20.3 Der Löwe und der Hase – aus dem indischen Pantschatantra

Wir bleiben beim Thema des erzwungen…naja, wehrhaften Hasens, springen aber direkt nach Indien ins Pantschatantra. Mehr zu dieser altindischen Fabelsammlung habe ich euch ja schon hier erzählt. Wer da also noch mal nachschauen möchte… Sonst lest los! 😀

Der Löwe und der Hase

In der Mitte eines Waldes lebte ein Löwe, Namens Bhasuraka*. Dieser nun brachte infolge seiner übermäßigen Stärke ohne Unterbrechung viele Gazellen, Hasen und andere Tiere um. Da versammelten sich eines Tages alle Geschöpfe des Waldes: Gazellen, Eber, Büffel, Gayal, Hasen und so weiter, gingen zu ihm und sagten: „O Herr! Wozu diese unnütze Ermordung alles Wildes, da ja schon ein Tier genügt, dich zu sättigen? Schließe deswegen mit uns eine Übereinkunft: Von heute an magst du hier ruhig sitzen bleiben und jeden Tag soll nach der Reihenfolge der Geschöpfe ein Tier zu dir kommen, um sich von dir fressen zu lassen. Auf diese Weise wird dir doch dein Lebensunterhalt ohne Anstrengung zu Teil, und wir andrerseits werden nicht ausgerottet. Das ist Königsrecht und demgemäß möge gehandelt werden. Man sagt auch:

„Wer seine Herrschaft allmählich genießet, wenn sie Früchte bringt, wie der Weise den Allheiltrank, dem wird höchstes Gedeih’n zu Teil.
Selbst rauher Boden und Holzscheite, wenn nach Vorschrift mit Segensspruch beweget, geben: der Früchte, diese den Opferspeisenden.
Wer gut des Untertans waltet, vermehret seines Himmels Schatz; doch Tyrannei zerstört Tugend, führet Sünde und Schimpf herbei.
Gleichwie der Kuhhirt durch Weide mählich Milch von den Kühen zieht, so ziemt sich, mählich durch Hüten Geld von dem Untertan zu zieh’n.
Der Fürst, der seine Schützlinge aus Torheit mordet, Ziegen gleich, der wird nur einmal sich freuen, doch nimmermehr zum zweiten mal.
Ein König, der nach Frucht strebet, Pflege der Welten eifervoll mit Spende, Ehre, wie Gärtner mit Wasser ihrer Schößlinge.
Der Fürst gleicht einer Lampe; wie diese das Öl, so zieht er den Reichtum von seinen Untertanen an sich, ohne dass es dort wegen der leuchtenden in der Lampe befindlichen Fäden des Dochtes, hier wegen der glänzenden innern Eigenschaften des Königs von irgendjemand bemerkt wird.
Wie man Kühe zur rechten Zeit melkt, so warte man des Untertans; der Strauch, der Blüten und Frucht trägt, wird begossen und wohlgehegt.
Gleichwie ein zarter Baumschößling, wenn er mit Sorgfalt wird gepflegt, Früchte zu seiner Zeit spendet, so die Welt auch, wenn gut regiert.
Gold, Getreide und Juwelen, Ross und Wagen mancher Art und so auch, was sie sonst haben, kommt den Fürsten vom Untertan.
Fürsten, welche der Welt wohltun, nehmen immer an Segen zu; wenn sie die Welt zu Grund richten, so geh’n sie sicher selbst zu Grund.“

Als Bhasuraka diese ihre Rede gehört hatte, sagte er: ,,Ah! Was ihr sagt, ist wahr. Aber wenn, während ich hier sitze, nicht immer ein Tier zu mir kommt, dann werde ich sicherlich euch alle zusammen fressen.“ Darauf gaben sie mit den Worten: „So sei es!“ ihr Versprechen und schweiften nun, frei von Gefahr, furchtlos in diesem Walde umher. Jeden Tag kam aber, der Reihenfolge gemäß, ein Tier zu ihm. Ein altes, oder eines, welches allem Irdischen entsagt hatte, oder ein von Kummer verzehrtes, oder eines, welches den Verlust von Frau und Kindern fürchtete, stellte sich aus ihrer Mitte um Mittagszeit bei ihm ein, um ihm zur Speise zu dienen.

