20.2 Der Hase und der Fuchs

Wir bleiben noch ein bißchen in deutschen Landen. Aber diesmal trifft der Hase nicht auf den Igel, sondern auf den Fuchs und schon sieht alles ein wenig anders aus. Lest selbst…

Der Hase und der Fuchs

Ein Hase und ein Fuchs reisten beide mit einander. Es war Winterszeit, grünte kein Kraut, und auf dem Felde kroch weder Maus noch Laus. „Das ist ein hungriges Wetter,“ sprach der Fuchs zum Hasen, „mir schnurren alle Gedärme zusammen.“ – „Ja wohl,“ antwortete der Hase. „Es ist überall Dürrhof, und ich möchte meine eignen Löffel fressen, wenn ich damit in’s Maul langen könnte.“

So hungrig trabten sie mit einander fort. Da sahen sie von weitem ein Bauernmädchen kommen, das trug einen Handkorb, und aus dem Korbe kam dem Fuchs und dem Hasen ein angenehmer Geruch entgegen, der Geruch von frischen Semmeln. „Weißt du was!“ sprach der Fuchs: ,„Lege dich hin der Länge lang, und stelle dich tot. Das Mädchen wird seinen Korb hinstellen, und dich aufbeben wollen, um deinen armen Balg zu gewinnen, denn Hasenbälge geben Handschuhe; derweilen erwische ich den Semmelkorb, uns zum Troste.“

Der Hase tat nach des Fuchses Rat, fiel hin und stellte sich tot, und der Fuchs duckte sich hinter eine Windwehe von Schnee. Das Mädchen kam, sah den frischen Hasen, der alle Viere von sich streckte, stellte richtig den Korb hin und bückte sich nach dem Hasen. Jetzt wischte der Fuchs hervor, erschnappte den Korb und strich damit querfeldein, gleich war der Hase lebendig und folgte eilend seinem Begleiter. Dieser aber stand gar nicht still und machte keine Miene, die Semmeln zu teilen, sondern ließ merken, dass er sie allein fressen wollte. Das vermerkte der Hase sehr übel. Als sie nun in die Nähe eines kleinen Weihers kamen, sprach der Hase zum Fuchs: „Wie wär es. wenn wir uns eine Mahlzeit Fische verschafften? Wir haben dann Fische und Weißbrot, wie die großen Herren! Hänge deinen Schwanz ein wenig in’s Wasser, so werden die Fische die jetzt auch nicht viel zu beißen haben, sich daran hängen. Eile aber, ehe der Weiher zufriert.“

Das leuchtete dem Fuchs ein, er ging hin an den Weiher, der eben zufrieren wollte, und hing seinen Schwanz hinein, und eine kleine Weile, so war der Schwanz des Fuchses fest angefroren. Da nahm der Hase den Semmelkorb, fraß die Semmeln vor des Fuchses Augen ganz gemächlich, eine nach der andern, und sagte zum Fuchs: „Warte nur, bis es auftaut, warte nur bis ins Frühjahr, warte nur bis es auftaut!“ und lief davon, und der Fuchs bellte ihm nach, wie ein böser Hund an der Kette.

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Deutlich ist dieses Tiermärchen nicht zur Fabel gegen bürgerliche Arroganz geworden, sondern funktioniert ganz nach dem internationalen Reglement von Tiermärchen, wo das schwächere Beutetierchens sich durch Cleverness rettet. Und hier dem Fuchs eine eiskalte Lektion erteilt.

 

Textquelle: Ludwig Bechstein’s Märchenbuch. Mit 90 Holzschnitten und Originalzeichnungen von Ludwig Richter. 32. Auflage. Leipzig: Verlag von Georg Wigand 1879, S. 120ff.
Bildquelle: Illustrationen zum Tiermärchen von Ludwig Richter

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