längs dem Siel (Bache), welcher damals von der Burg nordostwärts hinaus nach dem Haff führte, kam glücklich weg und der König nahm endlich ein leeres Nest ein.

Jedoch die anderen Sylter und Föhrer mussten nun eine große Steuer an den König bezahlen, verloren ihre alten Rechte und Freiheiten und mussten stets dem Könige gehorchen, mochten sie wollen oder nicht. — Als der König (Waldemar) gestorben war (1375), kamen die Friesen nicht lange nachher unter die holsteinischen Grafen und erhielten ihre alten Rechte und Freiheiten größtenteils wieder. – Dieser Zustand wurde wieder verändert, als der König (Christian I.) von Dänemark auch Herzog von Schleswig und Graf von Holstein geworden war (1460). Er ließ die Friesen viele von ihren Rechten behalten, aber er setzte doch Vögte über sie, um Schatzung von ihnen zu heben und aufzupassen, dass sie nicht übermütig würden.

* Wie Herr Hansen erklärt: „Die Archsumburg wurde gebaut fast auf das westliche Ende der östlichen höhern Landstriche auf Sylt. Der Tipkenturm aber auf der Südostspitze der westlichen und nördlichen Landhöhe der Insel, gleichsam der Archsumburg gegenüber. Zwischen Archsum und Keitum waren nur Gewässer und Sumpfland.
** Herr Hansen zu Herrn Lembeck: „Einige meinen, Claes Limbek, der auch Nicolaus Lehmbeck genannt wurde, wäre ein holsteinischer Edelmann gewesen, allein das ist nicht meine Meinung. Ich glaube (nach vielen Forschungen), dass er ein Sylter oder ein Föhrer gewesen ist.“ – Föhrer! Ich bin für Föhrer!

*******

Nicht nur die von Christian Peter Hansen schon in den Text gepackten Jahreszahlen und Erklärungen machen deutlich, dass es sich hierbei in vielerlei Hinsicht um eine historische Erzählung handelt. Pest, Sturmfluten und der Lembeck – eine Geschichtsstunde als Sage. 😀

Die erwähnte Lembecksburg ist übrigens nicht nur zu Herrn Hansens Zeit – inzwischen ja auch schon wieder 100 Jahre her – noch zu sehen gewesen, sondern die gibt es noch heute in der Nähe des Föhrer Örtchens Borgsum. Die Borgsumer heute erzählen die Geschichte dann auch doch etwas anders ( noch mal auf Wiki). Was mich persönlich immer am meisten an der Lembecksburg beeindruckt hat – abgesehen davon, dass mein kindliches Ich unfähig war, das Ding auch nur einmal ohne Verfahren zu finden – ist wie wenig sie mich beeindruckt hat. Nee, ehrlich. Burg. Da denkt man an König Artus und die Nibelungen und stellt sich Riesenmonsterdinger an, wie man sie aus diversen Filmen kennt. Und dann ist der Ringwall, der von der Lembecksburg übrig geblieben ist, so klein, das nach heutigem Gefühl gerade mal ein Einfamilienhaus mit nettem Garten reinpassen würde. Das hilft dann doch, von den Hollywoodschen wieder auf realistische Maße runterzukommen. ;D

 

Textquelle: Friesische Sagen und Erzählungen von Christian Peter Hansen. Altona 1858, S. 182-188.
Bildquelle:

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4 Gedanken zu „21.1 Die friesischen Riesen im Kampfe mit den Dänen – oder: Friesische Sagen

  1. nike

    ich mach mich gerade ans lesen der friesischen märchen und sehe, daß du von deinem heiß geliebten föhr schreibst… meine großeltern haben auf amrum gewohnt und wir waren als kinder immer in den ferien dort! wunderschönes fleckchen erde! am kniep, da bin ich glücklich. immer!

    Antwort
  2. berlinickerin Autor

    Ja Mensch, hätte ich von den Amrumer Großeltern gewusst, hätte ich natürlich verstärkt nach Amrumer Märchen geguckt. Auf der anderen Seite – all diese Geister, Seeräuber und oh, die anscheinend verheerend sexy Hexen. Na, du wirst ja noch merken…
    Und hach ja, Klein-Föhr. Auf Amrum war ich nur mal einen Tag, aber das war mir fast ein bißchen zu schön. 😀

    Antwort
    1. berlinickerin Autor

      Ja, Mensch. Da habe ich doch meinen Weg ein paar wenige Wöchelchen zu spät zu WordPress gefunden. Und hach. Schon fast zu schön ist halt eben sehr schön. jetzt habe ich Nordsee-Weh…

      Antwort

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