So kam denn einst, gemäß der Ordnung der Geschöpfe, die Reihe an den Hasen, und, so wenig es ihm gefiel, wurde er doch von allem Wild fortgeschickt. Indem er nun so langsam als möglich ging, überschritt er die bestimmte Zeit und mit angstvollem Herzen nach einem Mittel suchend, um dem Tod durch jenen zu entgeh’n, kam er erst gegen Ende des Tages an. Der Löwe aber, dessen Kehle infolge der Überschreitung der bestimmten Zeit von Hunger abgezehrt war, war voll Zorn, beleckte ringsum die Winkel seines Rachens und dachte: „Aha! Morgen muss ich alle Geschöpfe im Wald ausrotten!“ Indem er so dachte, kam das Häschen Schrittchen vor Schrittchen anmarschiert, verbeugte sich und stellte sich ihm gegenüber.

Als nun der Löwe sah, dass dieses sonst so leichtfüßige Geschöpf so spät erst herangekommen war, wurde er ganz von Zorn entflammt und sprach drohend: „Ha! Du lumpiges Häschen! Du gerade, sonst der Leichtfüßigste, kommst lange nach der festgesetzten Zeit! Wegen dieses Verbrechens werde ich, nachdem ich dich getötet, morgen alle Tiere zusammen ausrotten.“ Darauf sprach das Häschen demütig, nachdem es sich verneigt: ,,O Herr! Es ist hier weder von meiner Seite noch von Seiten der übrigen Tiere etwas versehen. Mögest du die Veranlassung hören wollen!“ Der Löwe sagte: „So tue sie rasch kund, bevor du noch zwischen meine Zähne geraten sein wirst!“ Das Häschen sprach: „O Herr! Nachdem ich von sämtlichem Wild erfahren, dass heute nach der Ordnung der Geschöpfe die Reihe an mir, dem sehr Leichtfüßigen, sei, wurde ich mit vier Hasen fortgeschickt. Nachdem ich darauf unterwegs war, wurde ich von einem großen anderen Löwen, der aus einer Höhle kam, angeredet: ‚He da! Wohin geht ihr? Empfehlt euch eurer Schutzgottheit!‘ Darauf antwortete ich: ‚Wir geh’n, kraft Vertrages, zu unserm Herrn Bhasuraka, um ihm als Futter zu dienen.‘ Darauf sagte er: ‚Wenn dem so ist, so müssen sämtliche Tiere auch mit mir einen Vertrag schließen: denn mir gehört dieser Wald. Dieser Bhasuraka ist ein elender Räuber. Doch wenn er hier König ist, so lass mir die vier Hasen als Geiseln hier, ford’re ihn hierher und komm so eilig wie möglich zurück, damit derjenige von uns beiden, welcher durch seine Stärke König sein wird, sämtliches Wild hier fresse.‘ Darauf bin ich auf dessen Geheiß zu dem Herrn gegangen. Dieses ist der Grund, weswegen ich die Zeit versäumt habe. Jetzt hat der Herr zu befehlen!“

Bhasuraka, nachdem er dies gehört, sagte: „Lieber! Wenn es sich so verhält, dann zeige mir rasch diesen Spitzbuben von einem Löwen, damit ich meinen Zorn gegen die Tiere auf ihn ausschütte und wieder zu mir selbst komme. Man sagt auch:

Land, Freunde, Gold, die drei Dinge sind es, um die man Kriege führt; wo von jenen nicht ein einz’ges, da lässt sich keiner in diese ein.
Wo kein großer Gewinn winket, oder kein Sieg in Aussicht steht, da wird nimmer Krieg anfangen und führen, wer Verstand besitzt.“

Der Hase sprach: „O Herr! Das ist wahr! Des eignen Landes wegen und um Unbill abzuwenden, kämpfen die Krieger. Dieser aber haust in einer Burg; macht er einen Ausfall aus der Burg, so sind wir bedrängt; bleibt er in der Burg, so ist er ein schwer zu besiegender Feind. Man sagt auch:

