20.6 Wie die Hasen zu ihrer Hasenscharte gekommen sind – die mongolische Erklärung

Wie versprochen gibt es heute ein ätiologisches Tiermärchen, dass ein bisschen erklärt, wie aus den schüchternen Hasen in manchen Tiermärchen die selbstbewussten, ja arroganten Hasen in anderen werden konnten. Die Mongolen wissen eben Bescheid. ;D Aber lest selbst…

Wie die Hasen zu ihrer Hasenscharte gekommen sind

In viel, viel früheren Zeiten rief eines Tages der Älteste der Hasen alle seine Brüder in der mongolischen Steppe zusammen und sagte: „Auf der ganzen weiten Welt gibt es kein Lebewesen, das nicht weiß, wie man einem Feind einen Schrecken einjagt oder wie man sich verteidigt. Wir sind doch wirklich die armseligsten Tierchen. Wenn nur die Blätter an den Bäumen im Wind ein wenig rascheln, rutschen uns schon die Herzchen in die Pelzhosen. Brüder, es ist wohl besser, wenn wir uns im kleinen See ertränken, als dass wir so weiterleben und vor allem und jeden Angst haben.“

Die anderen Hasen stimmten dem Ältesten zu und so machten sie sich alle zusammen – ängstlich und traurig – auf den Weg. Als sie schon das Ufer des Sees sehen konnten, begegneten sie einer Elster.

„Was ist denn los, meine lieben Hase?“ fragte sie. Als die Hasen nicht antworteten, versuchte sie es noch einmal. „Warum seid ihr denn so traurig? Ist etwas geschehen?“

„Kein einziges Lebewesen in der ganzen weiten Welt hat auch nur ein kleines Bisschen Angst vor uns, während wir armselige Tierchen uns vor allem und jeden fürchten. So ist es wohl besser, wir gehen und ertränken uns, als dass wir so weiterleben,“ antwortete der Hasenälteste schließlich mit einem großen Seufzer.

„Oh! Was habt ihr euch denn da für einen Unsinn eingeredet,“ erwiderte die Elster. Und dann sagte sie entschlossen: „Versteckt euch dort hinter den Büschen. Ein Hirtenjunge wird mit seinen Schafen kommen, damit die am See trinken können. Wenn die Schafe gerade an euch vorbeilaufen, müsst ihr hinter den Büschen hervorspringen und wild in alle Richtungen durcheinander rennen. Ihr werdet schon sehen, was dann geschieht.“

Die Elster flog davon und die Hasen versteckten sich brav hinter den Büschen. Kaum hatten sie auch noch das letzte Ohr eingezogen, kam – wie angekündigt – der Hirtenjunge, um seine Schafe am See zu tränken. Als die Schafe an ihnen vorbeizuckelten, sprangen die Hasen plötzlich hervor und rasten mit riesig hohen Sätzen mitten durch die Herde. Aber wie sie sich umschauten, was sahen sie da? In wilder Panik rannten die Schafe davon, während der Hirtenjunge mit knallender Peitsche verzweifelt versuchte, seine Herde beisammen zu halten.

Die Hasen waren so überrascht und so glücklich, dass es ihnen tatsächlich gelungen war, eine ganze Herde Schafe in die Flucht zu schlagen, dass sie auf ihren Hinterbeinen hocken blieben und lachten und lachten und lachten. Sie lachten so laut und so lange, dass ihnen schließlich die Oberlippen einrissen. Und so sind die Hasen zu ihrer Hasenscharte gekommen, die sie bis heute als Erinnerung haben, dass sie auch anderen Tieren Angst einjagen können.

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Reizend oder? Und ich stelle doch wieder fest, so richtig selbst in meinen Worten zu erzählen, macht doch auch Spaß.

 

Textquelle: Erzählt nach der eigenen Übersetzung von How the hare got his lip. In: How Did The Great Bear Originate? Folktales from Mongolia. Ulaanbaatar 1988, S. 35f.
Bildquelle: Ein junger Feldhase von Albrecht Dürer (1471-1528)

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