20.4 Der böse Hase – in Afrika

Wir machen weiter mit dem Kontinentehüpfen und kommen also heute auf unserer Märchenweltreise nach Afrika. Der Titel ist heute Programm, aber lest selbst…

Der böse Hase

Es war einmal ein Hase, der sah einen toten Elefanten; er öffnete ihm den Bauch, nahm die Eingeweide heraus und wusch sie. Dann sah er einen Baum und machte sich daraus einen großen Stock.

Darauf sah er ein Zebra, das Junge hatte, und sprach: „Ei, diese Jungen des Zebra sind gut zum Töten.“ Das Zebra erwiderte: „O, Hase, diese meine Kinder möchtest du töten?“ Darauf sagte der Hase: „Jawohl,“ und er nahm seinen Stock und schlug damit ein Junges, dass es starb. Der Hase floh, das Zebra verfolgte ihn. Er kroch in den Bauch des Elefanten und rief mit starker Stimme: „Wer da? Wer da?“ Das Zebra antwortete: „Ich bin es, ich laufe dem Hasen nach, der mir mein Kleines getötet hat.“ Da rief der Hase wiederum mit starker Stimme: „Geht weg! Ihr könnt später streiten.“ Das Zebra ging weg.

Der Hase kam heraus, sah einen Leoparden mit seinen Jungen und sprach: „Ho! Ho! Ho! Diese Jungen des Leoparden sind gut zum Töten.“ Der Leopard erwiderte: „Hase, du möchtest diese meine Kinder umbringen?“ Der Hase antwortete: „Wer wird mir das verbieten?“ Der Leopard erwiderte: „Nun, bringe sie um, wir wollen sehen.“ Der Hase schlug ein Junges nieder, lief davon und flüchtete sich in den Bauch des Elefanten. Dann rief er mit starker Stimme: „Wer da?“ Der Leopard antwortete: „Ich bin es, ich laufe dem Hasen nach, der mir mein Kind ermordet hat.““ Der Hase schrie mit starker Stimme: „Ihr werdet später mit uns streiten können.“ Der Leopard ging also weiter.

Der Hase kam heraus, schaute umher und sah, dass der Leopard fort war. Da ging er weiter und sah eine Löwin, die Junge hatte. Er sprach nun: „Es ist mein inniger Wunsch, die Jungen des Herrschers zu töten.“ Die Löwin sprach: „Du! Weißt du vielleicht, wessen Kinder das sind?“ Der Hase erwiderte: „Ich sehe die Kinder Ew. Gnaden.“ Darauf sagte die Löwin: „Nun, wollen sehen, töte meine Kleinen!“ Der Hase sprach: „Jawohl!“ Und er packte seinen Stock und fügte noch hinzu: „Gebt mir dieses große, damit ich es umbringe.“ Die Löwin erwiderte: „Potztausend, Hase! Willst du wirklich diese meine Kleinen umbringen?“ Der antwortete: „Jawohl, sagt bloß: töten!“ Die Löwin sprach: „Diese da?“ Der Hase tötete eins von ihnen und floh.

Die Löwin verfolgte den Hasen und verfolgte ihn mit aller Kraft. Der Hase lief in den Bauch des Elefanten und rief mit starker Stimme: „Wer da?“ „Ich bin’s, mein Herr!“ antwortete die Löwin. „Ich verfolge den Hasen, der mein Kind umgebracht hat.“ Der Hase erwiderte: „Geh weg, du kannst später streiten.“ Und die Löwin ging weiter.

Der Hase kam heraus und auf seinem weitern Wege sah er ein Mäuschen, das Junge hatte. Da sprach er: „Oh, die Jungen der Maus wollen wir umbringen.“ Die Maus antwortete: „Diese da? – Ich habe vom Zebra gehört, dass der Hase sich auf den Straßen herumtreibt und alle Kleinen, die er trifft, samt den Müttern umbringt.“ Der Hase antwortete: „Ich bin es. Mein Ruhm erschallt hier überall auf den Straßen.“ Die Maus erwiderte: „Nun also willst du diese meine Kleinen töten?“ „Ich habe einen jungen Löwen umgebracht,“ sagte der Hase, „und ich soll nicht drei von deinen winzigen Kleinen erwürgen können? Ich würde kaum merken, dass ich sie erwürgt habe. Es bedeutet mehr, einen einzigen jungen Löwen zu töten, als alle deine Kleinen mit dir, ihrer Mutter.“ Die Maus sprach: „Versuche es mit einem, dann wollen wir sehen.“ Da erwürgte der Hase acht kleine Mäuschen und ergriff die Flucht.

Die Maus verfolgte ihn und kroch hinter ihm in den Bauch des Elefanten. Da schlüpfte der Hase hinaus; die Maus folgte nach. Der Hase kroch wieder hinein; die Maus tat dasselbe hinter ihm her. Schließlich wurde der Hase müde, aber nicht die Maus. Sie packte ihn, nahm ihm den Stock und schlug ihn damit zu Tode, so dass der Hase starb.

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Nix niedlich und putzig, was? Aber so ein knallharter Psychohase ist auch gar nicht so selten. In Tibet kommt der gelegentlich ähnlich daher (und zwar neben Tiermärchen mit einem durchaus netten Hasen), aber da finde ich die Texte irgendwie nicht mehr. Wer weiß, wo ich die nach meiner Magisterarbeit verbuddelt habe.

 

Textquelle: Afrikanische Märchen. Herausgegeben von Carl Meinhof. 6.-15. Tausend. Jena: Eugen Diederichs 1921, S. 98-100.
Bildquelle: Eigener Scan aus dem Buch.

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