Was ein König nicht durch tausend Elefanten, zehntausend nicht von Rossen kann zu Stand’ bringen, das wird erreicht durch eine Burg.
Ein einz’ger Schütz wehrt ab hundert, wenn er auf einer Mauer steht: deswegen haben Staatsmänner Festungen angeraten auch.
Auf seines Lehrers Rat baute, fürchtend Hiranjakasipu, durch Visvakarman’s Kunst vordem sogar Sakra sich eine Burg.
Und welchem König er als Gnade gewähret eine feste Burg, dem folgt der Sieg und Burgen werden ihm auf Erden zu Tausenden.
Wie eine Schlange, die zahnlos, wie ein brunstloser Elefant, so wird ein Fürst, der burglos ist, leicht besiegbar für alle Welt.“

Nachdem er dies gehört, sagte Bhasuraka: „Lieber! Zeige mir nur diesen Spitzbuben, wenn er sich auch in einer Burg befindet, damit ich ihn umbringe. Denn man sagt auch:

Wer nicht im ersten Ansätze Feind und Krankheit zu Boden schlägt, wird, wenn auch stark, doch ihr Opfer, sobald sie herangewachsen sind.
Doch wer, auf seine Kraft trauend, von Ehrbegier sich treiben lässt, kann seine Feind’ allein töten, wie Bhrigu’s Spross die Kschatrijas.“

Das Häschen sagte: „Das ist wahr! Dennoch aber habe ich gesehen, dass er sehr stark ist. Darum geziemt es sich nicht, dass der Herr gehe, ohne dessen Kraft zu kennen. Denn man sagt auch:

Wer nicht die eig’ne Kraft kennend, noch die des Feindes, hitz’gen Sinns zum Kampfe eilt, der geht unter, gleichwie die Motte in dem Licht.
Der Schwache, welcher ausziehet, zu schlagen einen mächt’gen Feind, der wird demütig heimkehren, wie ein zahnloser Elefant.“

Bhasuraka sagte: „Ha! Was geht das dich an? Zeige mir ihn nur, wenn er auch in einer Burg haust!“ Das Häschen sagte: „Wenn du denn willst, so komm, o Herr!“

Nachdem es dies gesagt, machte es sich vor ihm her auf den Weg, ging alsdann zu einem Brunnen und sagte zu Bhasuraka: „O Herr! Wer ist fähig, deine Majestät zu ertragen? Hat sich doch auch dieser Spitzbube, nachdem er dich nur von weitem geseh’n, in seine Burg zurückgezogen. Komm heran, damit ich ihn dir zeige!“ Nachdem er dies gehört, sagte Bhasuraka: „Lieber! Zeige mir rasch die Burg!“ Darauf zeigte ihm der Hase jenen Brunnen. Der törichte Löwe aber, da er mitten im Brunnen aus dem Wasser sein Spiegelbild hervorleuchten sah, erhob ein Schlachtgebrüll; darauf stieg durch dessen Echo aus dem Brunnen ein doppelt so starkes Gebrüll hervor. Wie er aber dieses hörte, so dachte er: „Der ist gewaltig stark!“ Und er warf sich auf ihn und verlor das Leben.

Das Häschen aber, nachdem es freudigen Herzens allem Wild Glück gewünscht hatte und von diesem sehr gepriesen war, lebte vergnügt in diesem Walde. Daher sage ich:

Wer Verstand hat, der hat Stärke. Woher hätte der Dumme Kraft? Sieh! Ein Löwe, vor Stolz sinnlos, ist vom Häschen zu Tod gebracht.

* Der Heldenhafte – erklärt Herr Benfey.

*******

Ein typisches Pantschatantra-Fabelchen mit so vielen Moral-Sentenzen, das einem der Kopf schwirrt. Aber dazwischen ein schönes Tiermärchen, das es – ohne den pausenlos und direkt erhobenen Zeigenfinger – auch zum Beispiel in der Mongolei gibt.

Textquelle: Pantschatantra. Fünf Bücher indischer Fabeln, Märchen und Erzählungen. Aus dem Sanskrit übersetzt mit Einleitung und Anmerkungen von Theodor Benfey. Zweiter Theil: Übersetzung und Anmerkungen. Leipzig: F. A. Brockhaus 1859, S. 62-67.
Bildquelle: Illustration zu einem verwandten Märchen

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s